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2. Juni 1883.

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Mittwoch den 27. Juni

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1883

iehener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Mautaas.

Preis vierteljährlich 2 M«rk 20 Pf. mit Bringerl-Hrr.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Ueberfkcht.

Gießen, 26. Juni.

Der Kaiser erfreut sich in Ems fortgesetzt des besten Wohlbe­findens, und darf man sich deshalb der begründeten Hoffnung hingeben, daß die Emser Trinkkur auch diesmal von dem günstigsten Erfolge für das Gesammt- befinden des greisen Monarchen sein wird.

Im Befinden des Reichskanzlers soll nach Berliner Privatmel­dungen seit einigen Tagen eine ungünstige Wendung eingetreten sein, die sich durch öfteres Erbrechen äußerte. Von officiöser Seite lag über das Unwohlsein des Kanzlers bis zur Stunde noch keine Mitthe ilung vor.

Die lange parlamentarische Campagne nähert sich ihrein Ende, da auch der preußische Landtag den größten Theil seiner Aufgaben erledigt und nur noch über einzelne wenige Gesetzentwürfe definitiv Beschluß zu fassen hat. Der wichtigste derselben ist die kirchenpolitische Vorlage, in deren zweite Lesung das Abgeordnetenhaus am Freitag eingetreten ist und welche am gestrigen Montag endgiltig beendigt worden. Schon die Commissions-Verhandlungen ergaben, daß der Annahme der Vorlage in der Fassung, welche ihr die Commission gegeben hatte, im Plenum keine wesentlichen Schwierigkeiten entgegenstehen würden und der Verlauf der Debatte am Freitag hat dies be­stätigt, denn am Schluß derselben wurde der grundlegende Artikel mit 245 gegen 87 Stimmen genehmigt. Im Ganzen stellen sich die Redner der einzelnen Fraktionen auf oenselben Standpunkt, den die Vertreter derselben in der Com­mission eingenommen hatten; Namens der Nationalliberalen erklärte Abg. v. Cuny, daß für seine Freunde das ganze Gesetz in der vorliegenden Fassung unannehmbar sei, ebenso gab der freiconservative Abg. Frhr. v. Zedlitz die Er­klärung ab, daß der größte Theil seiner Partei wegen Streichung des Art. 4 gegen die Vorlage stimmen werde. Dagegen gab der Führer der Conservativen, v. Rauchhaupt, seine vollste Zustimmung zu der Vorlage zu erkennen, wobei er betonte, daß der Kampf mit staatlichen Mitteln gegen die katholische Kirche nun aushören müsse. Seitens der Fortschrittspartei vertheidigte Abg. Virchow seinen Antrag, welcher die Strafbestimmungen der Maigesetze für die Unterlassung der Benennung ausheben, dagegen aber auch alle Vorrechte, Privilegien und Bezüge, welche der Staat gewährt, für die Dauer der Unterlassung ruhen lassen will; der Antrag wurde indessen nach Schluß der Debatte mit großer Majorität ab­gelehnt. Die Redner des Centrums, die Abgg. Reichensperger (Olpe) und Windthorst, traten nämlich für die Vorlage ein, wobei sie deutlich die Erwar­tung durchschimmern ließen, daß die Regierung bei nächster Gelegenheit weitere Schritte zur Revision der Maigesetze thun werde. Was endlich den Vertreter der Regierung, Cultusminister v. Goßler, anbelangt, so bezeichnete derselbe die kirchenpolitische Vorlage als ein eminent praktisches Gesetz, welches auch für das katholische Bewußtsein annehmbar sei; im Uebrigen gab der Minister zu ver­stehen, daß die Regierung nicht abgeneigt sei, die Anzeigepflicht ganz über Bord zu werfen, wenn sich die Kurie mit der Vorlage nicht einverstanden zeige, welche Andeutung in Centrumskreisen jedenfalls mit Genugthuung ausgenommen wer­den wird. Gegen Art. 1 stimmten einige Freiconservative, die National­liberalen, die Secessionisten mit Ausnahme des Abg. Hönika der größte Theil der Fortschrittspartei und die Abgg. Berger und Löwe (Bochum).

Der Antrag der sächsischen Regierung, den kleinen Belage­rungszustand für Leipzig um 1 Jahr, bis zum 28. Juni 1884, zu verlängern, ist vom Bundesrath genehmigt worden.

