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str. Donnerstag den 27. September 1883.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

-urrranr Schulstraße 7.

Erscheint IL-lich mit Ausnahme deS Mo«tagO.

PreiO viert<ijührlich 2 M«rk 20 Pf. mit Bringerlohn, Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Marl 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Polizei Reglement, den Juhgiinger-Tunnel am Bahnhof M Dollar betreffend.

Gießen, den 25. September 1883.

zu können. Als Beweis für die unverlorenen Sympathien Bulgariens für Rußland diene die Tbatsache, daß die neue Politik -als von dem Kaiser von Rußland gebilligt hingestellt werde. Rußland vermöge nicht den neuen Prü­fungen so ruhig zuzusehen, welche Bulgarien durch seine Führer auferlegt werden.

Rach Anhörung des Gemeinderaths zu Lollar wird mit Genehmigung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 19. d. M. auf tob des Art. 78 der Kreis- und Provinzialordnung vom 12. Juni 1874 und des § 366, pos. 10 des R.St.G. hiermit verordnet wie folgt:

Wer' den am Bahnhof zu Lollar befindlichen Tunnel für Fußgänger verunreinigt, wird mit Geldstrafe bis zu 60 Mark oder mit Haft bis zu 14 Tagen bestraft.

Telegraphische Depeschen.

Wolff's telegr. Correspo-rdem°Bureair.

Homburg, 25. September. Se. Maj. der Kaiser und die Fürstlich- Hiikni kehrten um 23/i Uhr vom Manöver zurück. Alle hessischen Dörfer, ülche der Kaiser passirte, waren auf das Festlichste geschmückt. Das Manöver i«r mit einem gegenseitigen Artilleriekampf eröffnet worden. Das Ostcorps, .Mr Generallieutenant v. Böhn, suchte die linke Flanke des Westcorps, unter Prinzen Heinrich von Hessen, zu umgehen. Um 123/4 Uhr endete das brjecht mit dem Rückzug des Westcorps.

Der König von Sachsen wird sich morgen zur Besichtigung des Römer- nach der Saalburg begeben.

Der König von Serbien hat seine Abreise auf Mittwoch Abend fest- , während der König von Spanien am Donnerstag früh nach Brüssel tejen wird.

Petersburg, 25. September. Dem Vernehmen nach werden im näch- lh Jahre die butgetmäßigen Ausgaben für den Hauptstab um 184,000 Rubel 01b für die Militärgerichte um 27,000 Rubel niedriger veranschlagt, als in diesem Jahre.

Zufolge einem vom Kaiser am 8. d. Mts. bestätigten Beschlüsse des Mmster-Comitös wird auch die über das Gouvernement Charkow verhängte nrscchärste Sicherheits-Aufsicht noch auf ein Jahr verlängert. Für die Stadt Md den Kreis Saratow ist die verschärfte Sicherheits-Aufsicht angeordnet Torbben.

Petersburg, 25. September. Gelegentlich einer Besprechung der Er- rigniisse in Bulgarien sagt dasJournal de St. Pötersbourg" : Entgegen hi Programm des Manifestes vom 1. Juli 1881, nach welchem die Verfassung m Tirnova nur durch die Nationalversammlung abgeändert werden könne, soll diese, sondern die in eine Constituante verwandelte Sobranje, obwohl sie Oerc dazu berufen noch erwählt ist, das Tirnova-Statut abändern. Das ims, aus den Coalitions-Elementen zusammengesetzte Ministerium, läßt auf ÜNMigkeit und unvermeidliche Kollisionen schließen. Die russischen Generäle dMÜssionirten mit kaiserlicher Erlaubniß, da sie nicht Mitglieder eines solchen W'ffets sein wollten und die Solidarität mit gefährlichen Maßregeln ver- Mig'grrn mußten, für deren Erfolg Fürst Alexander und seine Rathgeber allein WMtwortlich sind. Ter Artikel bedauert die neueste Politik des Fürsten von Ag'garien und fährt fort, daß Rußland an dem Schicksale Bulgariens allzu- lijr intereffirt sei, um gleichgültiger Zuschauer der kommenden Ereignisse bleiben

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Homburg, 24. Sept. Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Hessen, fowh Ihre Grotzherzoglichen Hoheiten die Prinzessinnen Victoria, Elisabeth und Irene vohnien gestern dem Officierspferderennen bei Nach dem Rennen begaben sich die Herrschaften zur Tafel in das Curhaus und folgten am Abend einer Einladung zum lhre Lei Ihrer Majestät der Kaiserin.

