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Donnerstag den 5. November

Nr. 258.

1885

ießener Anzeiger

Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen.

Bureau r Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme deö Montags. ^^^^^^hrl'ch 2 Mark 20 Pf. ^^^^Serlohn.

1 v Durch bte Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 P».

Amtlicher Hyeil.

Betreffend: Die Volkszählung im Jahre 1885.

Bekanntmachung.

Zur Ausführung der am 1. Decernber l. I. stattfindenden Volkszählung ist eine größere Anzahl qualificirter Personen, welche als Zähler sungiren sollen, nothmendig. Es werden daher solche, welche sich dem genannten Geschäfte, sei es unentgeltlich, sei es gegen Bezahlung, unterziehen wollen, aufgefordert, sich binnen 3 Tagen aus dem Bureau Großherzoglichen Polizeiamts, Weidengasse, zu melden.

Bemerkt wird, daß das Geschäft eine Dauer von 6 bis 8 Tagen haben wird.

Gießen, den 30. October 1885.

Der Vorsitzende der Zählungs-Commission für die Stadt Gießen. ________________________________________Fresenius, Polizeirath.

Politische Ueberskcht.

Gießen, 4. November.

In diesen Tagen findet ein Wechsel in vier der wichtigsten diplomatischen Aemter des deutschen Reiches statt. Graf Hatzfeldt, der bisherige Staatssecretär des Auswärtigen, erhält den Botschasterposten in London, Graf Münster verläßt den dortigen Posten, um die Vertretung Deutschlands in Paris zu übernehmen. Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst tritt sein Amt als Statthalter von Elsaß-Lothringen an und die erledigte Stellung des Staatssecretärs des Auswarigen harrt der Ausfüllung durch den Nachfolger des Grasen Hatzfeldt. Der nächste Anwärter aus diesen wichtigen Posten ist der Unterstaatssecretär Gras Herbert Bismarck, und es ist zu erwarten, daß er einfach in das nächst höhere Amt einrücken wird. Die zunächst austauchende Frage, ob hier ein Sysiemwechsel oder nur ein Personenwechsel vorliegt, darf in Bezug auf die Aemter des Staatssecretärs und der Botschafter in London und Paris ohne Weiteres verneint werden, dagegen muß sie bejaht werden in Bezug auf den Posten des Statthalters von Elsaß-Lothringen. Hier ist allerdings ein System- wechsil zu erwarten, und zwar in dem Sinne, daß die b'sher vergeblich aufge­wendete Mühe, den französisch gesinnten Theil der Bevölkerung durch Gewährung von Gefälligkeiten zu gewinnen, die stch als Bevorzugungen darstellen, nicht aufis Neue in Uebung gesetzt wird, sondern daß der Grundsatz: gleiche Rechte und gleiche Pflichten für Alle, gleichviel, ob Deutsche oder Franzosen, in vollem Maße zur Geltung gelangt. Die Wünsche der unter der französischen Regierung ge­borenen und erzogenen Bevölkerung Elsaß-Lothringens, gleichviel, ob sie deutscher oder französischer Abkunft sind, können von einer deutschen Regierung überhaupt nicht erfüllt werden, darüber haben die letzten sechs Jahre volle Klarheit gebracht, also erscheint es als das Beste und Zweckmäßigste, wenn die Gesetze und die bestehenden Verwaltungs-Grundsätze die alleinige Richtschnur für die Regierung bilden. Daß General-Feldmarschall v. Manteuffil von der Ueberzeugung geleitet wurde, daß er auf die von ihm gewählte Art und Weise, die Elsaß-Lothringer zu behandeln, leichter dazu gelangen würde, das Regermanisirungswerk zu voll­ziehen, steht außer aller Frage, aber ebenso sicher erscheint, daß er sich im Jrrthum befand, und daß Fürst Hohenlohe ein anderes, strengeres System be­folgen wird, ohne das parcere subjcclis (die Schonung der Besiegten) aus den Augen zu verlieren.

