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S7. Samstag dm 28. April 1883.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
BtttttUi t Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. tritt Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher HHeit.
Betreffend: Die Ableistung des Verfassungseides. Gießen, am 26. April 1883.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
NN die Grotzherzostlichen Bürgermeistereien des Kreises.
Die Ableistung des Derfaffungseides der seit November v. I. aufgenornmenen Ortsbürger, sowie derjenigen Großherzoglich Hessischen Unterthanen, welche sich, ohne Ortsbürger zu werden, seit der bemerkten Zeit verheirathet haben, soll wie folgt stattfinden, nämlich:
derjenigen aus den in dem Amtsgerichtsbezirk Gießen liegenden Gemeinden: Freitag den 18. Mai, Vormittags 10 Uhr, in dem Regierungsgebäude zu Gießen,
derjenigen aus den in den Amtsgerichtsbezirken Grünberg und Homberg liegenden Gemeinden: Montag den 21. Mai, Vormittags 10 Uhr, in dem RathhauS zu Grünberg,
derjenigen aus den in den Amtsgerichtsbezirken Lich und Butzbach liegenden Gemeinden: Freitag den 25. Mai, Vormittags 10 Uhr, in dem Rathhaus zu Lich,
und derjenigen aus den in den Amtsgerichtsbezirken Hungen, Nidda und Laubach liegenden Gemeinden: Montag den 28. Mai Vormittags 10 Uhr, in dem Rathhaus zu Hungen.
Sie wollen die betreffenden Personen hiernach vorladen und daß dies geschehen, unter Namhaftmachung der Vorgeladenen, uns anzeigen oder berichten, daß Niemand vorzuladen war.
Halten sich dergleichen Personen auswärts auf, so ist der Aufenthaltsort anzugeben.
Dr. Boekmann.
Bekanntmachung.
Laut uns zugegangener Nachricht des Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz ist die neue Organisation des Str.aßenunterhaltungs- Personals bis auf die Baubezirke Friedberg, Grünberg, Nidda und Bingen durchgeführt und sind die bis jetzt bestellten 31 Straßenmeister auf den Polizeischutz verpflichtet worden.
Dieselben werden, damit sie bei etwaiger Widersetzlichkeit sich als zur Aufrechterhaltung der Straßenpolizei berechtigt ausweisen können, resp. erkennbar sind, ein Dienstabzeichen tragen, welches in einem messingenen Schilde mit der Aufschrift „Bauaufsicht" besteht.
Wir bringen dies hiermit zur öffentlichen Kenntniß.
Gießen, den 26. April 1883. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Politische Ueberskcht.
Gießen, 27. April.
Ueber oas Befinden des Kaisers laufen aus Wiesbaden fortgesetzt die günstigsten Nachrichten ein und so darf man denn hoffen, daß auch die diesjährige Frühjahrs-Kur des greisen Monarchen vom besten Erfolge begleitet sein werde. Die Lebensweise des Kaisers ist auch während seiner Wiesbadener Kur eine streng geregelte und namentlich läßt der hohe Herr in der gewohnten Entgegennahme der täglichen Vorträge des Militär- und des Civil-Cabinets keine Unterbrechung eintreten. Von den andern Mitgliedern der kaiserlichen Familie weilt bekanntlich die Kaiserin in Baden-Baden, auch das kronprinzliche Paar hat in Begleitung seiner ältesten Tochter, Prinzeß Victoria, eine längere Mise angetreten, deren Ziel vorläufig Venedig bildet.
Prinz Wilhelm von Preußen wird an dieseni Freitage zu mehrtägigem Aufenthalte am Wiener Hofe erwartet und mißt man diesem Besuche in Wiener diplomatischen Kreisen politische Bedeutung bei.
Die kirchenpolitische Frage ist durch die bekannten Anträge auf Freigebung des Sacramentespendens und Meffelesens, welche Herr Windthorst im Namen des Centrums im preußischen Abgeordnetenhause gestellt und deren Berathung am Mittwoch stattgesunden hat, wieder in den Vordergrund der Dis- eussion gerückt worden. Die verschiedensten Gerüchte sind in letzter Zeit in Bezug auf die augenblickliche kirchenpolitische Situation colportirt worden und namentlich der in voriger Woche stattgefundene preußische Ministerrath hat Stoff zu den mannigfachsten Vermuthungen gegeben, da in demselben über die Stellungnahme des Gesammtministeriums gegenüber den Anträgen des Centrums verhandelt worden ist.
Die Verhandlungen des Reichstages über das Krankenkassen- Gesetz nehmen einen im Allgemeinen ruhigen und sachlichen Verlauf und da bereits in voriger Woche die grundlegenden Bestimmungen nach den Anträgen der Commission mit großer Majorität genehmigt worden sind, so darf an der Annahme der gesammten Vorlage nicht mehr gezweifelt werden. Die Debatte über das Krankenkassen-Gesetz fand am Donnerstag ihre Fortsetzung, da der Mittwoch dem preußischen Abgeordnetenhaus ausschließlich reservirt war.
