noch recht interessante Streiflichter auf englische und amerikanische Preßzustände, auf Censur, Kautionen und das belgische System der responsabilitä par cascades gefallen waren, wurde einmüthig beschlossen, die Discussion bis zur nächsten Zusammenkunft zu vertagen und dieser die endgültige Entschließung vorzubehalten.
Vermischte-.
Koblenz, 3. December. Die Kaiserin hat nun ihre Sommerresidenz verlassen und das ist für die hiesige Stadt der Beginn der fröhlichen, tollen Winterzeit, die gleich nach Weihnachten anfängl. Ten Armen hat Ihre Majestät diesmal reicher als je gespendet und den Offizieren ihres nun wieder vereinsamten Garderegiments schenkte sie vorgestern ein großes Manöverbild, das diese gestern entsprechend einweihten. — Den ganzen Winter bildet nun dieses Regiment wieder eine schon viel besprochene Abnormität, denn es stellt ja die Leibgarde einer Monarchin dar, die gar nicht hier ist und selbst im Sommer nur einige Monate hier sich aufhält. Was aus dem Augusta- Regiment wird, wenn einmal der jetzige Kronprinz die Regierung angetreten hat und wo es dann bleiben wird mit all seinen hochadligen Offizieren, oas ist eine sehr oft ventilirte Frage. Die letzteren selbst nehmen an, das Regiment werde dann als Garde der künftigen Kaiserin nach Potsdam verlegt werden, doch dürste es wahrscheinlich wohl für den Lebensabend der Kaiserin Augusta hier verbleiben, denn diese selbst dürfte nach manchen ihrer Aeußerungen künftig noch länger als bisher hier residiren, weil sie den Rhein sehr liebt. Letzteres wird, man weiß eigentlich nicht weshalb, bei der Kronprinzessin weniger vermuthet und deshalb ist die Verlegung nach Potsdam doch immer- nur eine Frage der Zeit. Im Allgemeinen hat man auswärts von dem Treiben deS Offiziercorps eines solchen Garderegiments oft sonderbare Vorstellungen und denkt sich, dasselbe würde hier mit Gold um sich werfen, hoch spielen u. s. w. u. s. w. Das ist aber weit gefehlt, denn besonders die jüngeren Herren Grafen und Barone in der goldgestickten Uniform werden von ihren Papa's meist recht kurz gehalten und zum Ueberfluß erfreuen sie sich auch noch der wohlwollenden Aufsicht eines sonst ganz gemüthlichen Herrn Obersten, so daß Alles hübsch glatt geht. Dagegen sollte man nicht glauben, wie viel ernste militärische wie wissenschaftliche Thätigkeit bei den Gardeoffizieren herrscht. Sprachstudien sind allgemein, besonders französisch und russisch wirt» fleißig gelernt, manche der Herren malen in Oel, zeichnen, photographiren, besitzen chemische Laboratorien und gute physikalische Kenntnisse und ein Hauptmann hat sogar den Ruf eines sehr gewandten Kochkünstlers, als welcher derselbe Gemüse und besonders Konfitüren einmacht und dieselben dann den Spitälern und Klöstern für die Kranken zu schenken pflegt. Man sieht also, daß das Regiment der deutschen Kaiserin einen durchweg ganz soliden Anstrich hat. Manche meiner werthen Leser werden sich die Sache aber wohl anders gedacht haben und so wird man diese Zeilen mit umsomehr Interesse lesen, da sie ganz der Wirklichkeit entsprechen. M.
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Handel «nd Zforftb*.
BI. Frankfurter Finanzbericht. [4. December.) Es ist keine angenehme Aufgabe, immer über Geschäftslosigkeit berichten zu müssen, aber diese Monotonie hat sich leider in Permanenz erklärt und auch in der abgelaufenen Woche verharrte man bei fester Tendenz in größerer Zurückhaltung.
Der Ultimo ist vorüber, die Contremine hat trotz der politischen Wirren, auf welche sie ihre Thätigkeit basirte, diesmal die Zeche zu bezahlen gehabt, aber es ist dies ganz begreiflich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß es immer wieder die gleichen Finanzkräfte sind, welche sich speculationslustig gegenüberstehen, und wie beim Schach gelingt es bald dem Haussier, bald dem Baissier, mit vollständiger Ueberspringung der Nebenfiguren, als welche heute das Privatpublikum zu betrachten ist, die überwiegende Position auszunützen und den Gegner „matt" zu setzen.
