Wochenschau.
Gießen, 26. Mai.
Der Reichstag hat am Dienstag seine Verhandlungen bei schwach besetztem Hause wieder ausgenommen. Bei der Besprechung der Johannsen'schen Interpellation bezüglich der Einreihung der dänischen Optanten in Nord- Schleswig in den preußischen Staatsverband verließen die Bundesraths- Mitalieder auf kurze Zeit die Sitzung, um hierdurch einen stillschweigenden Protest gegen die Interpellation abzugeben, deren Beantwortung der Vertreter der Reichsregierung, preußischer Finanzminister Scholz, überhaupt abgelehnt hatte. An die Interpellation Johannsen, deren Besprechung irgend ein Resultat nicht'auszuweisen hatte, schloß sich die dritte Lesung des Krankenkassen-Gesetzes an, und zwar war die Dienstags-Sitzung lediglich der General - Discussion hierüber gewidmet. Aus derselben verdient nur die Erklärung des Herrn Scholz hervorgehoben zu werden, daß für die Regierung das ganze Gesetz unannehmbar sei, wenn der Reichstag darauf beharre, dasselbe auch aus die land- und forstwirthschaftlichen Arbeiter auszudehnen. Unter dein Eindrücke dieser Erklärung trat das Haus am Mittwoch in die Specialberathung des Krankenkassen-Gesetzes ein. Es handelte sich zunächst um die §§ 1, la und 2, welche den Kreis der Versicherungs-Pflichtigen, resp. die Ausdehnung des Versicherungs-Zwanges begrenzen; zu den genannten Paragraphen lag eine ganze Anzahl von Amendements vor, unter denen besonders der Antrag des Centrumsmitgliedes v. Hertling auf nur fakultative Ausdehnung des Versicherungs- Zwanges auf die land- und forstwirthschaftlichen Arbeiter in scharfen Gegensatz zu den von fortschrittlicher und secejsionistischer Seite gestellten Anträgen trat, welche das Gesetz in seiner ganzen Ausdehnung auch auf die genannten Arbeiterklassen angewendet wissen wollen. Zwischen diesen Extremen bewegte sich ein von den Abgg. Hammacher, v. Maltzahn-Gültz und v. Kulmiz eingebrachter Compromiß-Antrag, dahin lautend, daß der Versicherungs-Zwang zwar auf die ländlichen Arbeiter ausgedehnt werden solle, daß aber diejenigen Personen, welche bisher ohne Gegenleistung Anspruch auf Krankenpflege oder vollen Lohn mährend der Erkrankung haben, von der Versicherungspflicht befreit bleiben sollen. Im Laufe der Debatte erklärte Abg. v. Windthorst, daß das Centrum gegen das ganze Gesetz stimmen werde, wenn der Antrag Hertling verworfen werden würde; für letzteren sprach sich auch Finanzminister Scholz aus. Große Unruhe erregten im Hause die Ausfälle des Abg. Hirsch gegen die Rechte und das Centrum und konnte der genannte Redner nur unter großer Erregung des Hauses seine Ausführungen zu Ende bringen. Bei der nun folgenden Abstimmung wurde zunächst der Antrag des Abg. Dirichlet, die ersten 3 Paragraphen an die Commission zurückzuverweisen, abgelehnt und sodann § 1 unter Ablehnung aller hierzu gestellten Amendemems nach den Beschlüssen der zweiten Lesung gegen die Stimmen der Fortschrittspartei und der Secessionisten angenommen. Bei der Abstimmung über den oben erwähnten Compromch-Antrag des Abg. Hammacher und Genossen ergab sich die Beschlußunfähigkeit des Hauses und setzte deshalb der Präsident die nächste Sitzung aus Freitag, den 25. d. M. fest, um den säumigen Abgeordneten Gelegenheit zu geben, sich zu der entscheidenden Abstimmung noch rechtzeitig einzufinden. (S. Reichstagsbericht im l. Bl.)
