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Politische Uebersicht.
Gießen, 30. Januar.
Unsere parlamentarische Lage ist, seitdem das preußische Abgeordnetenhaus dem Reichstage Vas Feld geräumt hat und somit sich beide Hör- perschasten nicht mehr die Stunden zu ihren Sitzungen gleichsam streitig zu machen brauchen, eine entschieden günstigere. Hiervon zeugt schon der un AU- gemeinen rasche und glatte Verlaus, den die zweite Lesung des Etats bis jetzt im Reichstage genommen hat und deren Beendigung unter solchen Umstanden man in dieser Woche bestimmt cntgegensehen barf. — 21m ®onnerftag_ erlebigte bei Reichstag bie Etats des Reichsjustizamtes und des Rechnungshofes unter Streichung einiger Positionen, während die Etats der Reichsstempel-Abgaben und der Reichsdruckerei, sowie verschiedene kleinere Specialetats unverändert genehmigt wurden. Am Freitag wurde der Reichstag durch die Interpellation des Aba v. Schalscha (Centrum) über die angebliche Commandirung von Sol
daten katholischer Consession zu dem Gottesdienste des Staatspfarrers Grunastel in Kofel wieder einmal aus da» seit längere Ztit nicht mehr oetretene Gebiet des Culturkampfes geführt. Der Kriegsminister v. Kameke versicherte, daß die Militär-Verwaltung keinen Gewissenszwang übe, sondern sich in kirchlichen Dingen vielmehr der mildesten Praxis befleisiige. lieber das Kapitel der Seelsorge beim Heere entspann sich nun eine längere Debatte, wobei je nach dem Parteistandpunkte der einzelnen Redner verschiedene Wünsche laut wurden. End- lich verließ bas Haus biesen Gegenstanb und wandte sich der Welterberathung des Etats zu Aus derselben verdient lediglich die Erklärung des KnegSmmi- fters hervorgehoben zu werden, die derselbe in der Budget-Commission abgegeben hat und welche vom Berichterstatter Koller verlesen wurde, daß nämlich d,e Vermehrung der deutschen Artillerie nicht beabsichtigt würde; die letztere könne sich der Artillerie jeder andern Annee ebenbürtig an die Seite stellen. — Am Sonnabend setzte der Reichstag die Specialberathung des Etats fort.
Von 69 Mitgliedern der Fortschrittspartei, der liberalen Vereinigung und der Volkspartei, ist folgende Interpellation im Reichstage em- gebracht worden: „Beabsichtigt der Herr Reichskanzler aus Anlaß des Unter- ganges der „Gimbria" neue Bestimmungen in Erwägung zu ziehen oder auf dem Wege internationaler Vereinbarungen anzubahnen, welche zur Verhütung von Collisionen zur See beizutragen im Stande sind?"
Die kirchenpolitische Frage in Preußen ist durch den -Brief' wechsel zwischen Kaiser Wilhelm und dem Papste wieder ausgetaucht. Rach den Äußerungen der „Worbt). Allg. Ztg." erscheint eine Beschleunigung ber zwischen Berlin unb Rom schwebenben Verhandlungen und ein schließliches Arrangement mcht auszeschloflen. In Centrumskreiseii soll die Meinung Angesichts des Um- standes, daß eine Verständigung zwischen Preußen und der Kurie über bas Centrum hinweg nicht unmöglich ist, eine ziemlich unbehagliche sein.
Herr v. Giers hat sich während ferner Anwesenheit in Wien großer Auszeichnungen sowohl von Seiten des Kaisers und des Hofes, als auch der Wiener leitenden Kreise zu erfreuen gehabt. Es zeigt dies deutlich, welches Gewicht man in Wien auf den Besuch des leitenden russischen Staatsmannes legt und die ungewöhnliche lange Dauer desselben — Herr v. Ogiers weilte vom vorigen Mittwoch bis zum Sonntag, nicht bloö bis zum Freitag, wie es ursprünglich hieß, in der Hauptstadt Oesterreichs — spricht allerdings für die politische Wichtigkeit dieses Ereignisses. Rur über den eigentlichen Zweck dieses langen Besuches ist man noch im Unklaren, wie ja überhaupt die ganze mehr- wöchentliche Reise des russischen Staatsmannes einen mysteriösen Charakter an sich getragen hat. Es lassen sich daher auch über die Wiener Zwifchenstationen des Herrn v. Giers vorläufig nur Vermuthungen ausstellen, „etwas Gewisses" aber „weiß man nicht", wie es im Volksmunde heißt.
