Ausgabe 
29.4.1883 Zweites Blatt
 
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Zweck der Organisation eines Dynamit-Complotes keinen Zweifel. Einen Be- Ichluß faßten die Mitglider des CabinetS noch nicht, sondern tauschten nur ihre Ansichten über die Politik aus, welche die Regierung gegenüber den Bestrebungen der gedachten Personen einzuschlagen haben werde.__

Nc Sterblichkeit im Großhenogtstum Hesse«.

Darmstadt, 21. April.

Im Monat Januar 1883 wurden im Großherzogthum im Ganzen 2019 Todes­fälle verzeichnet gegen 1730 tm vorausgegangenen Monat; auf 10,000 Einwohner 21.0 gegen 18.1. Davon entfallen auf die Provinz Starkenburg 915 (788), auf Oberhessen 526 (416) und auf Rheinhessen 578 (526); in allen Provinzen war die Zahl der Todes­fälle gegen den Vormonat eine erhöhte, am auffälligsten in Starkenburg. Von der Gesamuttzahl der Verstorbenen gehörten dem kindlichen Alter an 842 (745) und standen davon tm ersten Lebensjahre 465 (430), im Alter vom zweiten bis fünfzehnten Jahre 387 (315), zu den Erwachsenen zählten 1177 (985); eine erhebliche vermehrte Zahl der Todesfälle entfällt sonach auf die letzteren. An epidemischen Krankheiten zusammen waren verstorben 209 Personen gegen 191 im vorausgegangenen December und zwar in Starkenburg 139 (130), in Oberhessen 37 (35) und in Rheinhessen 33 (26); darunter waren Todesfälle an Masern 59 (56), von diesen entfallen 55 auf Starkenburg; an Hals- und Rachenbräune verstorben waren 61 (52), an Scharlach 33 (27), an Keuch­husten 19 (34), an Blattern 2 (0), an Rose 4 (0) und an Abdomtnaltyphus 31 (22) Personen, von letzteren 17 in der Provinz Starkenburg. Sterbfälle im Wochenbett ereigneten sich 16 (11). Von anderen wichtigeren Krankheiten hatten Lungenschwind­sucht 255 (190), acute entzündliche Erkrankungen der Athemorgane 239 (181), Schlag­fluß 71 (53), Darmkatarrh und Brechdurchfall 32 (50) und akuter Gelenkrheumatismus 3 (0) Todesfälle veranlaßt. Allen übrigen Krankheiten erlegen waren 843 (717) Per­sonen, unermiltelt blieb die todtbringende Krankheit bet 297 (292). Todesfälle gewalt­samer Art kamen vor 54 (45), darunter durch Verunglückung 32 (23), durch Selbst­mord 22 (20) und burcb Mord 0 (2) Von hervorragendem Emflutz auf die erhöhte Sterblichkeit dcS Januarmonats erwiesen sich sonach vor Allem acute Krankheiten der Athemorgane, Lungenschwindsucht und Schlagfluß und die Todesfälle, die unter die Rubrik aller übrigen Krankheiten fallen, in minderem Maße fand eine geringe Zunahme der Sterbefälle durch einzelne epidemische Krankheiten statt, während von den letzteren Keuchhusten eine erheblich verminderte Zahl von Todesfällen aufwics.

