Ausgabe 
1.11.1885 Drittes Blatt
 
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Die in Paris wieder versammelte lateinische Münz- Conferenz hat ihre Arbeiten nahezu vollendet. Frankreich, Italien, Griechenland und die Schweiz haben beschlossen, eine neue Münz-Union ohne Belgien zu bilden, falls letzteres den Beschlüssen nicht zustimmen sollte. Da die ersten vier Staaten sich über die sogenannte Liquidationsklausel nahezu geeinigt haben, gegen deren Aufrechterhaltung sich Belgien ganz entschieden erklärt, so kann man wohl den Austritt dieses Staates aus der lateinischen Münz-Convention als sicher betrachten.

Die Wahlcampagne jenseits des Canals, welche mit echt englischem Phlegma vor sich geht, wird am 24. November ihren Abschluß er­halten, denn an diesem Tage finden die Neuwahlen zum britischen Parlamente statt; die Auflösung des alten Parlaments eine bloße Formsache er­folgt am 18. November. Die Parlamentswahlen in England vollziehen sich in diesem Jahre zum ersten Male auf Grund der Wahlresormbill, durch welche zwei Millionen Wähler mehr als bisher an die Urne berufen werden. Es ist in Folge dessen nicht unniöglich, daß bei den bevorstehenden Wahlen die Parteiverhältnisse im englischen Parlamente eine gänzliche Umgestaltung er- leiden. Die Erniordung des Königs Thibau von Birma, welcher bekannt­lich mit der engstsch - birmanischen Handelsgesellschaft in Streit gerathen. ist, wodurch die Engländer zu einer eventuellen Expedition nach Birma veranlaßt werden, hat sich nicht bewahrheitet, ebensowenig wie die Nachricht vom Aus­bruche einer Revolution in Birma. Es werden wohl vorläufig alle über den englisch-birmanischen Conflict eingehenden Nachrichten mit Vorsicht aufzu­nehmen sein.

Die neue Konstantinopeler Conferenz zur Regelung der ver­wickelten bulgarischen Frage ist am Freitag zusammengetreten, wenn man den diesbezüglichen Konstantinopeler Meldungen trauen darf. Die Diplomatie wird also für die nächste Zeit wieder im Vordergründe der Preßbetrachtungen über die Lage auf den Balkanhalbinsel stehen; hoffentlich sorgt die Conferenz dafür, daß diese Betrachtungen endlich anerkennend für die diplomatischen Friedensbemühungen klingen.

Aus Athen wird vom 29. October gemeldet: Die Kammer nahm in der zweiten Lesung die vorgeleglen Gesetz - Entwürze an. Delyanms brachte einen Gesetzentwurf ein, wonach von allen Beamtengehültern und allen sonstigen Zahlungen aus der Staatskaffe 5 pCt. während der Dauer der Mobilmachung abzuziehen sind. Von der Marine sind weitere R-serven ein­berufen. Will Griechenland in der Thal den Beschlüßen der Conserenz vor­greifen?

Die Angelegenheit der Sonntagsarbeit.

Die von Neichswegen anfleorbnete Enquete über die Frage der Sonntagsarbeit ist noch immer nicht zum Abschluß gelangt und es läßt sich daher auch ein Gesammt- überblick über die Ergebnisse dieser Untersuchung noch nicht ermöglichen. Indessen liegen doch schon eine Reihe von Einzelberichten hierüber aus den verschiedensten Theilen Deutschlands vor und diese Berichte lassen erkennen, wie groß die Schwrerig-

keiten sind. welche einer Regelung derSonntagsfrage" auf gesetzgeberischem Wege entgegenstehen, denn die widerstreltendsten Anschauungen nnd Ansichten werden in diesen Berichten über den in Rede stehenden Gegenstand laut. So viel laßt sich aber doch schon in diesem Streite der Meinungen und Interessen erkennen, daß das Be­dürfnis; der Sonntagsruhe in allen Kreisen vorhanden ist unb daß es sich mir hauptsächlich um das Wie? handelt, diesem Bedürfniß Geltung zu verschaffen, ohne zugleich die Interessen zahlreicher industrieller und gewerblicher Zweige, bei denen die Sonntagsarbeit noch eine hervorragende Rolle spielt, empfindlich zu verletzen.