Der Besitzstand der Parteien im preuß. Abgeordnetenhause wird nach den bis jetzt vorliegenden Resultaten der Wahlmännerwahlen folgende Veränderungen erfahren: Die Nationalliberalen haben 8 Mandate gewonnen (Magdeburg, Stormarn, Oberlahnkreis, Hanau, Lennep, Solingen von Den Deutsch-Freisinnigen, Stadt Hannover, welche früher nur einen Abgeordneten wählte, jetzt 2, Osnabrück von den Conservativen, Frankfurt a. M. von den Demokraten) und 1 (Crefeld) an die Ultramontanen verloren. Die Deutsch- Freisinnigen haben die oben genannten 5 Mandate an die Nationalliberalen und 1 (Elberfeld) an die Freiconservativen verloren, nichts gewonnen. Die Conservativen haben 1 (Osnabrück) an die Nationalliberalen und 1 (Landkreis Kassel) an die von den Nationalliberalen unterstützten Freiconservativen ver­loren. Die Freiconservativen haben 1 Mandat (Elberfeld) von den Deutsch- Freisinnigen und 1 (Landkreis Kassel) von den Conservativen gewonnen, die Ultramontanen 1 (Creield) von den Nationalliberalen. Die Demokraten haben ihr einziges Mandat (Frankfurt a. M.) an die Nationalliberalen verloren.

Die Vorschläge, auf welche der Papst seinen Spruch in der Karo­linen-Frage begründen will, wurden durch den Kardinal-Staatssecretär an die Cabinette von Madrid und Berlin consioentiell mitgetheilt. Durch diese Vorschläge wird die Rechtsfrage zu Gunsten Spaniens entschieden, Deutschland jrdoch werden nennenswerthe materielle Vortheile gesichert. Die Fassung des päpstlichen Spryches kann nach Rücksprache mit Deutschland und Spanien eine kleine formelle Vervollständigung erfahren. Nach der Anschauung maßgebender Persönlichkeiten ist die Frage der Priorität der Occupation als ein rein militärisch- diplomatischer Zwischenfall nebensächlich und wird an Der bereits getroffenen Lösung der Rechtsfrage nichts ändern.

Nach einer Mittheilung desVoltaire" soll das französische Occu- pations-CorpS in Tongking auf 12,000 Mann reducirt werden; dasselbe werde, wie das genannte Blatt meint, in Verbindung mit einem Corps von 32,000 Mann anamitischer Rekruten genügen, um die Ruhe im Delta und am Rothen Flusse bis Dynnan zu sichern. Da gerade gegenwärtig wieder Nach­richten über die ernste Lage der Truppen in Anam und Tongking einlaufen, so

ist es noch sehr fraglich, ob sich die französische Regierung wirklich zu einer Reduction ihrer Truppen in Ostasien entschließen wird, welche Maßregel unter den obwaltenden Umständen von bedenklichen Folgen für das Ansehen Frankreichs in Ostasien sein könnte. Bezüglich der französischen Streitkräfte auf Madagaskar verlautet, daß dieselben lediglich auf den Punkten concentrirt würden, die wichtig für den Handel seien, so besonders in Tamalave, Majunka und Diego Suarez.

Die Grenz st reitigkeiten in Südafrika zwischen der englischen Regierung und der neuen Boern-Republik haben die englische Regierung veran­laßt, genauer die unter ihre Oberhoheit fallenden Gebiete im Norden der Cap- Kolonie zu umgrenzen. Eine der Cap-Regierung zugegangene Verfügung der Königin erklärt das Betschvana- und Kalaihari-Land als unter Oberhoheit Eng­lands stehend. Die Grenzen dieser Schutzherrschaft bilden im Süden Die Cap- Kolonie, im Osten die südafrikanische Republik, im Westen der Fluß Molopo und im Norden derselbe Fluß bis zu seiner Vereinigung in Ramath-Labana- Spruit und von da durch diesen Spruit bis zur Grenze der südafrikanischen Republik wird künftighin britisches Gebiet unter dem NamenBritisch-Betschuana- Land" (ein. Der nicht innerhalb der Grenzen von Britisch-Betschuana mit ein­begriffene Rest des Gebietes wird ebenfalls unter dem Schutze Ihrer Majestät verbleiben. Bis jetzt verlautet indessen noch nicht, daß die Boern dem Vor­gehen Englands bezüglich des Bctschuana-Landes schon zugestimmt haben.

