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Samstag den 30. Juni

1888.

ichewr Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Sureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MBl^agS.

Preis vierteljährlich 2 M^rk 20 Pf. mit Bringerlvchn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mar? 50 Ps.

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Politische Ueberstcht.

Gießen, 29. Juni.

Der Kaiser, dessen Emser Trinkkur den erfreulichsten Verlauf nimmt, gedenkt, wie aus Ems gemeldet wird, am 18. Juli in Gastein zur gewohnten Nachkur einzutreffen, lieber die anläßlich des Gasteiner Aufenthaltes projectirte Zusammenkunft zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Josef verlautet noch nichts Näheres.

Noch kurz vor dem Schluß der Landtagssession in Preußen ist der kirchenpolitische Streit im Abgeordnetenhause gelegentlich der am Montag stattgefundenen dritten Lesung der kirchenpolitischen Vorlage noch einmal in Hellen Flammen ausgebrochen. Während die beiden ersten Lesungen des ge­nannten Gesetzentwurfes in durchaus sachlicher und ruhiger Weise verliefen ruhiger als man vielleicht erwartet haben mochte platzten die Geister am Montag scharf auseinander, der ganze Culturkampf lebte in seiner alten Bitter­keit und Schärfe wieder auf und in der Hitze des Wortgefechtes fehlte es auch nicht an persönlichen Ausfällen, so daß sich Vicepräsident v. Heeremann ge- nöthigt sah, nach mehr als einer Seite hin den Ordnungsruf zu ertheilen. An dem vorher schon mit Sicherheit zu erwartenden Resultate änderten jedoch die vierstündigen Verhandlungen nichts und die mit 224 gegen 107 Stimmen erfolgte definitive Annahme der kirchenpolitischen Vorlage in der Commissions- Fassung hat daher auf keiner Seite Ueberraschung hervorgerufen. Nur insofern unterscheidet sich das Resultat der dritten Abstimmung von dem der zweiten, als diesmal die Zahl der gegen die Vorlage abgegebenen Stimmen sich von 87 auf 107 hob, da außer den Nationalliberalen und den Secessionisten auch der größte Theil der freiconservativen Fraktion, sowie der Fortschrittler sich gegen die Vorlage erklärte. Vom Abgeordnetenhause ist der kirchenpolitische Gesetz­entwurf sofort dem Herrenhause zugegangen, dessen Commission dem Entwurf, ohne irgendwelche Aenderungen vorzunehmen, bereits am Dienstag zugestimmt hat. Man kann daher annehmen, daß sich auch das Plenum des Herrenhauses in gleichem Sinne entscheiden wird und da anderweitige wichtigere Gesetz­entwürfe den beiden Häusern des Landtages nicht mehr vorliegen, so dürfte der Schluß des Landtages möglicherweise schon morgen erfolgen.

Unter den Tagesbegebenheiten der habsburgischen Doppel- Monarchie lenkt neben dem vor seiner Entscheidung stehenden Wahlkampfe in Böhmen die Tisza - Eszlarer Asfaire die Aufmerksamkeit zumeist auf sich. Die Schlußverhandlungen des zu Nyiregyhaza spielenden Monstre-Processes wegen der angeblichen Ermordung der Esther Solymossy durch jüdische Schächter haben Erscheinungen zu Tage gefördert, welche auf die ungarische Justizpflege ein eigenthümliches Licht werfen. Wir haben da einen Staaatsanwalt, welcher zu Gunsten der Angeklagten plaidirt und den Untersuchungsrichter Bary als den­jenigen bezeichnet, der eigentlich auf die Anklagebank gehöre, da tritt uns ein Präsident entgegen, der seine Voreingenommenheit gegen die Angeklagten nicht verbergen kann und was den Hauptbelastungs-Zeugen, den 14jährigen Moritz Scharf, anbelangt, so stellt sich jetzt heraus, daß dessen Aussagen theilweise gänzlich erfunden und den Machinationen gewisser hinter den Coulissen stehenden Persönlichkeiten zuzuschreiben sind. Auch die Aussagen anderer Belastungs- Zeugen haben sich als sehr zweifelhaft erwiesen und für Mittwoch stand die Vernehmung des Debrecziner Sicherheits-Commissars, Barcza, in Aussicht, der Kenntniß davon haben soll, wie Moritz Scharf zu den judenfeindlichen Aussagen abgerichtet wurde. Der Proceß von Nyiregyhaza scheint sich demnach zu einem hochsensationellen gerichtlichen Drama entwickeln zu wollen.