In der kirchenpolitischen Frage scheint eine Entscheidung nahe bevorzustehen. In dieser Woche ist dem preußischen Gesandten beim heil. Stuhl, Herrn v. Schlözer, die Antwort der Kurie auf die letzte Rote seiner Regierung vom 5. Mai übergeben worden und obwohl über den Inhalt des päpstlichen Antwortschreibens noch nichts Näheres bekannt ist, so kann man aus den abfälligen Commentaren, welche die Organe des Vatikans der preußischen Rote widmen, doch ersehen, daß die Antwort der Kurie nicht entgegenkommend gehalten sein wird. Das Ende des Kirchenstreites in Preußen ist demnach vorläufig noch nicht abzusehen.
Der in Hannover versammelt gewesene allgemeine deutsche Handwerkertag ist am Mittwoch geschlossen worden. Vorher fand noch eine Resolution einstimmige Annahme, wonach der Handwerkertag dahin wirken will, daß der Großbetrieb in dem Maße, wie er Arbeiter durch Maschinen un- nöthig mache, zur Gewerbesteuer heranzuziehen sei. Außerdem beschloß die Versammlung, den Entwurf einer Gewerbeordnung auszuarbeiten und denselben den gesetzgebenden Faktoren vorzulegen.
Mit der Auflösung des böhmischen Landtages hat der Sla- vismus dem Deutschthum in Oesterreich einen neuen empfindlichen Schlag versetzt. Es unterliegt kaum einem Zweifel, daß bie Neuwahlen, welche die Landgemeinden am 28. Juni, die Städte am 30. Juni, die Handelskammern am 2. Juli und der Großgrundbesitz am 3. Juli vorzunehmen haben, zu Gunsten der Czechen ausfallen und ihnen die langerstrebte sDtajorität in der Prager Landstube bringen werden. Es ist dies aber nur eine weitere Etappe auf dem Wege zur czechischen Alleinherrschaft im Lande der Wenzelskrone, wenn auch
bis zur Erreichung dieses Zieles noch viel Wasser die Moldau hinabfließen wird. Daß dann auch Mähren und Schlesien immer mehr mit in den Kreis der czechischen Bestrebungen hineingezogen werden wird, ist selbstverständlich, so daß vielleicht schon das nächste Jahrhundert ein „vereinigtes czechisches Königreich" begrüßen wird.
Auch in Frankreich will man jetzt dem Klerus den Brotkorb höher hängen. Die Sub-Commission der Deputirtenkammer für das Cultusbudget hatte an demselben einen Abstrich von nahezu 6 Millionen gemacht, doch setzte der Budget-Ausschuß denselben auf eine halbe Million herunter, worüber es in der Plenarberathung wohl zu lebhaften Debatten kommen wird. Die radikalen Elemente der Sub-Commission hatten sogar den Einfall gehabt, die Besoldung des Erzbischofs von Paris von 45,000 auf 15,000 Frc's. herabzudrücken und die Generalvicare, Domherren und das ganze Domkapitel von Saint-Denis leer ausgehen zu lassen, doch willigte der Ausschuß hierein nicht und ebensowenig in die von der Sub-Commission beantragte Einziehung der bischöflichen und pfarrherrlichen Wohngebäude. Das Ministerium gedenkt nun allerdings für die volle Bewilligung des Cultusbudgets einzutreten, es wird hierbei aber bei der Kammermajorität aus ernste Schwierigkeiten stoßen und es muß sich dann zeigen, ob sich der Einfluß des Cabinets Ferry bereits soweit gekräftigt hat, um den voraussichtlichen Widerstand der Majorität in dieser Frage zu brechen.
