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Kr. 260, Erstes Blatt. Dienstag den 1. December
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Berlin, 28. November. Der Statthalter Fürst Hohenlohe begab sich nach Madrid, um als Vertreter des Kaisers der Beisetzung des Königs Alfonso Leizuwohnen. In seiner Begleitung befindet sich Hofmarschall Kanitz und Kam« rmrjunker Schlippenbach.
Bulgarien.
Sofia, 28. November. Vom Kriegsschauplatz vor Pirat wird unterm 27. ds., Nachmittags 3 Uhr, gemeldet: Das Gesecht begann heute früh um 7 Uhr wieder. Die Stellung der Serben, welche 4 Divisionen stark waren, erstreckte sich von den Höhen, welche die Stadt links und rechts beherrschen, in der Richtung nach Nisch bis zu einer 10 Km. entfernten Anhöhe. Die Bulgaren hatten den größten Theil ihrer Streitkräfte zusammengezogen. Die Serben räumten nach lebhaftem Kampfe die Stellung links von Pirot. Auf der rechten Seite dauert der Kampf fort und im Centrum sand ein lebhaftes Artillerie- Gefecht statt. Gegenwärtig haben die Bulgaren viel Terrain in der Richtung auf Nisch gewonnen. In der Stadt sand gestern eine Explosion statt, welche durch ein Munitions-Magazin oder durch eine Dynamit-Mine veranlaßt war. Heute sand eine neue Exlosion statt. Man fürchtet, daß in der Stadt Minen gelegt find.
— Pirot ist gestern, nachdem der Kamps den ganzen Tag gedauert hatte, von den Bulgaren besetzt worden. Fürst Alexander zieht heute in die Stadt ein.
— Sicherem Vernehmen nach hat Fürst Alexander in Rücksicht auf die Collectivnotc der Mächte, sowie in Rücksicht auf die durch sein siegreiches Einrücken in Pirot gewahrte Ehre der Waffen die Einstellung der Feindseligkeiten angeordnet, um die Verhandlungen über die Bedingungen der Waffenstillstandes zu eröffnen.
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Serbien.
Belgrad, 28. November. Die serbische Armee ist auf dem Rückzüge nach Alpalanka. Im Nischawa-Defile sind starke Verschanzungen angelegt. Die Festungswerke von Nisch werden eilig auSgebeffert. Die Bevölkerung nimmt an den Schanzarbeiten Theil. Heule wird in Nisch ein Ministerrath gehalten.
Wen.
Calcutta, 28. November. (Meldung des „Bureau Reuter.") In Napaul ist ein Aufstand ausgebrochen. Der erste Minister ist getödtet und der Maharajah zum Gefangenen gemacht. Der englische Vertreter befindet sich gegenwärtig auf einer Jnspectionsreise.
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Keich s t a g.
E. R. Berlin, 28. November. In der heutigen Sitzung des Reichstages wurde die Interpellation des Centrums über das Misstonsmesen in den Schutzgebieten verlesen, zu deren sofortiger Beantwortung sich der Reichskanzler bereit erklärte.
Der Interpellant, Abg. Reichensperger, führte an der Hand der Artikel der „Germania" aus, daß die bekannte Berichtigung, welche Staatssekretär v. Bötticher derselben hatte zugehen lassen, nur davon spreche, daß von einer Bevorzugung protestantischer Missionen nicht die Rede sei; es sei aber nicht darin ausgesprochen, daß katholische Missionen zugelassen werden würden; ferner sei es ein offenbarer Rechts- irrthum, daß Missionäre eines mit den Jesuiten verwandten Ordens in dem deutschen Reichsgebiete auf Grund des Reichsgesetzes gegen die Jesuiten nicht wirksam sein sollten. Die Vertreter der zwölf Millionen Katholiken des deutschen Reiches müßten dagegen Protest erheben, daß in den deutschen Schutzgebieten andere als die allgemeinen völkerrechtlichen Grundsätze zur Anwendung gelangen.
