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Mittwoch den 8. Juli

.1885

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

*VNb«t vchukftraße 7.

Erscheint tLtzkich mit «Eichme M «OtttchS».

Amtlicher H8 eit.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brtngerlvsn Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

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Bekanntmachung.

Durch rechtskräftiges, am 28. Juni d. I. von dem kommandirenden General des XI. Armee-Korps bestätigtes Erkenntniß vom 23. Juni d. I. sind die im Bezirk der 49. Infanterie-Brigade ausgehobenen Rekruten:

1) Heinrich Konrad Schildwächter aus Grünberg, Kreis Gießen;

2) Heinrich Seng aus Gellshausen, Kreis Gießen und

3) Heinrich Konrad Urband aus San Francisco, zuletzt in Holzheim, Kreis Gießen, in contumaciam für fahnenflüchtig erklärt und die ersteren Beiden zu je 300 Mark, Letzterer zu 600 Mark verurthellt worden Darmstadt, den 4. Juli 1885. Großh. Gericht der Großh. Hessischen (25.) Division.

Politische Ueberficht.

Gieße«, 7. Juli.

Die aus Ems über das Befinden des Kaisers einlausenden Be­richte lauten andauernd günstig und legen somit Zeugniß ab von der sich auch in diesem Jahre an dem greisen Monarchen wieder bewährenden Heilkraft der Emser Quellen. Gleich in den ersten Tagen seines Emser Aufenthaltes hat der Kaiser der Trinkkur die Badekur hinzusügen und mit dem Jnhaliren des Thermalwasiers beginnen können. Statt der Promenaden, welche dem Gebrauche des Brunnens früher folgten, unternimmt der Kaiser jetzt Tags über zwei Aus­fahrten von oft anderthalbstündiger Dauer im Lahntbale und dessen Seiten- thälern im offenen Wagen. Am Freitag empfing der Kaiser seinen Enkel, den Prinzen Wilhelm von Preußen, welcher sich Mittags nach Koblenz begab, um dem Stiftungsfeste des 4. Garde-Grenadier-Regiments beizuwohnen. Ueber fernere Reifeoispositionen des Kaisers nach beendigter Emser Kur sind definitive Bestimmungen bis jetzt noch nicht getroffen worden.

Der deutsche Kronprinz ist in Aachen, wo er behufs Theilnahme am 25jährigen Jubiläum des 53. Infanterie-Regimentes am Samstag Vor­mittag eingetroffen war, in glänzender Weise empfangen worden. Bereits am Montag Abend wurde der Kronprinz in Berlin zurückerwartet.

Fürst Bismarck ist in Begleitung der Frau Fürstin und des Grafen Wilhelm Bismarck in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag von Kisstngen in Berlin wieder eingetroffen. Bereits am Samstag hat der Kanzler nebst Familie die Neichshauptstadt wieder verlassen und fich nach Kröchlendorf in Schlesien begeben, woselbst die Hochzeit seines jüngeren Sohnes, des Grafen Wllhelm, stattfinoet. Von Kröchlendorf aus dürste der Kanzler, ohne in Berlin nochmals Aufenthalt zu nehmen, nach Friedrichsruhe reisen, um hier den Rest des Sommers zu verbringen. Die Kissinger Kur ist ihm, wie man vernimmt, auch diesmal vortrefflich bekommen und find namentlich die neuralgischen Schmerzen vollständig verschwunden.