Auf ein Eingreifen des Publikums wie in früheren Jahren ist schon lange fein Verlaß mehr, der Privatmann verhält sich in größter Abstinenz gegenüber Allem, was vorgeht, beim die empfindlichen Verluste, die er früher erlitten, waren für ihn zu starke Lection und seine finanzielle Schwächung neben der in anhaltend ungünstigstem Rückgänge begriffenen Industrie, sowie die Stockung im Eisenbahn-Frachtverkehr machen ihn vollends muthlos, denn wo kein Geschäft, ist auch kein Speculationsgeist.
Wir sind bereits in den letzten Monat des laufenden Geschäftsjahres eingetreten. Bald werden die Dividende-Taxationen dem Pessimismus wieder Thor und Thür hen das Bankgeschäft in 1885 bei der nun schon seit 6 Monaten
vollständig unterbrochenen Emissionsthätigkeit erleidet, ist keineswegs unbedeutend. Das Kommissionsgeschäft hat in den ersten Wochen seit Einführung der Stempelsteuer erschrecklich nachgelassen. Der außerordentlich billige Zinsfuß, der wahrend des ganzen Jahres herrschte, hat das Zinsconto empfindlich reducirt.
Bei alledem ist der Coursstand sowohl der Speculations- als Anlagepamere als ein sehr hoher" zu bezeichnen, was umsomehr anffallen muß, als die neuesten politischen Ereignisse gewiß nicht Vertrauen erweckender Natur sind; „aber es ist nicht alles Gold, was glänzt", und auch die Börse läßt sich von jenem talmigoldenen Glanze einer künstlich gehaltenen Situation täuschen. Das Kriegsglück Battenberg's, der Waften- stillstand sind die leitenden Motive, worüberhin ganz außer Acht gelassen wird, rote nebensächlicher Art doch diese ganze Kriegführung gewesen ist.
Man besehe sich nur einmal genau die dusteren Wolken am politischen Himmel, bereits zucken die Blitze über ganz Europa und der Donner hallt mächtig in allen Ländern wieder. Die dynastischen Interessen sind vom Sturmwind gepeitscht, nur die Börse verläßt sich auf ihren Blitzableiter und ist noch immer unbekümmert, denn es gibt noch ein höheres Walten, der deutsche Wetterheilige wird schon dafür sorgen, baß kein Unglück geschieht, so lautet wenigstens bie vorwiegenbe Meinung.
Von ber vollstänbigen Umgestaltung, bie bie Politik seit voriger Woche erfahren hat, läßt sich nur schwer ein richtiges Bilb fassen. Das biplomatische Vorgehen ber österreichisch-ungarischen Regierung wirb nicht ohne eine gewisse Unruhe und Beklommenheit verfolgt. Oesterreich will Aufschließung des Orients für lernen Handel, es will ferner Freihaltung des kürzesten Landwegs nach dem Aegaischen Meer. Der Weg Erreichung dieses Zieles führt nach Salomki. Es muß somit den Emslntz Rußlands in Ostrumelien und Bulgarien verdrängen und in einem allzu scharfen Vorgehen seinerseits liegt die Gefahr der heutigen Situation.
Nach Ausspruch
eines berühmten H. Universitäts-Professors wären bei künftigen Generationen roenig oder keine Kahlköpfe mehr zu erwarten, wenn man sich von Jugend auf statt der schädlichen Oele und Pomaden ausschließlich des^ „
Haarwassers v. C Retter, Manchen bedienen würde, welches allein Alles enthält, was einer rationellen Haar- und Kovf- hautpflege dienlich ist. Zu haben um 40 Pfg. u. Mk. 1,10 bei I. H. Fahr. 584
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Mr. 28S Viertes Blatt. Sonntag den 6. December ISS#
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint ILgkich mit Ausnahme des Montags.
Bnreanr Schulstraße 7.
Lokale-.