Die Nachrichten aus dem schlesischen Ueberschwemmungs- Gebiete lauten jetzt günstiger, da allenthalben ein Fallen der Gewässer gemeldet wird. Immerhin sind die durch die Ueberschwemmungen angerichteten Verheerungen sehr groß und haben leider auch noch weitere Menschenleben ge­fordert, da in Ullersdorf bei Glatz nach einer Meldung desGebirgsboten" 7 Schulkinder ertrunken sind. Bei Dresden ist die Elbe noch im Wachsen begriffen.

Von den zur Zeit versammelten Landtagen der österreichischen Kronländer hat derjenige von Nieder-Oeflerreich zuerst seine Thätigkeit eingestellt, indem am Donnerstag der Schluß der Session erfolgte. Als wichtigstes Er- gebniß der Session ist die Annahme der Landtags-Wahlreform zu betrachten, durch welche die Landtags-Abgeordneten von Nieder-Oesterreich und namentlich von Wien vermehrt werden und die Einbeziehung der Wiener Vororte in die Städtegruppe, sowie die Ausdehnung des Wahlrechtes auf die sog. Fünf-Gulden- Manner angeordnet wird. Aus der Schlußrede des Landmarschalls, Freiherrn er' man Znstimmung der Regierung zur Wahlreform schließen M dürfen. Die deutsche Kaiserin hat an den ungarischen Cultus- mimster Tresort em Handschreiben gerichtet, in welchem die hohe Frau dem Minister ihre Genugthuung über die glänzende Vertretung Ungarns auf der Berliner Hygiene-Ausstellung und ihren Dank für die ihr vom ungarischen Dele- girten überreichte werthvolle Gabe ausdrückt.Diese Gabe entspricht der Würde und den Vorzügen eines Reiches wie Ungarn, das sich in geschichtlicher und nationaler Beziehung glänzend bewäht hat und sich einer steten Fortent­wickelung nützlicher Einrichtungen erfreut."

In der Schweiz hat die Socialdemokratie in den letzten Jahren immer mehr an Terrain gewonnen, was wohl hauptsächlich dem Umstande zuzuschreiben ist, daß man behördlicherseits dem Treiben der socialistischen Agitatoren nur wenig ^bnWeg legt. ES ist daher nicht zu verwundern, wenn die socialdemokra- tische Partei in verschiedenen Cantonen, wie z. B. im Züricher Canton, bei den

politischen Wahlen meist den Sieg erringt. Im Allgemeinen jedoch sind die schweizer Socialisten ziemlich harmlose Weltverbesserer.

Die Versicherungen von der Friedensliebe Rußlands, welche dem Munde des Czaren gelegentlich der Moskauer Krönungstage mehr­fach entströmten, erhalten durch mehrere Vorgänge eine etwas bedenkliche Illu­stration. Zunächst setzt ein kaiserlicher Ukas die Zahl der in diesem Jahre auszuhebenden Rekruten nicht aus 212,000, sondern aus 218,000 Mann fest, ferner verlangt der Kriegsminister plötzlich einen nachträglichen Credit von 17V2 Mill. Rubel füraußergewöhnliche Heeresbedürfnisse." Endlich wird im fünften Odessaer Militärbezirk eine fünfte Sappeur-Brigade formirt, bestehend aus drei Sappeur-Bataillonen, einem Pontonier-Bataillon, drei Feldtelegraphen- Parks und einem Feldingenieur-Park. Jedenfalls sind diese Maßnahmen für die Träger des neuerdings wieder hervorgetretenenAbrüstungs-Gedankens" nicht sehr ermuthigend.

Die russische Beam t enwirthschaft in Bulgarien soll in dem bulgarischen Volke eine tiefe Gährung hervorgerufen haben. Nach zuverlässigen Berichten befindet sich die Verwaltung geradezu im Zustande der Anarchie, die allgemeine Unzufriedenheit hat ihren Gipfelpunkt erreicht und, immer lauter erhebt die Bevölkerung das Verlangen nach einer Aenderung der leitenden Persönlichkeiten, die lediglich den aus Petersburg kommenden Befehlen Folge leisten. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sich Fürst Alexander in nächster Zeit veranlaßt fühlen wird, seine russischen Rathgeber zu entlassen, wobei er aller­dings mit dem ernsten Einsprüche Rußlands rechnen müßte. .

Die Nachrichten aus Albanien lauten sehr widerspruchsvoll. Während vor Kurzem gemeldet wurde, daß der größte Theil der aufständischen Stämme der Pforte ihre Unterwerfung angezeigt habe, heißt es neuerdings, daß die Albanesen entschlossen seien, den Kampf forrzusetzen. Die Führer des Stammes der Malissoren sollen sogar an die in Skutari residirenden Vertreter der Mächte einen Appell gerichtet haben, in welchem sie gegen die Gewaltacte der türkischen Re­gierung protestiren und den moralischen Beistand der europäischen Mächte anrufen.