Die Pariser radikalen und anarchistischen Kreise sind durch die Verurtheilung derBürgerin" Louise Michel in hochgradige Erregung ge- rathen. Lomse Michel, die echte Hohepriesterin des Petroleum-Cultus, hatte bekanntlich die in Paris vor einigen Monaten stattgefundenen Straßen-Tumulte veranlaßt, welche in derErstürmung" und Plünderung mehrerer Bäckerläden gipfelte. Wegen dieses Vergehens und wegen Vertheilung hochverrätherischer Brochüren an Soldaten wurde die Michel zu 6jähriger Einschließung und lOjähriger Stellung unter Polizeiaufsicht verurtheilt, worüber die gesammte radikale Presse der französischen Hauptstadt außer Rand und Band gerathen ist. Die Anarchisten hielten am Sonntag im Saale Reine Blanche ein großes Ent­rüstungs-Meeting ab und die hierbei ausgestoßenen staatsgefährlichen Drohungen überschreiten alles Dagewesene. Der Gerichtspräsident Ramö und der Staats­anwalt wurden strmlich zum Tode verurtheilt und ein Individuum, Namens Cantet, erbot sich sofort, den Urtheilsspruch zu vollziehen; auch eine Proscrip- twasllste der Geschworenen circulirte. Außerdem wurde der Beschluß gefaßt, am. Juli, dem Nationalfesttag der Franzosen, schwarze Fahnen auszuhängen und durch Straßen-Tumulte die Feier zu stören. Die französische Regierung loll entschlossen fern, die wüthendsten Schreier wegen der ausgestoßenen 'Mord- drohungen zu verhaften. Challemel-Laconr, der Minister des Auswärtigen, ist in Vichy nicht unbedenklich erkrankt; es heißt deshalb bereits, daß der Ministerpräsident Ferry die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten definitiv übernehmen werde.

Für die in de-r englischen Armee herrschende Disciplinlosigkeit, worüber schon seit längerer Zeit heftige Klagen geführt werden, liefert ein blutiger Vorgang der letzten Tage abermals einen deutlichen Beweis. In Curragh (Irland) ist es zwischen Soldaten zweier Regimenter zu einem ernsten Zusammenstöße gekommen, bei welchem von den Schießgewehren Gebrauch ge­macht wurde und 5 Soldaten tobt auf dem Platze blieben, während mehrere Andere Verwundungen davontrugen. Erst dem energischen Eingreifen der

Officiere, welche drohten, auf die Meuterer schießen zu lassen, gelang es, dem Kampfe ein Ende zu machen; für den in der englischen Armee herrschenden Geist legt dieser Vorgang gerade kein günstiges Zeugniß ab.

In den albanesischeu Bergen ist zwischen den türkischen Truppen und den aufständischen Stämmen eine Art Waffenruhe eingetreten, welche ver- muthlich mit der vollständigen Unterwerfung der Insurgenten enden wird. Hafiz Pascha, der türkische Befehlshaber, war von den Albanesen fast gänzlich einge­schlossen worden, aber durch ein geschicktes Manöver gelang es ihm, sich noch rechtzeitig aus der Klemme zu° ziehen und die Insurgenten in eine derartige Lage zu bringen, daß ihnen nichts übrig bleiben wird, als sich zu unterwerfen, resp. die Waffen zu strecken.

Von Seiten der amerikanischen Regierung werden Maßregeln gegen die Einwanderung armer irischer Emigranten in das Unionsgebiet geplant. Die Commission für das Auswanderungswesen hat mehrere Beschlüsse gefaßt, durch welche die Landung von Auswanderern der bezeichneten Art in den Küsten­städten der Union verhindert werden soll. Die Commission schlägt vor, diejeni­gen Auswanderer, für welche die englische Regierung die Reisekosten bezahlt hat, zurückzuschicken.

In Damiette (Unter-Egypten) ist die Cholera mit großer Heftig­keit ausgebrochen. Es erscheint dringend geboten, daß sich die europäischen Mächte zu einem gemeinsamen Schritte vereinigen, um die Verschleppung der Seuche nach Europa zu verhindern.

