folgenden Reden, die sämmtlich mit einem donnernden Salamander schlossen, hielten die Herren: Rechtsanwalt Curtman (in lateinischer Sprache). Director Spangen- berg im Auftrag der Philologen auf Gießen, seine Gastfreundschaft und seine Damen, Beigeordneter Heß auf die Gäste, Director Droncke aus Trier auf das Präsidium, den Kronbauer'scheu Gesangverein und Prof. Oncken'sSeminar-Quartett, Director Adam aus Urach rührend und herzlich auf die Tage von Gießen, Director Wecker aus Stettin auf den „Consul Cuttmanus", Rechtsanwalt Bai st aus Gießen auf frohes Wiedersehen, Gymnasiallehrer Dr. Nover aus Mainz auf Gießen's Frauen und Jungfrauen, Dr. Baur aus Gießen auf den Stadtvorstand.
Die Reden der Herren Curtman und Nover fanden, als wirklich vorzügliche Leistungen, stürmischen Beifall.
Der ^aal war noch in seinem prächtigen Schmucke, für die leiblichen Genüsse war sehr gut gesorgt und so kann denn der Stadtvorstand sich sagen, daß er seinen Gästen ein herrliches Fest geboten hat.
Eröffnung der Arbeiter-Colonie Neu-Ulrichstein.
Am 27. September herrschte auf dem Bahnhofe der Station Kirchhain der Main-Weser-Bahn ein reges Leben. Wagen von mancherlei Beschaffenheit und Gestalt waren vorgefahren, die alle dasselbe Ziel im Auge hatten. In raschem Trabe ging es dann, Wagen hinter Wagen, in südöstlicher Richtung durch anmuthige Waldthäler und über sanft ansteigende Höhen auf der Staatsstraße über Niederklein, Lehrbach und die schauerliche Brandstätte des erst kürzlich so schwer heimgesuchten Appenrod immer weiter aufwärts bis zu dem Plateau, auf welchem ein einsamer, von beiden nächstgelegenen Orten je eine Viertelstunde entfernter Hof weithin die Gegend beherrscht. Hier befindet sich in 344 Meter Mecreshöhe die Arbeitercolonie Neu-Ulrichstein, die junge Schöpfung menschenfreundlicher Liebe, zu welcher Hunderte, ja Tausende aus dem Großherzogthum Hessen, dem Regierungsbezirk Wiesbaden und besonders auch aus Frankfurt werckthätig mitgeholfen haben. Heute sollte sie feierlich eröffnet werden, nachdem schon vom 1. Juli d. I. an ihre Thätigkeit begonnen hatte. Aber in dem unfertigen Zustande, in welchem sich damals noch die inneren Einrichtungen befanden, hätte sich die Colonie gewiß nid)t so vortheilhaft prüfentirt, als es jetzt, wo die Thätigkeit des Großh.Kreis- biuamts ihr Ziel so ziemlich erreicht hat, der Fall ist.
Der Präsident des Vereins, wirklicher Geheimerath Dr. Goldmann aus Darmstadt, empfing denn auch die zahlreich aus der Nähe und Ferne erschienenen Gäste — man konnte es deutlich bemerken — mit dem Gefühle froher Befriedigung über das gelungene Werk. Der Verein kann mit Recht stolz darauf sein. In dem neu hergerichteten Anstaltssaale, der als Speisefaal und bei feierlichen Anlässen als Versammlungsort dient und in seiner geschmackvollen Schlichtheit einen sehr wohl- thuenden Eindruck mücht, hatten sich die Colonisten, 11 an der Zahl, mit dem Jnspector versamnielt. Sie begrüßten die von nah und fern zusammengekommenen Gäste mit einem von Harmoniumspiel begleiteten Choral. Der Präsident Dr. Goldmann eröffnete die weihevolle Stunde mit einer Ansprache, in welcher er die Erschienenen begrüßte und Allen, welche mit Rath und That, mit Geldbeiträgen und in anderer Weise an dem Zustandekommen des Werkes mitgeholfen, insbesondere auch den beiderseitigen Regierungen, Namens des Vereins dankte; Herr Pfarrer Dr. Stromberger, der als Vorstandsmitglied sich um die innere Einrichtung große Verdienste erworben, schloß eine würdige Betrachtung auf Grund des Psalmwortes Pf. 127, 1 daran. Dann hielt Herr Geistliche Rath Münz en berg er aus Frankfurt eine warme Ansprache an die Colonisten, in welcher er sie aufforderte, den ihnen von allen Seiten entgegen gebrachten guten Willen