Im Monat Februar 1883 ergaben sich im Großherzogthum insgesammt 1778 Todesfälle, auf 10000 Lebende, den Monat zu 31 Tagen gerechnet. 20,4, wonach sich die Sterblichkeit als eine etwas geringere als im Vormonat ergibt. Von beü Todesfälle- kommen auf bie Provinzen: Starkenburg 834 (915), Oberhcsfen 487 (526) und Rheinhessen 457 (578) Von den Verstorbenen tm Ganzen waren Kinder 753 (842) und unter diesen im ersten Lebensjahr 416 (465), tm zweiten bis fünfzehnten Jahre 337 (387); den Erwachsenen gehörten zu 1025 (1177). Todesfälle in Folge von epidemischen Krankdetten wurden verzeichnet 190 (209) in Starkenburg 104 (139), in Oberdessen 61 (37) und in Rbeinhessen nur 25 (33) und zwar an Rachen- und Halsbräune 60 (61), an Scharlach 44 (33), davon 28 in Oberhessen, an Masern 31 (59), an Blattern 1 (2) an Rose 4 (4), an Keuchhusten 33 (19), davon 28 in Starken­burg, am Abdominaltyphus 16 (31) und an Ruhr 1 (0). In Folge des Wochenbettes kamen 20 (16) Sterbfälle vor. Von den wichtigeren Krankheiten N'cht epidemischer Art brachten acute Erkrankungen der Athemorgane 260 Sterdfälle gegen 239 im Vor­monat. Lungenschwindsucht deren 228 gegen 255, Schlagfluß 48 gegen 71, Darmkatarrh und Brechdurchfall 34 gegen 32, acuter Gel-nkrheumatismus 1 gegen 3. Allen übr'gen Krankheiten erlaaen 719 Personen gegen 843, unbekannt blieb die tödtllche Krankheit M 248 gegen 297. Eines gewaltsamen Todes verstorben waren 30 Personen gegen 54 tm Vormonat und unter diesen durch Verunglückung 16 (32) und durch Selbst­mord 14 (22). In Vergleich des Vormonats waren Todesfälle durch epidemische Krankheiten im Ganzen zwar in gleichem Betrage verblieben. Masern- unb Typhus­sterbfälle hatten aber eine beträchtliche Abnahme erfahren unb solche durch Scharlach unb Keuchhusten, erstere in Oberhesscn, letztere in Starkenburg, erheblich zugenommen. Von den vorherrschenden Krankheiten waren bei Berücksickt-gung der Verfchiedenheit in bet Tageszahl bet beiden Vergleichsmonate die Sterdfälle an Lungenschwindsucht sowohl wie die an acuten entzünbl chen Krankheit- n der Athmungsorgane der des Vor­monats genau gleich geblieben; Todesfälle an Schlagfluß wiesen einen erheblichen Rück­gang auf, ebenso diejenigen durch Verunglückung und Selbstmord. (D. Z.)

e r m i f 6 f H,

Marburg, 24. April. DerKöln. Ztg." wird aus Bern geschrieben:Gestern ist in Lausanne Professor Gustav Soldan, 71 Jahre alt, gestorben. Gebürtig aus Hessen, kam derselbe in den dreißiger Jahren als deutscher polnischer Flüchtl'Ng nach der Schweiz und war mit Mazz-m in dem schwarzen Buche verzeichnet, welches der damalige eidgenössische Vorort den einzelnen Cantonen zustellie. Trotzdem von Canton

Waadt gastsreandschaftlich ausgenommen, wurde er am College in Lausanne als Lehre der latelmschen Sprache angestellt unb zum Professor honorarius an der Akademie ernannt, in welcher Sellung er Pis zu feinem Ende verharrte unb sich allgememe Liebe und Achtung e warb."

Kess eistabt, 24. April. Arn Samstag Nachmittag prügelten sich zwei kleine, kaum schulpflichtige Knaben, wobei der etne zu Boden stützte. Das Kind hatte unglücklicher- und leichtsinnigerweise ein Küchmmesser in der Tasche, mit dem es sich Weiden zu Pfeifen schneiden wollte und stieß sich durch den Sturz dasselbe so in den Leib, daß die Eingeweide austraten. Der Schrecken und die Angst der armen Eitern läßt sich denken, doch soll erfreulicherweise die Verletzung des Kmdes nicht lebens­gefährlich sein.

Mainz, 24. März. DerMainz. Anz." veröffentlicht beute eine Zuschrift, die auch wir glauben aufnehmen zu sollen, weil sie dazu angethan ist, bte Behörden auf die Ergreifung von Vorsichtsmaßregeln zeitig aufmerksam zu machen. Die erwähnte Zuschrift lautet: Es ist em öffentliches Gehcimniß, daß in Wiesbaden die Blattern ausgebrochen sind. Mit unbegreiflicher Zurückhaltung schweigen aber die Tagesblätter über dieses Unglück. Wir begreffen recht wohl, wie unangenehm der bedenkliche Zwischen- sall für die im Beginn einer neuen Saison stehende Badestadt ist; allein hier können solche Rücksichten kein H.il bringen. Ua§ erscheint die Anwendung des Vertuschungs­systems bei solch ernster Sachlage um so bedenklicher, als Wiesbaden in Kürze von vtelen Tausenden von Menschen besucht werden wird. Die dortigen Behörden haben zwar ein sehr einfaches Mittel gefunden, sie weisen ihre Blattern-Kranke und-Jnficirte, so lange es noch angeht, einfach aus der Stadt, ohne sich viel darum zu kümmern, wohm jene sich wenden. Den größten Nachtheil haben natürlich wir Mainzer. Ist, fragen wir, dieses Verfahren der Wiesbadener Behörden rechtlich statthaft? Braucht sich eine Stadt wie Mainz, trotz Freizügigkeitsgesetz, so tn Gefahr bringen zu laffes? Wahrscheinlich halten die dortigen Behörden so etwas gegenwärtig für erlaubt, da es beim Beginn der Saison unb während der Anwesenheit des deutschen Kaisers recht unangenehm ist, so viele Blatternfälle in der Stadt zu haben. Ob es jedoch sehr vor­sichtig von dcr Badeverwaltung war, einem so hohen Kurgast von dem gegenwärtigen Besuch nicht adzurathen, wollen wir ununtersucht lassen-

