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49 Mittwoch den 28. Februar 1883.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Politische Ueberficht.

Gietzen, 27. Februar.

Ein glanzender Kreis fürstlicher Gäste hat sich in diesen Tagen m Berlin versammelt, um den Festlichkeiten am kaiserlichen Hose beizuwohnen, welche daselbst anläßlich der Silbernen Hochzeitsseier des deutschen krouprinz- bchen Paares nachträglich stattfinden. Von deutschen anwesenden Fürstlichkeiten erwähnen wir Großherzog Ludwig von Hessen, das sächsische Königspaar, die groß­herzoglichen Paare von Baden und von Mecklenburg-Schwerüi, von auswärtigen fürstlichen Personen den Prinzen von Wales, den Herzog und die Herzogin von Edinburgh, den Grafen und die Gräfin von Flandern als Vertreter des belgi­schen Königspaares, den Prinzen Thomas von Savoyen als Vertreter des Königs von Italien u. s. w. Den Glanzpunkt der Feierlichkeiten bildet das Kostümfest bei den kronprinzlichen Herrschaften am Mittwoch, wozu am Ber­liner Hofe seit Wochen schon umfassende Vorbereitungen getroffen worden sind, so daß das Fest sich äußerst glänzend zu gestalten verspricht.

Die Etats-Verhandlungen des preußischen Abgeordneten­hauses, welche bisher im Allgemeinen einen ziemlich sachlichen Verlaus nahmen, haben in den letzten Tagen der vergangenen Woche eine hochdraniatische Fär­bung erhalten, wozu die mit der Berathung des Eultusetats am Donnerstag begonnene unvermeidlicheCultnrkamps-Debatte" den eigentlichen Anlaß gab. Während noch die Verhandlungen über die Licenzstener-Vorlage welche am Mittwoch mit der Annahme der nach den Vorschlägen der 12. Commission um- gearbciteten Vorlage endeten einen bei Steuersachen ungewöhnlich ruhigen Verlauf nahmen, zeigte die Donner siags-Sitzung ein gänzlich verändertes Bild. Muf Grund einer von der 12. Commission noch zum Licenzsteuer-Gesetz bean­tragten Resolution entwickelte sich, nanientlich in Folge der leidenschaftlichen Ausführungen des Abg. Professor Wagner, welche sich über das gesamnite (Miet der Socialpolitik erstreckten, eine höchst lebendige Debatte, in welcher mcht nur die liberalen Redner, sondern auch der Abg. Windthorst, Herrn Wag- ücr und feinen staatssocialistijchen Lebren fcharf zu Leibe gingen. Die Debatte ließ bd ihrem Schluß eine gewisse Aufregung auf allen Seiten des Hauses rirück, welche sich durch die nun beginnende Berathung des CnltuSetats gerade ,ucht minderte. Diesmal hatte es Abg. v. Schorlemer-Alst übernommen, die üblichen Klagen des Centrums vorzubringen, die der Cultuvminister v. Goßler -,n entschiedener Weise zurückwies; schließlich griff noch Herr Windthorst in öie Debatte ein. Bei der am Freitag fortgesetzten Berathung des Cultutzetats erschien vom Centrum außer den Herren Windthorst unb Schorlemer-Alst auch Jbg. Reichensperger (Olpe) auf deni Plan; letztgenannter Abgeordneter brachte uuch den Mjchehen-Streit wieder zur Sprache und verlangte schließlich vom Kultusminister in sehr kategorischer Weise Aufschluß darüber, ob und nach welchen Grundsätzen die preußische Negierung die Verhandlungen mit dem Va­tikan fortzusetzen gedenke. Von Seiten der Ultra-Conservatwen brachte Abg. Stöcker eine Reihe von Wünschen in Bezug auf Kirche und Schule _ vor und griff im Uebrigen den derzeitigen Rector der Berliner Universität, Pros. Dubois- Reymond, als einen Darwinisten, d. h. nach der Stöcker'schen Ansicht als einen Vertreter des krassesten Materialismus, auf das Heftigste an. Abg. Windthorst interpellirte gleich feinem Fractionsgenossen Reichensperger den Cultusminister über den Stand der Verhandlungen mit Rom, worauf Letzterer die präcise Mittheilung gab, daß der letzte päpstliche Brief bereits beantwortet sei, daß aber über den Inhalt der Antwort noch nichts mitgetheiit werden könne. Die Debatte gestaltete sich schließlich zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen dem ; Abg. Cremer und seinem früheren Fractionsgenossen Herrn Windthorst, sowie zwischen den Abgg. Stöcker und Hänel, welch' letzterer Professor Dubois-Rey- mond gegen die Angriffe Stöcker's in Schutz nahm. Die erregte Debatte endete mit einer Fluch persönlicher Bemerkungen, worauf eine Reihe Kapitel des Cnl- tusetats ohne sonderliche Discussion genehmigt wurden. Am Sonnabend wurde bie Berathung über den genannten Etat fortgesetzt.