Gietzen, 5. Decbr. Im hiesigen conservativen Verein wurde am 3. December das Preßstrafrecht wie die Zustände der Presse überhaupt besprochen. Rechtsanwalt knrtman leitete die Verhandlung mit einer kurzen Begründung des Themas ein, in 'nem er zunächst die Aufstellung desselben gerade im jetzigen Zeitpunkte rechtfertigte. Er suchte diese Rechtfertigung in erster Linie in der großen Wichtigkeit und Bedeutung W periodischen) Presse, in zweiter in deren offenbaren Schäden, wie sich solche in den Prozessen Stöcker und Gräf in grellem Licht neuerdings gezeigt hätten, endlich darin, 'daß auch die Reichsregierung die Mangelhaftigkeit der Preßgesetzgebung durch diebeab- Lichtiate Einbringung einer Novelle erst in diesen Tagen anerkannt habe. Als den schwersten Mangel in unserem Preßrecht bezeichnete Referent die falsche Stellung des Ädacteurs und' die Anonymität des Verfassers, woraus geradezu unmoralische Folgen eutivrinaen könnten. Er wies insbesondere auf die fingirtc Verantwortlichkeit ber sog Sitzredacteure (Strohmänner) hin, bie in den meisten Fällen die Ermittlung des niirklichen Tbäters verhinbert unb baburch eine im Strafrecht unzulässige Stellvertretung des Delinguenten schafft. Als Abhülfe schlug ber Referent bas französische noch heute auch im Reichslanbe geltend^ System vor, wonach ber schwerer Sttafe unb schärfsten sonstigen Maßnahmen berVerfasser ernes polrtrschen, religiösen, volkswirthschaftlichen (ober persönlichen) Artikels fernen Namen unte-r bem betreffenben Artikel zu setzen hat (franz. Gesetz vom 16* ^^ierTurd), fährt bas Referat fort, wirb ber Kampf mit ehrlicher Waffe, mit offenem Visir geführt, die Verantwortlichkeit des Thäters an Stelle derjenigen des Strohmanns gesetzt, und bas ist sicherlich ein Verfahren, bas bie Presse nur zu heben, nicht aber ^^^nlettung^nüpfte sich eine mehrstünbige, lebhafte Discussion. Zunächst trat ein Mitglieb ben Anschauungen bes Referenten mit ber Maßgabe bei man solle lofort praktisch bei ben Parteigenossen im Reichstage bahin wirken, baß sie bei Gelegenheit ber von ber Regierung beabsichtigten Preßnovelle auch biesen Punkt zur Sprache bringen möchtcn. Andere glaubten jedoch die Sache hierzu noch mcht reif nnd Koben eine Reihe von principiellen Bedenke» wie von thatsachlichen Schwierig- reiten hervor, in erster Hinsicht, daß auch wirklich tüchtige und berufene Leute aus guten Gründe» der Anonymität bedürften, deren Thätigkeit für die Presie anderen Falls verloren gehe, in zweiter Richtung, daß die kleine ehrlich redigirte Presse unter dem -vorgeschlagenm System ebenfalls leiden müsse. Nachdem tm Verlaufe der Besprechung
Die DolKsMungen.
Arn 1. December b. I. hat bekanntlich im ganzen herrischen Reiche eine allgemeine Volkszählung ftattgefnnben, naebbem bie letzte am gleichen Datum 1880 vor- aenommen worden war. Ueber das Resultat der diesjährigen Volkszählung können selbstverständlich zur Stunde noch keine besonderen Angaben gemacht werden, denn die Sichtung all' der hierauf bezüglichen Data, wie sie vermittels der ausgefüllten Zählkarten in den statistischen Bureaus einlaufen, ist ein äußerst mühsames unb zeit- raubendes Geschäft unb es wirb noch so manche Woche vergehen, ehe bas Gesammt- «rgebniß ber am vergangenen Dienstag ftattgefunbenen Volkszählung bis in seine Einzelheiten vorlie^gt^^ deßhalb nur angebracht, einen orientirenben Blick auf Wesen unb Kharacter biefer weitaus wichtigsten, von Staatswegen angeordneten statistischen Maßregel zu werfen unb bafür bie positiven Ergebnisse ber jüngsten Zählung unb deren officielle Zusammenstellung abzuwarten. .
