Rr. 70. Zweites Blatt. Sonntag den 25. März 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des MsutagS. Prei- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
___________ Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Deutschland.
Berlin, 21. März. Der Kaiser, die Kaiserin, der Kronprinz, die Kronprinzessin und die übrigen Mitglieder der königlichen Familie, sowie die badischen Herrschaften begingen heute Vormittag um halb 10 Uhr im Balcon- saale des Kaiser-Palais die Feier des heiligen Abendmahls. General-Superintendent Kögel spendete dasselbe, die Gesänge wurden von einem Theil des Domchors ausgesührt. Prinz Wilhelm beging die Abendmahlsfeier mit seiner noch erkrankten Gemahlin und deren Schwester im Schlöffe zu Potsdam.
Berlin, 22. März. Die Stadt ist anläßlich des Geburtstages des Kaisers festlich mit Flaggen geschmückt. Von verwandten und befreundeten Höfen, Vereinen, Privatpersonen u. s. w. gehen fortwährend zahlreiche Glückwunsch-Telegramme ein. Gegen 10 Uhr brachte die kronprinzliche und die Großh. Badische Familie ihre Glückwünsche dar, gleich darauf fand ein vom General-Superintendenten Kögel abgehaltener Festgottesdienst im kaiserlichen Palais statt, dem das Kaiserpaar und die Mitglieder der kaiserlichen Familie beiwohnten.
In der festlich geschmückten Aula der Universität wurde der Geburtstag des Kaisers gleichfalls festlich begangen. Dem Gesänge des salvum fac regem folgte die Festrede des Professors Curtius. Gegenwärtig waren die Staatsminister Scholz und v. Goßler, der Commandant von Berlin, General v. Oppeln-Bronikowski u. A.
— Der Kaiser hat den Ministern Lucius und v. Bötticher den rothen Adlerorden erster Klaffe mit Eichenlaub, den Ministern v. Goßler und Scholz bin Stern zum rothen Adlerorden zweiter Klasse mit Eichenlaub verliehen.
Magdeburg, 22. März. Der der Ermordung des Briefträgers Coffüth verdächtige Commis Sobbe ist hier verhaftet worden.
Dresden, 22. März. Aus Anlaß des Geburtstags des Kaisers hatten alle öffentlichen Gebäude und sehr viele Privathäuser festlichen Flaggenschmuck angelegt. Am Vormittag brachten die Minister, die Mitglieder des diplomatischen Corps, die obersten Hofchargen, die Generalität und die Spitzen der städtischen Behörden dem preußischen Gesandten, Grafen v. Dönhoff, die Glückwünsche für Se. Maj. den Kaiser dar. Abends findet festliche Beleuchtung aller öffentlichen Plätze statt.
Oesterreich.
Wien, 21. März. In dem Sociaüst nproceß wurde heute das Unheil verkündigt. Die Hauptfrage auf Hochverrath wurde einstimmig verneint, die Eventualfragen auf Ruhestörung tbeJS einstimmig, theils mit 10, 9 und 8 Stimmen verneint, die Fragen wegen Mitschuld am Hochverrath sind damit gleichfalls verneint. Die Frage auf Raub wurde bezüglich der Angeklagten Engel und Pfleger einstimmig bejaht, ebenso die Frage, ob der Angeklagte Berndt an dem Raube mitschuldig sei. Bezüglich der Angeklagten Heitzer und Hotze wurden die Fragen, ob dieselben mitschuldig des Raubes und schuldig des Diebstahls, verneint, bezüglich des Angeklagien Peukeit die Frage wegen der Mitschuld am Raube und b.zügOch Sommers die Frage wegen Vorschub- Ostung einstimmig verneint. Es wmd<n demgemäß Engel und Pfleger zu je 15, Berndt zu 2 Jahren schweren Kerkers, bei ersteren Beiden verschärft durch Fasttage, verurtheilt, die übrigen Angeklagten sreigesprochen; die Vermtheilten wurden außerdem zum Ersatz von 220 fl., sowie der fehlenden Pretiosen an Merstallinger und in die Kosten des Strafverfahrens verurtheilt.
