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Nr 23S Freitag den 9. October ISS»
Kreß euer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Buren«: Schul st raße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pr.
Amtlicher Hheit.
Bekanntmachung.
Abgesehen von dringenden Fällen und selbstverständlich von Vorladungen find die Amtsrichter nur Mittwochs zu sprechen. Anträge bei unseren GerichtSschreibereieu können Mittwoch- und SamStagS, Vormittags zwischen 40 und 12 Uhr, an den übrigen Wochentagen Nachmittags zwischen 3 und 5 Uhr gestellt werden.
Gießen, den 2. October 1885. Großherzogliches Amtsgericht.
Langsdor f f.
Deutschland.
Chemnitz, 7. October. Das heute verkündete Urtheil im Socialisten- Proceß spricht sämmtliche Angeklagte frei, da eine geheime Verbindung nicht bewiesen ist. (Fr. Ztg.)
Hesterreich.
Wien, 7. October. Das Telegraphen-Correspondenz'Bureau ist zu der Erklärung ermächtigt, daß die Nachrichten, wonach angeblich Vorkehrungen zur Truppen-Mobilisirung und Ausrüstung von Kriegsschiffen getroffen werden sollen, jeder Begründung entbehren.
Pesth, 7. Octoder. Der Abg. Olay interpellirte den Ministerprästdenten wegen der Vorgänge aus dem Dresdener Turnfeste und fragte, ob der Minister geneigt sei, von der hierfür in erster Reihe verantwortlichen sächsischen Regierung Genugthuung zu fordern.
Irankreich.
Pari-, 7. October. Das Wahlergebniß von Paris ist jetzt aus 728 Sectionen bekannt. Das Stimmenverhältniß bleibt unverändert. Bei Lockroy, Floquet, de la Forge, Briffon, Barodet, Allain-Targs, Clemenceau und Raspail variirt die Stimmenzahl von 233,000 bis 174,000. Rochefort kommt als 28. mit 113,000, Spuller al- 38. mit 89,000, dann Ranc und die Spitze der con* fervativen Liste.
— Gr6vy empfängt heute Nachmittag Briffon und Allain-Targö und präsidirt morgen dem Ministerrathe. Bis jetzt demifsionirte kein Minister.
ßngkand.
Loudon, 7. October. Der „Morning Post" zufolge ist die Auflösung des Parlaments für den 1. November in Aussicht genommen. Der „Standard" will wiffeu, Lord Salisbury werde sich heute in feiner Rede zu Newport dahin aussprechen, die Vereinigung Bulgariens und Rumeliens könne nur in einer Form genehmigt werden, welche die Autorität des Sultans intakt erhalte. Den Ansprüchen anderer Nationalitäten auf Entschädigung oder Grenzberichttgung werde kein Vorschub geleistet werden.
Telegraphische Depesche«.
Wolff'» telegr. Corresponderrr - Burea«.
Chemnitz, 7. October. Die Verlesung der sehr eingehenden Entscheidungsgründe des Urtheils im Socialistenproceh beanspruchte über eine halbe Stunde. Die Freisprechung gründet sich darauf, daß keiner der vier zur Verurtheilung gemäß der Anklage unumgänglich nothwendigen Thatbestandsmomente, nämlich: 1) der Nachweis, daß innerhalb der socialdemokratischen Partei eine Verbindung existire; 2) daß deren Dasein, Verfassung oder Zweck vor der Staatsregierung geheim gehalten werden solle, 3) daß es zu den Zwecken oder Beschäftigungen dieser Verbindung gehöre, Maßregeln der Verwaltung oder die Vollziehung von Gesetzen durch ungesetzliche Mittel zu verhindern oder zu entkräften, und 4) daß die Angeklagten an einer solchen Verbindung Tbeil genommen haben, als durch die Ergebnisse der Beweisaufnahme erbracht anzusehen ist.
Wi.en, 7. October. Die „Polit. Corr." meldet aus bulgarischer Quelle aus 'Philippopel: Die Meldung, daß der Sultan bereit sei, den Fürsten Alexander als Generalgouverneur von Ostrumelien anzuerkennen, würde hier dankbarst angenommen. Der Anschauung maßgebender Kreise in Bulgarien zufolge bleibe jedoch absolut die Bedingung festzuhalten, daß das organische Statut Ostrumeliens außer Kraft gesetzt und eine große Nationalversammlung einberufen werde, um die Verfassung zu reoi- diren, ein gleichmäßiges Regierungssystem für beide Länder einzuführen und die erforderlichen Credite zur Bezahlung des Tributs und der rückständigen Schulden an die Pforte zu votiren.
