Nr. SO Zweites Blatt Sonntag den 5. April
L88S
ichener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Wochen - Nebersicht.
Gießen, 4. April.
Das Osterfest steht wieder vor der Thür und gar glücklich trifft es sich diesmal, daß mit seinem Erscheinen auch das Erwachen in der Natur nach langem Winterschlafs zusammenfällt. Wohl versuchte nach einem ahnungsvollen Vorfrühling der Winter nochmals seine Rechte geltend zu machen, aber nach kurzem Kampfe ist er von dem jungen Lenze definitiv besiegt worden, laue Weste haben die rauhen Nordwinde verdrängt und fast zusehends bedecken sich Hain, Wald und Auen mit dem ersten frischen Frühlingsgrün. So belebt denn das Wiedererwachen des Lenzes das menschliche Herz und erhöht die Oster- freu'oe und die Aussichten auf ein fröhliches Osterfest werden auch durch die allgemeine Weltlage nicht beeinträchtigt. Zwar ist der dunkle Punkt am politischen Horizont, die afghanische Streitfrage, noch nicht verschwunden, aber die Meldungen aus London wie aus Petersburg geben auf das Bestimmteste der Hoffnung auf eine endliche friedliche Lösung des Conflictes zwischen England und Rußland Raum. Die Reise der Königin Victoria nach dem Kontinente ist ebenfalls als ein friedliches Symptom auszufassen, denn die englische Monarchin würde gewiß ihr Reich nicht verlaffen, wenn dasselbe am Vorabende schwerer kriegerischer Verwickelungen stünde. Allerdings wird die österliche Ruhe an verschiedenen Punkten unseres Planeten durch Waffenlärm unterbrochen, in Ostasien, wie im Sudan und in Central-Amerika herrscht kriegerisches Getöse, aber das allgemeine Einverständniß der Mächte erscheint durch die Kämpfe der Franzosen mit den Chinesen, der Engländer mit den Sudan-Rebellen und der mittelamerikanischen Staaten unter einander nicht gefährdet und speciell wir in Deutsch- lannd können der weiteren Entwickelung der Dinge in Tongking, im Sudan und in Central-Amerika durchaus unintereffirt entgegensehen. Auch die politischen Verhältniffe im eigenen Lande gestatten uns trotz aller Parteiverbitterung ein ungetrübtes Osterfest und namentlich bildete der von allen Parteien freudig gefeierte 70. Geburtstag des Fürsten Bismarck eine harmonische Hinüberleitung zu dem Frieden des Osterfestes, der hoffentlich durch keinerlei Mißton unterbrochen werden wird.
In Dänemark ist am Mittwoch die Reichstagssession vermittelst königlicher Botschaft unter Auspicien geschloffen worden, welche die nächste Zukunft des dänischen Staates in einem trüben Lichte erscheinen taffen. Der Folkething, in welchem die Radikalen in der Mehrheit sind, und der Landsthing, in dem die Anhänger der Regierung überwiegen, haben sich über das Finanzgesetz nicht einigen können. In beiden Kammern verließen sogar die Abgeordneten der Linken am Mittwoch die Sitzung, eine Beschlußfassung über das Finanzgesetz wurde dadurch unmöglich gemacht und wird sich demnach das Ministerium Estrup im nächsten Etatsjahre wieder mit einem lückenhaften finanziellen Provisorium behelfen müssen.
Frankreich hat sich noch vor dem Osterfeste vor eine Mmister- krisis gestellt gesehen, deren unmittelbare Veranlassung die so unerwartet gekommenen Niederlagen der Franzosen in Tongking gewesen sind. Herr Freycinet hat die Aufgabe übernommen, das gestürzte Cabinet Ferry durch ein von ihm zu bildendes Ministerium zu ersetzen, aber diese Ausgabe scheint ziemlich heikler Natur zu sein, denn etwas Definitives über die Zusammensetzung des neuen Ministeriums ist noch immer nicht bekannt. Was die militärische Lage der Franzosen in Tongking nach ihren Niederlagen bei Dangdong und Langson anböangt, so ist diese fortgesetzt eine ernste und sehen sich die französischen Truppensührer vollständig aus die Defensive beschränkt. Unter diesen Umständen will es wenig besagen, daß nach einer Meldung der „Agence Havas" China die ihm noch von Ferry gemachten Friedensvorschläge angenommen habe und daß nur noch Schwierigkeiten hinsichtlich der Räumung der von den Chinesen besetzten Stellungen bestünden. Die Depesche datirt zwar nach der Affaire von Langson, aber zu dieser Zeit kann man in Peking von dem deprimirenden Eindruck, den dieselbe in Frankreich hervorgerufen hat, noch nichts gewußt haben und die chinesische Regierung wird nach ihren überraschenden militärischen Erfolgen schwerlich Neigung verspüren, chre Truppen aus Tongking zurückzuziehen.