Berlin, 24 April- Einen unheimlichen Reisegefährten fand am Samstag Abend ein Herr, als er, um die Stadtbahn zu benutzen, am Bahnhof Bellevue in ein Coupä 3 CI ässe stieg. Am Ende des Coupes sah er einen Passagier, der, anscheinend etnßefd)hifen, den Kopf in die Ecke nach dem Fenster zu netßte. Zuerst nahm der Neuangekommene keine Notiz von dem schweigsamen Reisegefährten, als er aber vor demselben plötzlich einen Revolver liegen sah, neigte er sich vor, um dem Anderen ins Gesicht zu sehen- Da war denn freilich sein Schreck nicht gering, denn der vermeintlich Schlafende stierte wie ein Tobftr sein Vis-k-vis an unb von feiner linken Schläfe troff bas Blut in starkem Strahl auf bie Kleider herab. Der Marn, hatte sich in ber That erschossen. Sein weniger lebensmüder Begleiter erhob nun ein mörderisches Geschrei, in Folge dessen der Körper des Selbstmörders, freilich erst auf dem Lehrter Bahnhof, aus dem Cpup6 geschafft wurde. Der Selbstmörder wurde als der Sohn eines Hof­schuhmachers aus ber Französischen Straße recognoscirt- Ein hübsches Dokument rotrb in denNeubans-Ofterer Nachrichten" (Holstein) veröffentlicht. Dasselbe lautet wörtlich:Dem Häusling ..... seit 6 Jahren im Besitze der bürgerlichen Rechte hier anwesen, sei 15 December 1880 nach Buxtehude verzogen, wirb hiermit bezeugt, daß er sich das volle Vertrauen der Emgesessen erworben- Auch bat derselbe sich während feiner Anwesendheit hier der Partei der Socialdemokraten nicht angeschlossen, sondern überall liebevoll bewiesen. Jork, den 26. Januar 1881. Der Gemembe- Vorftanb."

Ein gemüthlicher Sachse, welcher in Berlin bestohlen worden war unb vor dem Schöffengerichte daselbst vernommen wurde, ließ sich über eine Verwundung, die er einige Tage vorher erhalten und welche die Amputation eines Fingers noihwendig machte, in folgender charakteristischer Weise aus:Ja so, mit den Finger; des war Sic ä kaoz dumme Keschtchte. Kenau auskerechnet vier Dage vorher war ich Sie nach Kr-mme kereest, wo mer meine Schwester tbren Keburtstag kemüthlich fefeiert haben. Un wie ich denn uf den Nachmittag noch ä recht scheenes Schälchen Koffee ketrunken habe, will ich heeme reefen un sitze Sie ooch schon tnn Wagen, Life (plaudere) aber noch mitn tuten Freind, der mers Keleite kekeben hatte; ich denke Sie ooch an karnischt Arges, wo denn der Schaffner kommt und mit kroßem Krawall be Dübre zuschme.ßt. Nu denk' ick aber ooch sokleich, ich soll Sie in'n Erdboden sinken. Hat Sie mir ber Mensch, weeß Knäppchen, zwee Finger mit be Dühre inkeklemmt. Ich war Sie vor Schmerzn reener Tyrann keworben un hätte Sien Bären inn Käfig erwürgen können. Ich rufe Sie benn ooch kleich mitne Donnerstimme dem Mann burchs Fenster zu:Ei, nut Knister, S:e 'haben mer aus Verleben die Fingern 'n bißken inkeklemmt; sind Se so sreindlich und machen Sie kanz keschwinde be Dühre wi.der uf!" Un weil ich Sie nun recht böses Kffichte machte, war Sie ber Manu ooch schon vernünftig un macht Sie richtig bie Dühre roteber uf. Na, ich bade ihm nachhern paar Kroschm znn Däppchen Bier kekeben; er hätte Sie boch be Dühre erlebt ur be nächste Station ufzumachen Lbraudbt."

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