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2.7.1885 Zweites Blatt
 
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-rr 1^0 Zweites Blatt Donnerstag den 2 Juli 1885

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

iWwretm t SchulOrahe 7. Erscheint täglich mit Avsnsbme des Me-ntag-. BreiO vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohv

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Politische Uebersicht.

Gießen, 1. Juli.

DerJntransigeant", bekanntlich das Organ Rochefort'S, bringt die vorerst noch unverbürgte Mittheilung, daß Olivier Pain. derKanzler" des Mahdi, ermordet worden sei. Rochefort, von welchem Die Nachricht mitgetheilt wird, will dieselbe von einem aus Egypten zurückgekehrten Freunde erfahren haben und glaubt Rochefort, daß her Mord in Folge Anregung des englischen Obersten Schmidt erfolgt sei (?). Olivier Pain hätte Debbeh verlassen gehabt und wurde nicht im Sudan, sondern in Egypten ermordet. Die Ermordung des in der Geschichte des sudanesischen Ausstandes öfters erwähnten Vertrauten des Mahdi wäre insofern ein beklagenswerthes Ereigniß, als Olivier Pain seinen Einfluß bei seinem Herrn und Meister wiederholt und mit Erfolg zu Gunsten der von den Rebellen gefangenen Europäer verwendet hat. In Lyon, dem Hauptsitze der französischen Seiden-Jndustrie, befürchtet man eine Arbeitseinstellung der Seiden weder. Am Sonntag fand eine Versammlung von 10,000 Seidenwebern statt, das Comitö derselben ist voi läufig mit den Fabrikanten in Verhandlungen eingetreten.

Der canadiensische Auf st and kann jetzt im Allgemeineu als been­digt betrachtet werden. Einem Telegramm d s Generals Middleton zufolge sind die Wood- und Cree-Jndianer von dem HäuptlingBig Bear" (Großer Bär) abgefallen, haben Mr. M'Lean und alle übrigen Gefangenen mit sich genommen und befinden sich nach -Fort Pitt unterwegs, um sich zu ergeben. General Middleton hat auf die Verfolgung desBig Bear" verzichtet und ist nach Fort Pitt zurückgekehrt, da Hunger und der Mangel an Anhängern den genannten rebellischen Häuptling wohl ohnehin bald zur Unterwerfung zwingen werden. In Fort Pitt concentrirt General Middleton die canadischen Truppen als Vor­bereitung für deren Heimkehr. Sie werden sich zu Waffer nach Winnipeg be­geben, wo den Truppen ein öffentlicher Empfang zu Theil werden soll. In allen wichtigeren Stationen im Nordwesten sollen Garnisonen zurückgelaffen wer­den. Außer Riel wird noch 60 andern Angeklagten der Proceß für Vergehen in Verbindung mit der letzten Rebellion gemacht werden.

In der spanischen Hauptstadtcriseü" es nach fort. Ein Tele­gramm aus Madrid vom 28. Juni besagt, daß die Gerüchte von einer mintste- riellen Crisis sortdauerten und meldet gleichzeitig, daß in Madrid am Samstag abermals zwei Cholera-Todesfälle constatirt worden seien. Ob Letzteres mit den fortdauernden Gerüchten über eine bestehende ministerielle Crisis in Verbin­dung zu bringen ist, mag dahingestellt bleiben, jedenfalls bereitet die Cholera- Epidemie dem Ministerium Canooas del Castillo ernste Verlegenheiten. Die jüngsten tumultuösen Vorgänge in Madrid, anderseits'die Abreise der Minister Canovas del Castillo und Römers nach Murcia, dem Hauptheerd der Cholera- Epioemie, sprechen deutlich dafür. Beide Minister weilen noch immer in Murcia und gewinnt es fast den Anschein, als ob sie nur deshalb mit der Rückkehr nach der Hauptstadt zögerten, um die in derselben herrschende Erbitterung gegen das Ministerium sich etwas legen zu lassen. König Alfonso, welcher durch höhere politische Rücksichten bestimmt worden ist,,die Reise nach Murcia auszu­geben , richtete an den Gouverneur dieser Stadt folgendes Telegramm:Ich danke der Bevölkerung für ihre enthusiastische Adresse und möchte jene wissen lassen, wie peinlich es für mich ist, die fürchterlichen Prüfungen, welche ihr aus­erlegt sind, nicht theilen zu können."

Das Cab inet Salisbury scheint entschlossen zu sein, in Egypten eine wenigstens etwas thatkrästigere Politik zu verfolgen, als Gladstone. WieStan- dard" schreibt, beschäftigt sich die Regierung demnächst mit der durch die Räu­mung Dongolas geschaffenen Lage und dürfte di? Negierung die Wiederbesetzung dieses wichtigen Platzes beschließen. Freilich, eine kräftigere Offensive oder viel­mehr eine Wiederaufnahme der militärischen Operationen der Engländer im Süden Egyptens wäre nur dann möglich, wenn die englischen Streitkräfte in Egypten nicht weiter reducirt werden, dies scheint aber doch beabsichtigt zu sein. Es wird nämlich.aus Kairo berichtet, daß die Garde-Infanterie-Brigade dem­nächst nach Cypern abgehen solle, um im Troodos-Gebirge ein Lager zu errichten. Ferner soll das zur Zeit noch in Kairo garnisonirende schottische Infanterie Regiment in Suez ein Lager beziehen, was daraus schließen ließe, daß dasselbe zur baldigen Rückkehr nach England bestimmt ist.