Krankreich.
... Paris, 21. März. Es bestätigt sich, daß Waddington als außerordentlicher Botschafter die französische Regierung bet der Krönung des Kaisers von Rußland Der; r m ro*rb- General Ptttte, Chef des Mtlilärftaates des Präsidenten Grevy, wird als Vertreter des letzteren fungiren. Die Gesandtschaft wird außerdem noch 5 Personen umfassen.
— Nach dem „Journal officicll" unterzeichneten gestern die Bevollmächtigten von Belgien, Brasilien, Spanien, Frankreich, Guatemala, Italien, Holland, Portugal, valvador, Serbien und der Schweiz eine Ueberetnkunft zum Schutz industriellen Eigen- thums. Nach einer besonderen Bestimmung ist allen Staaten, die nicht unterzeichnet haben, dre Möglichkeit des Zutritts zur Uebereinfunft fretgelassen.
Belgien.
Brüssel, 21. März. In dem Proceß Peltzer hat der Cassationshof die Berufung zurückgewiesen. Das Todesurtheil ist somit bestätigt.
England.
t i Windsor, 20. März. Die Königin hat seit Sonnabend keine Spazier- sayrt mehr unternommen, da sie sich von einem leichten Fall auf der Treppe, de« sie am Sonnabend erlitten, noch nicht ganz erholt hat.
Italien.
Rom, 20. März. Wie die „Gazzetta Jtaliana" meldet, hat der preußische Gesandte beim Vatikan, v. Schlözer, dem Kardinal - Staatssecretär 3d Mini heute die Antwort auf dessen Memorandum vom 19 Januar d Js. überreicht.
SermlfdMet.
A-^Thüringen, 20. März. Der Mörder des StaatSraths v. Wangenhetm derfrühere Unterosficter, Postschaffner und Gefangenenaufseher Hanf. AlS Grund M abscheulichen Mordes wird angegeben, daß Hanf, der vor etwa zwei Jahren wegen M mgS seiner Stelle entsetzt worden war, mit seinen Gesuchen um Wiederanftellung «bg'twiesen worden Ist. Herr v. Wangenhetm war Referent in der Sache. Um seine rherilnahmt zu bezeigen, hat der Landtag in seiner heutigen Sitzung die Verhandlungen
Mttte der nächsten Woche vertagt.
r ™ ,5Da3 Enorme Winterwetter, das seit Anfang dieses Monats herrscht, ver- anlaßt Viele zu si^gen und zu glauben, daß solch anhaltender und später Frost noch nicht dagewesen ei. Demgegenüber bemerkt die „Voss. Ztg.", daß allerdings in den letzten Jahren solche Lenzmonte nicht vorgekommen sind, daß wir aber in diesem Jahr- hundett mehrfach im März noch bedeutend kälteres und ebenso anhaltendes Wtnter- batten so insbesondere 1800. 1808 und 1845. Auch die Jahre 1804, 1825, 1840 und 18o3 zeichneten sich durch kalten März aus, während wir in neuerer Zett 1865, 1875 und zum Thetl 1879 eine annähernd ähnliche Märztemperatur hatten. Gewöhnlich bielt das Winterwetter bis zum 23 ober 24. an, ohne daß man (nrt Ausnahme des Jahres 1880, in welchem sich der Ueber gang zum Sommer so rasch vollzog, daß einzelne Tage des April um 25 bis 30 Grad wärmer waren, als die entsprechenden des März) nachher ein besonders warmes Frühjahr konstatirt Hütte.
