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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
1883.
Kr. 173. Zweites Blatt.
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Bureaur Schulstraße 7.
Erscheint ILglich mit Ausnahme des MsntagS.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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Wochenschau.
Gießen, 28. Juli.
Aus Gastein wird gemeldet, daß die Kur unseres Kaisers trotz der ungünstigen Temperatur-Verhältnisse einen durchaus normalen Verlauf nimmt und daß sich der hohe Herr wohler befinde, als seit Jahren. In dieser Woche mußten die Ausflüge des Kaisers in die Umgebung Gasteins in Folge des anhaltenden regnerischen Wetters auf ein Minimum beschränkt bleiben.
Die abgelaufene Woche trug in Bezug auf unsere inneren Angelegenheiten den Stempel der Bedeutungslosigkeit an sich, da ein hervorragenderes Ereigniß nicht zu verzeichnen war. Eine ziemlich lebhafte Polemik hat sich Zwischen den Berliner Halb- und Ganz-Officwsen und verschiedenen liberalen Blättern über die Bestimmung des deutsch-spanischen Handelsvertrags entspannen wonach die in Hamburg rectificirteu Sprits von den spanischerseits zugestandenen Zollerleichterungen ausgeschlossen sind. Während ein Theil der liberalen Presse hierin eine vexatorische Maßregel gegen die Hamburger Sprit-Fabrikanten erblickt, weisen die osficiösen Blätter darauf hin, daß durch die Ausschließung des in Hamburg rectificirteu Rohspiritus von den Vortheilen des spanischen Handelsvertrags die hanseatische Spritfabrikation nur ähnlichen Branchen im übrigen Deutschland gleichgestellt worden sei. Daneben liest die „N. A. Ztg.", welche in dem „Spritstreite" besonders das große Wort führt, den National- liberalen wieder einmal gehörig den Text, indem sie ihnen die Mitschuld an der gegenwärtigen unerquicklichen Gestaltung der Parteiverhältnisse in Deutschland giebt; besonders macht das „freiwillig -gouvernementale" Blatt der nationalliberalen Partei den Vorwurf, daß sie zur Zeit ihrer Herrschaft der Negierung im Kampfe gegen das Centrum beigestanden sei, um hieraus rnöglichst viel Vortheile für sich herauszuschlagen und daß sich daher die Negierung nothge- drungen von den Nationalliberalen habe zurückziehen müssen. In ihren Ausführungen über dieses Thema bringt die „Nordd. Allg. Ztg." manches Wahre, nur sollte sie nicht vergessen, daß auch die Negierung durch ihr Liebäugeln mit dem Eentrum nicht wenig zu unseren verworrenen Parteiverhältnissen mit beigetragen hat.
Das rapide Umsichgreifen der Cholera in Egypten ist für die europäischen Regierungen eine ernste Mahnung, Nichts zu unterlassen, um den gefürchteten Gast von den Küsten Europas fern zu halten. Glücklicher Weise haben sich die Meldungen von dem angeblichen Auftreten der Cholera aus den Balearen, in Marseille, Genua und Neapel als unbegründet erwiesen, trotzdem dürfen die Negierungen in ihren Gegenmaßregeln nicht lässig werden. Von der preußischen Negierung ist bekanntlich u. A. auch die Desinficirung aller aus choleraverdächtigen Gegenden kommenden Schiffe angeordnet worden und ist die betr. Verordnung den Provinzialbehörden mit der ausdrücklichen Weisung zugegangen, dieselbe schleunigst und nachhaltigst zur Ausführung zu bringen. Als Desinfectionsmittel wird Sublimat angeordnet, da sich die Wirkung des Chlorzinks als unzureichend erwiesen hat.
Im Wahlkreise Kiel-Rendsburg muß der fortschrittliche Can- didat, Professor Hänel, mit dem Socialisten Heinzel nun doch um die „Stechpalme" ringen. Es ist nicht zu bezweifeln, daß Herr Hänel bei der Stichwahl den Sieg davontragen wird, da er im ersten Wahlgange ca. 3000 Stimmen mehr als sein socialistischer Gegner erhalten hat und'die Wähler des conserva- tiven Candidaten, Grafen Reventlow, sich bei der engern Wahl größtentheils nicht betheiligen dürften. Immerhin ist es bemerkenswerth, daß die Socialdemokraten gegenüber der Wahl im Jahre 1881 es trotz des Socialistengesetzes bis zur Stichwahl im genannten Wahlkreise, der alten Domaine des Herrn Hänel, gebracht haben.
