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9ir. 247, Mittwoch den 24 October L888
Gießener Anzeiger
Amts- md Anzeigeblaii für den Kreis Gießen.
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Politische Uebexficht.
Gießen. 23. October.
Das deutsche kronprinzliche Paar ist nebst der Prinzessin Victoria im Laufe der vorigen Woche von seiner Reise nach der Schweiz und Italien wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Die hohen Herrschaften statteten zunächst dem Fürsten von Hohenzollern auf dessen Besitzung Weinburg am Bodensee einen zweitägigen Besuch ab, woselbst auch am Donnerstag der 52. Geburtstag des Kronprinzen im engsten Familienkreise gefeiert wurde. Am Samstag, den 20. October, trafen die kronprinzlichen Herrschaften in Baden- Baden ein, um dem Kaiser vor dessen, am Montag den 23. d. Mts. erfolgten Rückreise nach Berlin noch einen Besuch abzustatten und reisten dann am Sonntag nach Wiesbaden weiter, wo ein mehrwöchiger Aufenthalt genommen werden soll.
In Berlin haben am Donnestag nach monatelanger unerhörter Agitation der betheiligten Parteien die Neuwahlen zur Stadtverordneten-Ver- sammlung in der 3. Klasse der Wählerschaft stattgefunden. Die dritte Abthei- lung der Communalwähler der Reichshauptstadt umfaßt ca. 150,000 Wahlberechtigte und die Wahlen in derselben sind am besten geeignet, ein Bild von der politischen Stimmung in Berlin abzugeben, da gegenüber der 3. Klasse die Kopszahl der 2. und 1. Klasse fast verschwindet. Die Wahlen vom Donnerstag nun haben folgendes Resultat ergeben: Definitiv gewählt sind 22 Liberale, 6 Conservative ^deutsche Bürgerpartei) und 2 Socialdemokraten; Stichwahlen haben 12 stattzufinden, davon 9 zwischen Fortschritt und Bürgerpartei, 2 zwischen Fortschritt und Arbeiterpartei und eine zwischen Bürgerpartei und Arbeiterpartei. Da nun bei den am Freitag und Samstag stattgefundenen Wahlen in der 2. und 1. Klasse sämmtliche liberale Candidaten gewählt worden sind, so hat die liberale Partei auch in der neuen Stadtvertretung Berlins die unbestrittene Majorität, dennoch weist die neue Stadtverordneten- Bersammlung eine von der bisherigen etwas verschiedene äußere Physiognomie auf. Erstlich haben sich die conservativen Elemente vermehrt und zweitens hat die Berliner Arbeiterpartei nun auch in der communalen Vertretung Posto gefaßt. Letzteres ist indeffen gerade kein Unglück, im Gegentheil, eine directe Vertretung der Arbeiter-Interessen in der Stadtverwaltung Berlins, wo gerade diese Interessen so gewichtig sind und wohl nicht immer die wünschenswertheste Beachtung gefunden haben mögen, kann bei vernünftiger Behandlung zum allgemeinen Nutzen werden. Charateristisch ist noch der Umstand, daß von den 150,000 eingeschriebenen Wählern der 3. Klasse nur ca. 65,000, also 43 pCt., von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben, was auf's Neue den Beweis liefert, daß der Deutsche an öffentlichen Angelegenheiten noch lange nicht den regen persönlichen Antheil nimmt, wie z. V. der Franzose oder Engländer.
In Cöslin hat in voriger Woche vor dem dortigen Schwurgericht der Monstreproceß wegen des Neu-Stettiner Synagogen-Brandes begonnen. Die der böswilligen Brandstiftung Angeklagten, sämmtlich Juden aus Neu- Stettin, leugnen entschieden und es macht sich daher die Vernehmung aller geladenen Zeugen nothwendig. Da sich deren Zahl auf über 90 beläuft, so dürfte der Proceß noch nicht so bald sein Ende erreichen.
Der badische Landtag ist auf den 17. November d. Js. einberufen worden.
Die österreichische Herrschaft in den occupirten Provinzen conso- lidirt sich immer mehr. Ein überzeugender Beweis dafür ist der Umstand, daß die nunmehr beendigte Recrutirung in Bosnien und der Herzegowina ohne irgend einen störenden Zwischenfall vor sich gegangen und das festgestellte Con- üngent von Auszuhebenden vollständig gedeckt worden ist. Während noch bei der letzten Assentirung sich verschiedene Gestellungs-süchtige ihrer Stellung durch die Flucht entzogen, ist diesmal kein einziger derartiger Fall vorgekommen, was entschieden für das wachsende Vertrauen der Bevölkerung zu ihrer neuen Negierung spricht. Auch der „Pesther Lloyd" erklärt in bestimmtester Weise, daß die Recrutirung in Bosnien und der Herzegowina ohne Zwischenfall verlausen sei und daß daselbst überhaupt niemals größere Ruhe und Ordnung geherrscht habe, als gegenwärtig; in dem occupirten Gebiete existire kein einziger Insurgent mehr und selbst gewöhnliche Räubereien kämen nur selten vor.
