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1868

«t. 279

gt*. 279. Freitag den 30. November

Meßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Bureau: Schulstraße 7.

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Telegraphische Depeschen.

Wolff's telegr. «orrespondem-Bnrean.

München, 28. November. Die Abgeordnetenkammer nahm heute das Reblausgesetz in zweiter Lesung mit einer unerheblichen Abänderung definitiv und mit Einstimmigkeit an und begann Die Berathung des Etats des Inn rn. Vor dem Eintritt in die Specialdiscustton erklärte der Btmlsier des Innern, die Regierung bestehe, gegenüber den Ausschug-Beschlussen, nur tn drei Fallen auf ihren Forderungen, ünter denen sich auch der Dispositionsfonds befinde. Letzterer wurde jedoch ohne Debatte abgelehnt. , ,, ,.. ,

Paris, 28. November. D-e Commission,sür die ^ongkirg-Avgelegenhethorte heute Vormittag die Minister Ferry, C-wpsnoii und P-won. Ferry th^rite ein cktnesikckes Memorandum und Frankreichs Antwort darauf mit, welche den einstMrmigen Än her (Sommiffion f anb. Dieselbe beschloß, die Angelegenheit in der Kammer

nickt eher nur Diskussion zu bringen, bevor nicht die Crediidebatte fiattgefunden und . ns /olaenden wet Gründen- 1) we'l kein Bruch der diplomatischen Beziehungen stottgefunden und die Unterhandlungen gegenwärtig fortdauern, A die Regierung $D?ctnot(itibum unb btß Sintiport bßTGtif in einem ©clbbucye 311 sagt, Frankreich habe Annam einen um a S«nBatea^ufeXt. Selber Ste&Ä««« die Rechte Chinas mißachte; es habe fltnnnm nnn.nriffen mit d-r Absicht, Bacntnh wegzunehmen, welches der Schlüssel des chinesischen Reichs sei. China wünsche unter allen Umständen die friedlichen Beziehungen aufrecht zu erhalten, die chinesischen Truppen würden sedoch gezwungen sein, einem Anarisie Widerstand entgegenzusetzen, nm weiteres Blutvergießen zu vermelden- China habe an die Traditionen der Ehre und Loyalität Frankreichs appelltrt und würde be-

Politifche U-v-rsicht.

Gießen, 29. November.

Der Kaiser gedenkt Ende dieser Woche mit den zur Zeit in Berlin anwesenden königlichen Prinzen und mehreren geladenen fürstlichen Gästen zur Abhaltung einer Jagd sich von da nach der Göhrde in Hannover zu begeben und dann am Samstag Abend von dort nach Berlin zurückzukehren.

Die in den letzten Tagen in Berlin gepflogenen Verhandlungen mit den Vertretern Bremens wegen Uebernahme der Bremischen Bahnen durch den preußischen Staat haben einen befriedigenden Verlauf genommen. Die Bremer Commiflarien sollen sich mit dem von Preußen offerirten Preise ein­verstanden erklärt haben und es soll nur noch erübrigen, die Formalitäten der Auszahlung oder des Umtausches der Obligationen in Consols festzustellen.

Im preußischen Abgeordnetenhause hat am Montag die erste Lesung des Etats ihren Anfang genommen, doch bot dw Debatte an diesem Tage keine besonders hervorzuhebenden Momente dar. 'Dieselbe wurde vom Finanzminister Scholz mit einem längeren Exposö eröffnet, in welchem er Die günstige Finanzlage Preußens ziffermäßig nachwies und hierbei als einen spre- chenden Erfolg für die Wirthschaftspolitik des Fürsten Bismarck die Thatsache anführte, daß Preußen gegenwärtig vom Reiche an Zöllen und Steuern den jährlichen Betrag von 16,5 Mill. JL bezieht. Bezüglich der weiteren Steuer- reformen kündigte der Minister die Abficht der Negierung an, dte Einkommen- stufen bi« zu 1200 X gänzlich zu befreien und diejenigen bis zu 10,000 JL. zu erleichtern. Von den Rednern der einzelnen Parteien sprach sich der CentrumS- Abqeordnete Frhr. v. Schorlemer - Alst ziemlich sceptisch dem Budget-Entwurf gegenüber aus, er bedauerte, daß keine höhere Börsenbesteuerung in Aussicht genommen sei und meinte, daß aus der Kapital-Rentensteuer wohl nichts wer­den würde. Namens der Conservativcn stimmte Frhr. v. Minnigerode den Ausführungen des Finanzministers unbedingt zu, während von Seiten der Secessionisten Abg. Rickert die neuen Steuerprojecte der Negierung lebhaft be- kämpfte, auch die Eisenbahnpolitik und das Wirthschasts-Sysiem der Negierung kritisirte der secesfionistische Redner in sehr auffälliger Weise.

