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Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

<xA.iA sierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit vrinqn-j»^

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Amtlicher H6 ei l.

Gießen, am 31. August 1885.

Betreffend: Ermittelung der landwirthschastlichen Bodenbenutzung und des Ernteertrags im Jahr 1885.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grob herzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Mit Bezug auf unsere Verfügung vom 18. April l- I. erinnern wir Sie, soweit Sie noch im Rückstände sind, an die alsbaldige Berichterstattung über den Stand der Ernteaufnahmen.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberficht.

Gießen, 2. September.

DieNordd. Allg. Zeitung" veröffentlicht in der Karolinen-Frage einen gegen dieGermania" gerichteten Artikel, den wir seiner bemerkenswerthen Auslassungen halber hier vollständig wiedergeben. Der Artikel lautet:Die Germania" vom heutigen Tage reproducirl einen Artikel derKöln. Zeitung", in dem aus spanischen wissenschaftlichen Werken der Nachweis gesuhlt worden war, daßdie Frage, ob die geographische Wissenschaft in Spanien die Karo­linen-Inseln bisher als spanische Besitzung behandelt habe, nach allem (dem Ver- faffer des Artikels) zugänglichen Material unbedingt verneint werden muffe." Dazu bemerkt dieGermania":Es scheint, als ob die Gelehrten auch hier nicht einig wären. Thatsächlich hat Spanien die Insel Dab im westlichen Theile schon seit längerer Zeit im Besitze. Dies kann Deutschland mcht bestreiten, ebenso wenig, daß Spanien durch versuchsweise Entsendung von Colonieen und Missionen, wenn nicht julidijche, so doch sactische und moralische Rechte erwor­ben hat." Vor einigen Tagen hat dasselbe Blatt aus der friedliebenden ver­söhnlichen Haltung der deutschen Negierung Spanien gegenüber nichts weiter deduciren können, alses sei dies ein Beweis, daß die Ansprüche Deutschlands nicht über allen Zweifel erhaben seien." Es ist bezeichnend sür die Stellung derGermania" in deutschen Angelegenheiten, daß sie das einzige Blatt in der ganzen deutschen Presse ist, welches die Partei des Auslandes ergreift, und welches die Ruhe und Sicherheit, mit der Deutschland die Karolinen-Frage be- handelt indem es sich bereit zeigt, eine schiedsrichterliche Entscheidung darüber zu accepliren nicht als Beweis der Friedensliebe und Versöhnlichkeit unserer Politik auffaßt, sondern darin Veranlassung findet, die Rechtmäßigkeit unserer Sache anzuzweifeln. Die Haltung derGermania" überrascht uns jedoch nicht; denn dieGermania" ist überhaupt kein deutsches Blatt, sondern der Bundesgenoffe jedes, auch des frivolsten Angriffes aus das Ansehen und die Interessen Deutschlands. Die öffentliche Meinung wird voraussichtlich bald in der Lage sein, den Verdunkelungen derGermania" gegenüber die deutschen Rechtsansprüche in der Karolinen-Frage beurtheilen zu können; denn wir be­zweifeln nicht, daß rm Anschluß an die bisherige Behandlung der Colonialpolitik auch die Episode der Karolinen durch Veröffentlichung der darüber sprechenden Actenstücke dem allgemeinen Urtheile unterbreitet werden wird." Man darf einigermaßen gespannt daraus sein, was dieGermania" dem osficiösen Blatte aus dessen scharfen Angriff antworten wird.