Am Samstag ist auch der Bunoesrath endlich in die Ferien gegangen, nach einer der anstrengendsten Sessionen, welche diese Körperschaft je zu verzeichnen gehabt hat. Roch kurz vor dem Abschluß seiner Arbeiten hat der Bundesrath seine Entscheidung über den preußischen Antrag in Sachen des Herzogs von Cumberland getroffen, nachdem diese Angelegenheit wochenlang in den Spalten der Tagesblätter erörtert worden war, und eine hochgradige Spannung bezüglich ihres Ausganges in den weitesten Kreisen erzeugt hatte. Diese Entscheidung ist nun so gefallen, wie sie nach Lage der Sache schwer­lich anders erwartet werden konnte. Fast einstimmig ist vom Plenum des Bundes- rathes, int Anschluß an das Votum des Justizausschuffes des Bundesrathes in einer Resolution die Unzulässigkeit der Regierung des Herzogs von Cumberland in Braunschweig erklärt worden; nur die Vertreter von Mecklenburg - Strelitz und Neuß ä. L. sollen sich gegen den preußischen Antrag ausgesprochen unv demgemäß gestimmt haben. Die Ansprüche des Herzogs von Cumberland auf den braunschweigischen Thron haben also maßgebenden Orts ihre endgültige Zu­rückweisung erfahren und ist somit diese Seite der braunschweigischen Frage ganz nach den Ansichten des Reichskanzlers, wie sie in dem Anträge Preußens an den Bundesrath dargelegt sind, erledigt worden. Immerhin bleibt noch die schwie­rige Frage zu lösen, wer der künftige Regent Braunschweigs werden solle, wenn die Vollmachten des Regentschastsrathes am 18. October d. Js. abgelausen sein werden. Bereits hat der Herzog von Cambridge als Cousin des verstorbenen Herzogs Wilhelm Ansprüche aus die Regentschaft erhoben und dieselben in einer Rechtsverwahrung niedergelegt. Da indessen die Ansprüche des Herzogs von Cambridge ohne jede rechtliche Grundlage sind, so wird seine Rechtsver­wahrung feine weiteren Folgen und sein ganzer Einspruch nur die Bedeutung eines Curiosums in der Weltgeschichte haben. Im Uebrigen wird die weitere Entwickelung der Thronsolgefrage wohl erst an den in etwa 3 Monaten zu erwartenden Wiederzusammentritt des braunschweigischen Landtages anknüpfen.

Aus kirchenpolitischem Gebiete ist es neuerdings wieder etwas lebendiger geworden. Siam al giebt der Abschiedsbrief des früheren Kölner Erz­bischofs an seine Diöcese und seine Berufung nach Rom Anlaß zu mancherlei Betrachtungen und dann hat auch der Studienerlaß des Bischofs von Pader­born zu einer gereizten Polemik innerhalb der klerikalen Presse geführt, die sich ziemlich unverhüllt gegen den genannten Kirchensürsten richtet. Derselbe wagt es, in seinem Erlasse die Härten des Culturkampfes einigermaßen zu mildern und empfiehlt eine ungestörte geistliche Wirksamkeit. Diese von dem Pader­borner Bischof angeschlagenen versöhnlichen Klänge haben ihm heftige Angriffe

der intransigenten klerikalen Blätter vom Schlage derGermania" zugezogen, was um so bemerkenSwerther erscheint, als gerade jetzt Niemand Geringeres als Papst Leo XIII. selbst den fanatischen Hetzern in seiner Umgebung durch die Maßregelung desJournal de Rome" eine empfindliche Lection hat zu Theil werden lassen.

Die Vorlage, betr. den Vertrag wegen der Einrichtung und Ueber- nahms der subventionirten deutschen Postdampfer-Linien nach Oflafien und Australien durch denNorddeutschen Lloyd" ist am Donnerstag vom Bun- desrathe genehmigt worden. Der Vertrag hat bekanntlich auf 15 Jahre Gül­tigkeit und muß über eine etwaige Verlängerung des Vertrages über diese Zeit hinaus eine besondere Verständigung stattfinden.

Die im Kieler Hafen bis jetzt vor Anker gelegenen drei chinesischen Panzerschiffe sind am Freitag durch den chinesischen Gesandten geweiht worden und haben am Nachmittag des genannten Tages die Reife nach China angetreten.