In Eisenach hat am Montag der erste allgemeine deutsche Bauern­tag stattgefunden, dem 400 Abgeordnete aus den meisten preußischen Provinzen und den norddeutschen Staaten beiwohnten. Den Vorsitz führten Reichstags- Abgeordneter Ahlhorn und Bauerngutsbefitzer Amtmann Brünning. Das dem Hauerntag vorgelegte Programm und Statut wurden angenommen, worauf unter Hochrufen auf den Kaiser, den Großherzog von Weiinar und die übrigen deutschen Fürsten, sowie auf den Reichstag der Schluß der Versammlung erfolgte. ,

Der erbitterte Kampf zwischen Deutschen und C zech en in Böhmen hat innerhalb der deutsch-liberalen Partei Böhmens einen elgenthum- lichen Gedanken gezeitigt. Es ist nämlich der Vorschlag gemacht worden , Böh­men in administrativer Beziehung vollständig zu trennen und die Verwaltungs­bezirke nach den sprachlichen Grenzen abzugrenzen, um hierdurch eme Colli,ton der nationalen Jntereffen möglichst zu. vermeiden. Der Vorschlag ist zwar innerhalb der deutschen Partei selbst auf lebhaften Widerstand gestoßen, da, eine Zweitheilung Böhmens die Deutschen in den überwiegend czechischen Bezirken der Willkür der Czechen noch mehr preisgeben würde, doch ist er auf der in Prag am Sonntag stattgefundenen deutschen Partei-Conserenz mit zur Sprache gebracht und begründet worden. Indessen würde auch die Regierung einer administrativen Theilung Böhmens schwerlich zustimmen. , , .

Die seit etlichen Monaten im französischen Knegsministerium unter dem Vorsitze des Generals Dumont tagende Commission, welche sich mit dem Problem der Jnsanterie-Bewaffnung beschäftigt, hat sich im Principe sur die Einführung des Magazingewehres ausgesprochen. Praktsich ist damit allerdings noch nichts gewonnen. Es sind Seitens der Commission mit mehr denn 50 Modellen eingehende Versuche angestellt, ohne daß auch nur ein einziges den Anforderungen entsprochen hätte, welche die Commisfron erheben zu muffen meint. In Ansehung der Kosten, welche die Einführung eine« gänzlich neuen Modellcs verursachen würden (mindestens 120 Mill. Frcs.), hat sich die Com­mission für Adaptirung des jetzt in der französischen Armee gebräuchlichen Gras- Gewehres entschieden, allein auch diesbetreffs noch keinen definitiven Entschluß gefaßt. Doch hofft man in den militärischen Kreisen von Pans, daß fie noch vor Jahresschluß zu einem positiven Resultate kommen und daß die französische Feldarmee alsdann ohne Verzug in den Besitz eines dem Gras-Gewehre muhe­los anzupaffenden Magazinladers gelangen werde.

In London hat am Sonntag die Trauerfeier für Sir William Siemens, einen Bruder des bekannten Berliner Electro-Techmkers, rn der West minster-Abtei stattgefunden. Die Trauerfeier wurde vom Dekan von Westminster unter Assistenz mehrerer anderer Geistlicher abgehalten. In dem außerordent­lich großen Trauerqefolge befanden sich Vertreter aller wrstenschaftlichen Ges schäften Englands und viele Notabilitäten der Wiffenschaft. Die Beerdigung fand auf dem Kensal-Green-Kirchhofe statt.

Die Häupter der italienischen Parlaments-Oppofition Cairoli, Crispi, Nieotera, Baecarini u. s. w. haben sich am Sonntag ml vielen ihrer Getreuen in Neapel ein Rendez-vous gegeben. _ Auf dem hierbei veranstalteten Banket platzte eine wahre Bombe von Reden, sammtuche Barlei- - führet: hielten lange Reden, in denen das Cabinet be Pretis wegen feinet inne n. - Vnlitik und namentlich wegen seines Hinneigens zum Klerikalismus scharf an