Frankfurt, 16. März. Bet Gelegenheit der Landesausstellung in Darmstadt wurde die Frage der Wettertelegraphte auf die Tagesordnung gesetzt und der Beschluß gefaßt, daß die drei hessischen Provtnzialveretne einen Deputirten ernennen und wo möglich mit dem Verein der nassauischen Land- und Forstwtrthe, dem physikalischen Vercn und dem landwirthschastlichen Verein in Frankfurt a. M. über die Art der Ausführung in Berathung treten sollen. In Folge dessen ergingen auf den gestrigen Tag Einladungen an die genannten (Korporationen, je einen Vertreter zur desfallsigen Conferenz zu entsenden. Für Hessen waren angemeldet Herr Schaum auf Herrnheg in Oderhessen, Hirsch aus Alsheim für Rheinhessen und Herr Generalsekretär Dr. Werdenhammer für die Provinz Starkenburg. Letzterer war wegen Krankheit entschuldigt; die beiden anderen Herren fehlten. Für den Verein der nassauischen Land- und Forft- wirthe war Herr Generalsecretär Dr. Müller, für den landwirthschastlichen Verein dessen Präsident Herr Heineken, und für den physikalischen Verein die Herren Dr. Pctersen, Dr. Ziegler, Dr. Krebs und Dr. v. Fritsche erschienen, außerdem die Herren Sonnemann und Frcyeisen jun. Der Vorsitz wurde Herrn Heineken aus Frankfurt übertragen- Derselbe entwickelte, was in anderen Provinzen, namentlich in der Provinz Sachsen und verschiedenen thüringischen Fürftenthümern in Betreff der Wetterprognose geschehen sei. Während man dort erst zur Erreichung des Zieles einen neuen Verein habe gründen müssen, sei man hier Diel b-sser situirt, hier sei eine Centralstation im Physikalffchm Verein gegeben. Das Feld der Thätigkeit solle nicht allzu sehr ausgedehnt werden und habe man oon dem Centralpunkt Frankfurt aus eine Peripherie gezogen, bis zu welcher man die Wirksamkeit erfolgreich glaube entfalten zu könne«. Alsfeld. Gelnhausen, Wetzlar, Limburg, Bingen, Alzey rc. sollten die Grenze bilden. Dann gelte es zweite Stationen für den täglichen telegraphischen Verkeb'- a"Sznrüsten, wozu Darmstadt, Michelstadt, Flörsheim, Alsfeld, Langensch'wal- bad), Winkel rc. geeignet sein dürsten- Diese Stationen seien mit Regenmesser und Thermometer auszurüftm, was etwa 20 JL kosten dürste. Je dichter die Stationen über dem Operationsfelde Derbreitet waren, desto genauer würde die Prognose ausfallen. Von Wichtigk it für die Landwirthschast fei cs, besonders In den sechs Sommermonaten rasch die Resultate der zu erwartenden Witterungsverhältnisse zu haben, was nur auf telegraphischem Wege möglich sei. Anders gestaltet sich die Sache in den Wintermonaten, wo die Mitthellungen vice versa durch Karten erfolgen können. Was die Kosten anlangt, so wurden, da Herr Sonnemann sich bereit erklärte, die Depeschenkosten oon der „Seewarte" in Hamburg zu tragen, dieselben auf nahezu 2500 p. a. fixtrt welche die Vereine in Hessen-Darmstadt, Nassau bis zur Lahn und Frankfurt aufzubringen hätten. Namentlich über den Kostenpunkt fanden lebhafte Erörterungen statt, da in den landwirthschastlichen Centraloereinen die Budgets pro 1883 meist abgeschlossen sind und es deßhalb als wünschenswerth erklärt wurde, den Bezirksverein, d^ landwirthschastlichen Casinos und Kränzchen, die über ihre Mittel ungebundener verfügen dürfen, für ihre Kostenaufbringung zu interessiren. Der Nutzen, darauf wurde wiederholt hingewiesen, käme der Umgegend, bezw. den innerhalb der angegebenen Peripherie gelegenen Ortschaften Überhaupt zu Gute. Frankfurt könne großes Interesse nicht daran haben, wert seine örtlichen Verhältnisse viel günstiger lagen. Wohlthaten solle man Niemand aufdrängen. Set die Einrichtung getroffen, so würden diejenigen, welche sich jetzt noch abseits stellen, schon von selbst kommen. Der hiesige physikalische Verrin erklärte sich m der entgegenkommendsten Weise bereit, da ihm nicht allein die Instrumente, sondern auch die wissenschaftlichen Kräfte zur Verfügung ständen, die Centralstation, in welche alle Meldungen zu laufen und von wo die Mittheilungen täglich auszugehen hätten, zu übernehmen- Der Frankfurter landwirthfchaftliche Verein übernimmt bte Vermittelung ber ganzen Sache zwischen bet Centralstation unb den lanbwirthschastlichen Gremien in Hessen unb Nassau. Die Delegirten würben auf- geforbert, in den lanbwirthschastlichen Kreisen biesen Gegenstanb zur Sprache zu bringen unb in ber kürzesten Zeit das Rtsultat ihrer Bemühungen an ben lanbwirthschastlichen Verein in Frankfurt a- M. zu senben.
