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Ste. 250. Samstag den 27. October 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau: Sch ulst raße 7. Erscheint tätlich mit Ausnahme des Montags- 2 Mark 20 Pf. ""t Bringerlohn.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 26. October.
Der Kaiser ist am Dienstag Vormittag im besten Wohlsein von seinem Herbstaufenthalt in Baden-Baden wieder in Berlin eingetroffen, womit voraussichtlich die größeren Reisen des greisen Monarchen für dieses Jahr ihr Ende erreicht haben. Dieselben führten ihn zunächst nach Ems, später nach Wiesbaden und von da über Mainau nach Gastein. Auf die Gasteiner Badekur, welche ihren bemerkenswerthen Abschluß durch die Jschler Zusammenkunft zwischen Kaiser Wilhelm und dem österreichischen Herrscher fand, folgte wieder ein mehrwöchentlicher Aufenthalt in Berlin, resp. Neu-Babelsberg, woran sich dann die Manöver-Reisen nach Merseburg und Homburg schlossen, welche sich durch die denkwürdige Fürsten-Versammlung in letztgenannter Stadt auszeichneten und durch die erhebende Nationalfeier auf dem Niederwald ihren glänzenden Abschluß sanden. Seit dem 29. September weilte der Kaiser an der Seite seiner erlauchten Gemahlin in dem freundlichen Baden-Baden, um sich hier im Kreise der Großh. Badischen Familie von den Anstrengungen der vorausgegangenen Wochen zu erholen. Bereits am Donnerstag, den 25. October, hat der Kaiser Berlin wieder aus einige Tage verlassen und einen Jagdausflug nach Wernigerode am Harz unternommen.
Unser politisches Leben pulsirt noch immer in ziemlich langsamen Schlägen und concentrirt sich dasselbe im Wesentlichen auf die Vorbereitungen, welche man in den preußischen Ministerien und den einzelnen Reichsämtern für die bevorstehende parlamentarische Winter-Campagne trifft. Was die Vorlagen für den nächsten preußischen Landtag, wie für den Reichstag anbelangt, so herrscht hierüber noch theilweise Dunkel; doch dürfte sich ersterer vorwiegend mit einer Anzahl Vorlagen von mehr technischer Bedeutung zu beschäftigen haben, während bezüglich der principiell wichtigen Fragen, wie der Verwaltungsund der Steuerreform, noch große Unsicherheit obwaltet. Von den Vorlagen, welche den Reichstag beschäftigen werden, ist der Gesetzentwurf, betr. die Reform der Actiengesetzgebung, zu nennen; ferner gedenkt die Reichsregierung dem obersten Parlamente auch das Militärpensions- und das Militär-Relictengesetz, welches letztere die staatliche Fürsorge für die Hinterbliebenen der Militärs von Reichswegen regeln soll, wieder vorzulegen. An beiden Vorlagen sind einige Modificationen vorgenommen worden, von denen die Regierung die Annahme der genannten Gesetzentwürfe durch das Parlament hofft; die Arbeiten an der socialpolitischen Gesetzgebung sollen durch Wiedereinbringurg des Arbeiterunfall- Versicherungs-Gesetzes kräftig gefördert werden, doch ist es noch ungewiß, ob der Reichstag in seiner nächsten Session dieses Gesetz, trotz seiner Wichtigkeit und Dringlichkeit, erledigen wird. Der Zeitpunkt für den Zusammentritt des preußischen Landtages steht noch nicht fest, doch heißt es, daß derselbe zwischen dem 15. und 20. November erfolgen werde, während die Einberufung des Reichstages keinesfalls vor Mitte Januar des nächsten Jahres zu gewärtigen ist. Von den Landtagen der Mittelstaaten ist derjenige des Königreichs Bayern bereits seit 3 Wochen versammelt; am 12. November treten die Stände des Königreichs Sachsen und am 17. November die badischen Kammern zusammen; auch die Landtage von Württemberg und Hessen dürsten noch im Laufe des November zusammentreten.
Während die Stadtverordneten-Wahlen in Berlin im Allgemeinen einen Sieg der Fortschrittspartei ergeben haben, ist dieser Partei zur selben Zeit im Reichstagswahlkreise Greifswald-Grimmen eine nicht unbedenkliche Niederlage zu Theil geworden. Bei der in diesem Wahlkreis am 20. ds. stattgefundenen Ersatzwahl hat der freiconservative Candidat, Graf Behr, mit einer Majorität von ca. 1500 Stimmen den Sieg über seinen fortschrittlichen Gegner, Senator Schwartz, davongetragen und muß somit die Fortschrittspartei auf den Wahlkreis Greifswald-Grimmen nach kaum zweijährigem Besitzstand wieder verzichten.
