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Nr. 33 Zweites Blatt Sonntag den 8. Februar 1886
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzrn.
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Wochen - Uebcrsicht.
Gießen, 7. Februar.
Der Kaiser hat dem am Dienstag im Berliner Opernhause abgehal- tenen Subscriptions'Lalle — wenn auch nur kurze Zeit — beiwohnen können und ifl hüraus der erfreuliche Schluß zu ziehen, daß sich der hohe Herr von
den Nachwehen seine» jüngsten Unwohlseins vollständig wieder erholt hat.
Der Reichstag hat seine Arbeiten in dieser Woche wieder ein
gut Stück gefördert, insofern, als ihm bie Erledigung des umfangreichen Etats
der Post- und Telegraphen-Berwaltung in zwei Tagen — am Dienstag und Mittwoch — in zweiter Lesung gelang. Ern- Verzögerung erlitt die Berathung nur am Dienstag, indem sich anläßlich des Antrages Lingens, Äaaren- proben. Drucksachen, Packete, Geld- und Werlhjendungen an Sonn- und Feiertagen von der dienstlichen Behandlung auszuschließen, eine längere Debatte üder die Sonntagsruhe dec Postbeamten entspann- Im Lause derselben führte Staatssecretär Dr. Stephan aus, wie die möglichste Befreiung der Postbeamten vom Sonntagsdienste schon erreicht sei, daß stch aber der Antrag Lin- gen» nrcht durchführen lasse, wenn man nicht die Interessen des Handels- und Gewerbestandes auf'» Tiefste schädigen wolle und wies darauf hin, daß durch Annahme des Lmgens'jchen Antrages ca. 50 Millionen Postsendungen jährlich von der Bestellung durch die Post an Sonn- und Feiertagen ausgeschlossen werden würden, lieber denselben wird jedoch erst in der brüten Lesung abgestimmt werden und läßt sich vorläufig über Annahme oder Ablehnung des Antrages noch nichts sagen. In verhältnißmäßiger sehr glatter Weise wurden hieraus die einzelnen Positionen des Postetat- erledigt, wobei am Mittwoch allerdings eine ganze Reche derselben, bett, die postalischen Dienstgebäude in verschiedenen Städten, stch Abstriche gefallen lassen mußten, resp. ganz gestrichen wurden. Bei der hieraus folgenden Berathung des Extraordinariums de» auswärtigen Amtes genehmigte da» Hau» die zum Bau einer Sommer-Residenz für die deutsche Botschaft in Konstantinopel geforderte erste Rate von 60,750 JC. trotz des Widerspruche» de» Centrums und genehmigte ferner debattelos die Etats des Reichsschatzamtes, der Reichsdruckerei, der Reichsschuld u. f. w., womit die zweite Lesung des Etats beendigt ist. Die nun folgende erste und zweite Berathung de» ErgänzungS-EutwurfeS zum Reichshaushalts-Etat pro 1885/86 brachte anläßlich der in ihm enthaltenen Forderungen für die Besoldungen der Beamten in den überseeischen deutschen Schutzgebieten und für die Errichtung von D.enslgebäuden in Kamerun, Togo und Angra Peqaena wieder einmal eine lange Erörterung über untere Colonialpolitik. Die Debatte wurde in der Hauptsache nur zwischen den Abgg. Richter und Wörmann geführt und vertrat hierbei der freisinnige Führer in langer Rede den Standpunkt feiner Partei in der Colonialfrage und gipfelten feine Ausführungen darin, daß die freisinnige Partei nie einer Colonialpolitik zustimmen werde, die über ihren ursprünglichen, vom Reichskanzler selbst gekennzeichneten Rahmen, hinausgehe. Dagegen befürwortete Herr Wörmann die colonialen Bestrebungen der Reichs- regierung und legte dar. daß die deutschen Kolonien in Weftasrika durchaus Line abenteuerlichen Unternehmungen seien, sondern daß sie dem Mutterlande in verschiedenen Beziehungen noch großen Nutzen bringen würden. Die Vorlage wurde schließlich der Budzet'Commrjston überwiesen.
Die Reichstagsersatzwahl im vierten mecklenburgischen Wahlkreise (Malchin-Waren) hat nicht die Wahl de» liberalen Candidaten, Wilbrandt, ergeben, sondern eine Stichwahl zwischen demselben und dem confervativen Can- bibaten v. Hirschseld nöthig gemacht; dieselbe findet am 17. Februar statt.
