Nr. 198. Freitag den 24. August 1883
Hießemr Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
3ureaur Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Msretags. ^urch^d^Post^bezogen vierteljührttch 2^Mart"ü0^.'
Amtlicher Hheit.
Betreffend: Die Bildung der Schöffen- und Schwurgerichte. Gießen, am 17. August 1883.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Sie werden beauftragt, mit der Aufstellung der Urlisten der zu dem Amte eines Schöffen oder Geschworenen zu berufenden Personen zu beginnen und diese Listen sammt den etwa erhoben werdenden Reclamationen spätestens bis zu dem 15. Ketober L I. an die zuständigen Amtsgerichte einzusenden.
In der Spalte „Bemerkungen" der Liste sind die Ihnen bekannten Ablehnungsgründe, namentlich wenn ein in der Liste Verzeichneter zu Ende des kommenden Jahres 65 Jahre alt sein wird, anzugeben, worauf in Ihren Begleitberichten unter Anführung der betreffenden Ordnungsnummern zu verweisen ist.
Im Uebrigen nehmen wir auf unser Amtsblatt vorn 21. Juni 1879, Nr. 3 unter dem Anfügen Bezug, daß Ihnen das nöthige Formularpapier nächstens k. H. zugesandt werden wird.
Dr. Boekmann.___________
" Bekanntmachung.
Großherzogliches Ministerium der Finanzen hat die Großherzogliche Direction der Oberhessischen Bahnen ermächtigt, am 29. d. M., dem Tage der landwirthschaftlichen Preisvertheilung in Büdingen, — zu passenden Zeiten einen Extrazug einzulegen, der Morgens früh von Gießen nach Büdingen — und Abends von Büdingen nach Gießen zurückgeht. — Die noch nicht feststehenden Abgangszeiten werden noch besonders bekannt gemacht werden.
Friedelhausen, am 22. August 1883. , Der Präsident des landwirthschaftlichen Vereins von Oberhessen.
Adalbert Freiherr Nordeck zu^r Rabenau.
Politische Ueberficht.
Gießen, 23. August.
Die schon vor einiger Zeit signalisirte Zusammenkunft zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Grafen Kalnoky, dem österreichischen Minister des Auswärtigen, scheint auf keinem leeren Gerücht zu beruhen. Wie man aus Pesth von glaubwürdiger Seite berichtet, würde die Entrevue zwischen toben Staatsmännern stattfinden, sobald es der Gesundheitszustand des Fürsten Bismarck nur einigermaßen gestattete; der Ort derselben steht zwar noch nicht definitiv fest, doch wird angenommen, daß hierzu Gastein ausersehen sei. Dagegen scheint die gemeldete Audienz des Kardinals Howard beim Reichskanzler in Kijsingen wirklich nicht stattgefunden und somit die „Rordd. Allg. Ztg." mit ihrem Dementi Recht gehabt zu haben. Es heißt jetzt aber, daß der Papst in nächster Zeit einen Kardinal mit besonderer Mission nach Kisstngen entsenden werde, nachdem man sich im Vatikan über die Aufnahme versichert, welche demselben beim Fürsten Bismarck zu Theil werden würde. Vielleicht, daß in Rom das hartnäckige Stillschweigen, welches die preußische Regierung in der kirchenpolitischen Frage beobachtet, unangenehm berührt und daß daher die leitenden vatikanischen Kreise wieder Anknüpfungspunkte mit der preußischen Regierung luchen. Hierzu märe aber die Ernennung des Pfarrers Sniegon zum Weih- bischos für den österreichischen Theil der Diöcese Breslau gerade kein gut gewähltes Mittel, da man im Vatikan unterlassen hat, hierzu die Zustimmung der preußi- ichen Regierung einzuhvlen und es ist begreiflich, daß dieser Vorgang keines- wegs geeignet ist, die in Berlin herrschende Verstimmung gegen den Vatikan Zu vermindern.
Anden bevorstehenden Ersatzwahlen zu dem sächsischen Landtag gedenken sich auch die Socialdemokraten zu betheiligen und entfalten bereits letzt, wenn auch in der Stille, eine rührige Agitation. Der in Zürich erscheinende „Socialdemokrat" veröffentlicht sogar einen Aufruf an „die Parteigenossen 'n Sachsen", in welchem dieselben zu zahlreicher Wahlbetheiligung aufgefordert werden. Der „Socialdemokrat" giebt den „Genossen" verschiedene gute Rath- Ichläge für die Wahl; so sollen die socialistischen Stimmzettel von so großem Format angefertigt werden, daß sie eventuell beschnitten werden können, um sie öen gegnerischen gleich zu machen; in jedem Wahlkreise soll mindestens ein Mann llngestellt werden, um über die gegnerischerseits während des Wahlkampfes vorgekommenen Unregelmäßigkeiten zu berichten; die socialdemokratischen Wähler ourfen keinen Candidaten einer andern Partei, sei es direct oder indirect, unter- nutzen u. s. w. Jedenfalls dürften die Landtagswahlen in Sachsen den Beweis )esern, daß die Socialdemokratie immer mehr an Boden gewinnt, wie dies Betrete Cft &en ^n^ten Reichstagswahlen in Kiel und Hamburg hervor- . . Der Geburtstag Kaiser Franz Joses's (18. August) ist überall ii österreichisch-ungarischen Monarchie auf das Freudigste begangen worden ud hat somit abermals den Beweis dafür geliefert, daß auch der leidige lanonalitäten-Hader nicht die Gefühle inniger Theilnahme zu mindern vermag, elche die verschiedenen Nationen des österreichischen Kaiserstaates für ihr Herrscherhaus empfinden. Der in Triest von irredentistischer Seite iLirt C Ersuch, einen Mißklang in die Harmonie des festlichen Tages zu ')es QCn' s-.. gründlich mißlungen und hat nur eine desto stärkere Bethätigung 'rip^o?Eätsgefühles, gepaart mit dem allgemeinen Unwillen gegen die Um- •limiot • ^rrebenta, zur Folge gehabt. — Die antimagyarischen Demonstra- > " haben in Pesth einen sehr Übeln Eindruck gemacht, als dessen
