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Rr. 1417. Freitag den 29. Juni 1888.

ießener Anzeiger Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint tügliH mit Ausnahme des Msniags.

Bureaur Schulstraße 7.

am

PreiA vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Vringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Deutschland.

Darmstadt, 26. Juni. Da die Vorlage wegen Erbauung einer stehenden Brücke über den Main bei Kostheim bei dem demnächst stattfindenden Zusammentritt erster Kammer Erledigung finden soll, so wird in den nächsten Tagen dieserhalb der Finanzausschuß zusaminentreten.

Hamburg, 26. Juni. Die Stichwahl im ersten Hamburgischen Reichstags-Wahlkreise zwischen Bebel und Rabe ist ans den 29. Juni festgesetzt.

England.

Dublin, 26. Juni. In Curragh machten gestern Abend bei einem Streit-'zwischen Soldaten zweier verschiedener Regünenter beide Parteien von den Gewehren Gebrauch und schossen aufeinander. Fünf Soldaten wurden ge- tödtet, mehrere verwundet. Weitere Thätlichkeiten wurden durch das Einschreiten der Osfieiere verhindert, welche drohten, sofort auf die Meuterer schießen zu lassen. _______________________________________________

Politische Ueberfkcht.

Gießen, 28. Juni.

Das preußische Abgeordnetenhaus hat am Montag nach sehr lebhafter Debatte die kirchenpolitische Vorlage in dritter Lesung mit 224 gegen 107 Stimmen definitiv angenommen. Nicht mit Unrecht konnte der Führer des Centrums, Herr Windthorst, die Debatte als einen Extract aller Cultur- kampf-Verhandlungen bezeichnen, denn noch einmal lebte der leidigeCultur- kampf" in all' seiner alten Bitterkeit und Schärfe auf und mehr wie einmal sah sich der Vorsitzende, Vicepräsident v. Heeremann, genöthigt, seine Autorität geltend zu machen und er that dies in einer so unparteiischen Weife, daß selbst dem Fraktionsgenossen des Vorsitzenden, Herrn Windthorst, ein Ordnungsruf zu Theil wurde. Auf den Gesetzentwurf selbst wurde in der DiScussion fast gar nicht eingegangen, während man die ganze Geschichte und die Zukunft des Culturkampses" des Langen und Breiten erörterte. Einzelne Episoden der Verhandlungen waren sehr interessant, so namentlich diejenigen, in denen die Abgg. Stöcker und Virchow sprachen und wobei es an Anklängen und Nemi- niscenzen an Judenhetze, Darwinismus, Thiermenschen, Socialdemokratie und christlich-sociale Wahlagitation nicht fehlte. Die Specialdiscnssion, welche '.nehr als 4 Stunden währte, endete mit einer wahren Springfluth persönlicher Be­merkungen, in denen die Erregung der vorhergegangenen Debatten sich noch sehr bemerklich machte. Die anderen Gegenstände der Tagesordnung boten nach Er­ledigung der kirchenpolitischen Vorlage kein Interesse mehr dar.

Innerhalb der freiconservativen Partei sollen wegen der Haltung derselben gegenüber der kirchenpolitischen Vorlage Differenzen entstanden sein. Von dem Vorstande der freiconservativen Fraktion werden die hierüber in Umlauf befindlichen Gerüchte dementirt, doch ist dieses Dementi, welches die freiconservativePost" bringt, so kurz und unklar gehalten, daß man vorläufig jene Gerüchte nicht kurzer Hand abweisen kann. Einen Commentar zu den Vorgängen innerhalb der Fraktion liefert vielleicht ihre Abstimmung am Montag über die kirchenpolitische Vorlage. Von den Freiconservativen enthielten sich 8 der Abstimmung, 10 stimmten mit Ja, 23 mit Nein, die übrigen fehlten. Nach dem Fraktions^Verzeichniffe zählt die Fraktion der Freiconservativen im Abgeordnetenhause 59 Mitglieder.

Herr v. Bennigsen hat an den Vorstand der nationalliberalen Partei ein Schreiben gerichtet, in welchem er die Gründe seiner Mandats-Niederlegung mittheilt. Die steigende Verbitterung der Parteien, der immer schärfer auf­tretende Gegensatz zwischen der Reichsregierung und dem Parlamente, die Spal­tung unter den Liberalen sind hauptsächlich die Motive seines Rücktrittes gewesen, trotzdem gedenkt Herr v. Bennigsen auch ferner mit seinen politischen Freunden in nahen Beziehungen zu bleiben.