gegriffen wurde. Dagegen äußerten sie sich bezüglich der auswärtigen Italiens scheu Politik mehr oder weniger zustimmend; hervorzuheben ist in dieser Be­ziehung die Rede des ehemaligen Bautenministers Zanardelli, welcher erklärte, ganz Italien wünsche ein intimes Einvernehmen mit den europäischen Central­mächten. Er halte es für wahrhaft wünschenswerth, daß dieses Einvernehmen als eine Garantie des Friedens angesehen werde. Er begrüße mit Freuden eine Allianz, welche nicht allein die Gleichheit und Gegenseitigkeit der Vortheile stipulire, sondern auch die Bedingungen enthalte, daß die nationale Würde und das öffentliche Recht Italiens dadurch nicht leiden. Man muffe Italien, welches seine Verträge gewissenhaft halte, mit gleicher Münze zurückzahlen; Italien müsse sogar verlangen, daß man auch seine Institutionen und seine Autonomie achte. Der Redner brachte schließlich einen warmen Toast aus König Hum­bert aus. .

Heber den neuesten Nachrichten aus fernen Weltiheilen lagert eine dichte Wolke Pulverrauches. Frankreich und China sind engagirt. Wäh­rend von den chinesischen Kriegsrüstungen der Schleier gefallen ist und kaum ein Zweifel mehr darüber obwalten kann, daß China die äußersten Consequenzen seiner in Anam und Tongking befolgten Politik ziehen wird, ist Frankreich zu weit gegangen, um noch mit Ehren einlenken zu können. Auch liegt dies gar nicht in der Absicht des Pariser Cabinets. Letzteres speculirt auf ein paar rasche, glänzende Waffenthaten des Expeditions-Corps, auf die Entmuthigung und nachfolgende Demüthigung Chinas ad majorein rei publicae glomm. Die Chinesen ihrerseits, durch das brüske Gebühren Der französischen Politik erbit­tert und nicht gewillt, sich durch das Gaukelspiel des Vertrages von Hue um ein wesentliches Stück ihrer Machthoheit bringen zu lassen, nehmen den ihnen hingeworfenen Fehdehandschuh in der Hoffnung auf, den militärischen Feldzug mit ähnlichem Erfolg zu führen, als den diplomatischen. Bei der Unzuverlaffig- keit und Uneontrolirbarkeit der meisten, den gegenwärtigen Stand der chinesi­schen Wehrkraft betreffenden Angaben läßt sich ein auch nur annäherungsweises Urtheil über die Chancen eines franco-chinesischen Krieges zur Zeit nicht fällen.

Derfalsche Prophet" ist seit seinem Triumphe über Hicks Pascha bereits zum Propheten schlechtweg avancirt. Der Rus des Massacres von El Obeid hat sich mit Sturmeseile dmtch die gesammte muselmännische Welt ver­breitet und dieselbe in eine Gährung versetzt, welche dem Mahdi sehr zu Statten kommt. Alle Kenner der orientalischen, namentlich der egyptischeu Verhältnisse, sind über den Ernst der Lage einig, nur Herr Gladstone scheint fich von feiner optimistischen Auffassung der Dinge ungern trennen zu wollen Nun ist der Gang der Ereignisse bei der Beschaulichkeit orientalischer Denk- und Handels­weise ja keineswegs von der im Abendlande üblichenaffenartigen Geschwindig­keit" allein England hat es in Egypten auch durchaus nicht mit den Orientalen allein zu thun. Der französischen Regierung nahestehende politische Kreise tragen urplötzlich eine auffallende Besorgnis; um die im Sudan^ihres Erachtens schwer compromittirte Sache der europäischen Civilisation zur Schau und fchernen Lust zu verspüren, die gegenwärtige, dem Mahdi zu verdankende Conjunctur zu enter in integrum restitutio des in einem schwachen Augenblicke vreisgegebenen Ein­flusses der Republik zu benutzen. _______

Darmstadt, 28. Novbr. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: , , , . m , . .,

Arn 28. November den Sohn Sr. Großh. Hoheit des Prinzen Heinrich Karl Ludwig Georg Wilhelm Elimar Freiherrn zu Nidda in den Grafenstand zu erheben und zu befehlen, daß derselbe sich in Zukunft Graf zu Nidda nennen soll. .... n

Darmstadt, 28 November. Se. Kaiser!. Hoheit der Großfürst Ser­gius von Rußland ist heute aus Paris, wo Hochderselbe seinen erkrantten Bruder, Großsüist Paul, besuchte, wieder hier eingetroffen und im Palais Sr. Großh. Hoheit des Prinzen Alexander abgestiegen.