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Atr. L48. Zweites Blatt. «Lonntag den 24. Juni 4883.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Wochenschau.

Gießen, 23. Juni.

Die Ausbeute an politischenNeuigkeiten wird immer geringer, je mehr wir uns der eigentlichensaison morte nähern, und namentlich zeichnete sich diese Woche durch den Mangel jedes größeren Ereignisses auf politischem Gebiete aus. Auch die Schlußverhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses, welches am Donnerstag wieder zusammengetreten ist, werden uns schwerlich noch Ueberraschungen bringen, selbst die zweite Lesung der kirchenpolitischen Vorlage dürste im Allgemeinen glatt verlausen, da auf keiner Seite Neigung vorhanden sein scheint, dieCulturkampf-DebattenWrw-IbrL^ Bttcerreu und

Schärfe wieder aufzunehmen. Im Uebrigen kann man wohl das Resultat der zweiten Lesung als feststehend betrachten, und zwar wird die Vorlage jedenfalls nach der Commissions-Fassung, die bekanntlich im Sinne des Centrums erfolgt ist, von der klerikal - conservativ - fortschrittlichen Mehrheit angenommen werden. Die noch übrigen Gesetzentwürfe haben alle die erste, resp. zweite Lesung passirt unb werden darum eine rasche Erledigung finden und da nicht anzunehmen ist, daß das Herrenhaus noch in letzter Stunde Schwierigkeiten machen wird, so kann man dem Schluß der Landtagssession im Laufe der nächsten Woche entgegensehen.

Der mehrwöchentliche Urlaub, den der preußische Eisenbahn­minister, Herr Maybach, angetreten hat, ist vielfach dahin gedeutet worden, als ob dieser Urlaub nur der Vorläufer des Rücktrittes des Ministers sei. Von competenter Seite wird indessen dieses Gerücht als völlig grundlos bezeichnet, da Herr Maybach nach Ablauf seines Urlaubs die Geschäfte seines Ressorts wieder in ihrem vollen Umfange aufnehmen werde. Auch während seiner Ab­wesenheit von Berlin hat der Minister seiner amtlichen Thätigkeit nicht gänzlich entsagt, namentlich wird dieselbe durch die von ihm eingeleiteten neuen Eisen­bahnverstaatlichungs-Unternehmungen in Anspruch genommen und werden die- lelben nach seiner Rückkehr nach Berlin wohl bald ihren Abschluß finden.

In einem Theile von Schlesien sind in dieser Woche Wolken­brüche niedergegangen, wodurch vielfach Ueberschwemmungen verursacht worden .lind. Der Bober, die wüthende Neisse, die Weistritz, das Striegauer Wasser und andere Flüsse und Bäche sind ausgetreten und haben theilweise recht be- lrächtlichen Schaden angerichtet, auch sind leider Menschenleben den Fluthen zum Opfer gefallen. Der Verkehr in den überschwemmten Gebieten ist überall unterbrochen.

Der Erzbischof von Prag, Kardinal Schwarzenberg, zu bessen Diöcese Glatz gehört, stattete in den letzten Tagen genannter Stadt einen Besuch ab, wo der geistliche Herr mit großen Feierlichkeiten empfangen wurde. Der Festungs-Commandant von Glatz soll, wie dieGermania" berichtet, aus seine Anfrage, wie er den Erzbischof empfangen solle, von Berlin die bezeich­nende Anweisung erhalten haben:Wie einen Fürsten!"

,,. .D i e K raszewski-Affaire giebt der Presse noch immer Anlaß zu lebhaften Erörterungen. Heber die Motive der Verhaftung Kraszewski's wird Seitens der Untersuchungs-Behörde strenges Stillschweigen beobachtet, doch scheint sch bie Annahme zu bestätigen, daß es sich hier um einen Hoch- und Landes- verrath im großen Style handelt, wenigstens haben die bisherigen gerichtlichen und polizeilichen Untersuchungen bereits ein erhebliches belastendes Material ergeben.

Die Aufmerksamkeit der Franzosen und speeiell der Pariser, war in dieser Woche weniger der Tongkingfrage, als vielmehr der Pariser Garibaldi-Feier und den sonstigen hiermit zusammenhängenden Festlichkeiten ge­widmet. Dieselbe trug jedoch im Ganzen nur den Charakter einer burlesken Demonstration der verbrüderten französischen Radikalen und italienischen Irre­dentisten und kann nicht im Mindesten als ein Akt von ernster politischer Be­deutung betrachtet werden. Speciell von Garibaldi mar weder im Winter-Circus, wo die osficielle Feier stattfand, noch auf dem Banket, welches die Pariser Radikalen zu Ehren der italienischen Gäste veranstaltet batten, viel die Rede.