Die Tragicomödie im Gerichtssaale von Nyiregyhaza nähert sich ihrem Ende und das Interesse an dem Ausgange der Mordaffaire von Tisza-Eszlar drängt daher die andern, übrigens unbedeutenden, Begebenheiten im Kaiserstaate in den Hintergrund. In dieser Woche ist das Zeugenverhör und das Beweisverfahren abgeschlossen worden und es haben vor Verkündigung des Urtheils nur noch die Plaidoyers der Staatsanwaltschaft und der Vertheidiger zu erfolgen. Einen klaren Einblick in den Gang des Processes zu gewinnen, ist schier ein Ding der Unmöglichkeit; „mir wird von all' dem Zeug so dumm, als ging mir ein Mühlrad im Kops herum", heißt es auch hrer, denn Aussagen gegen Aussagen stehen sich hier diametral gegenüber und em juoenfresserischer Präsident, ein Staatsanwalt, der angeblich das Geld der „alliance israölite“ schon in der Tasche hat und mit den Vertheidigern Hand geht, bestochene Zeugen und parteiische Beisitzer und zum Ueberfluß em Publikum, das auf den Satz schwört: „der Jude wird verbrannt", geben em gar beschauliches Bild von der Justizpflege im edlen Magyarenlande.
In der französischen Deputirtenkammer haben in dieser Woche die Verhandlungen über die mit den großen Eisenbahü-Gesellschasten abgeschlossenen Conventionen stattgefunden, deren Genehmigung durch die Kammer eine wesentliche Stärkung der Position des Cabinets Ferry bedeuten würde. In der Mittwochs-Sitzung führten der Kriegsminister und der Arbeitsminister den Nachweis, daß die Conventionen allen eventuellen Bedürfnissen der nationalen Vertheidigung Rechnung tragen. Der letztgenannte Minister erklärte hierbei, die Sache sei so geregelt, daß in der Zeit von Mittags bis 6 Uhr Abends ein ministerieller Befehl hinreiche, um eine Anzahl von Militärzügen bereit stellen zu lassen, welche jeder Eventualität die Spitze zu bieten im Stande seien. Die zahlreichen zu dem Gesetzentwürfe vorliegenden Anträge wurden theils zurückge
zogen theits abgelehnt. Vor Beginn der Sitzung wollten es mehrere Deputirte zur Sprache bringen, daß der bonapartistische Deputirte Laisant in einem Morgenblatte einen Artikel veröffentlicht habe, in welchem die Kammer als an die Eisenbahn-Gesellschaften verkauft bezeichnet wird, Präsident Brisson lehnte jedoch dieses Vorhaben ab.
In England steht die Suezkanal-Angelegenheit noch immer auf der Tagesordnung. Herr Gladstone hat zwar in der Montags-Sitzung des Unterhauses erklärt, daß die Regierung auf das mit Herrn v. Lesseps bezüglich der Erbauung des zweiten Suezkanals geschlossene Abkommen verzichte, damit ist die Sache aber nicht abgethan. Als Gegenzug haben die Conservativen den Erlaß einer Adresse an die Königin beantragt, zu dem Zweck, daß in derselben ausdrücklich die Anerkennung irgend eines Monopols auf die Durchstechung der Landenge von Suez verweigert werde. Der conservative Antrag wird demnächst berathen werden und seine Annahme würde die Suezkanal-Ängelegenheit nur noch verwickelter -machen.
Aus dem Czarenreiche wird von einer steigenden Unzufriedenheit unter den donischen Kosaken wegen verschiedener Regierungsmaßregeln berichtet, welche schon zu bedenklichen Tumulten geführt hat. In Petersburger Regierungskreisen ist mau über diese Anzeichen einer rebellischen Gesinnung nicht ohne Beiorgniß, da man befürchtet, daß auch die andern Kosakenstämme von diesem unruhigen Geiste angesteckt werden könnten. In einem großen Theile Süd- Rußlands hat man mit der Heuschreckenplage zu kämpfen und ist für die betroffenen Gouvernements eine eigene „Heuschrecken - Vertilgungs - Commission" unter Vorsitz des Generals Schebeko eingesetzt worden.
In Belgien kämpft das liberale ^Ministerium Fröre Orban gegenwärtig einen harten Kampf um seine Existenz. Es kann sich nur mit Mühe der von clericaler wie von radicaler Seite ausgehenden Angriffe erwehren, doch ist es ihm gelungen, mit seinem Vorschläge, die Branntweinsteuer von 53 Franken auf 75 per Hectoliter zu erhöhen, in der Deputirtenkammer durchzudringen. Mit 70 gegen 67 Stimmen wurde in der Dienstags-Sitzung die betreffende Vorlage angenommen, deren Ablehnung gleichbedeutend mit dem Sturze des Ministeriums gewesen wäre.