Heute fuhren Seine Königliche Hoheit der Großherzog mit dem Extrazug Sr. NfljeSöt des Kaisers zum Manöver nach Großkarben, nach dessen Schluß die Groß- MoAlichen Wogen nach Büdesheim kamen. Von hier aus fuhren die Herrschaften ckderr nach Groß -.Karben, um sich mit dem Kaiserlichen Extrazug nach Homburg Bci zu begeben. Dort findet bei Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen von Wales Kiichion und später im Schloß Kaiserliche Famtlientafel statt, woran die Großherzogs llfyn Herrschaften theilnehmen werden.

Seine Königliche Hoheit der Grobherzog haben Absteigequartier in der Villa Hellmann in der Kisselsffstraße genommen.

Berlin. Von der kanadisch-amerikanischen Grenze wird ein Vorfall gemeldet, M«r möglicherweise zu diplomatischen Weiterungen zwischen der Londoner und der Nash »in gl on er Regierung führen kann. Es handelt sich um eine von amerikanischen mpspen begangene Grenzüb'lschreitung. Die Sache ist die, daß ein kanadischer Bürger W uach den Vereinigten Staaten wandte, um daselbst sein Glück zu versuchen, und Md) einer Reihe von Fehlschlägen sich für die Armee anwerben ließ. Dort erging eS $01 aber so erbärmlich schlecht, daß er die erste sich ihm darbielende Gelegenheit ergriff Md In Gemeinschaft mit noch drei armen Teufeln aus seinem Garnisonsorte, Fort Firnes in Montuna, desertirte. Es gelang den Ausreißern, die kanadische Grenze zu Elchen. Jndeß war den Flüchtigen ein Kavalleriedetachement nachgesandt, welches sie toa 30 Meilen hinter der amerikanisch - kanadischen Grenze einholte und sie, unbe- ümmiert um dre Territorialhoheit, festnahm und sie zurücktransporttrte. Der Kanadier, Kinins Frank Swltzer, hat nun seine britische Unterthaneneigenschaft geltend gemacht :nb b en Schutz der britischen Flagge angerufen. Der Fall wird jedenfalls zu einer iMmglichen Correspondenz zwischen den beiderseitigen Regierungen führen. Kanadischer- !A behauptet man, das amerikanische Militär habe die Grenze wissentlich überschritten ivd stch damit e nes flagranten Bruchs der völkerrechtlichen Etiquette schuldig gemacht. Üii Zeitungen von Quebec, Ottawa, St. Johns und andern kanadischen Plätzen sind isst Ansicht, daß der Regierung die gebieterische Pflicht obliege, ihren Anspruch auf ffmgthuung energisch geltend zu machen.

Das Aaisermanöver.

Homburg, 25. September.

Das heutige zweite Feldmanöver begann dort, wo daS gestrige geendet hatte. Den ganzen Feldmanöoern liegt dieselbe Generalidee zu Grunde, wie schon bei dem Corpsmanöver gegen den markirten Feind: vor dem concentrischen Angriffe einer Westarmee von Mainz und Darmstadt hat eine schwächere Ostarmee Frankfurt a. M. und die Mainltnie geräumt. Am 22 September wurde die Ostarmee gegen Ober- und Niederkarben und am 24. September, als sie den Versuch machte, noch einmal bet Büdingen Stand zu halten, bis Heldenbergen und Windecken zurückgedrängt. Hier waren aber inzwischen Verstärkungen angelangt, so daß sie nun der verfolgenden Armee Stand halten konnte.

Das gestern auf Windecken und Heldcnbergen zurückgedrängte Ostkorps hatte sich durch die dem Westkorps entnommenen Truppen (81. Regiment, Husaren-Regiment Nr. 13 und 1. reitende Batterie Feld-Art. Regts. Nr. 11) verstärkt und wurde von dem Generallieutenant v. Unger kommandirt. Das Westkorps, wie gestern zusammengesetzt (mit Aus .bme der oben aufgesührten, an das Ostkorps abgegebenen Truppen) kom- mandtrtt Prinz Heinrich von Hessen.

