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Beilage ;u Ur. 29 des „Gießener Anzeiger".
Politiscbe Ueberficht.
Giefien, 3. Februar-
Die Zurückziehung de» von den elsässischen Abgeordneten gestellten Antrages auf Aushebung de» elsaß-lothringischen Dictatur-Paragraphen ist em Resultat, welche» den zweitägigen Reichstags-Verhandlungen über dlesen Gegenstand gerade nicht entspricht und man kommt da zu dem Schluß, daß der Reichstag seine Zeit wohl ein wenig bester hatte anwenden können. Im Uebn- aen können die Herren au» Ellaß-Lothringen zufrieden sein, ne haben es wenigsten» erreicht, daß die Derhältniste in den Reichslanden wieder einmal einer gründlichen parlamentarischen Erörterung unterzogen worden stnd, was ,a der Lba. Winterer selber anerkannte. Praktisch hat freilich die lange Discuffion über die Dinge in Elsaß-Lothringen nichts zu Tage gefördert, wenn man nicht die von freisinniger Seite angeregte Revision der gesammten elsaß-lothringischen Gesetzgebung als ein praktisches Resultat betrachten will; zu einer solchen durfte e» indessen noch nicht so bald kommen. Mit der am Freitag begonnenen ersten Lesung der beiden Novellen zum UnsalloersicherungS-Gesetz hat sich der Reichstag endlich wieder nothwendigeren Ausgaben zugewendet und ist nur zu wünschen, daß seine Arbeiten nunmehr weniger durch akademische DiScussionen ausgehalten
Bon den socialdemakratischen Abgeordneten ist der Entwurf eines ArbeiterschutzgesetzeL im Reichstage eingebracht worden Die m demselben enthaltenen Hauptsorderungen sind: Zehnstündiger NormalarbeitStag. L erbot bei Nachtarbeit — allerdings mit Ausnahmen — Verbot der gewerblichen Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren, obligatorische Einführung von Arbeitsordnungen in den Fabriken u. s. w. Außerdem wird die Errichtung eines Reichs-Arbeitsamte», von Arbeitsämtern, Arbeitskammern und Schiedsgerichten vorgeschlagen. , m r , . .. n
Die Commission für die Postdampf er-Vorluge hat die erste Lesung der Vorlage beendigt und diese mit 10 gegen 9 Stimmen unter Ablehnung der asrikanikanischen Lmie angenommen. Hiermit ist indessen über das weitere Schicksal der Dampfer-Vorlage im Plenum des Reichstages noch Nicht das Geringste gesagt, sehr günstig scheinen jedoch die Chancen sur dieselbe nicht zu stehen. Die Haltung des Centrums ist zum Mindesten sehr schwankend und wa» die Deutschsreisinniqen anbelangt, so ist für ihr voraussichtliches Votum der Umstand, daß sie lauter entschiedene Gegner der Vorlage in die Commisfion entsandt haben, wohl hinlänglich kennzeichnend; jedenfalls dürste das Schicksal derselben nur an wenigen Stimmen hangen. Au» den Verhandlungen der gedachten Commission ist noch als bemerkenswerth der Beschluß hervorzuheben, daß Reichstags.Abgeordnete sich weder als Eigenthümer noch als Theilhaber an den zu fubventionirenden Dampferlinien beteiligen dürfen.
Dem preußischen Abgeordnetenhause wird em Nachtrags-Etat zugehen, welcher eine Verstärkung de» Polizeiperfonais in Frankfurt a. M. und die finanzielle Sickerstellung der Hinterbliebenen des ermordeten Polizeiraths Dr. Rumpfs verlangt. Letzteren soll dem Vernehmen nach das volle Gehalt des gedachten Beamten auf Lebenszeit ausgezahlt werden.
lieber geplante neue Dynamit-Attentate liegen aus London mit aus Bern Mittheilungen vor. Das „Reuter'sche Bureau" meldet aus London, daß der Verwaltung des Britisch Museums die Benachrichtigung über em gegen dasselbe geplantes Dynamit-Attentat zugegangen sei, in Folge dessen die an dem Gebäude ftationirten Polizeimannschaften verstärkt und auch andere Vorsichtsmaßregeln getroffen worben seien. Aus Bern wird berichtet, baß ber Bundesrath einen in einer schweizerischen Stadt aufgegebenen Brief erhalten habe, in welchem angezeigt wird, daß der Bundespalast demnächst in die Lust gesprengt werden solle und sind zur Sicherung deffelben umsaffende Maßregeln getroffen worden. Vielleicht hat man es indessen in beiden Fällen nur mit einer Mystification zu thun Was den aus Riga gemeldeten Brand einer russisch-orthodoxen Kirche anbetrifft, so scheint man es hier ebenfalls mit einem Dynamit-Verbrechen zu thun zu haben, da es heißt, daß dem Ausbruche des Feuers eine Detonation vorausgegangen fei; wahrscheinlich haben hierbei die Nihilisten die Hand im Spiele.
