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Rr. 102 Erstes Blatt. Sonntag den 3. Mai
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Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Erscheint ttgttch mit «n-imchm- bei lUwte«». SäVn$ 2 S!afr2® ?’• "VVTS*
” Durch bie Post bezogen vrertelzährlrch 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheil.
Betr.: Erhebungen über die Lage der Landwirthfchaft.
An
sämnttiiche Drlsgerichte des Amlsgerichisbezirks Gießen.
Damit wir im Stande sind, einer höchsten Weisung in Betreff der Erhebungen über die Lage der Landwirthfchaft nachzukommen, weisen wir Sie an, bei Einsendung von Akten über Zwangsversteigerungen und über Verpfändungen von Liegenschaften
1. den Stand, d. h. Beruf, Erwerb, Gewerbe des Schuldners anzugeben;
2. bei Hoftaithen die Höhe der Brandkassenversicherung;
3. bei Zwangsversteigerungen deren Ursachen resp. die Ursache der Nothlage, z. B. ungünstige Geschäfts- oder Guts-Uebernahme (Uebernahme eines übermäßig hohen Schuldenstandes, eines unverhältnißmäßig hohen Auszugs, übermäßiger Herausgabe rc.), übermäßig theuren Ankauf von Grundstücken, verfrühte oder sonst unbesonnene Eheschließung und Selbstständigmachung, ungenügendes Betriebscapital, Unkenntniß, Unfähigkeit, Unerfahrenheit, schlechte oder leichtsinnige Geschäftsführung, schlechte Felderbestellung, kostspielige Bauten und Gewerbeanlagen, verfehlte Speculation, Bürgschaftsleistung, Geschäftsverluste, Ausbleiben von Ausständen, Nachlässigkeit, Trägheit, Trunk-, Spiel- und Genußsucht, Lüderlichkeit, Leichtsinn, Verschwendung, Streit- und Prozeßsucht, ungünstige Erwerb- oder Geschästsconjunctur, Sinken der Preise, Brand, ungenügende Brandversicherung, Hagelschlag, Überschwemmung, Dürre, Viehsterben, Mangel an Arbeit und Verdienst, Krankheit, Krankheiten in der Famllie, mangelnde Unterstützung durch Familienangehörige u. s. w-;
4. bei Hypothekbestellungen der Entstehungsursache der Schuld: Darlehn, Bürgschaft oder Sicherheitsleistung oder sonstige Ursachen;
5. bei Zwangsversteigerungen anzugeben, ob die veräußerten Liegenschaften das gesammte liegenschaftliche Vermögen des Betreffenden sind oder ein Th eil und der wievielte ungefähr. Der ungefähre Theil ist in Bruchform zu bezeichnen (z. B. 1/2 oder Vs u. s. w.). Ist dies nicht möglich, so ist wenigstens zu sagen, ob es der größte oder ein geringer oder ein unerheblicher Theil der gesammten Liegenschaften ist.
Gießen, 27. April 1885.
Großherzogliches Amtsgericht.
______________________________________________________Langsdorfs.______________________________ Gefunden r 2 Glacehandschuhe, 1 Armband, 1 Taschenmesser, 1 Taschenuhr, 2 Schulbücher, 1 Trauring, 1 Regenschirm.
Gießen, am 2. Mai 1885. Großherzogliches Poü'zeiamt Gießen.
I. V-: Kraemer.
Aeutschkarrd.
Darmstadt, 2. Mai. Die Abreise Ihrer Maj. der Königin Victoria und Ihrer Königl. Hoheit der Prinzessin Beatrice, sowie Ihrer Großh. Hoheit der Prinzessin Victoria, Prinzessin Ludwig von Battenberg, über Vlissingen nach England fand gestern Abend 10 Uhr mit Extrazug statt.
Ihre Kaiserl. Hoheiten der Großfürst und die Großfürstin Sergius werden noch bis nächsten Dienstag hier verweilen und an diesem Tage die Rückreise nach Petersburg antreten.
Berlin, 1. Mai. Am gestrigen Tage fand eine Plenarsitzung des Bun- desraths unter dem Vorsitz des Staatsmimsters, Staatssecretärs des Innern, v. Bötticher statt. Der Vorsitzende legte eine Mittheilung des Präsidenten des Reichstags über den Beschluß des Reichstags zu der Petition des früheren Holzhändlers Signol zu Faxe in Lothringen um Ersatz des ihm bei Abschluß von Holzankaufs'Geschäften mit der deutschen Civilverwaltung zu Nancy erwachsenen Schadens vor. Dieselbe wurde dem Ausschuß für Justizwesen und dem Ausschuß für Rechnungswesen überwiesen. Vorlagen, betr. die zu Rom am 4. April er. unterzeichnete Meistbegünstigungs - Convention mit Birma und den Entwurf einer Verordnung über die Cautionen der Zahlmeister des Reichsheeres, sowie ein Antrag Badens, betr. die Ermittelung des Nettogewichts des mit dem Ansprüche auf Steuervergütung in Kisten ausgehenden Kandiszuckers, wurden ebenfalls den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Nachdem noch über die Verzollung im Veredelungsverkehr eingesührter ostindischer Bastroben Beschluß gefaßt und dem Ausliefungsvertrag zwischen dem deutschen Reich und Rußland die Zustimmung ertheilt woroen war, wurde die Sitzung mit der Vorlegung von Eingaben verschiedenen Inhalts geschlossen.