Poris, 7. October. Gestern Abend fanden vor dem Nedactionslocale des „Gaulois" abermals lärmende Kundgebungen statt unter Absingen der Marseillaise und den Rufen: „Es lebe die Republik! Nieder mit dem „Gaulois"!" Es kam jedoch zu keinerlei ernsten Ruhestörungen.
— Der „Temps" erhielt ein Telegramm aus Sofia, wonach die bulgarifche Negierung an Serbien Vorschläge wegen Herbeiführung eines Einvernehmens gelichtet hat.
— Seit dem 4. d. Mts. ist in Marseille kein Eholerafall mehr vorgekommen. Tas Gesundheitsamt stellt den abgehenden Schiffen ein reines Patent aus.
Rom, 7. October. Cholcrabulletin von gestern. In der Provinz Palermo 125 Erkrankungen und 71 Todesfälle, davon in der Stadt Palermo 105, resp. 30. In den Provinzen Ferrara, Genua, Massacarrara, Parma, Reggio-Emilia und Rovigo zusammen 11, resp. 8.
Belgrad, 7. October. Die zweite Rescroeklasse ist einberufen worden.
Athen, 7. October. [Meldung der „Agence Havas"0 Lord Salisbury rieth Griechenland an, aus seiner abwartenden Haltung nicht herauszutreten und wies auf die ernsten Gefahren für Griechenland hin, wenn seine Armee die Grenze überschritte. Delyannis lehnte formell Englands Rathschläge ab und sagte, Griechenland werde die
Rathschläge der befreundeten Mächte befolgen, wenn sie den Interessen des Hellenismus nicht zuwiderliefen. Die wohlwollende Haltung Englands gegenüber Bulgarien verursacht hier lebhafte Befürchtungen, jedoch herrscht völlige Uebereinstimmung darüber^ unter allen Umständen CompenNationen zu verlangen, falls die bulgarische Union anerkannt wird. Die Kretenser sind bereit, ihre Union mit Griechenland zu proklamiren. Delyannis rieth den Kretensern, die Ereignisse abzuwarten.
Philippopel, 7. October. Die „Agence Havas" meldet: Die städtische Behörde gibt durch Anschläge bekannt, daß der Sultan auf den von den Botschaftern kundgegebenen Wunsch die Personalunion Bulgariens in dem Fürsten Alexander angenommen hat.
Moskau, 7. October. Der „Moskauer Zeitung" zufolge nimmt die Pahlen'sche Juden-Commission ihre Sitzungen zu Anfang October a. St. wieder auf. An denselben werden nunmehr die Senatoren Mordwinort und Polowtzew sich betheiligen.
Konstantinopel, 7. Oktober. Die rnmelischen Delegirten Tschomakow und Hadji Petrow sind dem Vernehmen nach beauftragt, der Pforte Aufklärung über die rumelischen Ereignisse zu geben.
Snakin, 7. Oktober. Reuter's Bureau meldet: Ein Telegramm des Beys Markopoli aus Asmara vom 29. September an Oberst Chermside bestätigt den Sieg der Abyfsinier über die Rebellen unter Osman Digma, welche 3000 Todte und Verwundete auf dem Schlachtfelde ließen. Digma wurde unter den Tobten identificirt. Die Abyssinier erlitten schwere Verluste.
Lokale».
Gietzerr, 8. October. Aus der Superintendent Dr. Simon-Stiftung in Gießen kommen in diesem Jahre wieder 60 bis 70 JL zur Vertheilung an hilfsbedürftige Angehörige ober-hessischer Geistlichen. Diejenigen, welche Anspruch erheben, haben ihre Gesuche vor dem 1. November an Prälat Dr. Habicht in Darmstadt einzureichen.
Gießen, 8. October. [9. Sitzung der Großh. Handelskammer vom 28. Augusts Gegenwärtig waren die Herren E. Silbereisen, F. C. B. Koch, A. Kraatz, R. Scheel, Hch. Schirmer.
