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Ar. 48. Dienstag den 27. Februar 1888

Meßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

töurcau: Schulstraße 7.

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Gr l a ß, betreffend: die Stiftung n'neS Ehrenzeichens für Verdienste während der Waffersnoth 1882/83.

Ludwig IV. von Gottes Gnaden Großherzog von Hessen und bei Rhein rc. rc.

Nachdem Ende November des vorigen Jahres die Hochwasser des Rheins und Mains schwere Verwüstungen, insbesondere in den Kreisen Mainz, Oppen­heim und Offenbach, angerichtet, hat schon zu Ende des vorigen und zu Anfang des gegenwärtigen Jahres eine erneute Hochflnth ungleich größere Strecken Landes bedeckt und ungleich höhere Schaden herbeigesührt. So sehr Ich mit Meinem Volke diese furchtbare Heimsuchung beklage, so gereicht Mir doch zu lebhafter Genugthuung die Wahrnehmung, wie überall, wo die andrängenden Wogen Leben und Eigenthum der Bewohner der bedrängten Orte gefährdeten, muthige Männer sich fanden, welche den Bedrohten zu Hülse eilten, sei es, daß sie mit Unerschrockenheit und Ausdauer die Dämme ergänzten, verstärkten oder vertheidigten, sei es, daß sie mit Verachtung eigener Gefahr und eigenen Un­gemachs für die Bergung des Lebens und Eigenthums ihrer bedrängten Mit­bürger thätig bemüht waren. Wie bei diesem Rettungswerk Mitglieder aller Schichten der Bevölkerung ohne Unterschied des Standes und Benffs sich ver­dient gemacht haben, so soll auch ein und dasselbe Ehrenzeichen die Brust aller Derer schmücken, welche bei jenem Rettungswerk sich vorzugsweise ausgezeichnet haben. Ich habe daher beschlossen, als

Ehrenzeichen für Verdienste während der WafferSrioth 1882/83

eine silberne, mit bezüglicher Inschrift versehene Medaille, welche an dem Bande des Philippsordens getragen wird, zu verleihen. Ich spreche gleichzeitig aber Allen, welche sich bei der Hülfeleistung betheiligt haben, auch dort, wo, wie bei der zweiten Überschwemmung im Kreise Offenbach, die Verhältnisse eine plötz­liche und dringende Gefahr für Leben und Eigenthum nicht mit sich brachten, ferner allen Denjenigen, welche in wahrhaft erhebender Weise gewetteifert haben, durch Gaben an Geld und Gebrauchs-Gegenständen die Lage der von beni zer­störenden Naturereignis) Betroffenen zu erleichtern, sowie allen Denjenigen, welche durch freiwilliges Opfer an Zeit und Kraft für die Unterbringung, Verpflegung und Versorgung der vom Wasser aus ihrer Heimstätte Vertriebenen gesorgt haben und noch sorgen, für ihr opferwilliges thatkräftiges Verhalten Meine warme Anerkennung und Meinen landesherrlichen Dank aus.

Darmstadt, den 24. Februar 1883.

(gez.) Ludwig.

* (contras.) v. Starck.

Deutschland.

Darmstadt, 24. Febr. Die Abreise Sr. König!. Hoheit des Groß- Herzogs und Ihrer Großh. Hoheiten der Prinzessinnen Victoria und Elisabeth nach Berlin steht morgen Vormittag 7 Uhr 35 Mn. bevor.

Berlin, 24. Februar. DieBerl. Polit. Nachr." schreiben Von Seiten des Centrums sind die Verhandlungen über den Cultusetat mit derjeni­gen Schärfe geführt worden, welche die Aeußerungen der Partei in Falk's Zeiten charakterisirte und seit 1879 nicht mehr gehört wurde. Herr Windthorst, der zuerst diesen Ton anschlug, handelt ohne Zweifel wohlüberlegt. Sein Ein­fluß im Centrum fing unter dem Widerstreit der aristokratischen, einer Verstän­digung mit der conservativen Regierung mehr geneigten, und der radikalen Gruppe an zu schwinden. Das Feuer wieder zu schüren und dabei die Vor- kämpserrolle für die Rechte der Kirche zu übernehmen, war da^ nächstliegende Mittel, die disparaten Elemente wieder unter einen Hut, und zwar unter den­jenigen Windthorffs, zu bringen. In welcher Weise dabei gerade der oppositio­nelle Flügel in den Vordergrund, der rechte Flügel in den Hintergrund getreten ist, zeigte der Verlauf der Verhandlungen über den Volkswirthschastsrath.