Das gr^oße Werk der Berliner Congo-Conserenz nähert sich feinem Abschlüsse, da die Commifston bereit» mit der Fertigstellung der Schlußacte betraut worden ist und darf man demnach dem officiellen Schluffe der Conjerenz wohl spätestens im Laufe der nächsten Woche entgegensetzen. Hiermit wird unter der Aegide Deutschlands eine internationale Vereinbarung von höchster Wichtigkeit zu Stande gebracht fein und der leitende deutsche Staatsmann kann feinen glänrenden Erfolgen aus dem Gebiete der auswärtigen Politik einen neuen Triumph hmzusügen. Sofern die Congosrage unter die Competenz der Berliner Conferenz fällt, kann man sie also als gelöst betrachten. Es giebt indessen noch verschiedene, den Congo betr. Fragen, welche außerhalb des Rahmens der Con- ferenz-Beschlüsse stehen und die eine separate Verständigung der hierbei bethei- ligten Mächte erheischen. Eine solche ist die zwischen "Frankreich, Portugal und der afrikanischen Gesellschaft spielende Frage der Abgrenzung der gegenseitigen Souveränetäts-Rechte am Congo. Zwischen Frankreich unb der afrikanischen Gesellschaft dürfte zur Stunde bereit» ein bezügliches Abkommen unterzeichnet worden sein, dagegen ziehen sich die Verhandlungen zwischen Portugal und der afrikanischen Gesellschaft in Folge Der ganz unbegründeten Ansprüche, welche ersterer Staat bei Abgrenzung des Gebietes des neuen Congostaates erhebt, in die Länge und es wird vielleicht einer ernsten Pression von Seiten der Mächte bebürfen, um Portugal zur Nachgiebigkeit zu bewegen.
Ans Wien wird die Beilegung des Strike» der Parlaments- Berichterstatter gemeldet, welche tragikomische Affaire die Wiener parlamentarischen und journalistischen Kreise die letzten Tage in Aufregung hielt. Bekanntlich war den Berichterstattern der Zeitungen vom Präsidium des Abgeordnetenhauses der freie Verkehr mit den Abgeordneten innerhalb der Räume desselben auf -ine Beschwerde des Abg. Schönerer hin untersagt worden, woraus die Vertreter der Presse nicht mehr im Hause,.erschienen, so daß die parlamentarische Berichterstattung aus ein paar Tage unterblieb. Da sich jedoch Presse wie
Publikum der „Gemaßregelten" einmüthig annahm, so Mi cb schließlich dem Präsidium nichts weiter übrig, als fein Verbot aufzuh den, worauf die Berichterstatter in dieser Woche ihre ThäligLit wieder aufgenommrn haben. Der österreichische Parlamentarismus aber hat das Verdienst, die Geschichte der Strikes um einen ganz eigenartigen Fall bereichert ;u haben.
Die Verhandlungen der französischen Deputirtenka mm er waren in dieser Woche verschiedenen wichtigen inneren Fragen der französischen Republik gewidmet, welche in nächster Zeit wieder mehr hervortreten werden. Zunächst kam in der Montagssitzung wieder einmal die Angelegenheit des Listenscrutiniurns zur Sprache, indem der Abgeordnete Ballue die Abschaffung der geheimen Abstimmung überhaupt beantragte. Die Annahme des Antrags erfolgte mit großer Majorität und ist hiermit die Entscheidung über das Listen- ferutinium beinahe schon gefallen; die Annahme desselben erscheint. den Wünschen des Cabinets Ferry entsprechend, jedenfalls gesichert. In der Dienstagssitzung der Deputirtenkammer brachte Kriegsminister Lewa! einen neuen Gesetzentwurf über die Recrutirung ein, jo daß bie Recrntirmigsfrage wiederum mit auf die politische Tagesordnung in Frankreich gesetzt worben ist. In derselben Sitzung brachte der bonapartistische Deputirte B a u d r y d' A s s o n die landwirthschaftliche Krisis unter heftigen Ausfällen gegen die Regierung zur Sprache und endlich begann die Kammer die Berathung der Vorlage über die Erhöhung der Getreide- unb Viehzölle. Am Donnerstag hatte sich die Kammer mit dem von rabicaler Seite eingebrachten Anträge auf Bewilligung eines 25 Millionen - Credits für bie verschiedenen Städte, in denen beschäftigungslose Arbeiter in größerer Anzahl leben, zu befassen. Wie ernst übrigens die französische Regierung die gegenwärtige Rothlage unter der Arbeiterbevölkerung Frankreichs auffaßt, beweist der Umstand, daß sich am Donnerstag ein eigens hierzu zusammengetretener Ministerrath mit diesem Gegenstände beschäftigte.
Aus Ostasien liegt nach länaerer Pause wieder eine Siegesmeldung des Admirals Courbet vor, welcher besagt, daß den Franzosen — allerdings erst nach ernstem Kampfe die Wegnahme mehrerer Außenwerke von Keelung auf Formosa, gelungen ist. Keelung zeigte sich hierbei aber so stark befeflmt, daß bie vollsten ibige Einnahme biefefi Platzes beit Franzosen noch schwere Opfer kosten dürfte.