ihrerseits durch „guten Willen" zit erwidern, und hierdurch nicht nur sich zeitlich eine sie befriedigende Existenz zu gründen, sondern auch den wahren inneren Frieden zu finden. Herr Ministerialrath Rothe aus Darmstadt brachte die sympathisch aufgenommeue Versicherung der Großh. Staatsregierung, auf deren Domanialgrund die Anstalt sich befindet, daß sie das bereits bewiesene Wohlwollen der guten Sache fernerbin bewahren werde. Herr Landesdirector Sartorius, der sich ebenfalls mit ernsten Worten an die Colonisten wandte, gab für den Regierungsbezirk Wiesbaden eine ähnliche wohlwollende und alle Anwesenden angenehm berührende Erklärung ab, - und dann schloß mit einem Gebet die Feier. Alle Redner hoben hervor, daß hier ein Werk geschaffen sei, zu welchem alle Confessionen sich brüderlich die Hand gereicht hätten, und welcher auf der Grundlage herzlicher Duldung fort und fort bestehen solle. Hier werde also kein Zwang über die Gewissen geübt; jeder Con- fession bleibe ihr Recht unverkümmert.
9hin vertheilte sich die inzwischen immer mehr angewachsenc Versammlung über die Anstaltsräume. Alles ist neu hergerichtet, solid, einfach und practisch. Rechts unten ist die Küche mit Speisekammer, links ein kleineres Versammlungszimmer, eine Stiege hoch befinden sich die außerordentlich langen Schlafsäle, die wegen ihrer Größe und der Ventilationseinrichtungen je 75 Mann aufnehmen können. An jeden Schlafsaal stößt ein Schlafraum für den Aufseher, von wo aus er den Saal überblicken kann. In einem anderen Gebäude befindet sich die Badcstube mit äußerst practischen Einrichtungen, Douchen, Badewannen, auch Desinfectionskammer, ferner Werkstätten für Schreiner und Schuhmacher. Vorgesehen ist auch ein Jsolirzimmer für Kranke. Die Geräthekammer mit ihren mannigfaltigen Utensilien erregte die besondere Aufmerksamkeit, ebenso der Viehstall mit dem prächtigen Rindvieh. Diejenigen, welche sich trotz des rauhen Wetters auch einen Blick auf die Felder gestatteten, überzeugten sich, daß der Boden ertragsfähig ist, und wenn, wie beschlossen, die Drainirung in größeren! Maße erfolgt ist, sogar recht gute Ernte ergeben dürfte. Auch beweisen die schönen und zum Theil reich beladenen Obstbäume, daß dieser Zweig der Landwirthschaft hier oben eine Zukunft hat. Gegen 3 Uhr verfammelte sich die Gesellschaft im Speisesaal zu einem Gabelfrühstück, bei welchem der Freude über das gelungene Werk und der Hoffnung auf eine gedeihliche Weiterentwickelung der Colonie Ausdruck gegeben wurde. Verschiedene Toaste, voran der auf Se. Majestät den Kaiser und Se. König!. Hoheit den Großherzog von Hessen, ausgebracht von Herrn Polizeipräsident Hergenhahn, folgten sich. Auch des Jnspectors und seiner jungen Gattin wurde freundlichst gedacht, haben doch beide den günstigsten Eindruck auf die Anwesenden gemacht. Daß das große Verdienst des Herrn Vereinspräsidenten auf das Zustandekommen des schönen Werkes gebührend gewürdigt wurde, versteht sich von selbst. Ebenso wurde anerkennend gedacht des Herrn Pfarrer Dr. Stromberger und des Herrn Kreisbaumeister Schnitzel. — Die Wagen waren inzwischen vorgefahren und entführten die Gäste nach verschiedenen Richtungen dem Orte, der von nun an eine Art von Mittelpunkt der barmherzigen Liebesübung an unseren arbeitslosen Mitbrüdern bilden wird. Es ist Hoffnung vorhanden, daß zu den Gebieten, welche Neu-Ulrichstein ihre Arbeitercolonie nennen, sich vielleicht auch recht bald der Regierungsbezirk Kassel, wenigstens zum Theil, gesellen wird. Wie dem auch sei, eines steht fest: Soll Neu-Ulrichstein gedeihen, so darf der schöne Eifer, der sich für dies Werk allenthalben geregt hat. nicht erkalten. Es sei daher auch bei dieser Gelegenheit allen Menschenfreunden herzlich empfohlen.
