Rr. TS, Erste« Blatt Donnerstag den 2. April 1883
Gießener Anzeiger
Amts- iinb Auzeigeblatt für den Kreis Gießen.
•**“*' -chulst.-r- T. Erscheint täglich mit des Montage. M°a^Ps.
Darmstadt, 31. März. Se. Excellenz Herr Staatsminister Finger und Herr Ministerialpräsident Weber sind zestern nach Berlin abgereist, um Sr. Durch!, den Fürsten Bismarck zur Feier seines 50jährigen Dienstjubiläums zu beglückwünschen.
Berlin, 30. März. Der Reichskanzler hat bestimm t, daß aus der in Folge des bekannten Reichstagsbeschlusses vom 15. December v. Js. gesammelten Ministerialdirector-Spende eine Stiftung gebildet werden soll, aus welcher bedürftige Beamte des auswärtigen Amtes alljährlich mit 100 JL zu unterstützen sein würden.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Corresponderrz-Bureau.
Berlin, 31. März. Bet dem morgigen Geburtstage Bismarck's wird der Kaiser mu den Prinzen des Königshauses persönlich seine Glückwünsche überbringen. Den Abendz-itungen zufolge würde der Kaiser eme nach den Zeichnungen deS Herolds- amtS gefertigte goldene Fürstevkrone als persönliche Gabe widmen, der Bundesrath und daS preußische Staatsministerium gratultren Bismarck morgen 11 Uhr. Namenü des BundeSralhS spricht StaatSm'Mster Lutz. Um I21/a Uhr erscheinen die hier anwesenden activen Generale unter Führung oeS cowmandtrenden Generals des Garde- CorpS, Pape. Die ChrfS und Angehörigen der ReichSämter erscheinen persönlich nur, Insoweit sie M tglteder des Bundesraihs sind; die übrigen geben Karten ab. Schon von den M'ttagSstunden an sind alle Straßen, durch welche der Zug der Krtegeroeretne und der Fackelzug seinen Weg nimmt, außerordentlich Hebt. In den reichgeschmückten Schaufenstern sind Büsten Bismarck's aufgestellt, tn der Wtlhelmstraße und den benachbarten Straßen ist vielfach geflaggt. In der ganzen Stadt ist ein festlich bewegtes Treiben. Viele Tausende von Fremden sind eingetioffen. Der F^stzug der Krtcger- vereine ist soeben beendet und glänzend verlausen.
— Der Zug der Krtegeroeretne ist bet prachtvollem Wetter glänzend verlausen. Er umfaßte nahezu 4000 Mann. Um 3 Uhr marschiere der Zug vom Versammlungsort («rttllernkaserne) am Kupfergraben ab, an der Spitze daS älteste Veteranenkorps mit der Fahne aus den Jahren 1813 und 1814. Vor dem Kaiser Palais machte der Zug Halt, brachte dem am Fenster stehenden Kaiser em begeistertes Hoch und sang eie Nationalhymne. Bald nach halb 4 Uhr langte der Zug vor dem PalatS deS Reichskanzlers an, warschtrte vor demselben auf und präsenutte. Alsdann rückte der Fahnen- zug m t 70 Fahnen in den Hof deS Palais. Der Vorsitzende des VerbandeS, Gustav Müller, hielt eine Glückwunsch - Ansprache an den Reichskanzler, der im Portal erschienen war; die Rede schloß mit emem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Reichskanzler. Dieser erschien darauf im Hofe und dankte in herzlichster Weise. Alsdann erfolgte der Abmarsch nach dem Denkmal auf dem Kreuzberge, wo die Feier mit Ab- singung der Volkshymne und begeistertem Hoch auf den Kaiser schloß.
— Der Fackelzug zu Ehren deS Fürsten Bismarck ist auf's Glänzendste verlaufen. Der Vorbeimarsch dauerte Über eine Stunde. Der Kaiser verblieb während d'sselben mit den andern Mitgliedern des kaiserlichen Hauses an dem Fenster deS Palais, vom Publikum und den Thetlnehmern des Zuges ununterbrochen enthusiastisch begrüßt. Bismarck stand während deS Vorbeimarsches deS ganzen Zuges am Fenster, von der dichtgedrängten Volksmenge sympathisch begrüßt- Nach dem Fackelzug fand rin Commers statt, welcher programmmäßig verlief. In den Worten, womit der Reichskanzler den Kriegerveretnen bet deren Aufzug seinen Dank aussprach, hob derselbe hervor, daß alle das Band gemeinsamer Arbeit im Dienste des Vaterlandes verbinde. Mein Rath wurde ersprießlich durch Ihre That. Wir Haden miteinander zu Stande gebracht, daß die Pol t«k des Kaisers verwirklicht wurde. Ich bitte Sie, auf Se. Majestät und fein ruhmreiches Heer ein dreifaches Hoch auSzubringen.