Aeutschland.

Berlin, 22. Juni. Zu dem im October d. Js. bevorstehenden 25jähri- gen Regierungs-Jubiläum des Kaisers Allerhöchstderselbe übernahm bekannt­lich am 9. October 1858 die Regierung als Prinz-Regent werden jetzt auch bereits Seitens der Armee zur Veranstaltung großarttger Festlichkeiten die um­fassendsten Vorbereitungen getroffen.

Arankreich.

Paris, 22. Juni. Die Franzosen behaupten, England werde Alles aufbteten, um China von emem Kriege mit Frankreich zurückzuhalten; Frankreich könne Im Ver­trauen darauf in Anam ruhig thun, was es für nölhtg erachte. Als Grund für Eng­lands Friedensliebe nicht bloß, sondern für Englands Parteinahme für Frankreich wird angeführt: der binde auswärtige Handel Chinas mit dem Auslände beträgt runb 1200 Millionen; habet ist Englanb, Hongkong einbegriffen, mit 550 Millionen betheiligt, wovon 350 Mill, als Ausfuhr auf Thee, eetbe, Zucker u. s. w., 200 als Einfuhr von Baumwollenwaaren, Leinen, Wolle, Blei u. s. w. kommen; aus Britisch- Jndien allein geht für 250 Mill. Opium ein, sodaß Englanb im Ganzen mit 850 Mill, am chinesischen Handel betheiligt ift, mit 75 pCt. des Handels aller Ausländer mit China. Frankreich ist babet nur mit 180 Mell. (15 pCt ) betheiligt, wöbet Seihe und Seidenzeuge allein 120 Mill, betragen. England muß alsozittern" und es muß seine Angst den Chinesen einimpfen. Im Uebrigen prebigt bte gesammte Pariser Presse, gleichviel ob sie für ober wider Challemels Politik ist, baß jetzt die Zett bes Schwankens aufhören müsse unb in Asien eine fest auftretenbe französische Politik nöthig sei. Die Räpublique" zieht habet einen Vergleich zwischen hem verstorbenen Bey von Tunis unb Tübüc: jener Habe sich Hinter der Pforte versteckt und eine Abhängigkeit erlogen; Frankreich habe jetzt aber nichts eiliger, als den Anamiten zu verhindern, ein ähnliches Spiel zu treiben; die Wahrung der französischen Interessen gehe ab.er Allem vor; Tongktng dürfe nicht mehr aufgegeben werden, selbst auf die Gefahr hin, daß es dar­über zum Bruche mit China komme.

Rußland.

Riga, 15. Juni. Die Nihilisten erließen ein neues Manifest, worin sie den Entschluß ausbrücken, trotz bes Verlustes ber besten Führer unb trotz Geldmangels den Kampf für Laub unb Freiheit fortzusttzen. Die russische Regierung wird beschuldigt, tn einen Krieg mit Deutschlanb hineinzutreiben, der mit einer schmachvollen Niederlage für Rußland enden werde.

Telegraphische Depeschen.

Wolff's telegr. Correspondenr-Bureau.

Berlin, 25. Juni. Das Abgeordnetenhaus setzte heute die 3. Lesung derKirchen­vorlage fort. Im Verlaufe oer Debatte erklärte der Cultusminister, bte ihm über seine Haltung tn der Schulfrage gemachten Vorwürfe verdiene er nicht, ^nn erstehe fest auf dem Boden des Schulaufsichtsgesetzes und her Verfassung.

katholischen Seelsorge könne ledtglich durch die Gesetzgebung ^ranlaßt sein, aber auch unter Beihülfe außerhalb derselben liegenden Interessen. Jedenfalls müsse sich dir Regierung die Frage vorlegen, was sie ihrerseits thun। könne, umi bte Unzufriedenheit ber katholischen Staatsbürger zu beseitigen. Deßhalbei bte

änderungen unb Erleichterungen vorgegangen, wie sie bereits in Baben zur Erreichung des kircklicken Briedens mit Erfolg gemocht worden seien. Die Regierung sei zu der Erwartung berechtigt, daß auch für unseren Staat aus diesem Gesetz Frieden erwachsen und daß sich auch die Kurie im Interesse der preußischen Katbol.ken auf den Boden derselben stellen werde. Das Gesetz wurde endgültig mit 224 gegen 107 Stimmen

Laibach, 25. Juni. Der Landtag von Kram ift heute eröffnet worden. Der Landespräsident erklärte, die Regierung stehe noch immer auf demselben