Die politische Krisis in Frankreich war am Enoe der vergangenen Woche noch immer eine „latente", wie der politisch-diplomatische Kunstausdruck lautet, d. h. es wußte noch Riemand, selbst die „eingeweihten Kreise nicht ausgenommen, wie die Krisis enden würde. Charakteristisch für die gegenwärtige politische und parlamentarische Lage in Frankreich ist die llneinigkeit und Zerfahrenheit, welche sowohl un Cabinet Duclerc, als auch in der Depu- lirtenkammer herrscht. Ein Theil des Cabinets will die orleanistischen Prinzen ü toui prix halten, ein anderer Theil neigt einer Verständigung mit der Kammer zu und um die Ungewißheit vollkommen zu machen, heißt es, daß verschiedene CabinetsMitglieder jetzt die Zurücknahme der Gesetzentwürfe bezüglich der Thronprätendenten und wegen Abänderung des Preßgesetzes verlangen. Die Deputirtenkammer aber schwankt in der Frage bezüglich des Schicksals der Thronprätendenten hin unv her; zwar hat die Kammer-Commission den Antrag Floquet aus Ausweisung aller Mitglieder früherer Herrschersamilien Frankreichs in verschärfter Form angenommen, aber daraus folgt noch nicht, daß nun auch das Plenuni der Kammer diesem Anträge zustimmen wird, zumal da der von der Commission gefaßte Beschluß in Kammerkreisen selbst nur geringe Zustim- munr findet. Die entscheidende Berathung über denselben im Plenum der Kammer sollte am Montag, den 29. Januar, stattfinden. In Anbetracht dieser Lage der Dinge erscheint es begreiflich, daß die Gegner der Wepublil das vaupt noch immer hoch tragen. So feierten die Royalisten vorige Woche in Lunoges ein großes Banket, auf welchem natürlich die baldige Wiederherstellung des Königihums in Frankreich in enthusiastischer Weise begrüßt wurde. Der Ministerpräsident Duclerc ist erkrankt. .
Die englische Regierung verfolgt m der Regelnng der egypttschen
Telegraphische Depeschen.
Wolff'ö telegr. Korrespondenz-Bureau.
Berlin 29 Januar. Der „ReichS-Anz." veröffentlicht eine Dank- fagung Oe« kronprinzlichen Paars« für bie aus Anlaß ber W’J
au« ber Rabe unb aus weitester Ferne empfangenen zahlreichen -oeweije Der W-d- md di, «W f*» 9" k,
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verliehen. Der Präsident übermittelt den Dank des
Berlin, Januar. R dj' Ü- enr|„.(n Karl ausgesprochene Theilnahme
KalseiS für die au« »lila6 be« ^^^wemwleii seien weitert 80,000 X aus
bc« v->us-s »Nb /de t mit, f 8e0ll((6 Cj,,flC(iaUgen. Bei der Fortsetzung der Bc- m.h',pb 6h»a TOiwi^tm^beantrM ' bie Gommtfflon, zur Erweiterung der SchnswIHtze ir4521000 ”ju bewlUlgen. Die Adg. Herme«, jforcTcnb.cf unb ».'L1)'b3 'n n « y(i*una ber ür Tfflel angesttzlen Post, weil bie Erweiterung de« »tebter "°Uen St'e Lu S » r ’ Ausdehnung Berlin» und die dortigen siädiisiden M^Ärm,?t? l>eein^riUVfige^" Der Ban einer Trainka,eine nr Tempelhos wurde mit 116 aeäen Wlb Stiniimn Öembmiflt, ber für eine Kaserne in Wandsbeek geforbe.te Betrag von 300,000 J<- würbe abgelehnt.
Fortsetzung morgen.
2S Mittwoch den 31. Januar 1883
Gießener Anzeiger
Amts- unb Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Angelegenheiten entschieden ihren Weg weiter, so auch hinsichtlich der finanziellen Berathung der Regierung des Khedive. Da mit Zustimmung Englands die egyptische Regierung die Finanzcontrole für aufgehoben erklärt hat, so ist der bisherige englische Controleur, Mr. Colvin, dem Khedive als Rathgeber zur Seite gestellt worden. Die Nachricht von der schon erfolgten Ernennung Colvin's hat sich bis jetzt zwar noch nicht bestätigt, da die englische Regierung der egyptischen ihre Zustimmung zu dem Entwürfe das ErnennungsdecretS noch nicht angezeigt hat, doch gilt diese Ernennung als unmittelbar bevorstehend. — Die drei Mitglieder der irischen Landliga, Davitt, Healy und Quinn, welche sich weigern, die verlangte Kaution zu stellen, werden je sechs Monat Gefängniß erhalten Diese Strafe war ihnen angedroht worden, wenn sie sich weigern sollten, die verlangten 2000 resp. 1000 Pfd. Sterl. als Bürgschaft für ihr gutes Verhalten zu stellen. .
