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Nr. 170
Donnerstag den 26. Juli
1883
Bureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MsntagK.
eingeschritten.
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Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspondenz-Bureau.
Darmstadt, 23. Juli. Das im Jahre 1886 stattfindende 50jährige Jubiläum der hessischen Gewerbevereine soll auf Anregung des Ministerialraths Fink mit einer Landesgewerbe- und Industrie-Ausstellung in Mainz verbunden werden.
Kiel, 23. Juli. Definitives Resultat: Stichwahl zwischen Hänel und Heinzel. Es fehlten Hänel 182 Stimmen an der absoluten Mehrheit.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. lrtÜ Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
lichen Erklärungen Challemel-Lacour's im Senate zur Genüge hervor und so wird denn die Tongking-Affaire als ein nicht zu bannender Schatten in die demnächst beginnende Ruhepause für die leitenden Politiker Frankreichs fallen.
Jenseits des Kanals zieht die Angelegenheit des zweiten Suez-Kanals noch immer ihre Kreise. Die Grunde, mit denen Herr Gladstone und Lord Granville das mit Herrn v. Lesseps geschlossene Abkommen vertheidigen, haben aus die erregte öffentliche Meinung des Insel-Königreiches so gut wie gar keinen Eindruck gemacht. Die handeltreibenden Kreise Albions glauben durch den Vertrag der englischen Regierung und dem Erbauer des Suez-Kanals ihre In- tereffen ernstlich bedroht und die Conservativen wissen in geschicktester Weise aus dieser Verstimmung Capital gegen das Cabinet Gladstone zu schlagen. Die Verhandlung über den Vertrag haben im Unterhause am Montag, den 23. Juli, begonnen und man darf begierig sein, ob es Herrn Gladstone gelingen wird, den drohenden Sturm zu beschwören.
Die Nachricht, daß die Cholera in Genua ausgebrochen sei, hat sich glücklicher Weise als falsch erwiesen und dürfte lediglich auf die erhitzte Phantasie etlicher Zeitungs-Correspondenten zurückzuführen sein. Trotzdem hat es die italienische Regierung, um den Befürchtungen ängstlicher Gemüther ent- gegenzutreten, für angezeigt gehalten, diese Nachricht amtlich zu dementiren und zugleich erklären zu lassen, daß die Gesundheitsverhältniffe in ganz Italien ausnahmslos höchst befriedigend seien.
Immer unheimlicher lauten die Telegramme über das Auftreten der Cholera in der Hauptstadt Egyptens. Noch vor zwei Wochen belief sich die Zahl der Cholera-Opfer in Kairo auf 3 bis 4 und jetzt rafft hier die Seuche tagtäglich Hunderte von Menechenleben hin. Vom Sonnabend 8 Uhr Vormittags bis zum Sonntag früh 8 Uhr erlagen in Kairo der Cholera 381 Personen, davon die meisten, 216, in der Vorstadt Bulak. Auch aus einer ganzen Reihe anderer egyptischer Städte werden zahlreiche Todesfälle an Cholera gemeldet, während sie in Damiette, ihrem Ausgangspunkte, dem Erlöschen nahe ist', da ihr hier im Laufe des 21. Juli nur 4 Personen erlagen. Bis jetzt hat sich die Cholera indessen, anstatt nach Alexandrien zu, nilaufwärts gewendet und dies gewährt immerhin noch einige Beruhigung.
Politische Ueberskcht»
Gießen, 25. Juli.
Fürst Bismarck scheint in diesem Jahre gänzlich auf seine gewohnte Badekur verzichten zu wollen. Denn obwohl wir uns mit raschen Schritten dem Hochsommer nähern, weilt der Kanzler noch immer in Friedrichsruhe und allerdings ist auch sein Gesundheitszustand noch lange nicht ein derartiger, um den Antritt einer längeren Reise gestatten zu können. Unter solchen Umständen erscheinen auch die in der Presse hin und wieder auftauchenden Meldungen, daß Fürst Bismarck sich nach Gastein zu begeben gedenke, vorläufig als sehr wenig glaubwürdig.