zunächst eine Verschärfung der ungarischen Regierungsgewalt gegen der Kroaten und Slovenen geltend machen dürfte. Der Ministerpräsident, Herr Tisza, erhält demnach ebenfalls einen Vor- Laaffe ܰU ^er ^rföhnungs - Politik seines Wiener Collegen, des Grafen
Die zweideutige Stellung, welche die französische Republik der spanischen Regierung gegenüber anläßlich des jüngsten Aufstandes in Spanien einnahm, ist in den Madrider Regierungskreisen sehr übel vermerkt worden, sodaß sich die französische Regierung beeilt, in Madrid jetzt Versicherungen ihrer Loyalität zu geben. Dieselbe hat dem Madrider Cabinet mitgetheilt, daß sie ihren Behörden an der spanischen Grenze die größte Wachsamkeit zur Pflicht gemacht habe, um jeden Versuch, die revolutionäre Bewegung in Spanien zu unterstützen, zu vereiteln. Trotzdem widmet die französische Regierung den aus Spanien übergetretenen Insurgenten eine recht theilnahmsvolle Aufmerksamkeit, denn anstatt dieselben an Spanien auszuliefern und somit diesem Lande einen praktischen Beweis freundnachbarlicher Gesinnung zu geben, ist man in Paris Willens, die übergetretenen spanischen Insurgenten der französischen Fremdenlegion in Afrika zuzutheilen und aus ihnen ein neues Bataillon zu formiren. — Die am Sonntag m Frankreich stattgesundenen Stichwahlen zu den General- räthen sind ebenfalls überwiegend zu Gunsten der Republikaner ausgefallen. Bis Montag Abend waren 149 Resultate bekannt; unter den Gewählten befinden sich 115 Republikaner und haben dieselben bei den Stichwahlen 9 Sitze gewonnen.
Der in Spanien angefachte revolutionäre Brand ist aus Mangel an Nahrung erloschen und mit der Rückkehr von Ruhe und Ordnung hat sich auch das Vertrauen auf den gesicherten Fortbestand der Regierung des Königs Alfonso wieder eingestellt. Aber ein Stachel ist in dem Herzen des spanischen Volkes haften geblieben: das Gefühl der Verbitterung gegen Frankreich, was in der Erkenntniß wurzelt, daß die Pariser Machthaber so überaus bereitwillig waren, die spanische Krisis ihren egoistischen Zwecken dienstbar zu machen, und daß Ruiz Zorilla das Mittel sein sollte, Spanien zu einem willfährigen Werkzeug der französischen Jnteressen-Politik zu machen. Daß es just ein republikanisches Frankreich gewesen, welches Spanien gegenüber eine so zweideutige Taktik zur Anwendung brachte, hat der republikanischen Sache bei der spanischen Bevölkerung keinen Vorschub geleistet. Der Abkehr von den französischen Sympathien hält die stärker werdende Hinneigung zum engeren Anschluß an den Faktor des mitteleuropäischen Kaiserbündnisses das entsprechende Gegengewicht; das deutsche Reiseproject des Königs Alfons wird sowohl in Madrid als in den Provinzen immer populärer, während die Rolle des französischen Einflusses jenseits der Pyrenäen vorerst ausgefpielt ist.
Im Canton Bern haben am Sonntag die Stichwahlen für den Berner Verfassungsrath stattgefynden; gewählt wurden 21 Liberale und 9 Conservative. Die liberale Majorität des Verfassungsrathes besteht nunmehr aus beinahe zwei Drittel seiner Mitglieder.
Die Pronunciamentos von Badajoz, Seu de Urgel u. ). w. haben in der portugiesischen Garnison Chaves ein Seitenstück gesunden. Auch hier fanden Unruhen statt, welche indessen von der Bevölkerung ausgingen, indem anläßlich der bevorstehenden Verlegung des in Chaves garnisonirenden 13. Infanterie-Regiments nach Villa Reale eine Volksmenge vor der Kaserne dieses Regiments lärmte und excessirte, wobei sich auch verschiedene Soldaten- Gruppen in die Menge mischten. Ein Bauernbursche aus der Menge wurde von einem Hauptmann Namens Celestino erschossen. Schließlich gelang es den zahlreich aufgebotenen Kavallerie- und Infanterie-Patrouillen, die Ruhe wieder herzustellen. _____
Darmstadt, 22. August. Seine Kaiserliche Hoheit der Kronprinz des Deutschen Reichs haben Sich gestern Nachwittag 2 Uhr von Mainz aus in einem Großherzogltchen Wagen nach Wiesbaden begeben, um Seiner Majestät dem König von Griechenland und Seiner Hoheit dem Prinzen Nicolaus von Nassau dortselbst einen Besuch abzustatten. Die Rückkehr des Kronprinzen hierher erfolgte mit Extrazug gestern Abend um 6V2 Uhr, mährend Seine Königliche Hoheit der Groß Herzog und Seine Großherzogltche Hoheit der Prinz Heinrich nut Extrazug um 3 Uhr Nachmittags hierher zurückfuhren.