Die in Central-Amerika durch das Bestreben Guatemata's, die Staaten Central-Amerikas zu einem Staatenbunde zu vereinigen, eingetretenen Verwickelungen haben nunmehr zu dem ersten Zusammenstoß der feindlichen Parteien geführt. Zwischen den Truppen Guatemata's und San Salvador'» hat ein Kampf stattgefunden, in welchem die ersteren zurückgeworfen wurden. Die vereinigten Heere der Republiken Nicaragua und Costarica find nach Honduras abmarschirt, um die Streitkräfte dieser Republik an der Vereinigung mit den Truppen von Guatemala zu verhindern.
Im Ost-Sudan soll nun endlich der Vorstoß der Endländer gegen Tamai, die Hauptstellung der Rebellen, welcher schon mehrmals signalifirt worden ist, erfolgen. Recognoscirungen der englischen Kavallerie haben ergeben, daß die Rebellen unter Osman Digma Tamai in starker Anzahl besetzt halten und wird die Wegnahme des Ortes jedenfalls erst nach einem blutigen Kampfe vor sich gehen. Die Nachricht, daß die feindlichen Stämme von Osman Digma abgefallen seien und daß derselbe deshalb Friedens-Unterhandlungen mit Den Engländern angeknüst habe, hat sich als gänzlich unwahr herausgestellt.
Vermischte-.
— Der Frankfurter Palmengarten hat schon fdn schönstts Festkleid für die herannahenden Feiertage angelegt und prangen die sogenannten Blülbev-Gallerien tm herrlichsten Farbenschmuck. Die Camellten, welche bereits Mitte December ihre ersten Blüthen zeigten, erfreuen noch immer durch einen ganz außergewöhnlich reichen und andauernden Flor. Azaleen, Rhododendron, Cinerarten. Cyclamen, Maiblumen, Veilchen, Hyacinthen, Tulprn rc. in allen Farben und Nuancen wechseln in rascher Folge rechts und links vom Beschauer und lohnend ist ein langsamer Vang durch düsen herrlichen Garten, denn in einen wahren Garten und Tropenhrin sind diese Gallerten umgewandelt und selbst über dem Haupte deS Wandelnden wiegen sich durch Blüthenlast gebeugte Kronen von Camellten und Azaleen. Doch am meisten sesieln zur Zett die in der Nord-Gallerie grupvtrten Rosen-Sorttmevte, welche gerade jetzt in voller Blüthe und Farbenpracht uns entgegenleuchten. Diese Königin der Blumen zeigt sich hier unter der sorgenden Hand des CulNvateurS zu ihrer ganzen Vollendung und Farbenentwickelung gebracht, unter dem schützenden Glase der Etv- Wirkung der schädlichen Winde und Sonnenstrahlen entrückt, in einer Vollkommenheit, wie wir sie im Freien eigentlich nie zur Ansicht bekommen. Von manchen schönen Lippen hört man des Sängers Worte bestätigen: „Rose wie bist, wie bist du so schön" u. f. w.
Kttzingen, 30. März. Gestern wurde die Stadt Kitztngen durch eine Doppel- mord-Affatre in picht geringe Aufregung versetzt. Ein Kellner NamenS Schmidt hat nämlich gestern Morgen auf seine Gttirbte zwei Schüsse in die Schläfe und dann auf sich in die Herzgegend einen Schuß abgegeben. Erstere war, nach den eingetroffenen Mtttheilungev, sofort tobt, während der Thäter etwa nach einer halben Stunde verschieden ist. AlS Ursache der Handlung wird dem rftotr. v. u. f. D." mitgethetlt, daß die Eltern des Mädchens ihre Einwilligung zu einem LtebeSverhältniß der Selben versagt Haden sollen.
— sTreu nach dem Lebens Mama hat beschloffen, daß Fritzcheo von nun an immer sein Abendgebet sprechen soll und lehrt ihn zu diesem Zwecke daS alte Ktnderlied, welches mit den Worten schließt:
„Will Satan uns verschlingen, So laß die Gnglein singen: Dies Kind soll unverletzet sein."
Mit großer Mühe hat sie Fritzchen endlich so wett gebracht, daß er daS Gebet bis zu Ende sprechen kann und nun wird Papa gerufen, um daS Wunderkind anzustaunen. Fritzchen betet denn auch, ohne zu stocken, seinen Spruch und schließt mit den Worten:
„Will Satan unS verschlingen, So laß die Englein fingen: Dies Kind soll unser Letztes sein."
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