Die Erhebungen über die Frage der Sonntags-Arbeit sind nunmehr im ganzen Reiche im Gange, und zwar wenden sich die Regie­rungen hiermit nicht nur an die Arbeitgeber, sondern auch an die Arbeitnehmer, um auch die Meinungen der letzteren zu hören. Wenn man den Aeußerungen einzelner Arbeiter-Führer glauben sollte, so verurtheilte man in Arbeiterkreisen einstimmig die Sonntagö'Arbeit; wenn man indessen Stimmen aus den letzteren selbst hört, so gelangt man zu der Ueberzeugung, daß ein großer Theil der Arbeiter durchaus nicht mit oer unbedingten Abschaffung der Sonntags-Arbeit einverstanden ist und hoffentlich werden die Regierungen bei ihren Erhebungen auch aus diese Stimmen gebührend Rücksicht nehmen. Daß man auf Seiten der soeialdemokratischen Parteileitung bestrebt ist, aus der Frage der Sonntags- Arbeit für die socialdemokratische Sache Kapital zu schlagen, erscheint begreif­lich ; umsomehr ist es aber Pflicht der Regierungen, die Arbeiter felbst zu hören, um darzuthun, daß sich die Anschauungen derselben in der beregten Frage nicht immer mit den Wünschen der socialdemokratischen Führer und Agita­toren decken.

Ein kürzlich erschienenes statistisches Handbuch sür Elsaß- Loth ringen enthält u. A. intereffante Daten über die Rationalitäts-Ver­hältnisse im Reichslande. Beispielsweise erfährt man, daß daselbst von den Gemeinden 72 pCt. dem deutschen, 24 pCt. dem französischen und 4 pCt. dem -gemischten Sprachgebiete angehören. Anders gestaltet sich jedoch das Verhältniß, wenn man jeden der drei reichsländischen Bezirke für sich in's Auge saßt. Da ergiebt sich, daß im Ober-Elsaß 85 pCt. und im Unter-Elsaß 95 pCt. der Ge­meinden auf das deutsche Sprachgebiet entfallen, dagegen in Lothringen nur 49 pCt. Günstiger ist das Verhältniß, wenn man nicht die Gemeinden selbst, sondern die Civilbevölkerunq betrachtet; von diesem Gesichtspunkte aus haben wir auch in Lothringen nicht Gleichgewicht, sondern sogar ein Ueberwtegen des deutschen; denn demselben gehören 52 pCt. an, gegenüber 28, resp. 18 pCt., bie dem französischen, resp. dem gemischlen Sprachgebiete angehören. Die Zahl 'oer Gemeinden endlich, die auf Grund des Gesetzes vom 31. März 1872 vom

Gebrauche der deutschen Sprache als Geschäftssprache dispensirt waren, betrug am 1. Januar noch 417 bei einer Gesammtzahl von 1698.

Hartington, der Minister für Indien im früheren englischen Cabinet, hielt am Samstag vor seinen Wählern in Waterfort (Lancashire) eine Rede, in welch r er die Ansicht aussprach, daß keine Partei die Forderungen Parnell's bewilligen werde. Wenn Parnell aus unmöglichen Forderungen bestehe und dem englischen Parlamente fortdauernd Schwierigkeiten bereite, um feine Forderungen zu erreichen, so werde man Mittel finden, diesem Beginnen ent­gegenzutreten. Das vereinigte Parlament in seiner Eigenschaft als Vertreter des Volkes könne ein Veto einlegen gegen Vorschläge, die für den Frieden, die Integrität und die Wohlfahrt des Reiches verhängnißvoll seien. Das klingt ja wie eine offene Kriegserklärung der liberalen Partei an die Parnelliten; welche Folgen dieselbe für die Liberalen haben wird, wird sich in den bevor­stehenden Neuwahlen zum englischen Parlament ja zeigen.