— fFeuerlärm in ber Kirche j Währenb des Gottesdienstes in der Kirche zu Hernals (Vorstadt von Wien) erscholl plötzlich aus der Mitte der Anwesenden der laute Schreckensruf: ,Feuert Feuer!" Diese Worte gaben das Signal zu einem fürchterlichen Drängen und Stoßen und Alles trachtete, von blinder Furcht getrieben, die Ausgänge zu gewinnen. Mehrere Kinder stürzten zu Boden, über sie zahlreiche Erwachsene, und es ist als ein wahres Wunder zu bezeichnen, daß sich kein ernstlicher Unglücksfall zu- getragen. Es gelang indeß. die stürmende Menge zu beruhigen, da gar keine Gefahr vorhanden und das Ganze nur ein blinder Feuerlärm war. Wie sich nachträglich herausstellte, mtU ber Anlaß ber noch glücklich verlaufenen Panik ber folgenbe: Ein Kinb war plötzNch unwohl geworben, in seiner Nähe entstanb in Folge bessert ein Geräusch unb bas versetzte einige Überängstliche Menschen in solche Ausiegung, baß sie gleich wiederholt „Feuer" riefen.
Barmen, 19. März. Im vorigen Jahre war in der Nacht vom 17- lum 18 März zum ersten Male in unserer Stadt eine rothe Fahne ausgehift worden. Dieselbe flatterte am Morgen des 18. März an der Fahnenstange des Kriegerdenkmals luftig im Winde; sie war von riesiger Größe unb es bauerte bis gegen Mittag, ehe es der Polizei gelang, das revolutionäre Symbol zu entfernen, da die Zugänge zum Dach des Denkmalthurms fest vernagelt worben waren. Die Urheber ber Demonstration würben nicht entbeckt. Diesmal war unsere Polizei vorsichtig genug, in ber Nackt zum 18. eine Wache nicht bloß am Denkmal, fonbern auch am Thurm ber katholischen Kirche aufzustellen, ba sie eine Witterung zu haben glaubte, baß ber letztere für bie Fahne ausersihen sei. Kein Mensch ließ sich aber an beiben Stellen blicken. Dagegen machten bie Wächter beim Tagesgrauen bie unangenehme Entdeckung daß in der Spitze einer mächtigen Pappel auf dem Hohenstein eine etwa 7—8 Meter lange rothe Fahne wehte, mit deren Abnahme sodann ein Dachdecker betraut wurde, ber zu dieser Procedur mehrere Stunden Arbeit gebrauchte. Von den Urhebern fehlt natürlich auch jetzt wieder jede Spur. (5- 3)
Berlin. Das Leichenbegängniß des ermordeten Geldbriefträgers Cossätb war ein großartiges. Den imposanten Trauerconduct eröffnete eine Abtheilung von circa 60 Postillonen in Gala Dann folgte die Kapelle de« 2. Gardeartillerie-RegimentS, die, in zwei Theile getheilt, abwechselnd bis zum Friedhöfe hinaus Chopin'« ergreifenden Trauermarsch spielte. Vor, rechts und links vom Sa-ge schritten Collegen deS Cossäih einher. Hinter dem Wagen folgten die Beamten deS ReichSpostamtS. Jeder älteste