Die in Griechenland ausgebrochene Ministerkrisis ist durch die Ernennung dreier neuer Minister wieder beseitigt worden. Die neuen' Minister haben die gemeinsame Eigenschaft, dem übrigen Europa total unbekannt zu sein.
Der Cholexaschrecken in Egypten löst, in diesem unglücklichen Lande allmählich alle Bande der Ordnung. Berichte aus dem Innern lassen erkennen, dH die Anarchie in der Verwaltung unglaublich groß sein muß; die Apathie und Unwissenheit der Beamten macht alle Maßregeln gegen die Epidemie nutzlos und mit deren Umsichgreifen nimmt die Verwirrung im Lande, da Keiner mehr dem Andern gehorcht, immer mehr zu. Bereits sind auch die englischen Besatzungstruppen von der Cholera ergriffen worden und hat sich eine Dislocirung der Garnison von Kairo nothwendig gemacht. Au den meisten Orten mangelt es an Aerzten und Medicamenten und dazu erweist sich die Bevölkerung den englischen Cordonstruppen als äußerst feindselig gesinnt; wohin wird dies noch führen?
Der Mordproceß von Tisza-Eszlar.
In dem seit Monatsfrist sich endlos dahinschleppenden Mordprocesse von Tisza- Eszlar ist zwar noch kein Urtheil gesprochen und es müßte daher auch als verfrüht bezeichnet werden, wenn man die juristische Seite desselben schon jetzt beleuchten wollte. Aber wenn wir es auch dahingestellt sein lassen, ob die der Abschlachtung der Esther SaUmossy angeklagten ungarischen Juden dieser Unthat überwiesen werden können oder nicht und ob sie freigesprochen werden oder nicht, so hat jener Procetz doch ein so grelles und dann wieder düsteres Streiflicht auf die socialen und politischen Zustände Ungarns geworfen, daß lediglich diese Seite des Mordprocesses die bedeutsamste ist und die Rechtsfrage nur eine Nebenrolle spielt.
Wenn man zunächst so ein paar Dutzend Verhandlungen des Tisza - Eszlarer Processes gelesen hat, so kommt man in Gefahr, das Gefühl in den Kopf zu bekommen, wie es in Göthe's Faust nut den berühmten Worten des Schülers gekennzeichnet worden ist: „Mir wird von all' dem Z-ug so dumm, als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum!" — Zeugen treten im Processe von Tisza-Eszlar auf, die mindestens einmal lügen und schwindeln, andere Zeugen machen ihre Aussagen unter dem Eindrücke brutaler Drohungen oder statig<habter Mißhandlungen, man sieht da Beamte functtoniren, denen zum Vorwurfe gemacht wird, daß sie bereits wegen Betheiltgung an Raub und Diebstahl Strafen erhalten hätten, Advokaten geben sich in dem Processe Mühe, ihre Clienten herauszulügen und zu schwindeln, der Gerichtshof, der den famosen Proceß leitet, hat bedenkliche Beweise seiner Parteilichkeit gegeben und von dem Staatsanwalte im Processe von Tisza-Eszlar wird behauptet, daß er von der „Alliance isradlite“ Geld bekommen hatte.
Kann unter diesen, das Richteramt verhöhnenden Zuständen in dem Processe von Tisza-Eszlar überhaupt noch von einer Rechtspflege geredet werden? Fehlen da nicht die nothwendtgsten Voraussetzungen? Dieser Proceß ist überhaupt kein Proceß im Sinne der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, es ist ein wüster, widerwärtiger Kampf zwischen Judenfeinden, Juden und Judenfreunden in Ungarn, ein Kampf zwischen religiösem und socialem Fanatismus, ein Streit der Unduldsamkeit mit der Bosheit und Niederträchtigkeit, der in entsetzlicher Weise die Kehrseite des ungarischen Cultur- lebens zeigt, dem eben noch die allernöthtgsten Bedingungen, Gerechtigkeit und Humanität, fehlen, und welches m!t nationaler Wütherei und rücksichtsloser, roher Selbstsucht sich stützen will. Die Ungarn sitzen danach noch auf einer der untersten Culturstufen und die weniger ungarischen Stadtbezirke, wo das Culturleben einem edleren Impulse folgt, können jenes Urtheil kaum lindern. Wahrhaft selbstmörderisch erscheinen daher die Bestrebungen der ungarischen Politiker, alle Staatsangehörige von nichtungarischer Abstammung zu magyarisiren, wo die andern Völkerstamme in Ungarn von dem Magyarenthum doch gar nichts profittren können.