— Die „R. Allg. Z." meldet: Die Majestäten und königlichen Prinzen und Prinzessinnen haben sich vereinigt und machen BtSmaick zum Geburtstag mit der Kaiser- proclamat'on zu Versailles, von Anton Werner gemalt und von einem überaus kostbaren Rahmen umgeben, ein gemeinsames Geschenk.
Berlin, 31. März. Leopold Ranke empfing Morgens, umgeben von seiner gelammten Familie, anläßlich seines 60jährigen Professoren-Jubiläums eine Deputation des Magistrats und der Stadtverordneten unter Führung Forckenbeck's und Sttaß- mann's, w.lche den Ehrenbürgerbrief Berlins überreichte. Der CultuSmtntster überbrachte dem Jubilar den Stern als Großkomthur des Hohenzollernordens und überreichte gleichzeitig die Glückwünsche des gesammten Staatsministeriums. Außerdem erschienen D-putattoaM der Universität und der Commission für die Herausgabe des „Monumenta germaniae“. Später beglückwünschte Prinz Friedrich Carl persönlich Ranke. Die andern Mitglieder des Königshauses sprachen brieflich ihre Glückwünsche aus; der Kronprinz sandte sein Bild.
Der Bundetzrath hat in seiner heutigen Plenarsitzung dem Gesetzesentwurf, betreffend die Postdampfschiff-Verbtndungen mit überseeischen Ländern, seine Zustimmung erthetlt.
— Die »Nordd. Allg. Zig." erklärt eine von einem französischen Blatte gebrachte Nachricht, ein preußischer Officier im acitven Dienste habe bet einer Birminghamer Firma 20 Millionen Kartuschen für China bestellt und tn Empfang genommen, für eine plumpe Erfindung.
London, 31. März. Unterhaus. Hartington erklärte, eine Diskussion über die englisch-russischen Unterhandlungen fei für jetzt nicht erwünscht. Die militärischen Vorberettungen bedeuteten nicht eine Drohung gegen Rußland, eine unvorsichtige Aeußerung könne leicht eine irrige Auffassung Hervorrufen und die friedliche Lösung, für welche jetzt Aussicht vorhanden, tn Frage stellen. Die Zusammenkunft des EmirS von Afghanistan mit Dufferin betreffe auch die Frage wegen der genauen Defiairung LeS bestehenden Arrangements mit dem Emir.
Paris, 31. März. Ein Telegramm der „TempS" aus Hanoi meldet: „Die Schwierigkeiten hinsichtlich der Verprovianlirung zwangen die Brigade Regrier, sich von Langson auf Thamnoi Dongson zurückzuziehen. Die jetzigen französischen Positionen sind gut. Die Verproviantirung ist jetzt gesichert. Die Haltung der Truppen ist vorzüglich, die Entsendung von Verstärkungen nothwendig"
— Die bisher gemeldeten Minister-Listen sind der „Agence Havas" zufolge erfunden. Freycinet conferirte heute mit mehreren politischen Persönlichkeiten, darunter Sadicarnot und Spuller. Abends sollte Freycinet dem Präsidenten Gröoy definitive Antwort geben.
— Vom Kriegsministerium ist Befehl ertheilt rooröen, 8000 Mann Infanterie, 6 Batterien Artillerie und eine Escadron Spahis unverzüglich nach
Tongking abgehen zu lassen. Das Project der Bildung eines Corps von 50,000 Mann bleibt bis zur Bewilligung des CreditS Seitens der Kammer ausgesetzt. Die transatlantische Compagnie erbietet sich, in 35 Tagen 10,000 Mann zu befördern, die Einschiffung würde alsdann vom 4.-9. April statthaben.
— Die Deputirtenkammer votirte einstimmig einen Credit von 50 Mill, für Tongking, das Votum über den weiteren Credit wurde bis nach der Con- stituirung des neuen Cabinets vertagt.
— Die heutigen Morgenblätter sprechen sich dahin aus, daß der Cabinets- wechsel in den internationalen Beziehungen Frankreichs RichlS ändern werde.
— Die „Röpublique fran^aise" sagt, in dem neu zu bildenden Cabinet müßten alle Gruppen der Majorität vertreten sein.
Rawalpindi, 31. März. Der Herzog und die Herzogin von Con- naught trafen gestern Abend und der Emir von Afghanistan heute früh hier ein. Der Letztere wurde in einem glänzenden militärischen Aufzuge von dem Bahnhose zu der für ihn hergerichteten Residenz geleitet, wo ihn der Vicekönig von Indien empfing.
London, 31. März. Ter „Times" zufolge haben die Vertreter der Türkei gestern die Deklaration und Convention bezüglich der egypüschen Finanzen unterzeichnet.
— Aus Suak.rn von gestern wird gemeldet: Die Stämme sind von Osman Digrna abgesallen, Letzterer ist mit nur 100 Anhängern nach Tamanieb geflohen, ein Abgesandter Osman Digma's ist unter weißer Flagge im englischen Lager eingetroffen mit der Anfrage, unter welchen Bedingungen Friede geschloffen werden könne.
— Rach einem Telegramm des „Standard" aus Mesched von gestern würden russische Truppen angeblich bei Urushtofhan tn der Nachbarschaft von Pendjeh concentrirt.
