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Gießen, 23. Januar. [S&eater.] „Der Veilchenfresser", Lustspiel in vier Akten von G. v. Moser, ist bekannt- Als echtes Kind der Moser'schen Muse auflt es alle Vorzüge, aber auch die Schwächen, die man bei den Werken des phantasie- eichen, fruchtbaren Verfassers anerkennen, beziehungsweise mit in den Kauf nehmen mutz. Moser wird stets die Lacher auf seiner Seite haben, denn wer sich bet seinen komischen Situationen, bei seinen drolligen Verwickelungen nicht unterhalt, wem diese köstlichen Figuren, diese Spiegelbilder der menschlichen Schwächen und Thor- hett n, kein herzliches Lachen abnöthigen, der hat eben dem Frohsinn dieser Welt Valet gesagt.
Was die Aufführung des Stückes anbelangt, so können wir ihr ein unbedingtes Lob leider nicht zollen; wenn em modernes Lustspiel einen durchschlagenden Erfolg erzielen soll, so muß der Dialog buicheus glatt, Schlag auf Schlag gehen, so darf inan eine Anstrengung, etwas Gezwungenes auf keiner Seite wahrnehmen, sonst treten die Ecken und Kanten des Stückes störend zu Tage. Die gestrige Vorst, llung machte mdeß auf den aufmeiffamen Beobachter den Eindruck, als sei das Stück noch nicht genügend studirt und probirt.
Als die besten Leistungen dcs Abends nennen wir den Referendarius Reinhard von Feld des Herrn Drescher und den Husarcnoffizier, vulgo Veilchenfresser bes Herrn Schubert- Dem Ersteren sind Rollen wie der schüchterne, verliebte Referendar geradezu auf den Leib geschrieben, sie erlangen durch Herrn Drescher die geschickteste Wiedergabe. Ebenso stattete Herr Schubert die Rolle des flatterhaften unb doch wieder noblen Offiziers mit gleichviel Humor und Laune, ^utmüthigkeit und Ritterlichkeit aus. Die Leistungen der beiden Herren finden daher auch beim Publikum verdiente Anerkennung. — Fräulein Herzenskron, die durch geschmackvolle, elegante Toilette gefiel, suchte die geistreiche, die Männerwelt bestrick nde Soph e von Wildenheim nach Kräften darzustelltn. — Die Valeska von Rembach sand in Fräulein Freund eine durchaus angemessene Vertretung. Ihr Spiel war natürlich, ihr Ton innig und herzlich. Einige stereotype Bewegungen wird sie bei fortdauerndem Fleiß noch oblegen. — Frau Hauptmann gab ihre Rolle als Frau von Berndt mit Verstandniß und Geschick- — Herrn Kubale, Unteroffizier und Jnnrucior der Freiwilligen, ist es nicht in letzter Reihe zu danken, wenn der an sich unverwüstliche dritte Akt sich zum Glanzpunkt des Abends gestaltete. — Der Ob rft von Rembach des Herrn Ernst füllte ferne Rolle in genügender Weise aus, auch die Auffassung des Herrn Pallmann als Husar Peter war eine correcte. Die übrigen Rollen sind unbedeutend und geben zu Bemerkungen keinen Anlaß- — Der Saal war gut besetzt-
Vermischtes.
Darmstadt, 22. Januar. Da nach einer gestrigen Bekanntmachung deS Landes-Comite's zur Unterstützung ber Wasser beschädigten im Großherzogthum die Zuwendung von Kleidungsstücken an dasselbe nicht mehr nothwendig erscheint, wird das ständige Bureau des genannten Comite's in dem Saalbau dahier von nun an nur noch von 8 bis 12Vi Uhr unb von 2 bis 51/? Uhr täglich geöffnet sein-
W. Holzheim, 21. Januar. Nackbem ber hiesige Gemeinbcrath schon vor einigen Wochen 200 Mark aus der (Skmeinbifaffe für die Ueberschwemmten billigt hatte, wurde neuerdings in Anbetracht der durch die zweite Ueberschwemmung so lehr gesteigerten Roth eine fre willige Sammlung von Naturalien veranstaltet. In derselben hat die etwa 1200 <5 eien zahlend- Gemeinde Holzheim nahezu 100 Malter Kartoff-ln aufgebracht — eine Quantität, die bei den jetzigen Preisen die Summe von 6—700 Mark repräsentirt. Rechnet man dazu die beträchtlichen Gabrn an Gelb unb Naturalien, welche von hier aus alljahil'ch für die Mission, das Retlungshautz in Arnsburg unb andere Anstalten der Barmherzigkeit gespendet werben so zeugt dies v-n einer Opfer- Willigkeit, bie es oerbiemn dürfte, daß man ihr auf diesem Wege einmal öffentl che Anerkennung zollt.