Unter dem Schutze seiner, auf den Hohen von Windecken und Ostheim auf­gefahrenen Artillerie, ging das Ostkorps vor und es entwickelte sich bald ein lebhafter ANillertekampf mit der Artillerie des Gegners, die Stellung auf den Anhöhen von Oberdorfelden genommen hatte. Der rechte Flügel des Ostkorps drückte gegen den linken des Gegners, so daß sich der letztere in der Richtung Wachenbuchen auf Bischofs­heim und Stockstadt zurückzuziehen begann. Langsam, von Abschnitt zu Abschnitt, jeden Terrainvorthell benutzend, bewerkstelligte das Westkorvs seinen Rückzug. Auf der hohen Straße, nordwestlich von W rchenbuchen, besetzte es noch einmal einen Abschnitt, den es mit allen Kräften zu vertheidiaen und sogar noch einmal vorzugehen versuchte. Tambour battant ging das Ostkorps in der ganzen Front hiergegen vor und seine Kavallerie attaqutrte erfolgreich den linken Flügel des Feindes. Der Versuch des mit Repetiergewehr ausgerüsteten 2. Bataillons des 115. Regiments, die Kavallerie auf- zuhalten^ mißlang vollständig und auch aus diesem Abschnitte mußte sich das West­korps zurückziehen und zwar in der Richtung nach Vilbel, Bergen. Der Kaiser griff in diesem Momente entscheidend ein und befahl als oberster Schiedsrichter den Rückzug des Westkorps auf derselben Stelle nordöstlich von Wachenbuchen.

Die Bivouaks finden voraussichtlich für das Ostkorps bei Wachenbuchen und für das Westkorps zwischen Vilbel und Bergen statt. Em Theil der Truppen bezog für die folgende Nacht Nothqualtter. , .

Wieder, wie gestern, hatte der Kaiser heute den Weg von Homburg Über Frank­furt mit der Eisenbahn zmückgelegt und fuhr dann von der Station Großkarben zu Wagen nach dem Manöverterrain. Schon vor ihm war die Suite der fremdherrlichen Officiere und die meisten fremden Fürstlichkeiten bei Niederdorfelden eingetroffen und, sobald der Kaiser dort gegen 3/4H Uhr zu Pferde gestiegen war, setzte sich der ganze Zug nach den Höhen südlich von Kilianstädten in Bewegung, wo der Kaiser das Manöver, das schon seit einer halben Stunde im Gange war, besichtigte. Neben dem Kaiser, der sich das Centrum der Aufstellung zum Standpunkt gewählt hatte, ritt zu­nächst Graf Moltke, während der König von Spanien und der König von Serbien sich mehr auf den Flügeln aufhielten, um der interessanten Kavallerie-Attaque beizuwohnen. In der Nähe des Kaisers befanden sich der König von Sachsen, die Kronprinzessin, der Prinz von Wales, die Tochter der Kronprinzessin und die hessischen Prinzessinnen, natürlich alle zu Pferde. r r , _ . r .

Dem Publikum war heute, wie gestern, ein ziemlich ^bier Spielraum gelosten und da das Wetter, trotz des bebecktm Himmels, der in der Frühe ziemlich trübe Hoffnungen erweckte, sich im Laufe des Vormittags mehr und mehr aufklarte, so waren nicht nur die Landlcute der um das Manöverterrain liegenden Dörfer, sondern auch die Frankfurter in großer Anzahl erschienen. Sogar ein Madchenpensionat hatte die Gelegenheit wahrgenommen, um sich unter her durchaus üerIa{Htd)en Leitung ihrer Vorsteherin einen genauen Einblick in die internen Kricgsverhaltmssc unserer^Armee zu verschaffen und hoffentlich werden die loyalen Gesinnungen der jungen men bet dieser Gelegenheit weit weniger Schiffbruch gelitten habm, als die zarten Zeugstrefelchen, mit denen sie ihren Marsch über die lehmigen Feldwege angetreten hatten. Wenn der Regen, der sich nach Schluß des Manövers gegen V2I2 Uhr einsteUte, anhalten oder sich wiederholen sollte, so würden nicht .nur die Stiefeletten der zuschauenden Damen, sondern auch, was noch mehr sagen will, die betheiligten gruppen tn ihren feuchten Bivouaks erheblich zu leiden haben- , ,

Gegen zwei Uhr kehrte der Kaiser hierher zurück, nachdem er vorher noch un­geordnet hatte, daß die Truppen wegen des um Mittag wieder eingetretenen Regens und des stark durchweichten Bodens nicht die dotgetriebenen Bivouaks bezrehen, sondern in Nothquarltere in den umliegenden Dörfern einrücken sollten. Sehr viele Neugierige, die noch im Laufe des Nachmittags und gegen Abend sich einmal das rege Leben und Treiben eines Bivouaks ansehen wollten,^mußten deshall> unverr chteter Sache wieder nach Hause zurüäkehren. - Mit Eintritt der Dunkelheit sammelte sich eine zahlreiche Menge im Kurgarten, wo die verschiedenen Quellen und Brunnen in sehr geschmackvoller Weise beleuchtet waren. Besonders schön war das Palmenhaus beleuchtet und die tropischen Bäume mit ihren phantastischen Blattformen nahmen sich in dem Schein der Flammen und Flämmchen wie ein schöner Traum aus, wie ihn wohl eine Schahnajade in einem Märchen aus Tausend und eine Nacht zu träumen

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