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Sonntag den 7. Juni
Zweites Blatt
Nr. 129
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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Der Vorstand.
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Wochen - Ueberficht.
Gießen, 6. Juni.
Die abgelausene Woche erhielt durch den an ein und demselben Tage erfolgte» Tod der Häupter zweier hochangesehener gefürsteter Familien Deutschlands eine ernstere Bedeutung. Am Vormittag des 2. Juni verschied nach längerem Leiden in Sigmaringen Fürst Karl Anton von Hohenzollern, Chef der Linien des Fürstlich Hohenzollern'schen Hauses, im Alter von 74 Jahren, Md am Abend desselben Tages ist in seinem Restdenzschloß zu Regensburg Mrst Maximilian Maria von Thurn und Taxis einem Brustleiden im jugendlichen Alter von nur 23 Jahren erlegen. Die Verdienste des nun verewigten Fürsten Karl Anton ihrer politischen wie militärischen Natur nach sind iic den Tagesblättern bereits genugsam geschildert worden, so daß wir von einer nochmaligen Würdigung derselben an dieser Stelle absehen können. Sicherlich wird aber das deutsche Volk und sein erhabenes Kaiserhaus dem Dahingeschie- drmen ein treues und ehrenvolles Andenken bewahren. Der am Samstag Vormittag erfolgten Beisetzung der Leiche des Fürsten Karl Anton wohnte eine größere Anzahl von Fürstlichkeiten bei, unter ihnen auch in Vertretung seines kaiserlichen Vaters der deutsche Kronprinz, welcher eigens seinen Ausenthalt in Königsberg um einen Tag abgekürzt hatte, um den Beisetzungs-Feierlichkeiten in Sigmaringen beiwohnen zu können. — Was den verstorbenen Fürsten von Thurn und Taxis anbelangt, so war derselbe der erste Repräsentant jenes alten Mitoerzweigten Adelsgeschlechtes, das seinen Ursprung von den mailändische» della Torre ableitet und dessen Namen besonders mit der Entwickelung des Postwesens in Deutschland eng verknüpft ist. Schon 1595 war ein Leonhard von Taxis Generalpostmeister des deutschen Reiches und seit 1615 wurde dieses Amt erblich in der Taxis'schen Familie und es ist ja den älteren Zeitgenoffen bekannt, daß erst 1867 die Thurn und Taxis'schen Posten von Preußen abge- löst wurden. — Der verschiedene Fürst Maximilian Maria gehörte dem Reichs- r«the in Oesterreich und Bayern, dem preußischen Herrenhause und der württem- bergischen ersten Kammer als erbliches Mitglied an und führte den Titel Erbgeneralpostmeister. Der Fürst war unvermählt und ist sein einziger Bruder, P-rinz Albert, geboren den 8. Mai 1867, sein Erbe.
Ueber das Befinden des Kaisers sind in letzter Zeit wiederholt — auch von der „Germania" — beunruhigende Gerüchte verbreitet worden, die bei dem hohen Alter des erlauchten Patienten in den weitesten Bevölkerungs- kreisen lebhafte Bejorgniß hervorgerusen haben. Es kann dem gegenüber auf Grund der jüngsten übereinstimmenden osftciellen und privaten Meldungen aus Berlin nur nochmals bestimmt versichert werden, daß die Genesung des kaiser- lichen Herrn in erfreulichster Weise fortschreitet, wenngleich die Halsanschwellung iwch nicht ganz verschwunden ist und sich auch noch einige Heiserkeit bemerkbar macht. Mit Recht wird es allseitig als eine Bestätigung der günstigeren Nach- richten über das Befinden des Kaisers ausgefaßt, daß der deutsche Kronprinz sich von seiner Reise nach Königsberg nicht abhalten ließ, wo er der Jubiläums- feaer des ersten ostpreußischen Grenadier-Regiments, dessen Chef der Kronprinz bekanntlich ist, beiwohnte. Auch die Abreise des Fürsten Bismarck von Berlin nach Kissingen zum Kurgebrauche darf als ein die fortschreitende Genesung des Kaisers bestätigender Umstand aufgefaßt werden.
Fast in aller Stille hat der Reichskanzler am vergangenen Donnerstag fein 50jähriges Dienstjubiläum gefeiert und scheint man in Mteren Kreisen dieses Tages gar nicht mehr gedacht zu haben. Es ist dies indessen wohl entschuldbar, da die Feier des 70. Geburtstages des Fürsten Bismarck das nur zwei Monate später fallende Dienstjubiläum bedeutend in den Hintergrund treten ließ, überdies ist ja des letzteren am 1. April vielfach gleich mitgedacht worden. Wir wollen darum unseren Lesern nur nochmals in'S Aedächunß zurückrufen, daß Otto v- Bismarck am 4. Juni 1835 als Auscul- to tor beim Berliner Stadtgericht eintrat und daß somit dieser Tag den ziemlich bescheidenen Anfang einer Carriere bildet, wie sie wohl nur selten einem Staats- imnne zu Th eil geworden ist.