In Oesterreich cursiren Gerüchte von einer bevorstehenden partiellen Krisis im Cabinet Taaffe. Ob diesen Gerüchten eine feste Basis zu Grunde liegt, läßt sich noch mcht ermessen, aber Grund für eine Krisis im österreichi­schen Ministerium ist allerdings in Uebersülle vorhanden, wobei man nur au oie noch nicht abgeschlossene KaminskiAffaire zu denken braucht. Wer übrigens von dieser Krisis'betroffen werden sollte, ist auch noch nicht angedeutet , doch scheint die Stellung des Handelsmimstertz Baron Pino, wie auch diejenige des lluterrichtsministers v. Eybesfeld nicht allzusest fundamentirt zu sein.

Die lange Negierungskrisis in Frankreich hat endlich nach einer Seite hin durch die definitive Constituirung des Cabinets Ferry ihren ckbjchlusi gesunden, bagegen ist aber ber Conflict zwischen Senat unb Deputirten- lanuner bezüglich der Thron-Prätendenten-Vorlage noch nicht beseitigt. Was unächst die politische Färbung des neuen französischen Cabinets anbelangt, so besteht dasselbe zumeist aus mehr oder nünbef ausgesprochenen Gambettisten unb oie wohlwollende Aufnahme, welche die opportunistischeil Blätter dem Cabinet ^erry entgegenbringeit, beweist, welche Hoffniingeu man Seitens der ehemaligen Partei Gambetta's auf das neue Ministerium fetzt. Dasselbe hat om Donnerstag in der Deputirtenkammer die übliche Erklärung über die Politik, welche Herr 7vem) einzuschlagen gebeult, abgegeben und sanb die Erklärung im Allgemeinen »me günstige Aufnahme, lieber ben Conflict zwischen Senat unb Deplltirten- 1 nmmer läßt sich zur Sttinde noch nichts Weiteres sagen, boch steht zu erwarten, sich ersterer der Macht der Verhältnisse beugen wirb. Die Regierung selbst tijut das Riöglichste, um bie Prätenbenten-Frage ihrer praktischen Lösung ent*

gegenzuführen. Das Regierungsdecret, durch welches die Herzöge Aumale, Chartres und Alen<,wn ihrer mllitärischen Functionen enthoben werden, ist bereits veröffentlicht.

Die Enthüllungen im Dubliner Mord-Proceß haben auch auf die Beziehungen der im englischen Parlamente vertretenen Anhänger Par- nell's zu den irisch-fenischen Mordbanden ein bedenkliches Licht geworfen. Die Partei des genannten Agitators im Unterhaust beobachtet allerdings eine sehr befremdliche Haltung, denn auf mehrfache Aufforderungen von Deputirten, ihre Stellung zu den irischen Geheimbünden klarzulegen, verhielten sich die Parnelliten theils schweigend, theils erhoben sie einen sinnlosen Lärm. Letzteres geschah auch in der Donnerstags-Sitzung des Unterhauses, in welcher der ehemalige Staatssecretär für Irland, Mr. Forster, schwere Anschuldigungen gegen bie Landliga erhob, was den irischen Deputirten O'Kelley zu so lärmenden Pro­testen veranlaßte, daß das Haus seine sofortige Suspension beschloß. Das Unterhaus hat die Adreßdebatte wegen der vielen hierzu gestellten Amendements auch am Sonnabend noch nicht zu Ende führen können.

Der Zwischenfall zwischen Italien und der Pforte anläßlich der Beleidigungen des italienischen Consulats in Tripolis durch Eingeborene ist nunmehr vollständig beigelegt. Der General-Gouverneur von Tripolis hat im Auftrage der Pforte dem italienischen Consul einen osficiellen Besuch abge- stattet und hierbei sein tiefstes Bedauern über diese Vorfälle ausgedrückt. Der italienische Botschafter, Graf Cortt, hat in Folge dessen seine Urlaubsreise

angetreten. r , , , .

Aus die Moskauer Krönungsfeie-r werfen bereits unheimliche Gerüchte ihre Schatten. In einer Petersburger Badeanstalt soll sich ein junger Mann selbst den Tod gegeben haben, angeblich, wie er vor seinem Ende dem herbeigerufenen Polizeimeister erklärte, weil er vom nihllistischen Executiv- Comitö bestimmt worden sei, den Czaren am Krönungstage zu ermorden; doch habe er es vorgezogen, sich selbst zu tödten. Die Geschichte klingt indessen etwas phanta isch und geben wir daher das Gerücht nur mit größtem Vorbehalt wieder. ,

Die Verhandlungen der Londoner Donau-Conferenz ziehen sich mehr in die Länge, als ursprünglich erwartet wurde, denn sie nnd auch in voriger Woche noch nicht zu Ende geführt worden. Doch soll unter den Con- serenz-Theilnehmern nach wie vor die größte Uebereinstimmung herrschen, sodatz die Verzögerung des Abschlusses der Verhandlungen über deren Gang man leider immer noch nichts Bestimmtes erfahren kann wohl in einem außer­ordentlichen Grunde zu suchen ist. x .