Hamburg, 22. Januar. Die „Cimbria" ist 4 Seemeilen vom Borkumer Leuchtschiff in 90 Fuß Tiefe gesunken. Drei Schlepper sind von Cuxhaven in See gegangen um sie womöglich zu bergen, wozu Hoffnung voiHänden ist, da sie sechs wasserdichte Abteilungen hat Das Schiff ist 330 englische Fuß lang, 39 breit, 33 tief •unb hat eine Maschine von 1300 Pferbekraft. Der „Sultan" hier ist polizeilich besetzt unb bie seeamtttche Untersuchung findet noch heute statt Den Hauptschaden bat das Schiff an ber Steuerbordseite. Ein Mann vom „Sultan" erzählte mir, ber „Sultan" habe nach bem Zusammenstoß still gelegen, bock) sei die „(Sambria* vor feinem Bug vorbei rasch hinweg getrieben. Cap tän Hansen wirb vermißt, der erste Offizier Karlowa ebenfalls, ber -weite, britte unb v erte ist gerettet.
In Hamburg finben ganz schreckliche ©eenen vor bem Hause des SchiffsbureauS statt. Immerfort kommen Leute, um etwas über bas Schicksal ihrer Angehörigen zu erfahren, da namentlich V>ele von ber Mannschaft Hamburger sind. Es ist herz- zerreihenb, den Jammer mit anzusehen Wie ber Loolse Bäbr berichtet, welcher auf bem von der Hamburg Amerikanischen Packetsahn ActiengescUichaft ausgesandten Schiff „Hansa" bis Borkum resultatlos kreuzte, steht b.is Schiff etwa 5 Seemeilen nordöstlich vom Borkumer Feuerschiffe mit bem Kops nach Noidwest. Die Marsraaen sinb bei hochgehenber See eben noch sichtbar. Auf Befragen beim Bo>kumer Feuerschiff war dort nichts befannt übe vermißte Boote oder gerettet' Passagiere. Die „Hansa" hat auch trotz klaren Wetters unb sortwähreubem AuSguck kc ne Gegcnslänbe tmbenb gesehen.
DaS Schicksal des Capitän Hansen, einer der zuverlässigsten unb erfahrensten Osfiziere ber Gesellschaft, welcher schon so oft bte ihm anoertrauten Schiffe glücklich über den Ocean brachte, erregt bte allgeme nste Tbeilnabme.
ES war die 22. Reise, welche bie „Eimbna" machte
Der Dampfer „Sultan" liegt am Sandtborquai, es ist ein Hüller Kohlcnschiff von bedeutender Länge unb Tiefe, berfelbe entlöschte roäbrenb des gestrigen Tages seine Kohlenlabung. Bereits am gestrigen Nachmittag wanderte eine große Menschenmenge nach bem Sanbthorquai, um bie Verheerungen, welche ber Zusammenstoß am
..Sultan" angerichtet, in Augenschein zu nehmen. Der Andrag war auch heute ein so starker, baß zur Aufrechterhaltung der Ordnung Polizisten requtdrt werden wußten.
Der „Sultan" liegt mit Backbordseite am Quai, letztere ist am Steven mit einem leinenen Segel überdeckt, vermuthlich um den wahrhaft schrecklichen Zustand ber Zerstörung ber. Blicken dcs Publikums zu verbergen. Begibt man sich jedoch an Bord so gewinnt man erst den richtigen Eindruck von der furchtbaren Katastrophe. Durch ein großes Loch im Verdeck sieht man durch die vollständig aufgerissene Schanzkleidung des Steuerbords direkt auf den Wasserspiegel, etwa 2 Fuß über demselben befindet sich auch am Packdord ein gewaltiges Loch. Wäre dieses nur ein klein wenig tiefer, so wäre auch ber „Sultan" in Grund gebohrt. Das Bugspriet ist vollständig fort und das Verdeck an der Steuerbordseite hochgehoben. Die gewaltigen Holztheile von 1 bis l1/» Fuß im Durchmesser sind wie Schwefelhölzer zerbrochen. Der ganze Vordertheil des Schiffes hat in Folg«' des Zusammenstoßes gelitten unb es ist baher zu bewundern, daß sich der Sultan über Wasser gehalten hat-
Hamburg, 22. Januar. Der Hülssdampfer „Hansa" ist zurückgekehrt Der Lootse Baehr berichtet: Die „C-mbria" sitzt aufrecht im Nordosten von dem Borkumer F verschiff, den Kops nach West zum Norden; die Marsraaen sind bei Hochwasser eben sichtbar. Durch datz Sch ff „Diamant" wurden 17 Personen ber „Cimbria" heute Morgen in Geestemünbe gelanbet.
Bremen, 22. Januar. Siebzehn burch den „Diamant" gerettete Personen vom Dampfer „Cimbna" sinb hier burchgekommen und um 11 Uhr nach Hamburg weitergefahren. Sie sinb nicht von einem Boote, fonbern aus ber Takelung aufgefischt Ihr Boot sschlug um, di' große Mehrzahl ber auf bem Schiffe befindlichen Personen ertrank, als das Sck ff versank. Datz weitere Boote aufgefischt sind, glauben sie nicht. Dm Dampfer „Sultan" haben sie bet mäßgem Nebel bavonfahren sehen. Derselbe w-rd schwer ongeschuldtgt, er sei zurückgekehrt, von Ertrinkenben umgehen, bann aber abgefahren, ohne einen einzigen zu retten. Ob sich bies bewahrheitet, muß noch abgewartet werben-
Hamburg, 22. Januar. Die vom Mastbaum Aufgesischten wollen gesehen haben, baß ber Dampfer „Sultan" ein Boot mit 4 Mann aussetzte, bas von den zahlreichen Schwimmenden jedoch Niemanden aufnehmen wollte, sondern ohne Hülteleistung Kehrt machte.