In Wien sind am Dienstag die Delegirten des österreichischen Reichsrathes und des ungarischen Parlamentes wieder zu gemeinschaftlicher Arbeit zusammengetreten. Die österreichische Delegation wählte den Vorsitzenden des Polen-Clubs im Reichsrathe, Fürsten Czartoryski, zum Präsidenten und den der seudal-ultramontanen Partei angehörigen Grasen Hohenwarth mit 28 Stimmen zum Vicepräsidenten, was die Zusammensetzung der österreichischen Delegation hinlänglich charakterisirt; Graf Coronini (liberale Mittelpartei) erhielt bei der Dice-Präsidentenwahl 24'Stimmen. In seiner Eröffnungsrede betonte Fürst Czartoryski das allgemeine Friedensbedürfniß der Regierungen wie der Völker wnd könne daher die Delegation bei Verathung des Armee-Budgets die Lage der Finanzen berücksichtigen, wobei die Delegation aber Alles gewähren werde, was absolut nothwenvig sei. Die Institution der Delegationen müsse hochgehalten werden, denn dieselbe ermögliche es, mit den Völkern Ungarns in brüderlicher Eintracht für die Macht und die Einheit der Monarchie zu wirken. Die ungarische Delegation wählte den Kardinal Haynald zum Präsidenten und Ludwig Tisza zum Vice-Präsidenten. Am Donnerstag Mittag empfing der Kaiser die ungarische und eine Stunde später die österreichische Delegation.
In Frankreich hat die parlamentarische Herbst-Campagne init dem am Dienstag erfolgten Zusammentritt der Kammern ihren Anfang ge- Niommen. Dieselbe verspricht sich nach mehr als einer Richtung recht interessant z« gestalten, vor Allem wird sich in der neuen Session das Schicksal des Cabi- il ets Ferry entscheiden. Die Radikalen wie die Monarchisten haben sich gerüstet, Herbn Ferry und seinen Minister-Eollegen das Leben so sauer wie möglich zu
machen und namentlich bietet die ziemlich verfahrene äußere Politik Frankreichs recht geeignete Handhaben zu den von links und rechts zu erwartenden Angriffen auf das gegenwärtige Cabinet dar, wobei die Tongkingfrage eine Hauptrolle spielen wird. Der Minister des Auswärtigen, Herr Challemel-Lacour, hat hierüber den Kammern am Eröffnungstage ein ausführliches Expose vorgelegt, welches die Ereignisse in Tongking seit Mai d. Js. recapitulirt und den übertriebenen Forderungen Chinas die Schuld giebt, daß die Regelung der Tongkingfrage so wenig Fortschritte mache. Doch läßt das Exposö die Möglichkeit einer Verständigung durchblicken, da China gewillt sei, eine neutrale Zone zwischen der Südgrenze von Tongking und dem 20. Breitengrade anzunehmen. — Für bedenklich erschüttert wird die Stellung des Finanzminlsters Tirard gehalten, da die Budget-Commission den Budget-Entwurf Tirard's abgelehnt hat, trotzdem brachte Tirard denselben in der Deputirtenkammer ein; es heißt, daß der Finanzminister zu demissioniren beabsichtige, doch ist dies vorläufig nur ein Gerücht. Am Donnerstag hat die Deputirtenkammer zunächst die Berathunq des Muni- cipalgesetzes wieder ausgenommen, während sich der Senat mit den Conventionen, die mit den großen Eisenbahn-Gesellschaften abgeschlossen worden sind, beschäftigen dürfte. Von der äußersten Linken wird Gatineau in der Kammer einen Antrag auf Verbannung der Prinzen einbringen.
Ein für die wirths chaftliche Entwickelung der Balkan- Halbinsel, wie für die zukünftige Gestaltung ihrer handelspolitischen Beziehungen zum Abendlande hochbedeutsamer Akt hat sich am Dienstag in Wien vollzogen. Hier ist am genannten Tage die zwischen Oesterreich, Serbien, Bulgarien und der Pforte abgeschlossene Eisenbahn-Convention von den Bevollmächtigten der betr. Staaten unterzeichnet worden. Hiermit ist der Bau des großen internationalen Schienenweges, welcher bestimmt ist, Wien einerseits mit Saloniki, andererseits mit Konstantinopel direct zu verbinden, gesichert und somit ein neuer bedeutsamer Anknüpfungspunkt zwischen Orient und Occident gefunden.