Die Oede in unserer inneren Politik wird wenigstens in etwas durch die sich in verschiedenen Wahlkreisen vollziehenden oder in naher Aussicht stehenden Nach- und Ersatzwahlen zum Reichstage unterbrochen. So hat in diesen Tagen in Kiel die Nachwahl für Professor Hänel stattgefunden, dessen Mandat von der betr. Reichstags-Commission für ungültig erklärt worden war. Nach den bisherigen Ergebnissen der Wahl dürfte eine Stichwahl zwischen Hänel, welcher bis jetzt 9540 Stimmen erhalten hat und dem socialdemokratischen Candidaten Heinzel, auf welchen 6659 Stimmen fielen, kaum zu vermeiden sein, da auch der Candidat der Conservativen, Graf Reventlow, 3321 Stimmen erhielt.
In den jüngsten Tagen sind verschiedene allarmirende Nachrichten über angeblich umfassende Maßregeln zum Schutze der deutschen Ostgrenze durch die Blätter gegangen. Indessen wird jetzt von zuverlässiger Seite gemeldet, daß sich diese Maßregeln im Großen und Ganzen aus den Ausbau der Festung Thorn beschränken, wie dieselben gemäß dem Gesetze von 1873 über den Festungsbaufonds zu erfolgen hat. Von derselben Seite werden die Mittheilungen über einen Nm- oder Neubau der ehemaligen Festung Graudenz mit dem Bemerken dementirt, daß Graudenz als Festung längst aufgegeben sei. Es werden in diesem Jahre, und zwar Anfangs Herbst, an den ehemaligen Grau- denzer Werken lediglich die schon seit Jahren üblichen Mineur-Uebungen der Pioniere stattfinden, an denen sich diesmal auch Abtheilungen des sächsischen und des württembergischen Pionier-Bataillons betheiligen werden. Außerdem ist noch zu erwähnen, daß das achte ostpreußische Infanterie-Regiment Nr. 44 von Metz nach Danzig zurückversetzt werden wird, was man als den ersten Schritt zur Verwirklichung der Absicht betrachten kann, die altländischen Regimenter aus Elsaß-Lothringen zurückzuziehen und dieselben nach und nach durch die neuformirten Regimenter zu ersetzen.
Die Schießversuche der von der Swinemünder Gesellschaft „Vulkan" für Rechnung Chinas erbauten Panzer-Corvette „Ting Auen" haben ein vollständig befriedigendes Resultat ergeben. Obwohl die zu prüfenden Geschütze mit einer Ladung bis zu 200 Kilogramm Pulver pro Schuß versehen waren, so haben doch diese furchtbaren Detonationen auf das Schiff nicht den geringsten Einfluß ausgeübt und bewährte sich die Bauart des Panzer-Colosses auch bei dieser Probe auf das Ausgezeichnetste. Die deutsche Schiffsbaukunst hat demnach mit der Erbauung der „Ting Duen" einen neuen Triumph gefeiert.
Kaiser Franz Josef hat in voriger Woche seine Reise durch Steiermark und Krain, zu welcher die 600jährige Jubelfeier der Vereinigung dieser Provinzen mit den österreichischen Stammlanden den Anlaß gab, beendigt. Die Eindrücke, welche der Monarch während der Reise empfangen hat, dürften namentlich in Anbetracht der Haltung der slovenischen Bevölkerung ziemlich gemischter Natur gewesen sein. Bei keiner Gelegenheit unterließen es die Wort- und Parteiführer der Slovenen, dem Kaiser gegenüber mit ihren national- slovenischen Gefühlen zu demonstriren, obwohl sich diese Demonstrationen natürlich nur in gewissen Grenzen bewegen konnten. Für die deutsche Bevölkerung der genannten Provinzen mußte es daher doppelt erfreulich sein, daß Kaiser Franz Josef aus der Reise mehr als einmal öffentlich und in unzweideutiger Weise den slovenischen Prätentionen entgegentrat, indem er besonders den Werth des deutschen Sprachunterrichtes betonte. Es läßt dieses Auftreten des Herrschers selbst darauf schließen, daß man in den maßgebenden Wiener Kreisen denn doch nicht gesonnen ist, die slovenischen Bäume bis in den Himmel wachsen M lassen.