Das dem österreichischen Abgeordnetenhause von der Regierung des Grafen Taaffe vorgelegte Socialistengesetz kann sich keiner großen Anerkennung von Seiten der öffentlichen Meinung des Donaustaates erfreuen. Wenigsten» äußern sich die liberalen österreichischen Preßorgane ziemlich abfällig über das Gesetz und ihnen schließen sich sogar die klerikalen Blätter an, welche die Besorgniß der ersteren thellen, daß die Socialisten-Vorlage zu polizellichen Willküracten führen könne. Die österreichischen Liberalen lieben es nun einmal nicht, der Regierung und ihrer in Oesterreich wenig beliebten Polizei außerordentliche Machtbefugnisse eingeräumt zu sehen und aus diesem Grunde betrachten sie auch da» Gesetz gegen die Socialdemokraten mit äußerst mißtraui
schen Blicken. Wa» dagegen die Ausnahme de» sog. Dynamitgesetzes anbelangt, so ist dieselbe eine wesentlich günstigere, weil die Besorgniffe vor den verruchten meuchelmörderischen Racheacten der Anarchisten im Volke allgemein verbreitet sind. — Die Zeitungs-Meldungen von Verhandlungen zwischen Oesterreich unb Rußland wegen Abschluß eine» Auslieferungs-Vertrages werden von der „Polit. Correfp." bementirt.
Die coloniale unb auswärtige Politik Italiens spielt in den Verhandlungen der italienischen Deputirtenkammer noch immer eine Hauptrolle. In der Sitzung vom letzten Donnerstag brachte der Deputirte Crispi den angeblichen englisch-italienischen Vertrag wegen Egyptens zur Sprache, beffen Existenz aber von Minister Mancini entschieden geleugnet würbe. Gleich - wohl rühmte jedoch Herr Mancini die Loyalität unb aufrichtige Freundschaft Englands, die Italien gestatte, behufs Erleichterung der englischen Aufgabe in Egypten eine Parallel-Action in Scene zu fetzen. Mancini setzte hinzu, daß er in dieser Action eine neue Garantie und Vervollständigung de» Programme» erblicke, welches den eigentlichen Zweck der Allianz Italiens mit den Central» Mächten bilde unb das er als ein Programm des Friedens bezeichnete. Es ist bemerkenswerth, mit welcher Gewandtheit der Leiter der auswärtigen italienischen Politik über die Frage hinwegzuschlüpfen versteht, inwieweit die Stellung Italiens zu Oesterreich und Rußland durch das offenbare Hand- in Hand-Gehen Italiens mit England in den egyptischen Angelegenheiten beeinflußt werde,, wie denn Herr Mancini unleugbar in hohem Grade die diplomatische Kunst versteht, in möglichst vielen Worten zu verschweigen, was man nicht sagen will.
Die entschiedene Stellungnahme der nordamerikanischen Reprä- sentativ-Körperschasten gegen die Anarchisten scheint in den leitenden Petersburger Kreisen mit besonderer Genugthuung empfunden zu werden. Anknüpfend an hie bekannte Kundgebung der Chicagoer Mostianer schreibt nämlich da» ossicwse „Journal de St. Pötersbourg": „So finden sich die Vereinigten Staaten von den Anarchisten selbst auf die Seite der Vertheidiger der Gesellschaft gedrängt, weich' Letztere sich ebensosehr wie die europäischen Rationen m ihrer Sicherheit unb ihrem ruhigen Genuß des Wohlstandes bedroht fühlt, an beffen Entwicke- lung jebe Ration nach Maßgabe ihrer Mittel arbeitet, und den keine einzige durch Leute gefährden laffen kann, deren einzige Devise die Zerstörung ist."
