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str. 2S1 Zweites Blatt. Sonntag den 28. October l888
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 $f. mit Bringerlohn.
Durch dre Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Der Bundesrath hat in seiner Sitzung vom 24. October be- Woffen, den kleinen Belagerungszustand für Berlin. Hamburg-Altona und Umgebung bis zum 30. September 1884 zu verlängern. Die Reichsregieruna Ichemt demnach gerade nicht die Ansicht eines als officiös geltenden Berliner Blattes zu theilen. welches gelegentlich einer Besprechung der maßvollen Haltung er Arbeiterpartei bei den Berliner cominunalen Wahlen meint, daß die durch das So.ciallstcngesetz bedingte Schulung in der Selbstzucht in Verbindung mit 1^. Aussicht genommenen Socialgesetzgebung die Socialdemokraten auf en Boden der bestehenden Staats-, Rechts- und Gesellschafts-Ordnung zurück- Mhren werde. „Selbstzucht" hat das Socialistengeietz bei den Anhängern des iociallstlschen Zukunftsstaates allerdings insofern hervorgerufen, als sie „zusam- mnhalten wie die Kletten", und was die Socialgefetzgebung anbelangt, so ist -s hinlänglich bekannt, eine wie ablehnende Haltung unsere Socialisten der- Iflta gegenüber einnehmen, wie dies auch jüngst wieder die Reden der Herren Liebknecht, Bebel und Kayser über das Krankenkassengesetz trotz aller offlciösen Auslegungen bewiesen haben.
In Leipzig hat am Donnerstag die feierliche Enthüllung des Denkmals stattgefunden, welches von der Stadt ihrem größten Sohne und überhaupt einem der größten Denker aller Zeiten errichtet worden ist, dem Philo- '»phen, Staatsmann, Historiker, Mathematiker, Sprachforscher u. s. m, Gott- lried Wilhelm Leibniz (1646—1716).
In Oesterreich ist auf den am Ende der vorigen Woche stattgefundenen -chluß der Einzel-Landtage am Dienstag der Zusammentritt der Delegationen Uolgt, ein Jneinandergreifen des parlanientarischen Organismus, wie es sonst «hl selten vorkommt. Die österreichische Delegation wählte den Fürsten Czar- >°ryskl zum Präsidenten und den Grafen Hohenwart zum Vicepräsidenten und : P namentlich die Wahl des Fürsten Czartoryski bezeichnend für das Ueberge- »icht des Polenthums in dem parlamentarischen Leben Oesterreichs, denn auch «Abgeordnetenhause präsidirt ein Pole, Herr Smolka. Die ungarische Delegation nominirte zu ihrem Präsidenten den Kardinal Haynald, und Ludwig ZUsza, den Bruder des ungarischen Ministerpräsidenten, zum Mcepräsidenten. Sie Antrittsrede des Fürsten Czartoryski war nantentlich dadurch bemerkens- «th, daß sie das allgemein in Europa vorherrschende Friedensbedürfniß be- Mte. Den Hauvtgegenstand der Berathungen der Delegationen wird das Steinsame Budget bilden.
Das hervorragendste Ereigniß derWoche in Frankreich ist « am Dienstag erfolgte Zusammentritt der Kammern und nicht nur in Franksch, sondern auch im Auslande sieht man den Ereignissen der Session mit Spannung entgegen. Die radikale Linke wird ihren Feldzug gegen das Cabinet «ry durch einen Angriff auf die auswärtige Politik desselben eröffnen und 'st die Tongkingfrage als geeignetstes Angriffsproject ausersehen worden, «9 haben die radikalen Abgeordneten den Tag sür die Einbringung der betr. Merpellation noch nicht festgesetzt. Im Vorgesühl, daß die Tongkingfrage einer « wundesten Punkte in seiner gesammten Politik ist, hat Herr Ferry versucht, «eit radikalen Gegnern zuvorzukommen und durch den Minister des Auswär- gm. Challemel-Lacour, ein Exposö über die ostasiatische Action den Deputirten w Senatoren zugehen lassen. Dasselbe giebt der chinesischen Regierung die
Schuld, daß die Tongkingfrage so ganz und gar nicht vom Fleck rücken * i ob das die Kammern so unbedingt glauben werden, bleibt allerdings ab- »arten. In einer fatalen Klemme befindet jich speciell auch der Finanz- Mter Tirard. Die Rechenkünste, die er behufs Beseitigung des Deficits Mchte, haben bei der Budget-Commission sehr wenig Anklang gefunden und »om derselben der Antrag ihres Mitgliedes Rouvier auf Herabsetzung der «arttsation trotz des Widerspruchs Tirard's angenommen worden; die sich «an knüpfenden Gerüchts von der beabsichtigten Demission Tirard's sind jedoch verfrüht zu betrachten.