Die Aufnahme, welche das russische Kaiserpaar bei seiner Rückkehr von Kremsier in Kiew, der alten Residenz der ersten Beherrscher des Czarenreiches, gefunden hat, beweist wieder einmal, mit welcher Innigkeit in Rußland der gemeine Mann an seinem Kaiserhause hängt. Ueberall, wo sich der Kaiser und die Kaiserin zeigten, wurden sie von stürmischen Jubelrufen begrüßt; es war dies namentlich am Samstag der Fall, an welchem Tage die Llajestären im offenen Wagen eine Rundfahrt durch Kiew behufs Besichtigung mehrerer Lehr- und Wohlthätigkeits-Anstalten machten und wobei die dichtge­drängte Volksmenge das Kaiserpaar überall mit wahrhaft südländischem Enthu­siasmus begrüßte. Am Abend war die Stadt glänzend illuminirl; die für Samstag Vormittag angesetzt gewesene große Parade hatte des strömenden Regens halber noch in letzter Stunde abgesagt werden müssen.

Sir Drummond Wolff ist endlich am Samstag vom Sultan in feierlicher Audienz empfangen worden. Der außerordentliche Botschafter Eng­lands überreichte hierbei ein Handschreiben seiner Souveränin, welches den Wunsch, die guten Beziehungen Englands zur Türkei forterhalten zu sehen, aus- spricht, weiter daran erinnert, daß der Vater Abdul Hamid's der Freund und Alliirte Englands gewesen sei und schließlich die Hoffnung ausdrückt, der Sultan werde Mitwirken, in Egypten wieder Ordnung zu schaffen. In seiner Erwide­rung betonte der Sultan, daß er auf die Freundschaft mit England großen Werth (ege, auch sprach er seine Genugthuung darüber aus, daß man englischer­seits so strenge Rücksichten auf seine Rechte als Souverän in Egypten nehme. Er äußerte auch, daß er in einigen Tagen eine ober mehrere Personen bestim­men werde, mit welchen Drummond Wolff sich über die verschiedenen, Egypten betreffenden, Fragen derathen könne; er werde in Kürze Sir Drummond Wolff eine neue Audienz erteilen.

Aus dem japanischen Jnselreiche, und zwar aus Nagasaki, kommt die Kunde vom Ausbruche der Cholera. Ob sie daselbst selbstständig auftritt oder erst dahin verschleppt worden ist, erscheint noch ungewiß, doch dürfte wobl das Letztere cmrunebmen sein.

Deutschland.

Berlin, 30. August. Wider alles Erwarten veröffentlicht derReichs- Anzeiger" nun doch noch das Gesetz, betr. das Spiel in außerpreußischen Solle* rieen, welches in der vorigen Landtags-Session zur Annahme gelangte, aber bis jetzt nicht bekannt gemacht ward. An diese Verzögerung knüpfte man die An­nahme, daß die Regierung einen andern Gesetzentwurf über die Vermehrung der preußischen Loose ausarbeite, um diesen sodann im Verein mit dem obigen in Kraft treten zu lassen. Nunmehr gewinnt es den Anschein, als ob sich die Regierung scheue, in dieser Frage die Initiative zu ergreifen, und es lieber ab­warten will, bis ein Antrag auf Vermehrung der preußischen Loose aus der Mitte des Abgeordnetenhauses hervorgeht. Es ist bei der Berathung des Ge­setzentwurfs viel von Moral und der unwürdigen Einnahme, weiche her Staat aus der Gewinnsucht des Volkes ziehe, die Rede gewesen, und da mag man sich entscheidenden Orts wohl hüten, noch zur Verschärfung des hauptsächlich vorr ultramontaner Seite erhobenen Vorwurfs beizutragen. Wenn man aber die preußischen Lotterie-Loose nicht vermehrt, so wird die Wirkung des neuen Ge­setzes trotz seiner verschärften Bestimmungen eine ziemlich illusorische sein; dir Betheiligten werden sich von jetzt an einer größeren Vorsicht befleißigen, bas Spiel in fremden Lotterieen aber, so lange ihnen die preußische keine Loose liefert, darum nicht aufgeben. Eine ziemlich drückende Bestimmung erhält bec § 3, wonach die Veröffentlichung der Gewinn-Resultate von fremden ßotterieen in den in Preußen erscheinenden Zeitungen mit Geldstrafe bis zu 50 JC. bestraft.