Das Cholera-Gespenst will noch immer nicht von den Ufern des Nils weichen. Nachdem die Seuche bereits in voriger Woche in Chatby bei Alexandrien wieder erschienen war, ist sie jetzt in Alexandrien selbst von Neuem ^ungebrochen, wo ihr am Sonntag 4 Personen erlagen.
Die Nachrichten aus Tongking lauten für die Franzosen wieder ziemlich bedenklich. Seeräuberbanden bedrohen die französische Besatzung in Haiphong ernstlich und auch die „Schwarzen Flaggen" bereiten sich wieder zur Offensive vor. Ferner treffen die Chinesen umfassende kriegerische Vorbereitungen; in Kanton ist ein Heer von 10,000 Mann zusammengezogen und im Innern Chinas soll eine noch weit größere Streitmacht in der Bildung begriffen sein.
Telegraphische Depeschen.
WoLsk's telegv. Corres-ottdeM'Bttreau.
Berlin, 25. October. Se. Majestät der Kaiser ist heute Nachmittag 1 Uhr 15 DUn. zur Jagd nach Wernigerode abgereist. Im Laufe des Vormittags hatte Se. Majestät längere Zeit mit dem Kriegsminister Bronsart v. Schellendorf conferirt und mit dem Chef des Militär-Cabinets, Generallieutenant v. Albedyll, gearbeitet.
— Der „Reichs-Anz." veröffentlicht eine Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 24. October, welche constatirt, daß seit dem vorgekommenen Falle von Rinderpest in dem Breslauer Gehöfte neue Ausbrüche der Rinderpest im deutschen Reichsgebiete nicht vorgekommen sind.
Wernigerode, 25. October. Se. Maj. der Kaiser ist heute Nachmittag 5 Uhr wohlbehalten hier eingetroffen und am Bahnhof von dem Grafen Stolberg und den städtischen Behörden empfangen worden. Die Ehrenwache wurde von dem Kriegeroerein gestellt, die Kapelle des Ilsenburger Hüttenwerkes spielte beim Einfahren des kaiserlichen Zuges die National-Hymne. Alsdann folgte unter Glockengeläute und Böllerschüssen die Fahrt durch die prächtig deco- rirte und illuminirte Stadt nach dem bengalisch erleuchteten Schlosse. Auf dem ganzen Wege bildeten Turner, Feuerwehr und Schüler Spalier. Um 6 Uhr fand im Schlöffe ein Diner zu 36 Gedecken statt. Das Wetter ist prächtig.
Neu-Stettin, 25. October. Die von hier aus verbreiteten Nachrichten über angeblich am Dienstag Abend stattgehabte Ruhestörungen sind als übertrieben zu bezeichnen, es handelte sich um unbedeutende Exceffe, hervorgerufen durch einen Betrunkenen und die Provocation Seitens eines hiesigen jüdischen Einwohners. Am gestrigen Abend sind keine weiteren Störungen vorgekommen.
Agram, 25. October. In der vergangenen Nacht fand hier eine 3 bis 5 Secunden dauernde, mit unterirdischem Rollen und einem orkanähnlichen Luftsausen verbundene Erderschütterung statt, die mit einem heftigen Stoße endigte. Heute Morgen folgte ein neuer, aber leichter Stoß. Schaden ist hierbei nicht verursacht.
Petersburg, 25. October. Den an den auswärtigen Börsen verbreiteten alarmirenden Gerüchten gegenüber hebt das „Journal de St. Petersbourg" hervor, daß es nichts geben könne, was btr gegenwärtigen Lage mehr widerspräche als diese Gerüchte; die russische Regierung stehe mit allen Regteeungen in den besten Beziehungen und alle Regierungen seien von der loyalen und durchaus friedlichen Politik der russischen Regierung überzeugt. Keine der gegenwärtig schwebenden Fragen könne bte Befürchtung motimren, daß das Einvernehmen der Regierungen gestört werde, alle Regierungen seien bestrebt, die in den internationalen Beziehungen bestehende Ruhe zu erhalten und ihre Thätigkeit den inneren Fragen zuzuwendcn.