Die officiellen Beziehungen zwischen Belgien urtb dem Vatican, bie während des liberalen Regimes in Belgien abgebrochen worden waren, sind jetzt von dem elericalen Cabinet Baernaertü wieder ausgenommen worden. Der neue belg. Gesandte beim päpstlichen Stuhl, Baron P i 11 e u r s van Hirgarts, ist am Mittwoch in Rom eingetroffen.
Die Londoner Polizei wendet der Eruiruug der Urheber der Dynamit-Attentate in Westminster und im Tower fortgesetzt chre volle Aufmerksamkeit zu. Ihre Bemühungen scheinen auch nicht erfolglos zu sein, wenigstens häufen sich Die Verdachtsmomente gegen den wegen dieser Affaire verhafteten Cunningham. Außerdem liegt gegen denselben der brlngenoc Verdacht vor, an dem Dynamit-Attentate aus der Londoner unterirdffchen Eisenbahn vom 2. Januar mitbeteiligt zu fein.
Zur Berufswahl.
(Duplik)
Nachdruck verboten.
W!e wohl zu erwarten stand, Hot der Artikel unter obigem Titel tx Nr. 21 (zweites Blatt) diese» Blattes ehrt weitgehende Verbreitung gefunden und, btt- läufig erwähnt, auch die weitgehendsten MeinungSdifferenzen heroorgerufev. E» ist dies ganz erklärlich; Denn wenn alle Menschen nur eine» Sinnes wäre», würde e» gar schlecht um un8 bestellt sein. Da dies aber nicht der Fall ist, datz die» nie eiutreteu kann, liegt in der großen, allweisen Weltordnung. SlnderntheilS aber ist eS nur mit Freuden zu begrüßrn, daß dtt solch bochwichttgen volkSwtrthschafil'chen Fragen daS Interesse Vieler rege wird, und daß eben recht viele Mitarbeiten helfen an der Lösung diese» Problems. Geschieht dieS, ist der Zweck deS ersten Aufsatzes erreicht. Die Mttnungen und Anstchten trete« an die Oeffentlichkeit und daS große Publikum kann prüfen und wägen uvd daS Beste behalten. Solch ein wichtiges Thema ist auch dtt Frage über die Berufswahl und dem Verfasser deS betreffenden Artikel« lag eS hauptsächlich daran, al« Warner aufzutteten, als Warner vor einem Berufe, der z. Z. die denkbar ungünstigsten Chancen bietet.
Eine im Großen unb Ganzen nur dankbar anzuer kenn ende Replik aus diesen Artikel brachte die „Neustadter Zeitung^ ohne Chiffreangabe. Mit ttnfacheu und klaren Worten widerlegt, doch nein, erläutert jener Replikant den Ddgtnalanffa» und eS kann feder Feu'llttonist nur solchem wohlwollenden Kollegen dankbar sein.
Einige» aber kann selbst bei dieser wohlmeinenden Replik nicht durchgelogm werden und der Herr College möge verzeihen, wenn an seinen Aufsatz daS Senrwesjer gesetzt wirb; e» wird schonend geschehen, die Operation ist eine schmerzlos
Der Herr College sagt, daß der Titel deS Aussatzes wenig zu Ehren gebracht fei, daß vielmehr die Spitze desselben gegen den gesammieu ÄaufmannfinanD gerichtet gewesen und daß dieser schonungslos attaquirt worden sei.
Von kaufmännischer Seite bettachtet. mag eS bei si?th"gem Lesen detz betreffenden Aufsatzes wohl so auisehen, von anderer Seite jedoL aufgesaßi, wird wohl jedermann nur den Warnruf an diejenigen Familienväter, die hierbei in Frage koMneo, herau»- grfühlt haben. Einen so »hrenwerthen Beruf al» den deS Kaufmann» ^vzugreisen, würde kaum jemals zu bezweifeln sein, und daß dieS nicht in der Abstcht deS Verfasser» lag, beweist doch wohl die Tendenz deS Artikels, in welchem dieser Stand von unlauteren Elanenten möglichst verschont blttden soll.
Daß sich zum kaufmännischen Berufe Elemente gedrängt haben, die wenig ^re einbringen, gibt der Herr Replckant selbst zu, dort wo er sagt. . e» ständige Kaufleute zum Vorschein gekommen, die mit großem Etscr den Kmstmmn herauSkehrm, Lehrlinge halten und au-btlden, selbst oder keine Spur von kauf- männischen Kenntnissen, grschwe'ge denn Befähigung Ausbildung Anderer besitzen . . . .*