Für Italien hat diese Woche eine Ministerkrisis gebracht, die augenscheinlich mit den jüngsten Vorgängen in der italienischen Deputirtenkammer zusammenhängt. Die Chefs der Justizverwaltung und des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten, Zanardelli und Baccarini, befinden sich schon seit einiger Zeit in Bezug auf verschiedene Fragen der innern Politik zu den übrigen Mitgliedern des Cabinets im Gegensatz, der sich in der jüngsten Zeit so zuspitzte, daß der Ministerpräsident de Pretis dem Könige die Demission des Gesomint- CabinetS überreichte. Der Monarch beauftragte de Pretis sofort mit der Neubildung des Cabinets, welchem natürlich Zanardelli und Baccarini nicht weiter angehören werden; über ihre Ersatzmänner ist jedoch noch nichts Näheres bekannt. Anläßlich der Ministerkrisis sind die beiden Häuser des italienischen Parlaments bis zum 30. d. Mts. vertagt worden.
Unter den brausenden Jubel ruf en einer nach Hunderttausenden von Köpfen zählenden Volksmenge ist Czar Alexander III. am Dienstag in Moskau ein gezogen. Ohne den geringsten Unfall ist der Einzug verlaufen, der sich durch die schimmernden Uniformen, die verschwenderisch zur Schau getragenen Edelsteine, die fremdartigen Trachten der Deputationen der asiatischen Völkerschaften und die Masse seiner Theilnehmer zu einem wohl noch nie dagewesenen imposanten und farbenprächtigen Bilde gestaltete.
In Klein-Asien beginnt das Räuberunwesen sich wieder breit zu machen. In der Nähe von Smyrna nahm eine Räuberbande 15 Personen, darunter mehrere Beamte und Ausländer, gefangen, für deren Freilassung ein ungeheures Lösegeld gefordert wird. In Folge dieses Vorganges hat die Pforte den Gouverneur von Smyrna, Ali Pascha, abgesetzt, den Minister der Evkass (geistlichen Güter) mit der Stellvertretung und den General Hilmi Pascha beauftragt, sofort die strengsten Maßregeln gegen die Briganten zu ergreifen.
Jm egyptischen Cabinet haben einige Veränderungen Platz gegriffen. Der Minister des Innern, Eyub Pascha, hat seine Entlassung erbeten und erhalten und ist zu seinem Nachfolger der bisherige Unterrichts-Minister Khairi Pascha bestimmt, während dem Vernehmen nach Khadry Pascha das Unterrichts- Ministerium übernehmen wird.
Berlin, 23. Mai. Präsident v. Levetzow wünscht, daß von den im Reichstage eingegangenen Ueberschwemmungs-Liebesgaben 20,000 an die Nothleidenden an der Weichsel versandt werden und hat hierzu die Zustimmung des betr. Comitös im Reichstage gesunden. ES verbleiben nun noch 50,000 JL von den gesammelten Fonds zur Vertheilung.
— Die Petitionen der Eisen-Industriellen, gewisse feine Eisengußwaaren, die jetzt mit 272 Jt. verzollt werden, vielmehr als zu einer Kategorie von Eisenwaaren gehörig zu erklären, welche mit einem Zoll von 24 Jl. belegt ist, da hierfür der Wortlaut des Tarifs spreche, ist, wie schon früher vom Bundesrath so heute auch von der ReichStagS-PetitionS-Commission abgelehnt worden obwohl die Unklarheit der Fassung des Tarifs bei der Bezeichnung der verschiedenen Arten von Eisenwaaren anerkannt werden mußte. Diese Petitionen harrten beiläufig bereits ein Jahr lang der Entscheidung.
SchiffSbericht. Mttgetheilt von dem Agenten des Norddeutschen Lloyd in Bremen, C W. Dietz Nachfolger, Gießen.
Bremen, 23. Mat. (Per transatlantischen Telegraph.) Der Postdampfer Hohenzollern, Capt. N Sander, vom Nordd utschm Lloyd in Bremen, welcher an 8 Mai von Bremen abgegangen war, ist heute 4 Uhr Morgens wohlbehalten in Newyork angekommen.
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