— Nachmittags trafen hier die 16 vom „Diamant" geretteten Passagiere und Heizer ber »Cimbria" ein. Dieselben hatten sich, nachbem ihr Boot, welches von ber „Cimbria" abgcstoßen, aber später umgeschlagen war, in die Takelage ber aus bem Wasser ragenden Masten geflüchtet, woselbst sie 10 Stunben in größter Tobesangft erstarrt vor Kälte sich aushielten, bis ein Boot vom „Diamant" sie rettete. Viele im Boot ber „Cimbria" Gewesene ertranken beim zweiten Umschlagen, viele konnten sich nicht halten, fielen aus den Masten und ertranken- Die Schilderungen dieser Augenzeugen sinb herzzerreißend. Alle loben einstimmig bas Verhalten des Kapitäns unb ber Mannschafton ber „Cimbria", welche nicht vom Poften wichen und alles Menschenmögliche zur Rettung, tbaten, bis sie selbst bie Wellen verschlungen Sie erzählen aber auch, baß sie bie Lichter bes „Sultan" beutlich von den Masten aus gesehen, baß ihr Hülfegcschrci am Bord desselben gehört sein müsse, daß derselbe aber abgebampst sei. Die Leute sehen meistens schrecklich aus unb haben alles verloren. Die Verwundeten werden gepflegt unb theilweise in bie Heimath zurückgeschickt. Ein Theil setzt Mittwoch bie Reise fort
— fJmmer fajlagfertig.] Ein Arzt unterhielt sich mit einigen Malern, beten Kunst er als leicht in ber Ausübung schilberte, unb machte sich barüber lustig, fnbem er sagte: „Wern Euch zum Beispiel ein Bild m'ßrälh, dann kratzt Ihr es einfach wieder ab. — „Mit Euch Acrzttn", wurde ihm zur Antwort gegeben, „geht es ebenso, nur mit b m Unterschiebe, daß dann ber Patient abkratzt"
Handel und Verkehr.
Gießen, 23. Januar. Auf dem heutigen Markt kostete: Butter per Pfund JL 0.95—1.00, Hübnereier per Stück 6—7 Käse per Stück 5—9 Kasematte per Stück 3 Erbsen 1 Liter 20 H, Linsen 1 Liter 26 H, Tauben bas Paar 0.85 —1.00, Hühner per Stück 1.20—1.70, Hahnen per Stück «X 1.20 bis JL 2.0o, Enten per Stück vH. 1.80—2.40, Ocbsenflersch per Pfund 66-70 Kuh- unb Rindfleisch 56—60 H, Kalbfieisch 54 bis 56 H, Schweinefleisch 62—64 j?, Ha mm elfter sch 66—70 H, Kartoffeln per 100 Kilo «X 7.00—8.00, Zwiebeln per Gentner vH. 4.50—6, Milch per Liter 14—18H. Weißkraut 100 Stück vH 5—8.50.
Frankfurt, 22. Januar. Der heutige Viehmarkt war ziemlich befahren. Anae- tricbcn waren ca. 310 Ochsen, 10 Bullen, ca. 250 Kühe und Rinder, ca. 250 Kälber Die Preise stellten sich: Ochsen 1. Qual. 64—66, 2. Qual. vH. 58—60, Kühe und Rinder 1. Qual. . K. 60, 2. Qual. vH. 50, Kälber 1. Qual. vH. 64, 2. Qual JC. 54—58 per 100 Pfund Schlachtgewicht.
Frankfur t, 22. Januar. (Getreide-Preise.) Weizen eff. hiesiger u. Wetterauer vH. 193/»—20, frember vH 21—223;<, Roggen eff. bief. .M. 14—15, fremder 14—16Vi,
Gerste effectiv bief. u. Wetterauer JL 17—18, fremde vH. 18—20, Hafer eff. hiesiger vH. 12‘ ?, fremder .H. 121,»—13. Rüböl eff. ohne Faß bief. in Parthien von 50 Ctr. vH. 3612. Branntwein eff. ohne Faß vH. 46.
731) Ueber die Höhe der Kosten, welche die Einrückung einer Anzeige in eine oder mehre Zeitungen verursacht, wird man sieh niemals enttäuscht sehen, wenn mar von der Annoncen - Expedition von MAASE!\STE1IV 4? VÖGLE H ii Frankfurt n M. (Karlsruhe, Stuttgart oder München) zuvor Auskunft einfordert, dit- auch hinsichte der für den jeweiligen Zweck geeigneten Blätter auf Grund reicher Erfahrungen und gründlicher Beobachtungen zuverlässigen Rath ertheilt
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