In der französischen Deputirtenkammer hat die Angelegenheit der Eisenbahn-Conventionen, welche zu einer gefährlichen Klippe für das Cabinet Ferry zu werden drohte, eine für dasselbe günstige Wendung genommen. Am Sonnabend beendigte die Kammer die Generaldiscussion über die betr. Vorlage und votirte für dieselbe auf Antrag des Arbeitsministers Raynal mit 250 gegen 122 Stimmen die Dringlichkeit, so daß die Kammer, dem Wunsche der Regierung entsprechend, die Conventionen jedenfalls noch vor Schluß der Session erledigen wird. Auch sonst stehen die Actien des Ministeriums Ferry nicht un- giinstig und besonders kann dasselbe mit Genugthuung constatiren, daß der Senat in diesen Tagen für die so vielfach angefeindete Vorlage über die Ge- richtsresorm dem Antrag der Regierung entsprechend mit 139 gegen 127 Stimmen die Dringlichkeit ausgesprochen hat. Auch der Zwischenfall aus Madagaskar scheint trotz des Säbelgerassels der Londoner Officiösen für das französische Ministerium keine weiteren Verlegenheiten nach sich ziehen zu wollen und so bleibt denn für letzteres nur die Tongking-Affaire als ein dunkler Punkt bestehen. Denn daß diese ganze Angelegenheit nicht zum Besten steht, geht aus den neu-
Berlitt, 24. Juli. Gegenüber anderweitigen falschen Angaben erfährt die „Nordd. Allg. Ztg." betreffs der Hirsch-Dunker'schen Kassen, es handle sich nicht um Arbeiterkassen, sondern um eine Revision der Jnvalidenkaffe, wobei einige zur Geschäftsführung erforderliche Bücher mit Beschlag belegt worden seien. Die Geschäfte der Kassen seien in keiner Weise unterbrochen.
Kiel, 24. Juli. Officielles Wahlresultat: Hänel erhielt 9540, Graf Reventlow 3321, Heinzel 6659 Stimmen. 7 Stimmen zersplitterten sich. Die Stichwahl findet am 3. August statt.
Dresden, 24. Juli. In der verflossenen Nacht ist das Gebäude der vormaligen Militärkammer mit den darin befindlichen Vorräthen und Equipagen niedergebrannt. Bei den Rettungsarbeiten sind zwei Männer und später durch den Nachsturz eines Gesimses eine Frau und ein Kind verletzt worden.
Stockholm, 24. Juli. Der schwedische Monitor „Thordön" ist bei Slätbaken in der Nähe von Norrköping gesunken. Die Mannschaft ist licherweise gerettet.
Kairo, 24. Juli. (Telegramm des „Reuter'schen Bureaus") Khedive gedenkt am Donnerstag nach Alexandrien zurückzukehren. — Auch unter dem englischen Infanterie-Regiment in Suez ist die Cholera aufgetreten, zwei Mann sind gestorben. In dem englischen Regiment, welches den Dienst auf der Citadelle in Kairo versieht, sind zwei Erkrankungsfälle vorgekommen, von denen einer tödtlich endete.
— In den letzten 24 Stunden bis heute früh 8 Uhr sind in Kairo 463 Personen, davon 249 in der Vorstadt Bulak, 117 in Chibin, 95 in Gizeh und 2 Personen in Jsmailia an der Cholera gestorben.
London, 24. Juli. Alle Morgenblätter, mit Ausnahme des „Standard", sprechen sich billigend darüber aus, daß die Regierung von dem Abkommen mit Lesseps zurückgetreten ist. Der „Standard" bemängelt die Haltung der Negierung und verlangt Auskunft über die Schritte, welche die Regierung zur Förderung der englischen Seehandels-Interessen thun werde. Bei dem gegenwärtigen Stande könne die Angelegenheit nicht verbleiben.
Nyiregyhaza, 24. Jnlt. Tlsza-ESzlarer Proceß. In der heutigen Sitzung gelangten die vmch den Untersuchungsrichter requirsiten Akten über eine tm Jahre 1790 zu Peer in Siebenbürgen angebl'ch durch Juden stattgehabte Ermordung eines Christen- knaben zur Verlesung. Auf Verlangen M Vertheidigers Eötvös wird auch die Entscheidung der Hofkammer über diesen Fall verlesen. Die Angeklagten murdtN damals srcigesprochen und gegen die gerichtlichen Organe wurde von Staatswegen


