Ausgabe 
29.4.1883 Zweites Blatt
 
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Er. 9S, Zweites Blatt. Sonntag den 29. April 1883.

Meßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureaur Schulstraße 7.

Erscheint tätlich mit Ausnahme des Msuta-1.

tret- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlshn.

>urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil. Bekanntmachung.

Von Großherzoglichem Ministerium des Innern und der Justiz sind mir beauftragt, folgendes, betr. die in ÄmsterdaM stattfindende Inter­nationale Colonial- und Exporthandel-Ausstellung, zur Könntniß der Interessenten des Handelsstandes in unserem Bezirke zu bringen.

Einige auf die erwähnte Ausstellung Bezug habende, insbesondere die Ausstellung der Kunstgegenstünde und Gartengewächse, sowie die Bestimmungen über die zu ertheilenden Anerkennungen betreffenden Drucksachen, tvelche von dem als Reichskommissär fungirenden Kaiserl. Konsul Hoyack in Amsterdam eingereicht worden sind, können auf der Registratur Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz eingesehen werden.

Gießen, den 27. April 1883. ' Großherzogliche Handelskammer Gießen.

E d. Silbereisen._______________________

Bekanntmachung.

Von Großherzoglichem Ministerimn des Innern und der Justiz sind wir beailftragt, folgendes zur Kenntniß der Interessenten des Handelsstandes in unserem Bezirke zu bringen.

Rach Mittheilung des Reichskanzlers wird zu Boston in den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika am 1. September d. I. eine ausschließlich für fremde Manufaktur-, Kunst- und Industrie-Produkte bestimmte Ausstellung eröffnet werden, deren Dauer auf den Zeitraum von mindestens drei Monaten bemessen ist. Das von einem privaten Verein geleitete Unternehmen hat die Genehmigung der Behörde des Staates Massachusetts erhalten, eine besondere Congreßakte sichert den Ausstellungsgütern die Steuerfreiheit. Weitere Auskunft wird auf den amerikanischeii Consulaten in Deutsch­land ertheilt. _ .

Zwei auf die Ausstellung bezügliche Drucksachen können auf der Registratur Grobherzoglichen Ministerlums des Innern und der Justiz emgefehm werden. Gießen, den 27. April 1883. Großherzogliche Handelskammer Gießen.

Ed. Silbereisen.________'__________________

Wochenschau.

Gießen, 28. April.

Der Schwerpunkt der parlamentarischen Verhandlungen ruhte in dieser Woche weniger im Reichstage, als vielmehr im preußischen Abgeordnetenhause, wo am vergangenen Mittwoch die schon längst angekün­digten Anträge Windlhorst's, bezweckend die Straflosigkeit des Messelesens und Sacramentespendens, zur ersten und zweiten Berathung gelangten. Zur Be­gründung dieser Anträge war Seitens des Centrums Herr v. Schorleiner-Alst in's Treffen geschickt worden. Es war dies für den gewandten Redner eine treffliche Gelegenheit, wieder einmal das weite Gebiet des Culturkampfes zu durchschweifen und die bekannten Klagen des Centrums von der angeblichen Vergewaltigung des katholischen Volkes, von der Verfolgung der Kirche, dem kirchlichen Rothstand zu wiederholen. Selbst das Duellwesen der Ofstciere und Studenten, der Tod Gambeita's und die Wortbruchs - Affaire des Generals Thibaudin mußten dem Centrums-Redner mit zu Stützpunkten seiner Anklagen !' gegen die preußische Regierung dienen, die in dem Hinweise auf die heranstür­mende dynamitschwangere Revolution gipfelten, welche sich als letzte der in Folge der kirchlichen Politik drohenden Gefahren zeige. Seitens der Regierung hatte es der Cultusminister v. Goßler übernommen, den Ausführungen v. Schorlemer- Alst's entgegenzutreten und er that dies in einer den Wünschen des Centrums sehr entgegenkommenden Weise. Der Minister hob hervor, daß sich die Staats­regierung mit den Antragstellern in dem Wunsche begegne, den kirchlichen Noth- itändm der Katholiken ein Ende zu machen, aber er betonte hierbei, daß gerade [die Annahme der vorliegenden Anträge einer diplomatischen Action zwischen Preußen und der Kurie nur hindernd in den Weg treten könne. Schließlich gab Herr v. Goßler die Erklärung ab, daß die Antwort des Reichskanzlers auf die Note der Kurie bereits redigirt sei und dem Kaiser zur Entschließung vor­liege, sie enthalte bestimmte Vorschläge, welche hoffentlich eine Verständigung ermöglichen würden. In die sich hierauf entwickelnde allgemeine Discussion griffen die Redner aller Fraktionen je nach ihrem Standpunkte ein, wobei von verschiedenen Seiten Amendements zu den Windthorst'schen Anträgen gestellt wurden. Bemerkenswerth erschien hierbei die innerhalb der Fortschrittspartei zu Tage tretende Meinungsverschiedenheit, indem Dr. Hänel für Uebergang zur Tagesordnung plaidirte, während Herr Richter Commissionsberathung bean­tragte. Von conservativer Seite befürwortete Abg. Marcard den Antrag seiner Fraktion, wonach eine organische Revision der Maigesetze nach günstigem Ver­laufe der diplomatischen Verhandlungen verlangt, vorweg aber in diesem Falle die Beseitigung der im Anträge Windthorst gekennzeichneten kirchlichen Rothstünde gewünscht wird. Namens der Freiconservativen erklärte sich Abg. v. Zedlitz gegen die Windthorst'schen Anträge und auch gegen die vorgenannte Resolution der Conservativen, in ähnlichem Sinne sprach sich von nationalliberaler Seite Abg. v. Epnern aus; von dm Polen befürwortete Abg. v. Stabslewski die Annahme der Windthorst'schen Anträge. Herr Windthorst selbst wünschte in ieiner Rede die einfache Annahme seiner Anträge, aber keine Commijsions- berathung. Bei dm nun folgenden Abstimmungen wurden zunächst die Windt­horst'schen Anträge mit 229 gegen 133 Stimmen abgelehnt, dann auch die übrigen Anträge und schließlich wurde die Resolution der Conservativen, für welche Conservative, Centrum und Polen stimmten, mit 209 gegen 154 Stim­men angenommen, womit diese neueste Culturkampf - Episode vorläufig erledigt ist.

