Beilage ju Nr. 230 -es „Gießener Anzeiger".
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In Amsterdam ist es in den letzten Tagen wiederholt zu Ruhestörungen gekommen, die von soctalistischer Seite ausgingen. Es handelt sich hierbei augenscheinlich um — allerdings über den gesetzlichen Rahmen hinausgehende — Maffen-äundgebungen gegen das bisherige holländische Wahlgesetz, welches die höheren Klaffen auffallend begünstigt. Ob diese Kundgebungen zu einer Aenderung des holländischen Wahlsystems führen werden, ist vorerst zu bezweifeln.
Der kommende Sonntag ist für Frankreich ein wichtiger Tag denn an ihm finden zum ersten Male die Neuwahlen zur Deputirtenkammer nach dem System der Listenwahlen statt. Das erste Ergebniß derselben wird voraussichtlich eine noch nie dagewesene Stimmenzersplitterung sein. Die Pariser Radikalen haben sich nämlich über eine gemeinsame Liste nicht einigen können und existiren nicht weniger als vier radikale Listen, wobei cs außerdem noch eine besondere Liste der „Rölhesten der Radikalen", der Anarchisten, giebt. Es werden sich also ungemein zahlreiche Stichwahlen r.ölhig machen, deren AuSgang noch nicht im Entferntesten vorauszusehen ist, da nicht nur die gemäßigten Republikaner, sondern auch die Monarchisten ungewöhnliche Anstrengungen machen.
Aus Rom wird die Möglichkeit einer Veränderung im Cabinet Depretis signalisirt. Wenigstens erwähnen „Popolo Romano" und „Capitano Fracaffo", die Eventualität der Ernennung des italienischen Botschafters in Wien, des Grafen Robilant, welcher gegenwärtig auf Urlaub in Italien weilt, zum Minister des Auswärtigen.
In der Balkankrise ist eine gewisse Stagnation eingetreten, welche mit der in Sicht befindlichen Konstantinopeler Conferenz in einem unverkennbaren inneren Zusammenhänge steht. In der Zwischenzeit bis zum Zusammentritte der Conferenz oder vielmehr „Botschafter-Vereinigung" arbeiten die Diplomaten in Athen wie in Belgrad, wo man jeden Tag losschlagen möchte, auf die Beruhigung der Geister hin, ohne daß aber das kriegerische Fieber weder der Griechen noch der Serben sonderlich nachgelassen hätte. Mit einem gewissen Stoicismus steht die Pforte den Dingen in Ost-Rumelien gegenüber, wozu vielleicht einerseits der unter den albanischen Stämmen ausgebrochene Aufstand, anderseits der Wechsel im türkischen Mimstermm mit beitragen mag. In Bulgarien selbst scheint man auf Alles gefaßt zu sein. Männer von 18 bis 32 Jahren sollen sich für den erforderlichen Fall für den Freiwilligendienst bereit halten. Weiter wird aus Bulgarien berichtet, daß sich aus den gebildeten und besitzenden Klassen ein Special-Corps zur Erhaltung der Ordnung in den Städten biloet. Endlich meldet noch eine Depesche aus Philippopel, daß Fürst Alexander eine Deputation an den Sultan mit der Versicherung abgesandt hat, daß in der Provinz Ordnung und Ruhe herrschen. Der Bulgarensürst will offenbar die Brücke zwischen sich und Konstantinopel nicht ganz abbrechen und bei der Unsicherheit, welche noch über den Ausgang der ostrumeli- schen Schilderhebung herrscht, heißt dies nur weise gehandelt. — Unklar ist eine Depesche aus Bukarest vom 30. September, welche besagt, daß der Dampfer „Hildegarde" in der bulgarischen Donausestung Rustschuk Truppen landete, denn es ist nicht recht ersichtlich, was das für Truppen gewesen sein sollen. Uebri- gens ist die Bahn von Rustschuk nach Bazardschik ausschließlich für Militär- TranSporte reservirt.
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Die unerwartete Wendung, welche die Karolinenfrage durch die angerufene Vermittelung des Papstes genommen hat, bildet in der Presse noch immer den Gegenstand zahlreicher Kommentare. Unter Anderm hatte der „Hamb. Corresp." das Vermittleramt des Papstes als einen Act nur formaler Bedeutung charakterisirt und betont, daß inzwischen Dinge vorgegangen seien, welche man als eine factisch vollzogene directe Verständigung zwischen beiden betheiligteu Regierungen bezeichnen dürfe. Dieser Auffassung tritt die „Nordd. Allg Ztg." in einem Entrefilet entgegen, in welchem betont wird, daß, so befriedigend sich auch die Verhandlungen in der Karolinen-Angelegenheit bislang abgewickelt hätten, schon in Folge rein formaler Momente die Entwicklung noch nicht bis zu dem im „Hamb. Corresp." angedeuieten Punkte gediehen sei, denn vor Allem müsse erst die zweite spanische Rote beantwortet werden. Der Entwurf zu dieser Antwort liege aber noch dem Kaiser vor und werde voraussichtlich erstände dieser Woche nach Madrid abgehen können. Von einer factisch vollzogenen directen Verständigung könne also füglich noch keine Rede fein.
Im Donau-Kaiser-Staate sind die Wogen des parlamentari- fchen Lebens wieder entfesselt, und zwar haben sie zunächst im ungarischen Abgeordnetenhause sofort in die Mitte der brennendsten Tagesfrage, des großbulga- rischen Problems, geführt. Mit einer an Naivetät grenzenden Offenherzigkeit haben hierüber die Abgg. Jrany und Helsy ihre bekannten Interpellationen gestellt, welche Ministerpräsident Tisza dem Vernehmen nach dahin beantworten wird, daß er für seine Person keine Kenntniß von den Ereignissen in Philippopel gehabt habe und daß die letzteren in keinerlei Zusammenhang mit der Entrevue von Kleinster stünden. Das österreichische Abgeordnetenhaus muß dagegen, schon in Hinblick darauf, daß es neugewählt ist, eine Reihe geschäftlicher Formalitäten erledigen, die mit der an diesem Freitag stattfindenden Wahl des Präsidenten und des übrigen Bureaus ihren Abschluß erhalten.
Im Süden der Monarchie, namentlich in Tyrol, sind in Folge der regnerischen Witterung die Flüsse ausgetreten und haben nicht unbedeutenden Schaden angerichtet; auf verschiedenen Bahnlinien ist der Verkehr durch die Überschwemmungen gänzlich unterbrochen worden.
Auf das idyllische Stillleben, welches der Kaiser von Rußland am dänischen Hofe führt, ist plötzlich ein Schatten gefallen. Gerüchte von einem aus den Czaren im Parke des Schlosses Fredensborg versuchten Attentate gehen um, doch ist nichts Zuverlässiges hierüber bekannt, da auf fprciellen Wunsch des Czaren alle Nachforschungen und Untersuchungen geheim gehalten werden. Man weiß nur so viel, daß Kaiser Alexander während eines Spazierganges im Parke von einer sog. Teschingkugel getroffen wurde, welche Rock und Weste \ durchlöcherte, aber an der Uhr, welche der Kaiser in einer Seitentafche trug, •
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