Die f r a n z ö s i's ch e n K a m m e r n treten am heutigen Tage, den 23. Octbr., zu einer neuen Session zusammen, welche über das Schicksal des Cabinets Ferry entscheiden wird. Die Radikalen, denen der Ministerpräsident Ferry auf seiner Rede-Tournee in der Normandie so entschieden den Fehde-Handschuh in's Gesicht geschleudert hat, werden nichts unterlassen, was zum Sturze des ihnen so verhaßten Ministeriums beitragen kann und auch die Monarchisten werden es an Angriffen gegen dasselbe nicht fehlen lassen. Alles kommt darauf an, wie >ich die maßgebenden Parteien, die „republikanische Vereinigung" und das rechte Centrum, zu Herrn Ferry und seinem Ministerium stellen werden, worüber man aber vorläufig noch nichts Gewisses erfahren kann. Wie es heißt, werde Ferry mcht mit einem vollständig neuen Programm vor die Kammern treten, sondern denselben nur ein Exposö über die Lage in Tongking geben und für seine auswärtige Politik ein Vertrauensvotum verlangen. Was die Lage in Ostasien anbelangt, so hat sich dieselbe in den letzten Wochen so gut wie gar nicht verändert und auch die französisch-chinesischen Verhandlungen scheinen ganz in ein stagnirendes Stadium gekommen zu sein, denn man hört von einem Fortschreiten derselben auch nicht das Geringste mehr. Wie aus Hongkong gemeldet wird, treffen die chinesischen Behörden alle Vorkehrungen, um den Hasen von Canton zu schließen.
Nach privaten Mittheilungen aus Polen nimmt daselbst die nihilistische Agitation immer größere Dimensionen an. In Warschau erscheinen fast täglich nihilistische Proklamationen und es haben bereits zahlreiche Verhaftungen nihilistischer Agitatoren, darunter mehrere Studenten, stattgesunden. Gleich nach der Abreise des General-Gouverneurs Gurko von Lodz sind auch in dieser Stadt, der bedeutendsten Fabrikstadt Polens, zahlreiche nihilistische Proklamationen verbreitet worden.
In Dänemark ist nach längerer Pause der alte Hader zwischen Regierung und Folkething wieder aufgelebt. In der Sitzung vom 19. October nahm das Folkething mit 60 gegen 16 Stimmen den Antrag des der Linken angehörigen Deputirten Hörups an, alle Anträge der Regierung bei der ersten Lesung zu beanstanden und an die Commission zu verweisen, bis das Cabinet zurückgetreten sei; die Rechte hatte gegen diesen Antrag protestirt. Bis jetzt ist das Ministerium Estrup durch das Vertrauen des Königs gehalten worden, dem so unverhüllt kundgegebenen Willen der radikalen Majorität des Folkething wird aber der Monarch nicht länger widerstehen können, wenn nicht die gejammte Regierungs-Maschinerie in's Stocken kommen soll und so dürften die Tage des gegenwärtigen dänischen Ministeriums gezählt sein.
Aus die jüngst gemeldete Revolte portugiesischer Bauern ist in Portugal ein neuer Aufstand gefolgt. Der Schauplatz desselben ist die Stadt Villanova, welche von den Behörden bereits verlassen worden ist, da sie zur Unterdrückung des Aufstandes nicht stark genug waren. Nähere Details fehlen noch.
Deutschland.
Darmstadt, 22. October. Ihre Königlich Kaiserlichen Hoheiten der Herzog und die Herzogin von Edrnburg sind nebst Durchlauchtigsten Kindern, dem Prinzen Alfred, den Prinzessinnen Mana, Victoria und Alexandrina, am 20. ds., Nachmittags 4 Uhr 9 Minuten, zum Besuche des Großherzoglichen Hofes dahier eingetroffen. Im Gefolge befandiN sich Mrs. Monson und Rittmeister Heyl. Die Höchsten Herrschaften und das Gefolgt haben Appartements im Großherzoglichen Schloß bezogen.
Seine Königliche Hoheit der Herzog werden heute Abend 6 Uhr 45 Minuten von hier nach Berlin und Ihre Kaiserliche Hoheit die Herzogin um 11 Uhr 30 Minuten Vormittags nach Schloß Schönberg reisen.
Arankrerch.