Die Großh. Centralstelle für die Gewerbe und den Landesgemerbeverein ersuchte die Kammer um Mitwirkung bei den Erhebungen, durch welche festgestellt werden soll, in welchem Umfange thatsächlich die Beschäftigung gewerblicher Arbeiter an Sonn- und Festtagen vorkommt, sowie ob und inwieweit eine Beschränkung derselben »hne Schädigung berechtigter Interessen möglich ist. Dem Ersuchen waren Fragebogen zum Zwecke der- Vertheilung an gewerbliche Unternehmer in dem Bezirke der Handelskammer beigefügt. Zugleich empfiehlt ein Rescript Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz der Kammer, die Centralstelle in der gewünschten Weise zu unterstützen.
Es wurde beschlossen, die übersandten Fragebogen an hiesige Gewerbetreibende zu vertheilen, wobei für die Auswahl derselben die Gruppeneintheilung der Reichsgewerbestatistik zum Maßftabe genommen wurde. \
Was die Ansicht der Kammer über die angeregte Frage anlangt, so sprach man sich einstimmig gegen eine neue Gesetzgebung zur Regelung der Sonntagsarbeit aus und gab dem Wunsche Ausdruck, daß es bei den bestehenden Verhältnissen bleiben möge. Diese Ansicht der Kammer soll in dem bei der Rücksendung der ausgefüllten Fragebogen zu erstattenden Berichte unter näherer Motivirung zur Kenntniß der Großh. Centralstelle für die Gewerbe und den Landesgewerbeverein gebracht werden.
Auf die Eingabe bezüglich der Poftoerbindung zwischen Nidda und Schotten wird in einem Rescript Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz der Kammer mitgetheilt, daß man sich nicht in der Lage befinde, zur Zeit den gestellten Anttägen weitere Folge zu geben.
Die Lesung des Jahresberichts wurde begonnen und soll in der nächsten Sitzung fortgesetzt werden.
— [10. Sitzung der Großh. Handelskammer vom 1. September.j Gegenwärtig waren die Herren Ed. Silbereisen, F. C. B. Koch, A. Katz, A. Kraatz, R. Scheel, Hch. Schirmer, A. Zinßer.
Die Großh. Direction der Oberhessischcn Eisenbahnen theilte der Kammer mit, daß neuerdings bei der Tariscommission der Antrag eingebracht worden sei, wieder ganz allgemein Abfälle von Kaninchenfellen und anderen Fellen, beziehungsweise Häuten in den Specialtarif III. aufzunebmen, in welchem sich zur Zeit nur ganz bestimmt bezeichnete Abfälle, wie: Falzspäne, Schlichtspäne, Stollmehl aufgeführt finden, nachdem früher von Sachverständigen ausdrücklich bestätigt worden sei, daß andere Abfälle als die vorgenannten als Düngmittel für die Landwirthschaft ohne Bedeutung seien. Es wurde nun die Anfrage gestellt, ob in dem Bezirke der Kammer bis jetzt ein dringendes Bedürfniß sich ergeben habe, von der bestehenden zur beantragten Classification überzugehen, ob überhaupt der Absatz von anderen Abfällen von Häuten und Fellen als den speciell genannten zu Düngerzwecken von irgend welcher Bedeutung fei. Diese Anfrage wurde dahin beantwortet, daß im Bezirke der Kammer Abfälle von Kaninchenfellen und anderen Fällen beziehungsweise Häuten als Düngmittel überhaupt nicht zur Versendung kämen und daß man daher kein Interesse an der Veränderung der bestehenden Classification habe.
Die schon früher erwähnte Eingabe des Herrn F. C. B. Koch, betreffend die Höhe der Gebühren bei Postnachnahmesendungen kam zur Berathung, und beschloß die Kammer, den ausgesprochenen Wünschen in der Weise Rechnung zu tragen, daß man an competenter Stelle in der geeigneten Weise vorstellig werde und daß sämmtliche Handelskammern durch Circulare zur Unterstützung des gestellten Antrags aufgefordert werden sollen.
Die Lesung des Jahresberichts wurde fortgesetzt und soll in der nächsten Sitzung beendigt werden.'