Stuttgart, 1. Mai. Nach aus Nizza eingetroffenen Nachrichten ist die Königin von dort abgereist und hält sich gegenwärtig in Paris auf. Der König reist am 4. d. Mts. von Nizza ab und begiebt sich zunächst nach Stresa am Langensee; die Rückkehr hierher erfolgt zu Pfingsten. Der König litt während des Winters weniger als früher an Katarrhen und Athmungsbeschwerden md blieb ebenso frei von Fiebererscheinungen. Die neuralgischen Beinschmerzen sreilich sind wesentlich unverändert; der König bedarf deshalb noch sehr der Schonung.
England.
London, 1. Mai. Die „Daily News" constatirt, daß bisher weder von Rußland an England, noch von England an Rußland ein Ultimatum gerichtet mrden sei. Die englische Regierung habe nicht von Port Hamilton Besitz erg.riffen; der Umstand, daß ein englischer Kreuzer in der Nachbarschaft des ha.sens weilt, habe wahrscheinlich zu dem Gerüchte von der Besetzung Veran- lafiung gegeben.
— Der „Standard" erfährt, die englische Regierung habe eine Note erlassen, in welcher der Vorschlag gemacht wird, die Frage, ob Rußland das Abkommen vom 17. März verletzt habe, dem Schiedssprüche eines der gekrönten häuipter Europas zu unterbreiten. Zur Erwägung dieses Vorschlags werde ein Mimsterrath in Gatschina stattfinden.
— Die Admiralität hat weitere 9 große Dampfer gemiethet, von denen
jeder über 1000 Mann transportiren kann- Es verlautet, der Bestimmungsort der Truppen werde nur in versiegelten Ordres bezeichnet werden.
E. R. Berlin, 1. Mai. fReichstag.f In der heutigen Sitzung des Reichstags wurde noch eine Nachlese der zweiten Berathung des Zolltarifs vorgenommen, , die insofern einen freundlicheren Eindruck machte, als es-dabei zu weiteren Zollerhöhungen nicht gekommen ist.
Der Antrag der Abgeordneten Loewe und Dr. Bamberger, betreffend eine andere Classification der Zölle auf Wollgarn und die Form der zollamtlichen Abfertigung, wurde nach den Vorschlägen der Commission angenommen; es hat dies den Effect, daß einfaches Genappes-, Mohair- 'und Alpaccagarn in gefärbtem und ungefärbtem Zustande, ferner dublirtes ungefärbt, das bisher mit 8 verzollt werden mußte, nunmehr einem Zoll von 3 unterliegt.
Der Antrag der Abgeordneten v. Fischer und Stöcker, den Zoll für gepreßte Hornknöpfe von 30 auf 120 per 100 Kgr. zu erhöhen, wurde mit dem Vorbehalte, ihn bei der dritten Lesung des Tarifs wieder einzubringen, zurückgezogen, nachdem seitens einetz Regierungscommissars erklärt worden, daß die Reichsregierung auf diesen Antrag nicht vorbereitet sei.
Die Anträge auf Erhöhung der Zölle für Leder und Lederwaaren wurden gleichfalls zurückgezogen und eine Resolution, in der eine Enquete über diese Materie verlangt werden soll, für die dritte Lesung anaekündigt. Damit ist die materielle Berathung des Zolltarifs in zweiter Lesung beendet, bei'welcher Gelegenheit Abg. Brömel die bemerkenswerthe Thatsache conftatirte, daß der Antrag auf Einführung eines Kohlenzolles seitens des Abg. Merbach lautlos zurückgezogen sei.
Der Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung des Zolloereinigungsvertrags vom 8. Juli 1867 wurde zur Vorberathung an eine Commission verwiesen; es handelt sich hierbei um die Ausschließung der mit einem höheren Zollsätze als 3 JL für 100 Kg. belegten ausländischen Erzeugnisse von der staatlichen und communalen Besteuerung, welche Bestimmung nunmehr bezüglich Mehl und anderer Mühlenfabrikate, sowie Backwaaren, Fleisch und Fett eingeführt werden soll.
Der Antrag, die Steueroergütung für Zucker betreffend, wurde zur Vorberathung an eine Commission verwiesen; dagegen fand das Gesetz über den Schutz des zur Anfertigung von Neichskassenschemen verwendeten Papiers gegen unbefugte Nachahmung die Annahme des Hauses.
In der zweiten Berathung des Gesetzes über die Ausdehnung der Unfall- und Krankenversicherung auf die Transportgewerbe und Betriebe wurde in den bisher verhandelten Paragraphen 1—12 mit unwesentlichen Abänderungen nach den Beschlüssen der Commission angenommen. c .
Eine ziemlich heftige Auseinandersetzung fand zwischen dem Staatssecretar v. Bötticher und dem Abg. v. Maltzahn-Gültz einerseits, sowie den socraldemo- kratischen Abgeordneten Kayser und Auer anderseits statt. .
Den Socialdemokraten wurde bei dieser Gelegenheit vorgeworfen, daß sie flch an den Arbeiten der Commissionen nicht nur nicht genügend bethelligten, sondern auch ein ziemlich mangelhaftes Studium der Gesetzesvorlagen erkennen laßen.
Dafür revanchirte sich Abg. Auer mit der Behauptung, daß dre Conservattven in ihrer Vollsbeglückung den Aufenthalt hier zu einem Raubzug Men das Volk benutzten, eine Aeußerung, die dem Redner einen Ordnungsruf des Präsidenten eintrug.
Telegraphische Depeschen.
Wolff s telegr» Correspondenr - Bnrea«.
Berlin, 1. Mai. Das Herrenhaus erledigte heute nach unerheblicher Debatte mehrere kleinere Vorlagen und Petitionen, sowie^die Denkschrift über den Belagerungszustand in Bielefeld. — Für morgen ist die Secundärbahn - Vorlage auf die Tagesordnung gesetzt. t v _
— In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde bei der Fortsetzung der Berathung über den Auttag Huene der 8 2 desselben in der von der Commission