Der Reichstag setzte am Dienstag die Berathung des Kranken- kassen-Gesetzes bis zu § 15 (Ortskrankenkassen) fort und erledigte die auf der Tagesordnung stehenden Paragraphen durchaus im Sinne der Commissions- Anträge. Am Mittwoch hielt der Reichstag wegen der im preußischen Abgeord-

netmhaufe stattfinbmden Berathung der Windthorst'schen Anträge keine Sitzung ab, am Donnerstag nahm er jedoch die Specialdiscussion des Krankmkassm- Gesetzes wieder auf, die sich vielleicht noch bis in nächste Woche hineinziehen

dürfte.

In Frankreich beschäftigt, was die innere Politik anbelangt, die Convmtirungs-Angelegenheit ausschließlich die Gemüther. Indessen sind die Befürchtungen, welche man bezüglich dieser Angelegenheit für die Stellung des Finanzministers Tirard hegte, bis jetzt nicht eingetroffen, im Gegmtheil hat die französische Deputirtmkammer am Dienstag die Convertirnngs - Vorlage mit großer Majorität angenommen und dadurch ihr Vertrauen in die Finanz­politik der gegenwärtigen Regierung ausgesprochen. Auch der Senat wird vor­aussichtlich dem Convertirungs-Projecte Tirard's zustimmen. In der auswär­tigen Politik ist es die Tongking-Frage, welche jetzt das Interesse der Franzosen in Anspruch nimmt. Es besteht kaum mehr ein Zweifel darüber, daß diese Frage eine gewaltsame Lösung finden wird, da der Herrscher von Anam sich zu keinerlei ernstgemeinten Unterhandlungen mit Frankreich hsrbeilassm will. Die französische Regierung hat darum die unverzügliche Ausrüstung von 2000, nach andern Mittheilungen jedoch nur von 1500 Mann beschlossen, die sofort nach Anam abgehen sollen, sobald die Kammern dm für diese Expedition gefor­derten Credit bewilligt haben werden.

Aus England liegt in dieser Woche, wenn man von den Ver­handlungen in den verschiedenen Mord- und Dynamitprocessen absieht, nichts wesentlich Neues vor. Im Unterhause ist die Bill, betr. den parlamentarischen Eid, eingebracht und von conservativer Seite sofort heftig bekämpft worden. May erblickt hier in der Bill nur eine Hinterthür, durch welche anerkannten Atheisten, wie Bradlaugh, der Eintritt in's Parlament ermöglicht wird; ein Resultat der Debatte über den parlamentarischen Eid liegt noch nicht vor. Bezeichnend für die Zustände in Irland ist es, daß die Jury in dem zu Dublin anhängigen Mordproceß gegen Kelly über den Wahrspruch sich nicht zu einigem vermochte, obwohl sie sich viermal zurückzog. Die Jury mußte schließlich auf­gelöst werden, was den Geschworenen lieber sein dürste, als wenn |ie durch einen Wahrsvruch aufSchuldig" sich der Rache der irischen Vehme ausge-

setzt hatten.^der Italia irredenta hat das freisprechende Urtheil im Processe Ragosa große Befriedigung hervorgerufen. Die Anhänger der Jrredenta in Neapel sandten an Ragosa ein Begrüßungs-und Begluckwunfchungs- Telegrarnrn, in welchem demselben die Anerkennung der Jrredenta ausgedruckt wird' In andern Städten Italiens stehen anläßlich der Freisprechung Ragosa s ähnliche Kundgebilngen der Irredentisten und Radikalen ui Aussicht.

Norwegen wird jetzt der Welt das seltene Schauspiel der gerichtlichen Verfolgung einer Regierung durch die eigene Volksvertrctu^ bitten. Das Odelsthing hat kürzlich nach langen Verhandlungen den Antrag des Protokoll-Comitds, die Mitglieder des. Staatsrathes m S°lge des Versaffungs- Conflictes in Anklagestand zu versetzen, gegen.die.Stimmen ^Rechten ange nommen, in Folge dessen Die norwegischen Minister behu 2 hrer Verant vor- tuna vor dem Zieicbsaerichte zu Christiania zu erscheinen haben. Ein vollstän­diger Ministerwechsel wird nothwendiger Weise die letzte Cvniequenz dieses Schrittes der norwegischen Volksvertretung lern.

Die nordamerikanische Regierung hat sich m einem am Mitt- woch abgehaltenen Cabiuetsrath mit der Angelegenheit der auf amertkamschem Boden befindlichen Dynamitverschwörer beschastigt. Es ist teme Frage, daß die veridiiedenen von den Feniern in England unternommenen Dynamit-Attentate, auf Tmeti änitoem »oben geplant worden sind und jüngste Aieldungen lassen auch "an^cher Anwesenheit gewisser Personen in den Vereinigten Staaten zum