Nyiregyhaza, 27. Juni. Tisza - Eszlarer Proceß. Der von dem Polizeichef und dem Oberstaatsanwalt mit der Ueberwachnng der Vorunter­suchung beauftragte Sicherheits-Commissär Barcza deponirt, Moritz, zu welchem er zugelassen, habe ihm Anfangs die Ermordung der Esther in der bekannten Weise erzählt, später aber zugestanden, daß er eigentlich nichts gesehen und man ihn nur dadurch zu seiner Aussage vermocht habe, daß man ihm mit ewigem Kerker gedroht. Moritz und der Comitatsbeamte, in dessen Obhut letzterer steht, stellen dies in Abrede. Auf die Bemerkung des Präsidenten an Barcza, daß Zeugen behaupteten, er habe für seine Aussagen viel Geld erhalten, sagt dieser, das seien Jene, welche dem Untersuchungsrichter Bary einen Ehrenpokal gewidmet hätten. Zum Schluffe der heutigen Verhandlung wurve constatirt, daß der Kanzlist Peczeli mit dem Mörder identisch ist, der in Jllava 12 Jahre Strafhaft ver­büßt hat. Derselbe verübte einen Mord an dem Gatten seiner Geliebten mit Hülfe der Letzteren und warf den zerstückelten Leichnam des Ermordeten in den Fluß. Die Conduitenliste der Gefängnißverwaltung bezeichnet Peczeli als einen lüderlichen, des Diebstahls verdächtigen Menschen. ______________________

Telegraphische Depeschen.

Wolff s lelegr. Correspondenr-Bureau.

Berlin, 28. Juni. Das Abgeordnetenhaus hat die dritte Berathung des Gesetzes über die Schulversäumnisse mit mehreren wesentlichen Abänderungen erledigt. Der von Bergenroth beantragte § la, wonach der Schulvorstand unentschuldigte Kinder durch Boten zur Schule führen lassen kann, wird trotz der Erklärung des Cultusmmisters, daß derselbe das Zustandekommen des Ge­setzes gefährde, angenommen. Die Schlußabstimmung wird verschoben. Nächste Sitzung übermorgen.

Das Herrenhaus nahm die Verwaltungsgesetze in der Fassung des Abgeordnetenhauses (§ 61 des Organisations-Gesetzes debattenlos, § 13 des Zuständigkeits-Gesetzes mit 84 gegen 24 Stimmen) an.

Kiel, 28. Juni. Der Ches der Admiralität', Caprivi, ist heute Mittag hier eingetroffen. r r

Aschersleben, 28. Juni. Der Commandeur des hiesigen 10. Hufa- renregiments, Oberst FPhr. v. Troschke, wurde heute auf dem Bahnhofe von einer Rangirmaschine erfaßt und getödtet.

Alexandrien, 28. Juni. (Telegramm desReuter scheu Bureaus ). Innerhalb der letzten 24 Stuüden sind in Damiette 113 Personen an der Cholera gestorben. Aus Mansurah sind während der letzten 3 ^.age 11 Cholera­fülle berichtet, von denen 4 tödtlich endeten. Einen Todesfall in ^antah schreibt man gleichfalls der Cholera zu. Da die Krankheit sich fett gestern auch in Port Said gezeigt hat, ist es allen nach Suez gehenden Schiffen verboten worden, mit den Stationen des Kanals zu verkehren. , _

Kalkutta, 28 Juni. Eine von der mdifchen Regierung an den Crmr von Afghanistan abgesanvte Munitions-Colonne ist von den Grenzstammen der Schimvaris und Afridis angegriffen worden und nach einem heftigen Kampfe

7- Schiffsrhedern statt, worin die Gutachten zweier hervorragender Advoeaten über das von Leffeps beanspruchte Monopolrech am Isthmus von Sn z be- rathen wurde. Die Gutachten bestreiten den Anspruch Lesseps unbedingt und sollen dieselben Seitens der Schiffsrheder unverzüglich zur Grundlage einer Aktton gemacht werben , um die Behörden für den Ban eines zweiten Kanals SÄSÄ'aESF «- >«»»«--»

wegen Maßnahmen bezüglich der Cholera znsammen. Ein von Alexandrien kommendes russisches Packetboot ist nach Mündiger Quarantäne m den Dar­danellen einqetroffen, wurde aber nach den Dardanellen zuruckgeschictt, nm eine zehntägige Quarantäne zu halten. Selbst die Ausladung der Briefe ist untersagt.