Die allgemeine Aufmerksamkeit in Oesterreich ist fortdauernd der Debatte des Reichsrathes über die Novelle zum Volksschulgesetz gewidmet and es ist fraglich, ob die Abstimmung über die Gesammt-Vorlage noch in dieser Woche erfolgen wird. Trotz aller Bemühungen der Ketzer auf der Linken, der czechisch- polnisch-slovenisch-klerikalen Majorität das Leben so sauer als möglich zu machen, sind bis jetzt die hauptsächlichsten Bestimmungen der Schulnovelle den Wünschen der Regierung gemäß angenommen worden und so ist denn alle Aussicht vorhanden, daß es den Aerzten der Rechten gelingen wird, diesem Schmerzenskinde des Ministeriums Taaffe und der klerikalen Partei das Leben zu erhalten. Was indessen die Wiener anbelangt, so steht bei ihnen das Interesse an der „Magensrage" augenblicklich höher als dasjenige an der Schulfrage. Fast jämmtliche Bäckergehülfen der österreichischen Hauptstadt haben nämlich die Arbeit eingestellt und hilft man sich nun einstweilen dadurch, daß Militärbäcker als Ersatz für die strikenden Gesellen requirirt werden.
In der inneren Politik Frankreichs liegt jetzt der Schwerpunkt auf der finanziellen Seite. Der Finanzminister Tirard hat bekanntlich in der
Deputirtentammer eine Vorlage eingebracht, welche die jetzige französische 5pro- centige Rente in eine 4^procentige Rente umgewandelt wissen will, wodurch eine jährliche Ersparniß von 34 Mill. Frcs. für den französischen Staat erzielt werden soll. Diese Maßregel hat nun in der Montags-Sitzung der Deputirten- kammer zu heftigen Angriffen der Monarchisten gegen Herrn Tirard und die Finanzverwaltung der Republik überhaupt geführt und Paul de Cassagnac, der bekannte benapartistische Kampfhahn, verstieg sich sogar zu der Erklärung, er würde für das Convertirungs-Project stimmen, weil er hoffe, daß dasselbe mit zum Ruine der Republik beitragen werde! Trotzdem hat die Kammer am Dienstag den Artikel der Convertirungs-Vorlage mit 407 gegen 99 Stimmen und unter Ablehnung aller Amendements angenommen. In einer Abendsitzung wurde sodann die ganze Convertirungs-Vorlage mit 400 gegen 104 Stimmen genehmigt. Es ist dies ein entschiedener Erfolg, nicht nur des Finanzministers, sondern des Cabinets Ferry überhaupt und es läßt sich wohl erwarten, daß die Kammer auch den zur Bestreitung der Tongking-Expedition geforderten Credit von 5 Mill. Frcs. bewilligen werde. Es sollen dann sofort 1500 Mann von Toulon nach Tongking abgehen.
In England bringt die wieder in Fluß gerathene Frage des parlamentarischen Eides einige Abwechselung gegenüber den sich endlos fortspinnenden Hochverraths- und Dynamit-Processen. Indessen bereitet dieselbe der Regierung des Herrn Gladstone nicht unbedenkliche Schwierigkeiten, denn nicht nur die Conservativen und die Parnelliten stehen der Bill bezüglich Einführung des parlamentarischen Eides schon aus Gründen der Parteitaktik geschlossen gegenüber, sondern auch auf liberaler Seite findet die Bill offene Gegner. Am Montag hat die Discussion über diesen Gegenstand begonnen und die conservativen Gegner des Parlaments-Eides machten der Regierung den Vorwurf, daß sie es hierdurch selbst ausgesprochenen Atheisten ermögliche, ihren Platz im Parlamente einzunehmen. Die Debatte wurde schließlich vertagt.
Unter Hangen und Bangen ist endlich in H o l l a n d die Bildung eines neuen Cabinets unter dem Präsidium Heemskerks geglückt. Dasselbe ist den Reihen der conservativen Partei entnommen, obwohl dieselbe in den Generalstaaten (Deputirtenkammer) sich in der Minderheit befindet und nur der Uneinigkeit der Liberalen verdankt das neue holländische Cabinet sein Zustandekommen.
Die politische Krisis in Norwegen ist eine äußerst ernste geworden. Nach langen Verhandlungen hat das norwegische Odelsthing in der Nacht vom Montag zum Dienstag den Antrag des Storthmg (zwecken Kammer), sämmtliche Staatsräthe in den Anklagestand zu versetzen, mit 53 gegen 32 St. angenommen. Der Conflict zwischen Negienmg und Volksvertretung m Norwegen ist hauptsächlich aus der Forderung der Radikalen auf -lbanderung des Art. 12 des Grundgesetzes, wonach der König die Mckglreder des Staatsrathes ernennt, entstanden, in welche Schmälerung der ohnehin m Norwegen sehr beschränkten königlichen Rechte das Ntinisterium nicht einwiülgen wollte.
In einem Theile von Nord-Amerika hat in dieser Woche ein furchtbarer Wirbelsturm gemüthet, durch welchen namentlich der Staat Dlississippi schwer heimgesucht wurde. Ganze Städte sind vernichtet worden und über 80 Personen ums Leben getommen, über 300 Personen erhielten schwere Verletzungen. Auch im Staate Georgien hat der Wirbelsturin den Tod von 20 Personen verursacht, die Zahl der hier Verwundeten wird auf 200 angegeben und noch