^i9tu^tanb m es jetzt endlich gelungen, sich mit seinem chinesischen M dar wegen der Kuldscha-Angelegenheit auseinanderzusetzen. Die Absteckung ‘i neuen russisch - chinesischen Grenze ist beendet, das betr. Protokoll ist am
7 October in Tschugutschak durch die beiderseitigen Bevollmächtigten unterzeich- nes worden. - ^n Petersburg coursirten in diesen Tagen höchst allarmirende L,D°ruchte, welche das „Journal de St. Pötersb." als absurd bezeichnet. Rußland stehe mit allen Regierungen in den besten Beziehungen. Alle Reqie- rungen seien von der loyalen und durchaus friedlichen Politik des russischen Cabmets Überzeugt Keine gegenwärtig schwebende Frage könne die Befürchtung rechtfertigen, daß das Einvernehmen der Mächte werde gestört werden. Alle Regierungen seien bestrebt, die Ruhe in den internationalen Beziehungen zu erhalten und ihre Thätigkeit den inneren Fragen zuzuwenden.
Die Cholera ist in Alexandrien abermals ausgebrochen, bereits kamen einige neue Todesfälle vor.
Das blutige Drama, welches jahrelang an der Westküste von Süd- ENka sprelte, ist durch den jünglt zwischen Peru und Chile erfolgten Frie- densschluß endlich zum Abschluß gebracht worden. Die chilenischen Truppen haben die peruanische Hauptstadt Lima bereits verlassen und ist dieselbe nunmehr wieder von den peruanischen Truppen besetzt worden. Der Präsident von Perm Iglesias, ist ivieder Herr des ganzen Landes, mit Ausnahme des Gebietes von Arequipa, wohin sich die Banden des Caceres geflüchtet haben; eine chile- Nlsche Colonne ist aber bereits nach Arequipa unterwegs, um auch dort wieder gesetzliche Zustände herzustellen. General Iglesias hat den Kongreß von Peru emderusen und dieser wird ohne Zweifel den Friedensvertrag bestätigen.
Gießen, 27. October.
. ab gelaufene Woche zeichnete sich gleich ihren letzten Vorgänge- unnen. durch rem besonders hervorragendes Ereigniß der inneren Politik aus Dre Discussion über die Berliner Stadtverordnetenwahlen wurde diesmal durch bte Erörterungen über den Ausgang der Ersatzwahl im Reichstagswahlkreise Greifswald-Grnnmen abgelöst, bei welcher bekannntlich der Candidat der ver- eimgten Liberalen, Senator Schwartz, seinem freiconservativen Gegner, Landrath Graf Behr, unterlegen ist. Bon verschiedenen Seiten wurde der Sieg des Letzteren hauptsächlich auf die Unterstützung zurückgeführt, welche die National- liberalen dem freiconservativen Candidaten angeblich haben angedeihen lassen In aner an die Berliner „Bolks-Ztg." gerichteten Erklärung weist der fort» chrtttliche Führer, Herr Eugen Richter, diese Annahme zurück, da die Fort- dem Wahlkampfe in Greifswald-Grimmen von Anfang bis Ende rückhaltlos von den Nationalliberalen unterstützt worden sei; bei dem geheimen Wahlmodus läßt sich indessen schwer entscheiden, welche von beiden Behauptungen
Verhältnissen entspricht. — Heber den Zusammentritt des preußischen Landtages liegen von officiöser Seite noch immer keine Mittheilungen vor doch vermuthet man, daß der Landtag zwischen dem 15. und 20. Novbr unberufen werden wird.
Vermischtes.
o . -Darmstadt im October. Am 1. ds. Mts. fand dahier die Schlußsitzung des s zur Unterstützung der Wasserbeschädigten tm Großherzogthum statt, tn welcher von dem Vorsitzenden, Herrn Ministerialrath Dr. Ja uv, der Rechenschaft, bericht des geschäftsführenden Ausschusses verlesen wurde, dem wir Folgendes . ^trägen sind etngegangen im Ganzen 1,127,005 24 H, und zwar: aus
brc§ Kaisers 150,000 J4, aus dem Gcotzherzog- 2o8,742 55 aus sonstigen deutschen Staaten 344,511 55
b6§ Aschen Reichstags 348,715 sonstige directe Zu-
97 ®r“tben ''^n^hmt: Erlöse aus verkauften Gegenständen 3,472 JL
«99«' n^^^stungen 21,384 Jü 03 Zinsen von vorüber angelegten Geldern b,228 0,4 Summe aller Einnahmen 1,158,089 58 A Neben diesen baaren
Einnahmen ist zu erwähnen: Die Spende Sr. Majestät des Kaisers an Steinkohlen, aus der auf das Großherzogthum 29400 Gentner im Werthe von 18,200 entfielen, e der Wcrth für etngegangene Kleidungsstücke und Lebensmittel im Betrage von circa 51,686 «al.