Die Adresse, welche 63 ordentliche Professoren der Wiener Universität, darunter Gelehrte von europäischem Rufe, an den Rector derselben, Professor Maassen, gerichtet haben, ist ein bedeutsamer Protest gegen das Em- treten des Rectors zu Gunsten der czechischen Volksschule in Wien. Professor Maaffen, welcher die Virilstimme der Wiener Universität auf dem niederöster- reichischen Landtage vertritt, hatte bekanntlich die genannte Maßregel in einer Weise vertheidigt, wie es selbst der eingefleischteste Czeche nicht hätte besser thun können. In maßvoller, aber entschiedener Sprache protestirten nun die 63 Pro­fessoren dagegen, als ob Rector Maaffen die Anschauungen der Mehrheit der Docenten an der Wiener Hochschule ausgesprochen habe und da sich auch in den Kreisen der Wiener Studentenschaft eine immer lebhaftere Mißstimmung gegen Professor Maassen kundgiebt, so ist es überhaupt sehr zweifelhaft, ob derselbe noch lange das Rectorat wird behalten können. Die Verhandlungen in dem Tisza-Eszlarer Mordproceß gestalten sich allmälig günstiger für die An­geklagten, da die Aussagen des 14jährigen Hauptbelastungs-Zeugen Moritz Scharf sich in vielen Punkten als unwahr Herausstellen.

In den Reihen der Pariser Radikalen hat die Verurtheilung der Louise Michel, desHeldenweibes" der Commune, zu 6jähriger Einschließung und lOjähriger Stellung unter Polizeiaufsicht, große Entrüstung und Aufregung Hervorgerusen. 6 Jahre Gefängniß für ein bischen Straßen-Emeute das ist allerdings hart und man kann es den Pariser Barrikadenmännern nicht ver­denken, wenn sie ihrer Entrüstung über diesenungerechten" Nrtheilsspruch in mitunter sehr drastischer Weise Lust machen. Neben derbitteren Louise" sind noch verschiedene ihrer männlichen Schicksalsgenossen zu Gesängnißstrafen ver- urtheut worden; als dre Verurtheilten abgesührt wurden, riefen ihnen die im Gerlchtssaale anwesenden Radikalen tröstend zu:Wartet nur, sie müssen Euch wleder .rerlassen, denn wir wählen Euch zu Deputirten!" Sehr bezeichnend! JldG) einer Meldung derAgence Havas" aus Shanghai dauern die Verhand­lungen zwischen dem chinesischen Staatsmann Lihung Chang und dem französi­schen Gesandten Tricon fort und lassen einen günstigen Ausgang erwarten. Die Unterredung des Conseilpräsidenten Ferry mit dem Marquis'Tseng habe in Peking einen guten Eindruck gemacht; die Nachrichten über die Kriegsvor­bereitungen Chinas seien unbegründet.

Die Arbeiten des englischen Parlamentes gehen mit schnecken­artiger Langsamkeit vor sich und geben Grund zu der Befürchtung, daß die Session von 1883 in legislatorischer Beziehung abermals zu den unfruchtbaren Jahrgängen zu zählen fein wird. Von den wichtigeren Regierungsvorlagen hat bisher, wenn man von dem in einer Sitzung erledigtenSprengstoffgesetz" ab­sieht, noch keine einzige beide Häuser des Parlamentes passirt und die Budget- Voranschläge harren noch immer der Erledigung durch die Budget-Commission.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Correspondenr-Bureau.

Berlin, 27. Juni. Das Abgeordnetenhaus verwies heute den Antrag Zelle's auf Abänderung der Städteordnung an die Gemeinde-Commission. Die Debatte beschäftigte sich fast ausschließlich mit der Auflösung der Berliner Stadtverordneten-Versammlung. Die Abgg. Zelle, Straßmann, Minnigerode, Minister v. Puttkamer, Windthorst und Cremer beteiligten sich an der Debatte. Das Haus erledigte sodann Wahlprüfungen.