Inzwischen würde man irren, wenn man annehmen wollte, daß dabei der Gesichtspunkt außer Acht geblieben wäre, welchen Eindruck in Rom die Ver­handlungen machen. Anscheinend besteht die Sorge, daß das Centrum und sein Führer dort als Hinderniß der Verständigung mit Erfolg dargestellt werden und so um ihren Einfluß gebracht werden könnten. Mit der gewohnten Geschick» lichkeit drapirte Dr. Windthorst im Anschluß an die Frage, ob der päpstliche Bries vom 30. Januar beantwortet sei, seine und seiner Freunde Bereitwillig­keit, an einer Gesetzgebung mitwirken zu wollen, von der er hoffen dürse, daß sie die Billigung des heiligen Stuhls finden werde. Judeß wurde denn auch nicht versäumt, die etwas gelockerten Verbindungen mit der äußersten Rechten durch die emphatische Stellungnahme für die christliche Schule wieder zu besesti- gen. So hat denn die heutige und gestrige Debatte im Wesentlichen den Charakter taktischer Vorbereitung des Centrums und seiner Führer sür die wei­teren sachlichen Entscheidungen.

Aus Grund eines Bundesrathö-Beschlnsses ist an die Buchhändler- Gremien die Aufforderung ergangen, Delegirte zu ernennen, welche in Sachen des mit Frankreich abzuschließenden Vertrages, betr. den Schutz des lieber» setzungsrechts, den mit Vorbcrathung dieser Angelegenheit betrauten Bundeü- saths-Ausschüssen für Handel, Verkehr und Justizwesen Auükunst über ihre bestimmten Wünsche und Vorschläge zu geben haben werden. Es ist anzuneh­men, daß ebenso wie die hervorragenden deutschen Schriststeller auch die yaupt- iächlichsten Buchhändler-Corporationen in der Sache gehört werden.

Das neue Ministerium in Frankreich hat sich mit einem Programm eingeführt, das, soweit es internationale Dinge in sein Bereich zieht, erbaulich genug klingt und den Wunsch wachruft, es möchte Herrn Ferry und seinem Minister des Auswärtigen, Herrn Challemel-Lacour, gelingen, den ausgestellten Wechsel auch zu honoriren. Als entschlossener Anwalt einer Friedenspolitik könnte eine von dem Vertrauen des Landes und der Unterstützung einer com- vacten parlamentarischen Mehrheit getragene französische Regierung den In­teressen Gesammt-Europas sehr wesentliche Dienste leisten und dem Prestige der republikanischen Staatsform in den Augen des eigenen Volkes eine Kräftigung zuführen, deren dieselbe gar sehr bedürftig ist. Insofern würde es außerhalb Frankreichs mit aufrichtiger Genugthuung begrüßt werden, wenn der Geschäfts­antritt des Cabinets Ferry für Frankreich den Anbruch einer Periode ruhiger, constanter Entwickelung inaugunrte.

Berlin, 24. Februar. (Abgeordnetenhaus). Cultusetat. Jagdzewski tadelt den StaatScommissar für die geistliche Vermögensverwaltung in der Pro­vinz Posen, welchen der Cultusminister vertheidigt. Biesenbach protestirt dage­gen, daß die Jmmediat-Eingabe der Kölner Diöcese eine Kraftprobe gewesen sei , dieselbe sei vielmehr aus der Erwartung hervorgegangen, das Ministerium werde die Eingabe unterstützen. Das Haus genehmigte den Gehalt für den altkatholischen Bischof. Windthorst und Steinbusch verlangen die Abschaffung des irreligiösen Volksschulbesuchs im Trier'schen und Kölnischen Regierungsbe­zirke. Der Minister sagt wiederholt Prüfung dieser Angelegenheit zu. Stern und Graf Limburg-Stirum bringen die Ueberbürdung der Schüler zur Sprache. Commissar Bonitz erwidert, die Examens-Anforderungen seien gegen früher geringer geworden und die Verwaltung werde Alles thun, um gerechtfertigte Klagen zu verringern. An der weiteren Debatte betheiligen sich Kropatscheck, Berger, Löwe (Bochum), die in Rede stehende Position, betr. die Prüfungs- Commission für höheres Schulwesen, wird abgelehnt. Fortsetzung Montag.