... r Verausgabt wurden für Gebäude-, Gelände- und Mobiliarschäden, für Lebens- ?lo oLunb Rettungsanstalten im Kreise Groß-Gerau 102,213 «M. 16 X Bensheim 118/864 82 Offenbach 50,550 JL, Heppenheim 6,915 JL 83 4, Eibach 2,200 JL
Dieburg 150 Landkreis Mainz 112,170 70 Stadt Mainz 81,000 Kreis
Oppenheim 88,735 80 4, Bingen 23,038 jl 20 Worms 13,982 JL 40 a, für
Unterhaltung der obdachlosen Bewohner von Leeheim, Aftheim u. s. w. im Griesheimer Lager 7,854 07 4 verschiedene Bezirke 671 10 Rückzahlung erhobener Be
trage für andere Länder 300 J4.
ben vorstehend für den Kreis Groß Gerau ausgeführten Beträgen sind 65,000 enrhalten, welche für Gelände- und Mobiliarschäden gewährt wurden, für
den Kreis Bensheim belaufen sich die dafür verwendeten Beträge auf 72,000 Jt, für Dffmbach auf 39 500 X, für den Kreis Heppenheim auf 4,300 für die fetaöt Mainz auf 56,000 JL, für die Landgemeinden des Kreises Mainz auf 74,574 X, Kreis Hepvenherm auf 19,000 JL und endlich für den Kreis Bingen auf 21 000 x. Ja 169 Fällen ist neben der Staatshülfe von Se ten des Comite's zur Vettungvon Gebäudeschäden, bezw. zur besseren Wiederherstellung zerstörter Gebäude eine Lieihllife von lusammen 70,632 <AL bewilligt worden und zwar entfallen hiervon au/ den Kreis Groß-Gerau 644 JL, Bensheim 12,194 Offenbach 1900 JL, Heppen- belm 138 Mainz 1870 JÄ, Oppenheim 53,326 JL und Worms 560 M-
2u bemerk n ist hier noch, daß von der oben erwähnten Kohlenspende thetls unentgeltlich, thetls zum halber- Grubenpreise geliefert wurden in den Kreis Groß- Gerau 7,800 Ctr., Bensheim 8,200 (Str., Offenbach 3000 Ctr.. Mainz 3,800 Ctr., Oppenheim 4000 Ctr. und Worms 2,600 Ctr. An Kleidungsstücken aller Art, Bett- ? > m' wurde abgegeben: In den Kreis Groß Gerau 21,202 Stück, Bens- he m 7867 Siück, Offenbach 4814 Stück, Heppenheim 3350 Stück, Mainz 942 Stück, Oppenheim 2906 Stück, Griesheimer Lager und Elisabethenstift dahier 4505 Stück, zusammen 45,586 Stück.
„a Vethülf? zur Beschaffung eiserner Rettungsnachen sind an 13 Gemeinden 10,400 bezahlt worden.
_ -Zur Anschaffung von Saatfrucht und Viehfutter wurden im Ganzen 486,769 JL wovon auf den Kreis Groß-Gerau 232,920 «X 88 Bensheim
136,7/6 33 4, Offenbach 10,000 M.. Landkreis Mainz 19,385 JL 72 Kreis
Oppenheim 47,370 88 Bingen 17,765 JL 76 $ und Worms 22,440 Jl. 70 H
entfallen. '
Die Lieferung von Saatfrucht und Viehfutter an die einzelnen Beschädigten erfolgte thetls unentgeltlich, thetls unter der iBedingung, daß der halbe oder ganze Preis nach der Ernte zurückerstattet wird. In 3560 Fäll n erscheint die Wiedererhebung der bewilligten Betrag? möglich, bei deren Eingang sich der Gesammtkoftenaufwand für Saatftucht re. um 133,183 vermindern würde.
Die Verwaltungskosten, welche in Ausgaben für Potto Schreibmaterialien, Locolmikthln, Arbeitslöhnen rc. bestehen, belaufen sich auf 3399 JL 89
Die Gesammtausgaben betragen somit 1098,813 JL 24 so daß, verglichen mit der Gesammteinnahme von 1,158,089 58 .-5?, ein Ueberschuß von 59,274 34
verbleibt, welchem demnächst noch die obenerwähnten für gelieferte Saatfrucht rc. zur Rückzahlung kommenden Beträge zugehen.
Nachdem tn der Schlußsitzung des Landescomtte's constatirt worden war, daß berechtigte Ansprüche auf Beihülfen nicht mehr vorliegen, wurde der Beschluß gefaßt:
„Die nach Abwicklung aller 6 m Ausschuß noch obliegenden Geschäfte verbleibenden Gelder der Großherzoglichen Regierung zur Verwaltung als besondere Fonds mit der Bestimmung zu überweisen, daß
1. die Erträgnisse derselben nach Bestreitung der Verwaltungskosten und event. der Fond selbst zur Gewährung von Beihülfen an durch spätere größere Ueberschwemmungen in Noth gerathene bedürftige Einwohner des Großherzog' thums zu verwenden sind, ö 1