Univerfitäts - Chronik.

An der Universität Berlin wird ein. Lesesaal für die Docenten und Pro- fesforen eingerichtet werden, in welchem alle Erscheinungen, welche für die akademischen Krme von Interesse sind, ausgelegt werden sollen. Die Universitätsbehörde glaubt datz Verleger und Verfasser im eigenen Interesse ihre Bücher unentgeltlich hergeben werden, so daß bte Kosten der neuen Einrichtung sich niedrig beziffern werden. Für dre Studentenschaft besteht in derAkademischen Lesehalle" seit länger als einem Jahr­zehnt eme Entrichtung, wie sie nunmehr für die Lehrerschaft hergestellt werden wird

. Dem ordentlichen Professor in der juristischen Fakultät der Universität'zu raoi-bcn er$' ®a$n' der Character als Geheimer Justizrath verliehen

. 3)6111 Vernehmen nach soll auf den durch denTod des Prof. Dr. Trumpp

m München erledigten Lehrstuhl für orientalische Sprachen und Literatur der Sec- retar an der Staatsbibliothek und Privatdocent Dr. Hommel berufen werden

. i In Stellvertretung des geistlichen Rathes Professor Dr. Schegg in München wrrd Professor Wirthmüller dessen Vorlesungen fortsetzen.

An Stelle des nach Leipzig berufenen Professors Dr. Wislicenus ist der Professor Dr. Wallach in Bonn vom Senat der Universität Würzburg in Vor­schlag gebracht worden.

Prof. Dr. Koch hat nach seiner Rückkehr aus Rom nach Berlin seine ganze Thätigkeit der Einrichtung des Hygienischen Institutes zugewandt. Dieselbe ist zwar noch nicht vollständig abgeschlossen, aber doch schon soweit gediehen, daß es Professor Koch tnöglich ist, schon am 1. Juli seinen ersten Eursus, ivelcher für praktische Aerzte bestimmt ift; in dem neuen Institut in der Klosterstraße 31t beginnen.

In Wien starb am 19. Juni der Primararzt im allgemeinen Krankenhause und Docent an der Universität, Dr. Isidor Hein, im 45. Lebensjahre. Er war als geschickter Arzt sehr beliebt und als Fachschriftsteller sehr geschätzt. Im vorigen Jahre betheiligte er sich an den Berathungen über prophylaktische Maßregeln gegen die Cholera.

.In Genf starb Dr. I. I. L. Segond, Professor der Theologie, im 75. Lebeitsiahre. Er machte 1873 eine Reise nach Palästina, deren Eindrücke er in Etrennes regilieuses veröffentlichte; er übersetzte Schleiermacher'sMonologen", das alte Testament und 1880 auch das neue.

Setmifcfctct»

Darmstadt, 26. Juni. In der Sitzung der zweiten Kammer vom 6. Mai l. I. hatte der Herr Abgeordnete Büchner bei Erwähnung verschiedener in dem Zuchthaus Marienschloß angeblich bestehender, von Seiten des Regiertmgsvertreters bestrittener Mißstände u. a. auch die Behauptung vorgebracht, daß ein Sträfling nach einer ihm ertheilten körperlichen Züchtigung in die Irrenanstalt Hofheim gebracht worden und dort in Folge der Prügel gestorben sei. Wie sich atts dem nunmehr vorliegenden stenographischen Protokolle ergibt, ging die Behauptung anfänglich dahin, daß der Todzum Theil in Folge der körperlichen Züchtigung" eingetreten sei; wurde aber später auf eine Anfrage des Herrn Abg. Arnold von dem Herrn Abg. Büchner in der allgemeinen Fassung aceeptirt, daß der betreffende Sträflingin Folge der Prügel" gestorben sei. Die eingeleiteten Ermittelungen haben inzwischen ergeben, daß der hier fragliche Hergang einen Strafgefangenen betroffen hat, der am 23. April 1857 wegen Mordversuchs von dem Assisenhof der Provinz Starkenburg in chic Zuchthausstrafe von 8 Jahren verurtheilt wurde und am 1. November 1858 im Zuchthause eine Dis- ciplinarstrafe von 10 Geißelhieben erlitt. Erst zwei Jahre später, am 16. November 1860, wuxde dieser Sträfling, dessen Verhalten in der Strafanstalt einige Zeit nach seinem Eintritte in dieselbe zur Annahme geführt hatte, daß er eine Geisteskrankheit simulire, wegen constatirter Geistesstörungen- in das Landeshospital Hofheim verbracht. Hier erkrankte er laut Krankenjournal im September 1861 anrechtsseitigem pleuri- tischen Exsudat" tind starb laut Sectionsbericht in Folge von pleuritis chronica (chroni­scher Brustfellentzündung).