Lokale-.
Gießen, 3. October. Unseren Lesern, soweit sie Mitglieder des Eisvereins sind, bringen wir in Erinnerung, daß Aenderungen in der Zahl der zu einer Mitgliedskarte gehörigen Personen, sowie Austrittserklärungen bis zum 15. October zur Kenntniß des Vorstandes gebracht werden müssen.
Handel MAS Werkrhr.
Gießen, 3. October. Auf dem heuttgen Markt kostete: Butter per Pfund X 1.15—1.20, Hühnereier pr. Stck. 6—7 Enteneier St. 0—0 Käse pr. St. 5—8 4$,
Käsematte 3—0 Erbsen pr. Liter 22 H, Linsen 32 H, Tauben per Paar 0,50 bis 0,60 H, Hühner per Stück X 0.85—1.30, Hahnen pr. Stück X 0.50—1.00, Enten per Stück X 1.40—1.70, Ochsenfleisch per Pfund 68—00 H, Kuh- und Rindfleisch 56—60 Schweinefleisch 50—60 H, Hammelfleffch 60—70 H, Kalbfleisch 48—50 X Kartoffeln per 100 Kilo X 3.00—4.00, Milch per Liter 12—16 Zwiebeln per Centner X 4.00-6.00.
Temperatur in Gießen.
September 1885.
Niederste 4- 2,0 °B.
Mittlere 4- 10,43 ,
Mittel früherer Jahre 4- 11,00 „
Höchste 4- 21,5 „
Niederschlag an 14 Tagen .... 1,58 Par. Zoll.
„ im Mittel früherer Jahre an 12 Tagen 1,75 „ „
Brodpreise
vom 4. bis 18. October 1885.
Auszug aus den Kirchenbüchern der Stadt Gießen.
Evangelische G e in e i n d e.
Getraute.
Den 26. September. Christian Friedrich Hüllsiek, Schriftsetzer zu Bonn und Katharine Belloff, Tochter des zu Beuern verstorbenen Landwirths Johann Jost Belloff.
Den 27. September. Ludwig Becker, Schreiner zu Gießen und Margarethe Luise Henriette Junker, Tochter des Schlossers Lndwig Junker zu Gießen.
Getaufte.
Den 27. September. Dem Dienstmann Carl Heil eine Tochter, Elise Katharine
Elisabeth, geboren den 22. August.
Denselben. Dem Schreiner Georg Beck Zwillingstöchter, Katharine Caroline und Elise Maria, geboren den 24. August.
Denselben. Dem Oeconomen Philipp Schwan I. Zwillingskinder, Wilhelmine Meta und Georg Wilhelm, geboren den 21. Juni.
Denselben. Dem Hilfsbremser Johannes George eine Tochter, Elfriede Philippine Johanna, geboren den 24. August.
Den 1. October. Dem Heizer August Giffey eine Tochter, Luise Marie Elise Frida, geboren den 28. August.
Beerdigte.
Den 27. September. Elisabethe Bellof, geb. Kern, Wittwe des Schäfers Christian Bellof, alt 77 Jahre, starb den 24. September.
Den 30^ September. Christian Wilhelm Platz, Schriftsetzer, alt 47 Jahre, starb den 27. September.
Den 3. October. Sophie Worms, geb. Haas, Ehefrau des Privatmanns Adolf Carl Worms, alt 75 Jahre, starb den 30. September.
Auszug aus deu Standesamtsregistern des Standesamts Gießen.
Aufgebote.