Es begreift sich, daß es ungemein schwierig ist, in diesem scheinbar regellosen Wirbel von sich bekämpfenden Interessen eine Grundlage, einen Punkt zu finden, von dem aus es möglich wird, allen Forderungen bis zu einem gewissen Grade gerecht zu werden. Würde man alle Sonntagsarbeit verbieten, so müßte man sich bald zur Wiederaufhebung des Verbotes genöthigt sehen. Wollte man gar nichts in der Sache thun, so würde man von Stund' an keine Ruhe mehr in derselben haben.

Die ganzen Umstände Drängen also auf einenmodus vivendi zwischen Ver­teidigern und Gegnern der Sonntagsarbeit hin und derselbe dürfte wohl dadurch gefunden werden, daß abgesehen von gewissen Betrieben, welche, wie die öffentlichen Verkehrsanstalten, gar keine Pausen vertragen die Sonntagsarbeit in allen Ge­schäften , Etablissements, gewerblichen Unternehmungen u. s. w-, in denen bezahlte Arbeiter oder Beamte thätig sind, untersagt, dagegen solchen Betrieben, in denen nur die Unternehmer selbst Sonntags thätig sind, erlaubt wird. Man würde dadurch zu­nächst erreichen, daß die großen Fabrikbetriebe mit ihren Hunderten und Tausenden von Arbeitern am Sonntag zu Gunsten der kleinen Handwerker und Kaufleute still­gestellt werden. Ganz abgesehen davon, daß hierbei die bedenkliche Ueberproduction der großen Fabriken, die sich heutzutage in vielen industriellen Branchen bemerklich macht, wenigstens in etwas beseitigt wird, würde eine solche Maßregel den kleinen Geschäftsleuten, die ja so schon mit der fast erdrückenden Eoncurrenz der Großindustrie schwer zu kämpfen haben, am Sonntag entschieden zu Gute kommen.

Freilich ist dann die Frage immer noch offen, wie denn der Arbeiter einen Er­satz für seinen Lohnausfall am Sonntag finden, wie er diesen Ausfall, den er in seinem Verdienste erleidet, decken soll. Wird die Großindustrie sich geneigt zeigen, den Sonntagslohn weiter zu zahlen, auch wenn sie von Gesetzwegen gezwungen würde, auf die Sonntagsarbeit zu verzichten? Und wenn in letzterem Falle die Großindustrie gesetzlich veranlaßt werden könnte, dem Arbeiter den Lohnausfall zu ersetzen, würde dies nicht für sie große finanzielle Opfer bedeuten? Dies ist allerdings einer ber heikelsten Punkte in ber Frage der Sonntagsarbeit, resp. Sonntagsruhe, unb jebenfalls wirb bereu praktische Lösung nach bieser specicllen Richtung hin sich nur schrittweise erreichen lassen, baß sie sich aber erreichen läßt, kann schon heute als feststehenb be­trachtet werden und hoffentlich wird eine nicht mehr ferne Zeit auch das Wie? bringen.

Von einer starren Durchführung der Sonntagsruhe, wie unsere Sonntags­fanatiker wollen, kann überhaupt keine Rede sein. Selbst für bestimmte, enge Kreise ist dies nicht möglich, stets treten unvorhergesehene Fälle ein und das Leben läßt sich nun einmal nicht vollständig in bestimmte Regeln zwängen. Ebenso ist aber auch diejenige Anschauung, welche auf die Sonntagsruhe ganz verzichten will, weil sie sich nicht stricte durchführen läßt, entschieden zu verwerfen, schon deßhalb, weil die lieber: zeugung von der Nothwendigkeit einer wenn auch nur theilweisen Abschaffung der Sonntagsarbeit sich nicht mehr bannen läßt. Es tritt uns auch hier wieder die alte Wahrheit entgegen, daß die extremen Wege noch nie zum Heile geführt haben und so wird man denn auch in der vorliegenden Materie schließlich die bewährte goldene Mittelstraße einschl«gen müssen. Sicher wird man auf derselben auch zum ersehnten Ziele gelangen, jenem Ziele, welches am meisten der altehrwürdigen Vorschrift ent­spricht:Sechs Tage sollst Du arbeiten, am siebenten aber ruhen!" und die in unserer nervösen, hastenden, geldgierigen Zeit leider nur allzu sehr vergessen worden ist.

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