Fürst Bismarck beantwortete die Frage, „ob.jede Missionsthätigkeit der Jesuiten gesetzlich verboten und zu behindern" sei, mit Ja. Die Theorie, daß die deutschen Gesetze in den Colonien nicht gelten, sei leicht aufgestellt. Deutsche Beamte werden aber außerhalb des deutschen Gebietes deutsche Gesetze befolgen. Die Zurückweisung der Jesuiten ist in ibrer antinationalen Organisation begründet. Die Neigung zur Vaterlandslosigkeit, die kosmopolitische Neigung, die auch zur Polonisirung vieler Deutschen geführt hat, wird gerade von den Jesuiten gepflegt. — Die Frage, ob katholische Missionen überhaupt ausgeschlossen werden sollen, verneine er. Glaubt murr denn, daß die Vertreter der katholischen Könige von Bayern und Sachsen dem je beistimmen würden? Was hat die ganze Interpellation denn zu bedeuten? Jedenfalls sollen die Symvathieen der katholischen Wähler für die Colonialpolitik vernichtet werden. — Der Grund zur Zurückweisung der beiden Jesuitenpatres lag nickt in ihrer Eigenschaft als Jesuiten, sondern in ihrer Eigenschaft als Franzosen. — Der Reichskanzler verliest einen großen Theil der Correspondenz mit dem Gouverneur von Kamerun, aus der heroorgeht, daß derselbe immer als die Absicht der beiden Herren die Errichtung einer französischen Mission gemeldet habe und daß die Sache mit den zwei Herren, die, obwohl deutscher Abkunft, naturalisirte Franzosen seien, nicht ohne gründliche Erwägungen zum Abschluß gebracht ist. — Sind Sie in Sorge, daß die Colonialpolitik einschlafen könnte, so warten Sie doch lieber einen Moment ab, der günstiger zum. Vorgehen ist, als dieser von der „Germania" erzeugte Zwischenfall.
Aba. Windthorst. Wenn der Reichskanzler von der Germania spricht, so freut mich das — die Redaktion, meinte ich, ist immer noch besser, als die der Nordd. Allg. Zeitung, und verdient keinen Tadel; ich bedaure nur, daß sie mitunter in den Ton der Nordd. Allg. Zeitung verfällt (Große Heiterkeit), sie hat von Meister gelernt. Wt der Cengoacte hat sich der Reichskanzler als Diplomat großen Stils gezeigt, anders heute. Daß die beiden Missionäre Franzosen sind, ist nicht bewiesen, denn französisch schreiben und sprechen, thun unsere Diplomaten auch, ohne Franzosen zu sein. Ich schätze die evangel. Missionen, die der Reichskanzler allein will, aber es fehlt ihnen das genügende Personenmaterial. Wenn die ausgewiesenen katholischen Orden auch von den Schutzgebieten fern gehalten werden, so haben wir für die Kolonien überhaupt keine Missionen mehr und ohne Mission keine Kolonien. Der Reichskanzler muß sich von einem neuen Rath noch über das Missionswesen informiren lassen. Auf dem Congo-Congreß sind die heutigen Ansichten des Kanzlers nicht bekannt gewesen. Wer sind denn übrigens die eigentlichen Regenten am Congo und an wen können wir uns mit der Bitte um Schutz wenden? Ein Verordnungsrecht für die Schutzgebiete existirt noch gar nicht; die Thätigkeit der Orden kann ohne Rechtsverletzung nur beschrankt werden. Die Beschuldigung des Reichskanzlers der mangelnden Vaterlandsliebe gegen eine große Anzahl Deutsche ist eine Reminiscenz aus der „Nordd. Allgemeinen Zeitung", aber es gibt außer ihm auch Deutsche und er denkt oft mehr preußisch als deutsch. (Widerspruch rechts.) Die Jesuiten sind als gute Lehrer anerkannt, ihre Zurückberufung ist für mich zweifellos, da- ru führt schon das Auftreten der Socialdemokratie. Ich freue mich, daß wir schon jetzt die Absichten der Regierung erkennen, ich habe damals vor Uebereilung gewarnt und alle Befürchtungen des Abg. Virchow haben sich bewahrheitet. Wir haben allen Anlaß, unsere Kraft nicht zu verzetteln.
Fürst Bismarck: Der Redner hat die Frage vollständig verschoben; es handelt sich hier nicht um Kolonien, sondern darum, ob zwei französischen Missionaren ein Wirkungskreis in Kamerun bewilligt werden soll, oder nicht. Abg. Windthorst läßt im Unklaren, ob er für oder gegen Kolonialbestrebungen gesprochen. Daraus ist doch seinerseits keine Förderung zu erklären, wie er glaubt. Friedrich der Große und Katharina haben die Jesuiten allerdings zugelassen, aber die hatten von ihnen nichts zu befürchten; die Socialdemokratie wird nicht an den Jesuiten scheitern, wohl könnten diese aber die Führung jener übernehmen. Bedenklich ist es, daß sich zur Einbringung dieser Interpellation das Centrum mit den Welfen und Polen verbunden hat, also doch immer mit keinem Freunde des Reichs. Wen finden wir denn überall, bei dem Konflikt mit Spanien (auf den ich nicht eingehen will, weil er sich seiner Lösung naht), ferner bei allen Verwickelungen mit dem Auslande?! Einen evangelischen Missionär in mir zu sehen, hat der Herr keinen Anlaß, dazu fehlt mir dogmatisches Talent, eher hätte ich mich als Landrath von Kamerun bezeichnen können. (Heiterkeit.) Die beiden Missionäre sind Franzosen durch Option, alle Konvertiten treiben ihr Franzosenthum eifriger, als es durch die Geburt bedingt ist. Ein französisches Kolonialsystem mit Regierung durch Beamte und Garnisonen wollen wir nicht, sondern durch Kaufleute und Gesellschaften. Gegen katholische Missionen habe ich nichts einzuwenden, sondenr nur gegen die Nachtheile durch Jesuiten. Der Vorredner vergißt, daß nicht alle Katholiken die Katholiken der „Germania" sein müssen. Der „Germania" lege ich gar keine Bedeutung bei, aber daß sie heute von der ganzen Partei unterstützt worden, das imponirt mir (Heiterkeit).