September: 26. Der Weichensteller an der Main-Weser-Bahn Johann Heinrich Feisel in Kleinlinden mit Anna Hinder, Tochter des verstorbenen Schäfers Adam Hinder von Günterod. 29. Der Stationsvorsteher der Cölbe-Laspher-Bahn Johs. Pfeil in Caldern mit Henriette Wilhelmine Luise Platt, Tochter des verstorbenen Schreiners Jacob Platt in Gießen. 30. Der Restaurateur Gustav Karl Hermann Wilhelm Gühlholz mit Gertrude Luise Friederike Wilhelmine Stammann, Tochter des Kaufmanns Carl Stammann in Lübz. 30. Der Schriftsetzer Otto Hermann Paul Ettel mit Katharine Friederike Georgine Auguste Karoline Löber, Tochter des Spenglermeisters Wilhelm Löber in Gießen.
Eheschließungen.
October: 2. Schuhmacher Balthasar Wacker mit Dorothea Hammel, Tochter des Schmieds Wilhelm Hammel in Gießen. 2. Kaufmann Johann Ludwig Hartmann mit Elisabethe Schlabach, geb. Schweiker, Wittwe des Kaufmanns Rudolf Schlabach in Gießen. 3. Dreher Emil Schneider mit Wilhelmine Jacobine Eimer, Tochter deS verstorbenen Schneidermeisters Ludwig Eiiuer in Gießen.
Geborene.
September: 23. Dem Kaufmann Edmund Wetter ein Sohn, Wilhelm Karl Johann Rudolf. 24. Dem Schuhmacher Heinrich Krug ein Sohn. 25. Dem Schlosser- meister Carl Flett eine Tochter, Bertha Marie. 26. Dem Gärtner Heinrich Eschinann ein Sohn, Heinrich Christian. 27. Dem Friseur Hermann Plank eine Tochter, Theodore Leopoldine. 28. Dem Schuhmacher Georg Appel ein Sohn, Wilhelm Martin. 28. Dem Güterexpeditor an der Oberhessischen Bahn August Zöckler ein Sohn. 29. Dem Major Freiherr Wilhelm von Follenius eine Tochter.
Gestorbene.
September: 25. Schuhmacher Jacob Rinn XV., 45 Jahre alt, von Heuchelheim. 25. Marie Koch, 36 Jahre alt, Ehefrau des Ludwig Anton Koch von Geilnau. 26. Schmied Jacob Weiß IV., 66 Jahre alt, von Steinberg." 27. Schriftsetzer Christian Platz, 47 Jahre alt. 28. Landwirth Jost Dern, 73 Jahre alt, von Langgöns. 29. Taglöhner Jacob Glockengießer, 35 Jahre alt, von Wetterfeld. 29. Philipp Becker, 7 Jahre alt, von Rodheim a. d. Bieber. 30. Ein unehelicher Sohn Heinrich August, 1 Monat alt. 30. Schuhmachergeselle Louis Hiebenthal, 40 Jahre alt.
der Bäcker $
1 Kgr. (2 Pfd.) Weißbrod . ... 27
2 ,, (4 Pfd.) Weißbrod .... 54
1 „ (2 Pfd.) Schwarzbrod 1. Sorte 24
2 „ (4 Pfd.) Schwarzbrot» 1. Sorte 48
1 „ (2 Pfd.) Schwarzbrod 2. Sorte 21
2 „ (4 Pfd.) Schwarzbrod 2. Sorte 42
3 „ (6 Pfd.) Schwarzbrod 2. Sorte
bei K. Haas, Johs. Lein, L- Keil 63
Gießen, den 3. Oktober 1885.
der Brodverkäufer H
1 Kgr. (2 Pfd.) Weißbrod .... 27 2 „ (4 „ ) ,, 54
1 ft (2 „ ) Schwarzbrod 1. Sorte 24
2 < (4 Pfd.) Schwarzbrod 1. Sötte 48
3 „ (6 Pfd.) Schwarzbrod 1. Sötte —
1 ff (2 „ ) Schwarzbrod 2. Sorte 21
2 „ (4 ) Schwarzbrod 2. Sorte 42
3 „ (6 „ ) Schwarzbrod 2. Sorte 63
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
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Tanz-Unterricht.
Dienstag den 2. November beginnt mein Tanzunterricht.
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