Berlin, 24. Februar. Es wird von keiner Sette mehr bezweifelt, daß der Kriegsmtilisttr v. Kameke ein Entlassungsgesuch eingereicht hatte. Man konnte aber im Voraus unmöglich annehmen, daß er diesen Schritt blos wegen der kleinen Nieder­lage gethan habe, die er tm Reichstage bei den Verhandlungen über die militärischen Ausgaben erlitt, denn cs wäre das erste Mal, daß ein preußischer Minister vor Ab­stimmungen im Parlam nt zurückträte. In der That liegt die Sache auch, wie wir zu wissen glauben, etwas anders. Seine Majestät der Kaiser hatte den Kriegs­minister v. Kameke zu sich beschieden, den Gang der Dinge tm Reicystage mit ihm be­sprochen und dem Mimster bet dieser Gelegenheit einige Vorhaltungen gemacht. Wenn man hier in militärischen Kreisen verkehrt, so läßt sich wenigstens oermuthen, worin die Unzufriedenheit deS Kaisers bestanden hat. Die Officiere sind, wie man sich denken kann, sehr schlecht zu sprechen auf die Abstriche und auf die Kritik unseres Heerwesens, wie sie bei dieser Gelegenheit zu Tage kam, und namentlich über die rücksichtslose Sprache, welche der Abgeordnete Richter führte. Sie hätten gewünscht, daß der Reichs­tage stärker abgetrumpft worden wäre, als dies von Seiten des Kriegsministers ge­schehen ist. D«e Freunde dcß Herrn v. Kameke machen für ihn geltend, daß er in seiner langjährigen Thät'gketi durch Milde und Freundlichkeit im Parlament mehr durchgesetzt habe, als vielleicht durch ein barscheres Wesen zu erreichen gewesen wäre. Auch habe Herr v. Kam.kc. ehe er seinen Posten übernahm, selbst erklärt, daß er keine Rednergabe habe und in di ser Hinsicht seinen Vorgänger Grafen v. Roon nicht ersetzen könne. Der Kaiser selbst hat ihn damals über seine Bedenken beruhigt. Die Un­zufriedenheit Sr. Majestät über die Reichstagsvrrbandlungen hatte indessen den Kriegs­minister aufgeregt und so bat er um seine Entlassung, die indeß nicht gewährt wurde. Der Kaiser beschted ihn abermals zur Audienz und erklärte ihm, daß er in seinem hohen Alter sich von einem bewährten Diener nicht zu trennen wünsche. Außerdem soll der Kaiser, wie man erzählt, sich geäußert haben, daß man seinen Platz während des Kampfes nicht verlassen hülfe. G nug, die Angelegenheit ist vollständig vertagt und wird, wenn überhaupt, höchstens nach Ostern wieder zur Sprache kommen, wenn d'e Commission über das Militärpensionsgesetz schlüssig geworden ist. (Köln. Ztg.)

Dresden, 24. Februar. Der Herzog von Genua traf gestern Abend um 10 Uhr von München hier ein, wurde auf dem Bahnhof vom Könige empfangen und stieg im königl. Schlosse ab. Heute Vormittag stattete derselbe dem Prinzen Georg einen Besuch ab.

Belgien.

Brüssel, 24. Februar. Anläßlich einer in einem Dorfe bei Brüssel gestern erfolgten Dynamit'Explosion wurden zwei Männer verhaftet, von denen der eine tödtlich verwundet war. In dem Verhör wurde festgestellt, daß oie> selben Cyvat und Metaye r heißen nut) beide wegen Teilnahme an dm Unruhen in Montceau - les - Mines verurteilt worden sind. DemEtoilebelge zufolge hat Metayer Geständnisse gemacht, welche der Affaire eine erhöhte Bedeutung beilegen. Die Geständnisse desselben sollen zur BeschlaMhme eomproimtrrender Schriftstücke und auf die Spuren eines revolutionären Comp otte« geführt haben, welches über Belgien und andere Länder verbreitet fein soll. Metayer wurde heute abermals vernommen.

England.

Dublin, 24. Februar. Harrington, Seeretär der irischen Landliga, der sich augenblicklich wegen aufrührerischer Reden m Haft befindet, ist beute zum Abgeordneten von Westmeath ohne Gegen-Candrdaten gewählt worden.

Atalie».

Ron, 24 Februar. Meldung derAgenzia Stefani" : Die Anklage- fection de« Avvellgerichtes verwies Rigatieri vor die Afsifen, weil er durch Revolverschüsse auf das Wappenschild de« österreichischen Botschafts-Hotel« da« Land der Kriegsgefahr ausgesetzt habe. Am 5. März findet die Verhandlung über die Appellation Valeriani« statt, welcher mit Steinen nach dem Wagen de« österreichischen Botschaster« geworfen hatte.