Au» Seffen, 30. Januar. Bet den Verhandlungen und Besprechungen über die Erhöhung der G etretdezölle ist auch die Frage: „Welche landwtrthschaft- ltche Betliebe rönnen Getreide verkaufen?" mehrfach in Anregung gebracht worden, über welche vielfach Unklarheit herrscht. Die «ufkläruvg dieser Sache tft aber nicht bloS wegen der Getretdezölle, sondern auch in vielen anderen Beztedungen von großer Wichtigkeit. Auf Grund einer sehr langjährigen Erfahrung, sorgfältiger Beobachtung und Berechnung kommen wir zu der Behauptung, daß die Betriebe unter zwölf Morgen Vr. — etwa 3 Hektaren, nur ausnahmsweise (bet günstigen ProductwnS- oerhältntssen, kleinen Familien, Gelegenheit, wohlfeilere Dinge zu erhalten und was der Art mehr ist) Getreide in geringen Quantitäten verkaufen können. Zur Begründung dieser Behauptung mag daS Folgende dienen'. Bet einem Betriebe von Morgen müsien zunächst abgesetzt werden 2 Morgen, welche al» Wiese, GraSgarten und HauS- garten dienern Di? übrigen 10 Morgen, welche als Ackerland benutzt werden pflege- tn der Regel fast durch ganz Deutschland, in der sogenannten Drei-Felderwlrthscha t mit bestellter Brache bebaut zu werden- ES werden also etwa 3'/s Morgen mit Winterfrucht, meist besonder« wegen deS Strohes, mit Roggen und, wo e« angeht, einem kleinen Stückchen Weizen U/t bis »/< Morgen) bestellt- Der Ertrag tn Körnern ist durchschnittlich 13-14 Etr. Roggen und etwa 2-3 Ctr. Weizen. Davon gehen ab alö Saalfrucht an Roggen 2V, Etr. und an Weizen"Utbtti also tum Verbrauche etwa 11 Ctr. Roggen und etwa» mehr ol« 2-2/» Etr. Wetzen. Stimmt man an, daß beim Verbacken so viel an Master zugesetzt wird alS an Kleie, und für den Müllerlohn abgeht, so hat die Familie jährlich 11 ober wenig mehr Brod zu verzehren, daS ist pro Tag nicht mehr als 3‘/3 Äund, wa« "tcht auSreicht. ES mutz also zum Brodkorn noch ein Zusatz von Gerste, Erbsen oder auch Kartoffeln gemacht werden. DaS Weizenmehl wtrd zum Verbacken an den hohen Festen (Weihnachten, Ostern, Pfingsten) und bet sonstigen festlichen Gelegenheiten (KtrmeS), l9Wte rum Kochen in der Haushaltung ebenfalls verbraucht. Zum Verkauf bleibt nicht» übrig. Da« zweite Drttttheil der Ackerfelder pflegt mit Hafer undi?"ste, Rachfrucht des WeizenS, bestellt zu werden. Der Ertrag an Hafer ist meist um dntn aertnaen Betraa ar öfter als bei Roggen, es geht aber für Saatsrucht ein entsprechend größerer Betrag ab ES bleibt daher für den Verbrauch ebenso viel übrig wie bet Roggen. ES kann daher bei gutem Ertrage, je nach dem Stande ber Vt^zucht, vielleicht etwa» verkauft und dafür Brodgetreide eingekauft ®£ben. ®trb aber, um genügendes Brodgetreide selbst zu habem die mtt Hafer bestellte Mche ktngeschrävkt unb statt Hafer mehr Gerste ober etwa« Sommerkorn gezogen, so ist auch kein Hafer zum Verkauf vorhanden. Außerdem muß tn Betracht gezogen werben, hafc ber Ertragi an ßafer tn kleinen Betrieben schon barum etwas geringer auSfallt al« In großen, weil der Klee für daS nächste Jahr unter den Hafer gefäet wird, die Hafersaat also dünner sein muß. Das dritte Drttttheil de« Ackerfeldes dient zum Anbau von Hackfrüchten (Kartoffeln, Bohnen, Futterrunkela, Weißkraut u- dergl-), von Klee, Futterpflanzen , Wicken) Delfaat, Lein u. s. w- und der Ertrag wird mit seltenen Ausnahmen ganz tm eigenen Haushalte verbraucht. DaS baare Geld, welche« dtese klttnm L.nbw rthe nöthig haben, müssen fte au« der Viehzucht dmch den Verkauf von Butter, Käse, Eiern Schweinen, Kälbern unb von Zeit zu ZeU von einem unb dem andern Stück Großvieh zu erlangen suchen. 1
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