Durch-das mitgetyeilte aktenmäßige Material ist dargethan, daß die Behauptung des Hörnt Abg. Büchner, der in Rede stehende Sträfling seiin Folge erlittener kör­perlicher Züchtigung verstorben", tatsächlich unrichtig ist. Im Ueorigen aber glauben wir uns auf den Hinweis beschränken zu sollen, daß es sich hier um Vorgänge handelt, die über 26 Jahre zurückliegen und daß die Diseiplmarstrafe der körperlichen Züchtig­ung in den Strafanstalten des Großherzogthums seit dem Jahre 1878 mit Ge­nehmigung Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs außer Gebrauch gesetzt worden ist. (D. Z.)

Bingen, 25. Juni. Das nunmehr endgiltig festgesetzte Programm für das hier stattfindende amerikanische Schützenfest besteht aus folgenden Punkten: Freitag den 3. Juli: Officieller Empfang der ankommenden Mitglieder und Gäste an den Bahnhöfen und Dampfbooten durch das Arrangements-Comitö. Nachmittags 4 Uhr: Weinproben - bei der Firma Weber u. Comp. in New-Aork in deren Kellereien zu Bingerbrück. Abends großes Promenaden-Coneert. Am Hauptfesttage, Samstag den 4. Juli, früh: 109 Böllersalven zur Feier des 109. Jahrestages der Unabhängigkeitserklärung, hierauf Reveille und Zug durch die Stadt nach der Schützenhalle aus dem Rochusberg. Der Beginn des Vogelschießens ist auf 10 Uhr, des Festbanketts auf 5 Uhr Nach­mittags festgesetzt. Das Bankett erhält noch eine besondere Weihe durch die Anwesenheit des Dichters Emil Nittershaus, welcher den Toast auf die Vereinigten Staaten aus­bringen wird. Nach Schluß des Banketts Krönung des Schützenkönigs, großes Feuer­werk auf dem Rhein, bengalische Beleuchtung des Nationaldenkmals und später Festball. Sonntag den 5. Juli: Morgen-Concert, Nachmittags Ausflug nach dem Niederwald und Abends großes Coneert im Hauptquartier. Montag den 6. Juli: Rheinfahrt nach Coblenz und zurück mittelst Extraboot, Abends italienische Nach: im Hauptquartier. Dienstag den 7. Juli: Besuch des Karl Gräff'schen Etablissements und damit Schluß der officiellen Festlichkeiten.

(Der arme Weg0Diesem Wege ist das Fahren bei Strafe ver­boten." Solches steht wirklich zu lesen nicht etwa in denFliegenden Blättern", sondern auf einer Warnungstafel in Gießen, hundert Schritt hinter der neuen Aula.

Literarisches.

Eine Probenummer der beiden BlätterDie gefiederte Zeitschrift für Vogelliebhaber, -Züchter und -Händler und »Isis", Zeitschrift für alle natur­wissenschaftlichen Liebhabereien, herausgegeben von Dr. Karl Ruß in Berlin, sendet die Creutz'sche Verlagsbuchhandlung (R. und M. Kretschmann) in Magdeburg, in einer Auflage von je 100,000 Exemplaren aus, um den beiden Zeitschriften eine entsprechende allgemeine Verbreitung zu verschaffen. Erwägen wir, in welcher thatkräftigen Weise hier der Vogelschutz, die Vogelpflege und Vogelzüchtung und dort das Kennenlernen und Sammeln aller Naturgegenstände, die Pflege aller naturgeschichtlichen Liebhabereien gefördert wird, so können wir nur wünschen, daß beide Zeitschriften noch viel weitere Verbreitung in allen Bevölkerungskreisen als sie solche bisher bereits gewonnen haben, finden mögen.

Handel und Verkehr.

Frankfurt, 29. Juni. (Getreide-Preise.) Weizen eff. hiesiger u. Wetterauer JL 18,oO18,75, fremder <X 18,5019.00, Roggen eff. hies. JL 15,2515,50, fremder JL 15,25-15,75, Gerste effectiv hiesige und Wetterauer JL 00,0000,00, fremde 00,00-^00,00, Hafer eff. hies. JL 15,25-15,75 fremder JL 15,2516,00. Rüböl, eff. ohne Faß hies. in Parthien von 50 Ctr. JL 28,00. Branntwein eff. ohne Faß JL 38.

Frankfurt. 29. Juni. Der heutige Viehmarkt war stark befahren. Ange­trieben waren 322 Ochsen, ca. 15 Bullen, ca. 358 Kühe und Rinder, ca. 259 Kälber. Die Preise stellten sich: Ochsen 1. Qual. JL 6567, 2. Qual. JL 5860, .Kühe und Rinder 1. Qual. JL 5758, 2. Qual. «X 4852, Kälber 1. Qual. JL 5055,2. Qual. JL 4045 per 100 Pfund Schlachtgewicht.

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