Der griechische Ministerpräsident, Herr TricoupiS, hat der Opposition der Athener Deputirtenkammer auf deren Verlangen, die Ausgaben zu rebuciren, in sehr deutlicher Weise, geantwortet, daß eine Reduction der Ausgaben und der Steuern unmöglich sei, die Herstellung des Gleichgewichts im Budget sei eine Rothwendigkeit. Ferner sprach sich der Premier für Bew^al- tung der griechischen Gesandtschaften aus und hielt auch die auf militäiifchem Gebiete für notljroenBiß erkannten Maßnahmen aufrecht.

Aeirtschkand.

Darmstadt, 26. Febr. Wie uns aus Berlin mitgetheiit wird, sind dortselbst Se. König!. Hohen der Großherzog und Ihre Großh. Hoheiten die Prinzessinnen Victoria und Elisabeth gestern Äbend halb 10 Uhr in erwunsch- tem Wohlbefinden angekommen. Die Allerhöchsten Herrschaften wurden von Ihren Kaiser!, und König!. Hoheiten dem Kronprinzen und der Kronpnnzelstn des deutschen Reichs nnd von Preußen, sowie von Ihren König!.W't dem Prinzen Wilhelm und der Prinzessin Victoria von Preußen am Bahnhof em­pfangen und in das Schloß geleitet. . (.Darmst. <t> l3-

1 Berlin, 25. Feoiuai. DuNoidd. AUg. >Ztg." Idjreiot: Sie fdlienenen Blätter enlyalten die Angnve, daß die Antwort nuf Die 9io^ bezw. unf bin «rief de? Papste« erst In den etzten Tagen erfolgt sU DtM Angave ift nur briilat ch des päpttlichen Schreibens richtig, während die "wahntt Aot U Haupt noch nicht beantworte, ist, well dazu eingehende ErwSgun«en und die Der. ständigung der dieffeitigen Behörden und zwar nicht nur einzelner Ressorts, f des Staatsministeririms erforberli» sind Es liegt M der Na m non G-»«fttn mi auSwäittgen Mächten, datz d'eseld-n In ihren Detail«, nameiitlieb auf etne c^^ ,

in welchem diese Detail« so mannigfache »nd -erw ckelte smd nicht durch amog Correfpoiidenz der Souveräne dauernd u>>d erfolgreich p f onbtn,en zwgchen Sou- Correfpondenz zwstchenKaifernnd Papst ist, wie di 1 ot iint«bonblunflen nicht an- neränen Überhaupt, auf die Einzelnhriten derf lw f allgemeine Grundsätze

wendbar. Sie kann nur ausnahmsweise l ,? Unterschied vergibt man,

unb Stellungnahme zum Austragzu ^'ng n. - unb b|e ^^chästlichen Noten wenn man bas kaiserliche unb VaPllt^ * flefd)fiftlldie Verhandlungen finden nie- Uno aotu zusammenwtrft. Im engeren Sinne ge chäst Le^^i. Die

mal« zwischen SouverSnen, fonbern Immer nutW 9blltd) monarchische Gorrc- E'wäguiig von Etnzelnheilen kanri n mM Note werbe settterzeit ohne

ponbenze» fmben. D>e Beantwortung 6 b [8 Ergebnttz ber Erwägungen

Zweisel «folgen aber bock nn naed dem Ablchlu^un°^^^«soll das letzte aller dab-t dethetligten » Bismarek gegengezeichnet und wie in

todtreiben de« Kaiser« «n den P u ,jn entfd)(ebcncr Sprache gehalten fein Lal'lsScnnSÄ deim Kaiser haben In der schon früher gemeldeten

Lufaminensetzung wiedecholi ^Uundem^ ansflillige Zmückh-ltun« der liberalen ... ,.Tfätdi Debatten über d>n CultuSetat, dte Regierung müsse daraus ®In »hi?fÄllefien* bo6 sie in dem Stre.te zwgch.n Staat unb Kirche nicht mehr in hern Äe mlc trüber auf bie Unterstütznng her liberalen Parteien rechnen könne unb w«d/stch d?sthalb vielleicht veranlaftt fühlen, «egen die päpstlichen Wünsche nach giebtger zu sein al« bisher der Fall gewesen. Dieser Erfolg fei möglicherweise von