Aus Süd-Amerika kommt die Kunde von einem bort landesüblichen politischen Ereignisse, nämlich vom Ausbruche einer Revolution in der Republik Ecuador. Die Regierung dieses Staates hat erklärt, jede Verantwortlichkeit für die Sicherheit und das Eigenthum der Ausländer ablehnen zu müssen — Die Aussichten für einen definitiven Friedensschluß zwischen Chlle und Peru gestalten sich immer günstiger. Der in Cajamaica tagende Rational - Congreß der Peruaner hat beschlossen, Unterhandlungen behufs sofortigen Fne- densschlusses mit Chile einzuleiten, sei es mit, sei es ohne Bolwia Zur Bedingung macht jedoch der Congreß, daß Peru seine Unabhängigkeit behalt und daß es nicht aller der Hülfsmittel beraubt werde, welche es zur Besserung seiner Lage unbedingt nöthig hat. _ ■ _
Darmstadt, 29. Januar. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: a c.
Am 27 Januar den Finanzaspiranten Wilhelm Schilling aus Gießen zum Registratur-Assistenten bei der Registratur des Mnisteriums des Innern und der Justiz zu ernennen. , .
— Dem Landes-Comitä zur Unterstützung der Wasserbefchadigten im Großherzoglhum ist heute Seitens des Herrn Präsidenten des Reichstags der nach der zweiten Vertheilung der aus den Vereinigten Staaten Nordamerikas zu Gunsten der Ueberschwemmten eingegangenen Gaben dem Großherzogthum überwiesene Betrag von 33,830 Jt zugegangen. Bor einigen xagen ist r em Comite durch die Vermittlung des Großh. Staatsministeriums auch aus der von der Bürgerschaft zu Hamburg für die Rothleidenden bewilligten Summe der Betrag von 12,000 JL zugestellt worden. ,
Berlin, 28. Januar. (Sm häufig genug gerügter, aber trotzdem sich tmmer wiederholender Umstand, unter welchem Tausende deutscher Answandern M leiden haben ist die häufig sehr inhumane Behandlung und unzuretchende ^erpflegung derselben aus den zwischen Großbritannien und den amerikanischen Hasenplatzen verkehrenden DamvseU niei/ Es hängt dieS zusammen mit den geschäftlichen Manipulationen der blnuenländ scheu AuSwanderungsagenten, welch letztere die Unerfahrenheit und Geschästs- unkennin'ß namentlich der ländlichen Bevölkerung ausbeuten. Oft genug ist es vor- aekommen daß Auswanderer, welche mit einer direkt befördernden britischen Linie nach Nordamerika zu gelangen beabsichtigen, in ihrem binnenländischen Heimathsotte von dem dortigen Agenten Annahmescherne (sog. Jnterimtzscheine) für eine indirekt befördernde britische Linie gegen Anzahlung autzgehändigt erhalten Lotten.indemder Umstand daß die Beförderung indirekt erfolgt, aus dem Inhalte deZ Unnahmescheins nicht erfichtlich war, vielmehr erst nach der Ankunft der Auswanderer in Hamburg bei der Aushändigung des definitiven Passagecontracis Zu Tage trat. Run aber bestehl^eine Vorschrift wonach alle wesentlichen Bedingungen der Beförderung nutzt bloß w die Passageco'ntracie, sondern bereits in die erwähnten Annahmescheme aufzunehmen sind, nach dem Wortlaut der bezüglichen Hamburger Verordnungen nur für die direkte, mcht aber für die indirekte Beförderung, so daß die in ihren legitimen Boraussetzungm getäuschten und durch da« Verfahren der Agenten geschädigten Parteien sich gesetzt sehen, den betreffenden Agenten regreßpflichtig zu machen. Eine A"ldenmg dieses Kustandes erscheint im allgemeinen Interesse gewiß bringent) fleboten, tft auch m ir auf Grund des Berichts des AuswanderungScommissarSmit Bettttdigung constattr n können, compeienten Ortes in Aussicht genommen. W e dte Ding aber ^ntiiD^len über den Punki der direkten, resp. indirekten BesörderungSart geben zu lasten. ---