Was die Angelegenheiten der inneren Politik anbelangt, so lnircht sich auf diesem Gebiete mehr und mehr die sommerliche Ruhepause gellend. Nur die braunschweigische Thronfolgefrage beschäftigt einigermaßen noch biee Gemüther, aber von einer Entscheidung des Bundesrathes über den bekannten preußischen Antrag die doch noch in dieser Woche fallen sollte, ist bis zur Stunde nichts bekannt und scheint diese Verzögerung die Annahme zu bestätigen, daß die vo-it Preußen vorgeschlagene Ausschließung des Herzogs von Comberland von der Thronfolge in Braunschweig im Bundesrathe aus gewisse Schwierigkeiten |W. In Bezug aus die einer Entscheidung zudrängenden kirchenpolitischen An- getiegenheiten ist die Kölner Bisthumssrage durch die Ernennung des Bischofs vom Ecmland, Dr. Crementz, zum Oberhirten der Kölner Diöcese nunmehr defi- nitliü geregelt, dagegen steht die Posener Frage gänzlich still. Von einer Can- diÄatur des Probftes Aßmann in Berlin verlautet nichts mehr, ebensowenig von emem beabsichtigten preußischen Gesetzentwurf über die Erziehung des Clerus. Eime Verständigung über die Anzeigepflicht dürste die Curie nicht ohne gleich- zeülige für sie annehmbare Vorschläge Preußens über die Erziehung des Clerus acoceptiren.
Mit dem Schlüsse dieser Woche hat in Oesterreich auch die Reichs- ralchswahl-Campagne ihr Ende erreicht. Ein Gesammt-Ueberblick über die Resultate derselben wird sich zwar erst nach etwa 8 Tagen ermöglichen lassen, Wessen läßt sich doch schon jetzt erkennen, daß die Wahlen in den gegenseitigen
Parteiverhältnissen n cht allzuviel geändert haben. Was speciell die deutschliberale Partei anbelangt, so ist es ihr gelungen, ihre überraschenden und empfindlichen Niederlagen in vier Wiener Wahlbezirken durch Wahlsiege in Tyrol, Ober-Oesterreich und der Bukowina wieder etwas wett zu machen; immerhin wird sie aber den Verlust einer großen Anzahl von Mandaten zu beklagen haben und dürsten namentlich die Wahlen im böhmischen Großgrundbesitze überwiegend zu Gunsten der czechisch-feudalen Adelspartei ausgefallen sein. Was an der nun beendigten Wahlbewegung hauptsächlich charakteristisch war, ist einmal die Wahl zweier deutsch-nationaler Candidaten in Böhmen im Gegensätze zu den deutsch-liberalen Abgeordneten und bekundet dieser Umstand, daß das Anschlägen der „schärferen Tonart" unter den Deutschböhmm allmälig zum prägnanten Ausdruck kommt. Das andere hervorragende Charakteristikum der jetzigen Reichsrathswahlen ist das Anwachsen des antisemitischen Partei, dieselbe hat diesmal, soweit bekannt, 5 Candidaten durchgebracht — eine für die weitere Entwickelung des österreichischen Volkslebens entschieden bedrohliche Erscheinung.
Das Leichenbegängniß Victor Hugo's bildete für diese Woche in Frankreich selbstverständlich den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses und ist jenseits der Vogesen die Befriedigung darüber eine allgemeine, daß die großartige und einer nationalen Kundgebung gleichkommende Leichenfeier ohne störende Zwischenfälle verlaufen ist. Einen unangenehmen Nachklang hat indessen dieselbe durch den Protest erhalten, den der Erzbischof von Paris an den Minister Goblet wegen der Entkirchlichung des Pantheons richtete. Voir dem Minister ist dieser Protest jedoch in scharfer Weise zurückgewiesen und dem Erzbischof bedeutet worden, daß die von ihm geführte Sprache weder seinen amtlichen Functionen, noch seinen Pflichten der Regierung gegenüber entspreche, eine derartige Haltung des Erzbischofs sei nicht geeignet, die Beziehungen zwischen Staat und Kirche friedlich zu gestalten. Mit diesem sehr verständlichen Bescheid wird sich Msgr. Guibert wohl zufrieden geben müssen.