Dagegen wurde ein Langes und Breites von der- unzerstörbaren Freundschaft zwischen dem französischen und dem italienischen Volke geschwatzt, man wetterte gegen die Tripel-Allianz und Deutschland, zog gegen Klerikalismus und Papst- thum los und toastirte ungemein viel auf die Verbrüderung der Franzosen und Italiener. Politisch ernsthaft sind natürlich all' diese Tiraden nicht zu nehmen, aber in den Kreisen der französischen Chauvinisten wie in denjenigen derItalia irredenta wird man wohl noch längere Zeit das Andenken an dasVerbrü­derungsfest" an der Seine feiern.

Das politische Leben jenseits des Canals ist in der letzten Zeit ziemlich ruhig dahingeflossen, zumal da auch in Irland die Verhältnisse sich mehr und mehr bessern. Nur einmal wurden die englischen Politiker in diesen Tagen in lebhafte Erregung versetzt und zwar durch die Birminghamer Rede des Parlamentsmitgliedes John Bright über den Canaltunnel. Bekannt­lich ist dieses Project in England auf zahlreiche Gegner gestoßen, die sich namentlich in den Reihen der Conservativen finden und welche allerdings nicht ganz mit Unrecht behaupten, daß der Canaltunnel die Vortheile, welche die maritime Lage des Jnselkönigreichs demselben bietet, illusorisch mache, wenigstens, was die Vertheidigung gegen einen unvermutheten feindlichen Angriff anbe­langt. John Bright bezeichnete nun in seiner Rede alle diese Bedenken als unsinnig und stellte die Gegner des Canaltunnelprojectes geradezu als Narren hin. Diese mehr als drastische Äußerungen riefen in ganz England Aufsehen und bei den Conservativen großen Aerger hervor, so daß der Führer der Conservativen im Unterhause, Northcote, einen parlamentarischen Tadel gegen den radicalen Abgeordneten für Birmingham beantragte. Das Haus ging jedoch nicht hierauf ein und Mr. Bright kann nun auch ferner ungehindert die Schale seines Spottes über die Widersacher des Canaltunnelprojectes aus­gießen. DerStandard" will aus sicherer Quelle wissen, daß das russische Kaiserpaar dem englischen Hofe im Juli einen Besuch abstatten werde. Die Kaiserin gedenke einige Zeit in London zu verweilen und währenddessen würde Kaiser Alexander dem deutschen Kaiser in Ems einen Besuch machen; ferner versichert derStandard", daß der russische Herrscher bei der Zusammenkunft zwischen den Kaisern von Deutschland und Oesterreich ebenfalls zugegen sein würden.

Im Cz ar en reiche ist nach all dem Jubel und Lärm der Moskauer Krönungstage eine gewisse Abspannung eingetreten, welche in Anbetracht dieser aufregenden Festivitäten indessen sehr natürlich erscheint. Trotzdem liegt aus Rußland eine nicht unwichtige Meldung vor General Gurko, der berühmte Reiterführer, dessen tollkühner Balkanübergang im letzten russisch-türkischen Kriege seinen Namen sehr populär gemacht hat, ist an Stelle des unlängst verstorbenen Generals Albedinsky zum General-Gouverneur von Warschau und Commandanten der Truppen des Warschauer Militärbezirks ernannt worden. General Gurko gilt als ein Haudegen von äußerst rauhen Formen und schroffem Auftreten gegen Jedermann und bald genug werden die Polen, denen es unter der Herrschaft des milden und feingebildeten Albedmsky verhaltnißmaßig wohl gegangen ist, die schwere Hand des neuen General-Gouverneurs suhlen.

Die norwegischen Radicalen haben ihrer hartnäckigen Opposition gegen die Negierung einen eigenthümlichen Ausdruck verliehen. Mit 80 gegen 32 Stimmen lehnte nämlich das seiner Majorität nach radwale norwegische Storthing den Regierungsantrag, die Apanage des Kronprinzen um sünfzlg- tausend Kronen zu erhöhen, ab. Daß die Volksvertretung von Norwegen ihre Opposition so weit ausdehnt, dem künftigen Herrscher der beiden vereinigten nordischen Königreiche diese geringe Erhöhung der Apanage zu versagen, spricht allerdings wenig für die Loyalität und noch weniger sirr das Zartgefühl des norwegischen Parlaments.

Die blutigen Kümpfe in den albanesischen Bergen sind den jüngsten Berichten aus Konstantinopel zufolge zu Ende und hat der größte Theil der aufständischen Stämme seine Unterwerfung angeboten. Durch Verinittelung des Gouverneurs von ©cutnri, Mustapha Assym Pascha, ist ein freundschast-