In Wien beginnen heute, am 7. Juli, gemeinsame Minister- Conferenzen, welche die Erneuerung der zwischen Oesterreich und Ungarn be­stehenden verschiedenen Verträge zum Zwecke haben. Ungarn ist hierbei durch, den Ministerpräsidenten Tisza, den Finanzminister Grasen Szapary und den Handelsminister Grasen Szecheny vertreten. Zoll- und handelspolitische Fragen werden hierbei eine Hauptrolle spielen und darf man bei dieser Gelegen­heit auch wichtigen Erörterungen entgegensehen, und zwar bezüglich der Maß­nahmen , welche von Oesterreich-Ungarn Angesichts ber Erhöhung des deutschen Zolltarifs eventuell zu treffen sein würden. Ob hierbei die Chancen eines Zoll­krieges gegen Deutschland mit zur Erörterung gelangen werden, mag vorläufig dahingestellt bleiben; jedenfalls erscheinen aber die Befürchtungen pessimistischer Gemüther, daß bei den Wiener Minister-Conferenzen ein Zollkrieg gegen Deutsch­landbis aus's Messer" beschlossen werden könnte, durch die zwischen Oesterreich- Ungarn und dem deutschen Reiche obwaltenden politischen und commercieöen Beziehungen nicht gerechtfertigt.

Die auswärtige Action des neuen englischen Cabinets beginnt, sich sowohl bezüglich Egyptens, als auch Afghanistans schärfer auszuprägen. Als ein Anzeichen einer energischeren Politik Englands Egypten gegenüber ist die englischerseits erfolgte Besetzung der Provinz Dongola bis nach Akascheh zu be­trachten ; die Eisenbahn von Wadyhalsa nach Akascheh soll am 15. d. Mts. fertiggestellt sein und wird zum Schutze derselben ein Detachement englischer Truppen an letztgenanntem Punkte flationirt bleiben. Einschneidende militärische Operationen gegen die Sudan-Nebellen sind aber für jetzt schwerlich zu erwarten, da sich General Wolseley, der Oberstcommandirende Des englischen Expeditions- unb BesatzungS'Corps in Egypten, in diesen Tagen mit seinem Stabe von Kairo nach London zu begeben gedenkt. Was die afghanische Frage anbelangt, so hat das Cabinet Salisbury beschlossen, daß die Urlaubs-Beschränkungen in der indi­schen Armee so lange in Kraft bleiben sollen, bis die friedliche Lösung der afghanischen Grenzsrage gesichert erscheint. Es beutet dies fast daraus hin, daß zwischen England und Rußland noch nicht Alles so steht, wie es sein soll, und wenn sich Die Nachricht desStandard" bestätigt, wonach sich Rußland mit Protec­tions-Absichten betreffs Koreas tragen soll, so stünden neue Schwierigkeiten zwischen beiden Mächten in Aussicht. Dem Obersten Sir Lumsden, dem bekannten eng­lischen Grenzcommissar in Afghanistan, ist von der Königin das Großkreuz des Bath-Ordens verliehen worden. Man scheint demnach Allerhöchsten Orts in London mit seinen Leistungen sehr zufrieden zu fein. Die Ersatzwahlen zum Unterhause fallen für die Regierung fortgesetzt günstig aus. Nachdem erst kürz­lich in Launcester und in der Grafschaft Ege die conservativen Candidaten durchgedrungen sind, haben die Conservativen jetzt auch in Wackefield und in Woodstock Wahlsiege zu verzeichnen. Dort siegte der Conservative Green mit ca. 250 Stimmen Majorität gegen den bisherigen liberalen Vertreter Wacke- field's und in Woodstock wurde ber seitherige conservative Abg. Churchill, welcher in Folge feiner Ernennung zum Staatsfecretür für Jnbien fein Mandat niebeclegen mußte, wiedergewählt.

Die russische Flottille, welche vor einigen Tagen den Hasen von Kronstadt mit der Czarin an Bord verlassen hatte und als deren muthmaßliches Ziel man Kopenhagen bezeichnen konnte, hat nun doch ein anderes Ziel gehabt. Sie ist nämlich nach den Schären-Inseln im Finnischen Meerbusen abgedampft, wohin die russische Monarchin einen Ausflug zu machen wünschte; auch der Kaiser ist ihr nach Besichtigung der im Kronstädter Hafen neuerbauten russi­schen Panzerschiffe dorthin nachgesolgt. Roch im Lause der Woche gedenkt das kaiserliche Paar von seinem Ausflug nach Petersburg zurückzukehren.