Der in dieser Woche erfolgte Wiederzusammentritt der Schweizer Bundesversammlung wird in der Eidgenossenschaft bald wieder ein lebhafteres politisches Leben erwecken. Verschiedene wichtige Vorlagen, für welche sich der Bundesrath schon ausgesprochen hat — Revision der Bundesverfassung in Betreff des Referendums, der Volksinitiative des Erfindungsschutzes, der Pflege der Landwirthschaft und Gewerbe, der Ausdehnung der industriellen Haftpflicht, der Unfallversicherung, sowie des Banknotenwesens — werden die Bundesversammlung beschäftigen. Vom Nationalrath wurde der Antrag auf Errichtung einer Bundesbank mit Notenmonopol mit 71 gegen 43 Stimmen abgelehnt.
Aus Rom ist zu berichten, daß die Arbeiten der internationalen Sanitätsconferenz jetzt im Plenum wie in der technischen Commission einen erfreulichen Fortgang nehmen. An einer Verständigung der Conferenz über die wichtigsten Punkte dürste sonach kaum mehr zu zweifeln sein.
Die Ernennung Savas Pascha's zum Generalgouverneur von Kreta kann leicht das Signal zu neuen Unruhen auf dieser Insel bilden. Die christliche Bevölkerung derselben wünschte lebhaft einen christlichen Gouverneur, trotzdem hat ihr die Pforte in Savas Pascha einen entschiedenen Anhänger der alttürkischen Partei förmlich aufoctroyirt, so daß die Christen Kreta's — und diese bllden die Mehrzahl der Kretensischen Bevölkerung — von der Ernennung Savas Pascha's schwerlich sehr erbaut sein werden.
Ueber den englisch-russischen Conflict liegt absolut nichts Neues vor; die Meldung der „Daily News" von der russisch-englischen Ueber- einkunft, den König von Dänemark zum Schiedsrichter in der Pendjeh-Affaire zu wählen, hat sich bis jetzt immer noch nicht bestätigt.
In Kaschmir (Indien) hat ein Erdbeben stattgefunden, bei welchem den ersten Nachrichten zufolge Hunderte von englischen Soldaten und von Eingeborenen umgekommen sein sollten, doch stellen sich jetzt diese Nachrichten als übertrieben heraus.
Friedberg, 2. Juni. Die auf dem sog. Stammheimer Kreuz (Chausse zwischen Stammheim-Altenstadt und Bönstadt im sogen. Hessenwald) angefallene Frau — eine Hausirerin aus Lorsch — lebt noch und beruht die Nachricht der Blätter von ihrem Tode auf einem Jrrthum. Der verhaftete Thäter heißt Peppel aus Ober-Seemen, seither wohnhaft in Vilbel; dessen Ehestau ist unter Beschuldigung der Theilnahme des Mordes ebenfalls verhaftet worden. c t ,
Münster i. O., 1. Juni. Heute Nacht um halb 12Uhr wurde der Fuhrmann Jacob Barth dahier in seinem Hostaume von dem Schlächter Salomon Vogel mit einem Schlachtmesser durch zwei Stiche in's Herz getödtet. Der Tod ist sofort erfolgt. Der Mörder wurde festgenommen und bis zum Eintreffen der Gerichtsbehörde, bie von dem Morde sofort in Kenntniß gesetzt wurde, im Ortsgefängniß in Verwahrung gebracht. Ueber die Ursache der entsetzlichen That tonnten wir nichts Bestimmtes erfahren.
Frankfurt a. M., 4. Juni. fAffaire Lieske.j Die Verhandlung gegen den des Mordes am Polizeirathe Dr. Rumpff bezichtigten Schustergesellen Julius Lieske aus Zossen nimmt am 29. Juni vor dem L>chwurgcricht ihren Anfang. Da der Andrang ein sehr bedeutender werden dürffte, so ivird der Zutritt in den Zuhörerraum nur gegen Eintrittskarten gestattet sein, welche kurz vor dem Termine von der Staats- anwaltfchaft ausgegeben werden. ,
Heidelberg, 3. Juni. Heute früh 6V2 Uhr erschoß ein Emfahnger aus Unvorsichtigkeit im Kasernenhofe einen das Zielen beaufsichtigenden Unrerofficier, der sofort eine Leiche war.
— Der Uiiterofficier, welcher heute von einem Einjährigen beim Zielen erschossen wurde, hatte demselben befohlen, als Ziel sein rechtes Auge zu nehmen. Nach Allem, was darüber verlautet, ist anzunehmen, daß der Vorfall auf die unoeranttvort-
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