Abg. Windthorst: Die „Germania" wird dem Reichskanzler für die heutige Reclame dankbar sein. (Heiterkeit). Jetzt wissen wir, daß der Kanzler Jesuitenmissionen nicht haben will, das heißt, daß Missionen überhaupt nicht sein werden. Die Kongoakte will alle Missionen zulassen, heute wird das Gegentheil erklärt. E5 ist sehr bequem, auf fremdem Gebiete Freiheiten zu gewähren, im eigenen aber Sklaverei. Das Centrum geht seinen Weg unbeirrt um Gunst oder Ungunst; der Thurm steht, und wankt nicht; so lange es Nationalliberale gibt, gibt es auch ein Centrum. (Heiterkeit.) Ich bin in keinem Punkte weniger deutsch, als der Reichskanzler; so oft er aber das Recht beugt, ist er undeutsch. Unsere Anschauungen sind verschieden; der Kanzler hat mehr Erfolg, weil er mehr Soldaten und mehr Geld hat. Das Vaterland ist groß genug, um Allen Duldung zu geben; die deutsche Nation wird die Freiheit sich nicht rauben lassen. (Beifall im Centrum und links.)
Fürst Bismarck: Es ist eine unwahre Behauptung des Vorredners, daß ich nur evangelische Missionen zulassen will. Jetzt behauptet er, wenn keine französische Jesuiten sind, haben sie keine katholische Missionen. Schicken Sie doch die Mitarbeiter der „Germania" — die ihren Namen sehr mit Unrecht führt — nach Kamerun-
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Schweiz.
Bern, 28. November. Der Bundesrath hob sämmtliche gegen Frankreich und Italien getroffenen Cholera-Maßregeln aus.
Frankreich.
Pari-, 28. November. „Temps" veröffentlicht einen Bericht seines Correspondenten aus Venedig, welcher mit Don Carlos eine Unterredung hatte. Letzterer sprach die Ueberzeugung aus, die Regentschaft werde die Ruhe in Spa- nien nicht lange ausrechterhalten können, er behalte sich zu gelegener Zeit ein Interventen vor, um die Ordnung wieder herzustellen. Er werde nötigenfalls auf einen Bürgerkrieg recurriren, um das Heil Spaniens zu sichern.
ßngkand.
London, 28. November. Bisher sind 128 Conservative, 129 Liberale und 19 Parnelliten gewählt. Gladstone ist in Midlothian und Lord Hartington in Lancashtre gewählt. In Glasgow drangen die Liberalen durch, in Scurborough und Wednesbury siegten die Conservativen.
Belgien.
Brüssel, 28. November. Der „Jndependance" zufolge bestätigt es sich, daß in der Münzfrage eine Uebereinstimmung erzielt ist. Die Basis sei, daß die Liquidation auf Grundlage der Ziffer von 200 Millionen stattfinde, wovon die Hälfte von der belgischen Regierung eingetauscht, die andere Hälfte aus dem Handelswege eingelöst werde.
Spanien.
M adrid, 28. November. Navarra lehnte das Ministerium der Kolo- rdeen ab; an seiner Stelle wurde Gamazo zum Kolonieenminister ernannt. Die Ernennung Albarede's zum Botschafter in Paris und Groizard's zum Botschafter beim Vatikan gilt als sicher. Das Ministerium hat bereits den Eid geleistet.
Madrid, 28. November. Beim Eintritt in's königliche Palais wurde die Königin mit ihren Töchtern von einer großen Menschenmenge mit den Rufen „Es lebe die Königin", „es lebe die Prinzessin von Asturien" begrüßt. Die Uebersührung der Leiche des Königs nach dem Eskurial findet Sonntag statt. Alle Journale sprechen sich zu Gunsten des neuen Cabinets aus.
— Gegen 5000 Personen wohnten der Bestattung des Marschalls Serrano bei.
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