Kirchheimbolanden, 27. Juni. Nach einer Mittheilung derPfäl­zischen Presse" hat bei der gestrigen Reichstagswahl in Landau-Neustadt Mahla (nat.-lib.) 9223, Sartorius (Fortschr.) 9284 Stimmen erhalten, während sich 70 Stimmen zersplitterten. Es findet demgemäß eine Stichwahl statt.

Nyiregyhaza, 27. Juni. Tisza-Eszlarer Proceß. Im weiteren Ver­laufe der heutigen Verhandlung sagte Frau Scharf aus, ihr Stiefsohn Moritz sei stets sehr furchtsam, verlogen und störrisch gewesen, weshalb er öfter habe gezüchtigt werden müssen, zweimal habe er ein Messer nach ihr geworfen, das zweite Mal am Tage ihrer und seiner Verhaftung; seither habe sie ihn nicht gesehen. Mit seiner ©tiefmutter confrontirt, bleibt Moritz bei feinen bisherigen Aussagen. Seiner abwehrenden Stiefmutter ruft er zu:Sie lügen ; seinem Vater, der ihn mit aufgehobenen Händen bittet, die Wahrheit zu sagen, erwi­dert er:Er wolle nicht ewig eingekerkert und auch nicht Jude bleioen, die Juden würden ihn tödten." Mit den Dienstleuten des Sicherheits-Comnussars Neczky confrontirt, beharrt Moritz bei seiner Behauptung, er habe seme Oe- ständnisse freiwillig gemacht, Niemand habe ihm etwas zu Leibe gethan.

PariÄ, 27. Juni. DieAgence Havas' läßt sich aus PortSaid melden, daß auch dort zwei Cholerafülle vorgekommen, wovon einer todtlich

DerTemps" behauptet, daß das Auftreten der Cholera bereits am 12. Mai von Bombay signalisirt worden sei und daß der internationale Ge­sundheitsrath strenge Maßregeln anordnete. Diese seien von dem englischen Delegirten vereitelt werden, welcher erklärte, daß den Landeisinteressen ebenso gut Rechnung getragen werden müsse, wie den Interessen der öffentlichen Gesuud^ett^pstege.^, 27. Juni Der Sanitätsrath beschloß, die sämutt- lichen egyptischeu Provenienzen der Quarantäne gemäß dem Reglenient von 1 >« au unterwerfen Deshalb müssen im Mittelmeer alle Schiffe Smyrna oder Beyrut anlaufen Für die Häfen des Rothen Meeres wird besondere .Quanin* ZamXl Alle Sanitätsämter werden telegraphisch instruirt

Alexandrien, 27. Juni. (Telegramm desReuter scheu Bureaus"). In Damiette starben gestern 47 Personen, davon 37 an der Cholera; in Man- surah sind von 7 Cholerakranken 2 gestorben.

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Die Regierung wird sich unter diesen Umständen gezwungen sehen, die zur Be- rathung der von Abgeordneten eingebrachten Bills bestimmten Tage auch noch für sich in Anspruch zu nehmen und der Premier Gladstone gedenkt einen dahin zielenden Antrag einzubringen, welcher kaum einer nennenswerthen Opposition begegnen dürfte.

Berichte aus Konstantinopel erklären den Aufstand in Albanien für erloschen. Die Mehrzahl der aufständischen Stämme hat, falls ihnen General-Amnestie gewährt wird, ihre Unterwerfung angekündigt, andere Stämme haben ihre Bereitwilligkeit zu Unterhandlungen erklärt. Vorläufig ist auf dem infurgirten Gebiete Waffenruhe eingetreten, welche der Commandeur der türki­schen Truppen den darum nachsuchenden Stämmen gewährt hat.

Aus Damiette (Egypten) kam vor einigen Tagen die Kunde, daß daselbst ein gastrisches Fieber ausgebrochen sei, welches einen typhusartigen Charakter habe. Die in Alexandrien domicilirende ständige internationale Gesundheits-Commission begab sich sofort nach Damiette und hat nun conftatirt, daß dasFieber" thatfächlich die Cholera ist und daß die Zahl der Erkran­kungsfälle zunimmt. Hoffentlich geschieht Alles, um den umheimlichen Gast von den Küsten Europas fern zu halten.

Im Gebiete des untern Missouri und Mississippi haben große Ueberschwemmungen stattgefunden, wodurch die Ernte theilweise vernichtet Horden ist.

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