Aus Calcutta wird gemeldet, daß die erste Abteilung des für Birma bestimmten englischen Expeditions-Corps am 1. November nach Rangua abgegangen ist.

In der Samstags-Sitzung des ungarischen Delegations- Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten gelangte auch die Angelegenheit der deutschen Zollerhöhungen zur Sprache. Graf Kalnoky erklärte auf eine be­zügliche Anfrage des Delegirten Gall Folgendes: Es seien Seitens der öster­reichischen Regierung zur Erlangung eines besseren Zollverhältniffes mit Deutsch­land noch keine osficiellen Schritte gethan worden, weil ein Erfolg jetzt nicht zu erwarten stand. Die deutsche Zollerhöhung wurde im Reichstage nach viel­jährigen, vergeblichen Anstrebungen erst in diesem Jahre durchgesetzt; es konnte daher nicht vorausgesetzt werden, daß die deutsche Regierung ein so mühevoll und mit so vielen Schwierigkeiten erreichtes Resultat sobald wieder fallen lassen werde, welches dem Staatsschätze auch eine beträchtliche Einnahme sichere. Dennoch habe in dieser Angelegenheit ein vertraulicher Meinungs'Austausch stattgesunden, wobei sich herausstellte, daß vorläufig noch so große Schwierig­keiten zu überwinden seien, daß von einem Eintreten in Verhandlungen kein Erfolg zu erwarten sei; somit erübrige nichts, als die praktischen Resultate der deutschen Zollerhöhungen abzuwarten. Unzweifelhaft werde ein Zeitpunkt kom­men, wo man diese Frage unter günstigeren Verhältnissen wieder aufnchmen. könne, denn es sei beiderseits conftalirt worden, daß der Wunsch nach wirth- schastlicher Einigung aus beiden Seiten im Principe noch immer fortbestehe.

DemStandard" wirb aus Athen gemeldet, Griechenland habe die Mittheilung der Mächte ähnlich beantwortet, wie Serbien. Hinzuge­fügt ist in der griechischen Antwort, Griechenland könne die Dinge nicht als geordnet und gesichert betrachten, so lange nicht wenigstens Griechenland die durch den Berliner Vertrag zugesicherte Grenzlinie von Epirus besitze._________

KoTand.

Haag, 3. November. In den Kammern wurde ein Gesetz eingebracht,, wonach der Elementar.Unterricht den Communen überlassen werden und der Staat denselben nur da Übernehmen soll, wo die Initiative der Commune nicht ausreicht.

Srankreich.

Paris, 3. November.Voltaire" und andere Blätter melden einen kleinen Unfall, der dem Präsidenten Grövy am Donnerstag zugestoßen ist. Darnach wäre Grövy, welcher allein ausgegangen war, um Herrn v. Freycinet nach dem Attentat einen Besuch zu machen, auf der Jnvalidenbrücke in Folge eines Fehltrittes mit dem Gesicht gegen das Brückengeländer gestoßen. Die Folge war eine leichte Hautabschürfung, die indeß den Präsidenten nicht abhielt, den Vorsitz im Ministerrath zu führen. Gestern empfing Der Präsident den päpstlichen Nuntius.

Bulgarien.

Sofia, 3. November. (Meldung derAgence Hava»/) Eine offtcieQe