— Die „Times" sagt, England wolle keinen Krieg mit Rußland provo- ciren* Rußland aber auch keine strategischen und politischen Mittel gewähren, einen^ Krieg gegen England später wirkungsvoller führen zu können. Wenn der streitige Wüstenstrich eines Kampfes nicht werth sei, möge Rußland auf denselben verzichten.
Universität-- Chronik.
— Der Privatbocent Dr. IunuS Saniere in Straßburg Ist zum äußere ordentlichen Professor tn der mathematischen und naturwtssenschaftltchen Fakultät daselbst ernannt worden.
— Der Gymnasial-Oberlehrer amLoutsen-Gymnasmm, Professor Lio. Deutsch, tst zum außerordentlichen Profissor tn der theologischen Fakultät zu Berlin ernannt worden.
— Professor Dr. Hyrtl in Wien, der berühmte Anatom, beging am 23. März sein 50jShrtges Doctoijublläum.__•_______________
Fürst Bismarck.
Gedenkblätter zum siebzigsten Geburtstage.
Bon P oftstor Dr. Aduloert Horawltz.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„WaS unS gehalten hat, war gerade daS spectfische Preußenthum. Es war der Rest deS veikchenen Stockpreutzenthums, der die Revolution überdauert hatte, die preußische Armee, der preußische Schatz, b;e Früchte langjähriger tntelltgenter Verwaltung und die lebendige Wechselwirkung, die in Preußen zwischen König und Volk besteht. Es war die Anhänglichkeit der preußischen Bevölkerung an die angestammte Dynastie; es waren die alten preußischen Tugenden von Ehre, Treue, Gehorsam und Tapferkeit, welche die Armee von deren Knochenbau, dem Officierscorps, ausgehend dts zu den jüngsten Rekruten durchziehen."
So sprach der Abgeordnete v. Bismarck tn der zwölften Sitzung der zweiten Kammer tn Berlin am 6. Sept-mber 1849 — und aus diesen Worten klingt es wie die Melodie des Dessauer und Hohenfriedberger Manches — dte Helden Friedrichs und der Befreiungskriege hätten ihre Freude daran gehabt. Der Smn dieser Rede richtete sich gegen die R itungSprojecte, welche die durch die Nichtannahme des deutschen Kaiserthums durch Fnedc.ch Wilhelm IV. gescheiterte Gothaer Partei versucht hatte, um doch noch einen Theil der deutschen Einheit unter das Dach zu bringen. Alles Unklare, Berschwommeni:, Aprionfttsche mußte aber dem durchaus conservaliven und loyalen Manne der praktischen Erfahrung um so hinfälliger und widerwäi tiger vorkommen, alS an jenem Werke die Demokraten mttgearbeitet hatten, die er, als strammer Verfechter des Königthums, schon — als Vertreter von Jerichow — im preußischen Landtage bekämpft hatte. Gewiß, wer die Verhandlungen der zwei vereinigten Land, tage und der zweiten Kammer tn Berlin durchlieft, wird auf die zahlreichen Bemerkungen bei BiSmarck'S Reden (Zischen, Murren, Heiterkeit, Unruhe, Glocke u. s. w.) aufmerksam werden müssen. ES konnte auch gar nicht anders fein. Der Abgeordnete für West-Havelland-Zauche wußte dem RadrcalismuS wie dem doctrinaren Liberalismus ein wahrhaftes enfant terrible werden; allen ihren liebgewordenen Axiomen btftrttt er die Existenz, allen ihren Schlagwörtern f.tzie ec Hohn und Spott entgegen, für ihre Ideale hatte er nur die Ironie des an der Realisfiung beifdben, ja, des an ihrem Werthe zweifelnden Politikers.
Hier befitmmten vor All-m bte ganz o-rschi-den-n Bildung?,l-mmt- d-s con- servattven LandedelrnanneS und der Majorität der national-demotrattschen Partei. In Bismarck's Wesen lag mit Fug der festeste Glaube an die Haltbarkeit und die durch nichts zu ersetzende Tüchtigkeit des Friedericianischen Staates, der durch christlichen Glauben, einfache Sitte, ausdauernden Fleiß und vor Allem durch stramme Zucht in Schule, Amt und Heer so geworben war. Wie konnte Bismarck ruhig bleiben, wenn er hörte, wie die Republikaner jenes Königthum, an dem jeder echte Preuße mir all.» gafern f<ine8 H-rz-nS hängt, SprannelI nannten; wenn fte Preuß-nS Stolz, fein Heer verthterte Soldateska schalten; wenn sie die.christlichen Fundamente der Volksbildung angriffen unb zu schwächen versuchten? Wie lonnte er ruhig bleiben, wenn der DoctrinartSmuS nach englischem und französischem Recepte deutsche Verfasiuvgew zurechtmachte, durch die Preußens erprobtes Staatswesen gewagten Experimenten unfc sicherer Schädigung ausgesetzt w.'rden mußte.