Paris. Der Pariser „Figaro" veröffentlichte am 17. ds. eine Beschreibung der Einnahme von Hue, die man mit ebenso viel Erstaunen wie Abscheu lesen wird. Es ist darin von Grausamkeiten der französischen Soldaten die Red-, Grausamkeiten, welche die von den Engländern bei Tel-el-Kebir begangenen namentlich dadurch übertreffen. daß die «ngl-schen Officiere sich wenigstens von den Unthaten der Marodeure, denen sie vielleicht nicht einmal steuern formten, fernhielten, während die französischen Officiere ruhig zugeschaut zu haben scheinen. Der unterzeichnete Verfasser des Art kels ist ein Ofsicier des fcanzösischen Expeditionscorps Namens Pierre Lote, der auch schon mehrfach Aufsätze für die „R vue des deux MondeS" geschrieben hat. Die Seesoldaten sind mit Kropatschrks Repe trr - Gewehren bewaffnet und die betreffende Scene ereignete sich, nachdem der eigentliche Widerstand bereits gebrochen war. Herr Lote schreibt also:
Es wurde immer schwieriger, die Matrosen und Seesoldaten zurückzuholten. Sie wollten in die brennende Stadt emdringen, unter den Bäumen nachsuchen und den Leuten Tüdüc's den Garaus machen. 9tun schien es aber ganz unr öthig zu fein, die Mannschaften noch irgend welcher Gefahr auszusetzen, denn augenscheinlich mußten die unglücklichen Flüchtlinge ja doch bald den Ort räumen und zwar auf der untern Straße, welche am Fuße des Forts vorbeiführte und den einzigen Ausgang bildete. Die Visire auf den Gewehren wurden demnach genau der Entfernung entsprechend eingestellt, die Magazine erhielten ihre b.stimmte Anzahl von Patronen und die Soldaten warteten ruhig, bis die Flankenbewegung dr übrigen Truppen und dcr Brand der Bambushütten das menschliche Wild in die richtige Schußlinie bringen würden. Wir sahen mehrmals, wie ganze Haufen von Flüchtlingen mit versengten Haaren und Kleidern am äußersten Ende des Ortes auslugten. Bald versuchten auch einzelne mit fllegenden Gewändern und indem sie zum Schutze gegen den erwarteten Kugelregen ein Brett vor den Kopf hielten, an uns vorbeizulaufen. Die große Schlächterei begann jetzt. Zwei Salven wurden abgegeben und es war wirklich ein Spaß (c’&ait un plaisir) zu sehen, wie diese Kugelströme fächergleich auf das Commandowort zweimal in der Minute und ganz systematisch auf die Flüchtlingen ntedersausten. Es war, als ob man einen mit Wcisfer gefüllten Topf geschwenkt hätte. Die Kugeln mähten sie förmlich nieder und sie brachen in einer Wolke von Staub zusammen. Wir sahen einige, die halb wahnsinnig in ihrer Verzweifiung sich wieder aufrichteten und bald auf dieser, bald auf der andern Seite hinkend gleich wilden Thieren einherrannten. Sie zerrten an ihren Kleidern, so daß diese noch mehr flatterten, und da ihr langes Haar sich losgelöst hatte, so sahen sie ganz aus wie Weiber. Manche versuchten über die Lagune zu schwimmen und die Dschunken zu erreichen, aber auch diese wurden getödtet. Einige waren sehr gute Taucher und blieben lange unter Wasser, aber die Kugeln unserer Leute erreichten sie doch, wenn sie um zu athmen gleich Seehunden an die Oberfläche kamen. Unsere Leute zählten mit besonderem Vergnügen die Tobten, 50 zur L'nken, 80 zur Rechten. Im Orte selbst lagen sie in kleinen Haufen zusammen. Manche waren halb verbrannt, regtm sich aber doch noch. Bald hier, bald dort wurde als letzte Zuckung ein Arm oder Bein ausgestreckt, auch hörte man ab und zu ein entsetzliches Stöhnen. Mit Einschluß Derjenigen, die tn den südlichen Forts getödtet wurden, müssen gegen 800 oder 1000 um's Leben gekommen fein. Die Matrosen wetteten vielfach, wie viele ihrer seien. Ein annamitisches Fort auf dem Festlande schleuderte drei Granaten gegen unsere Leute. Man hatte gut gezielt, aber die Matrosen richteten ihr Augenmerk so ausschließlich auf bie laufenden und schwimmenden Flüchtlinge, daß sie das Platzen der Geschosse kaum merkten- Von feindlicher Seite waren blos sehr wenig Ausreißer mit dem Leben davon gekommen, es war erst 9 Uhr Morgens, als alles vorüber war. Die Niederlage des Kaisers von Annam war so vollständig wie möglich. Inzwischen wurde die Hitze immer drückender. Die Matrosen, welche durch bie schwüle Luft noch unruhiger wurden, waren nicht mehr in dem Fort zu halten. Einer nach dem andern stürzten sie heraus und fielen über die Verwundeten her, welche sich theils in Erd- und Mauerlöchern zu verstecken suchten oder sich todtstellten ober auch mit herzzerreißender Stimme die Hände erhebend und „Han, han!" rufend um Gnade flehten. Sie wurden aber theils mit dem Bayonett erstochen, theils mit den Kolben erschlagen. Die annamitischen Diener, kleine verweichlichte Knaben, die der Infanterie