Die Volkszählungen sind keineswegs em Product der neueren Zeit, wie man vielleicht annehmen könnte, sie reichen vielmehr weit in das Alterthum hinauf. Schon unter ben Beherrschern bes alten Egyptens erging an bte Bewohner bes Pharaonen- r her alljährliche Befehl, sich beim Ortsvorstanb zu melben, um Namen, Beruf unb Unterhaltsmittel anzugeben. Auch bei ben Israeliten wurden - und zwar sehr .fnrntnitia — Volkszählungen vorgenommen und erzählt uns ja bas alte Testament, inie fflb eine solche anorbnete. Ebenso waren bieselben im römischen Weltreiche und im alten Griechenland sehr häufig, wo als ihr specieller Zweck die Feststellung der politischen Rechte erscheint. Aber sowohl die Volkszählungen dieser Zeit, wie die- ieniaen fpäterer Jahrhunderte bienten fast nur einseitigen praktischen Zwecken, ber ÄuA-bung zum Kri-gsdi-nst-, der Besteuerung u. f. und erst in diesem Jahr- "nnnbert ist man baju gelangt, regelmäßige Volkszählungen nicht mehr aus berartlgen Bewe^aarünbeii, ionbern von ganz anderen wissenschaftlichen Motiven geleitet, Dor= mmbmen Leider wird auch noch heutzutage Zweck und Wesen der Volkszählung nWfnrh verkannt und trifft man im Volke noch immer auf das Vorurtheil, daß es • nch hierbei lediglich um eine steuerliche Maßregel handle. — Dem gegenüber kann aber nickt aenug betont werden, daß die Volkszählungen in ihrer heutigen Entwickelung durchaus nicht mehr bloße Zählungen sind, sondern mehr und mehr den Kharakter durckaebildeter Volksbeschreibungen annehmen, weil außer der Zahl ber Bevölkerung auch mannigfache Eigenschaften berselben burch biese statistische Ergebungen ermittelt werben Dies lehrt schon ein Blick auf bie Zählkarten mit ihren vielen Rubriken, in denen neben Namen, Staub unb Geschlecht jedes Einzelnen auch Angaben über besten Elfter ftamUienftanb, Wohnungsverhältnisse, Religion, Staats- unb Ortsangehongkett u s m Aufnahme finben. Es leuchtet ein, baß ein so reichhaltiges Material, wenn J e*rrt '^sichtet und tabellarisch abgeklärt ist, ben Behörben wie ber Wissenschaft sehr werthvolle Aufschlüsse über bie am meisten und zahlreichsten hervortretenben Erscheinungsformen des Volkskörpers geben muß.
Aus all' ben gewonnenen Resultaten ergeben sich bann roteberum schatzens- mertbe Unterlagen zu Ermittelungen über wichtige Fragen im Staats-, Gemeinde- nnb Familienleben, in ben mannigfachsten Zweigen menschlicher Thätigkeit unb privater Einrichtungen. In letzterer Beziehung braucht man z. B. blos an bie verschiebenen Branchen bes Versicherungs- unb Kastenwesens zu erinnern, bie alle mehr ober weniger iauf bie statistischen Bevölkerungstabellen angewiesen sinb, unb überhaupt gibt cs heute fast keine größere Institution, bie nicht für biesen ober jenen Zweck zur Statistik ihre Zuflucht nehmen müßte, um zunächst zahlenmäßige Grunblagen für ihre Organisation nnb Operationen zu gewinnen. Diese Ermittelungen aber tragen in ihren prac- UschenFolgen gan unzweifelhaft zur Förberung ber allgemeinen Wohlfahrt bei,
Gegenwärtig hat man in allen Culturstaaten bte hohe Bebeutung ber penobtsch wieberkehrenben Volkszählungen für bas gesammte Leben einer Nation erkannt unb leit bem internationalen Lonboner statistischen Kongresse vom Jahre 1880 werben bie Einwohner sämmtlicher Kulturstaaten bes Abenblanbes nach durchaus gleichartigen Gesichtspunkten gezählt. Hoffentlich wirb man auch in ben breiteren Schichten ber Bevölkerung mehr unb mehr zu ber Einsicht kommen, baß von ben Volkszählungen feinerlei Nachtheile zu befürchten stehen, sondern daß sie. vielmehr in i^em heutigen Umfange von den segensreichsten Wirkungen sind, wenngleich sich dieselben tn ihren Umrissen nicht immer erkennen lassen.
Prei- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit ®ringerto6tu Hurch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Ps.


