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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
1883.
Ar. 221. Zweites Blatt. Sonntag den 23. September
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yureaur Schulstraße 7. Erscheint ILtzlich Mit Ausnahme des Msntagö. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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Wochenschau.
Gießen, 22. September.
Die festlichen Kaisertage in der Provinz Sachsen sind in Äser Woche ourch die sich noch glänzer gestaltenden Kaiser-Manöver bei Hom- biirg abgelöst worden und gegenüber diesen Glanz- und Festtagen treten die übrigen Angelegenheiten einstweilen etwas zurück. Wohlbehalten und nicht im Mindesten angegriffen durch die Anstrengungen der vorausgegangenen Manöver ist Kaiser Wilhelm mit seiner Umgebung am Donnerstag Abend in Homburg Mgetroffen, dem so freundlich am Ostabhange des Taunus gelegenen Badeort, in welchem sich nun für die nächsten Tage ein außergewöhnlich bewegtes und jarbenreiches Leben abspielen wird. Wie Merseburg für die Manöver des 4 Armee-Corps der Mittelpunkt gewesen, so ist es jetzt Homburg für diejenigen 4s 11. Armee-Corps und hier hat sich um den Kaiser noch ein weit glänzenderer Kreis von Fürstlichkeiten versammelt, als in der alten Saalestadt. Von regierenden Fürsten sind zugegen: Die Könige von Sachsen, Spanien und Serbien, die Großherzöge von Hessen und von Sachsen-Weimar und der Fürst m Waldeck; von andern Fürstlichkeiten: der Kronprinz Karl von Portugal, der Prinz von Wales und seine Brüder, die Herzöge von Edinburgh, Connaught unb Cambridge, der Landgraf von Hessen, her Erbgroßherzog von Sachsen- Reimar, die Prinzen Heinrich, Wilhelm und Alexander von Hessen, der Prinz Ernst zu Sachsen-Meiningen u. s. w. Die Anwesenheit so vieler Fürsten erhebt die Kaisertage am Main und Rhein im Gegensatz zu dem mehr provinziellen Gepräge der Truppen -Uebungen in der Provinz Sachsen zu einem großen nationalen Moment, dessen Höhepunkt die Einweihung des Rational-Denkmals ans dem Niederwald bilden wird.
Seit dem Eintreffen des russischen Kaiserpaares in Kopenhagen sind fortdauernd Gerüchte über eine Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Alexander im Umlauf, die jetzt eine bestimmtere Gestalt annehmen. Der Umstand, daß der russische Herrscher seinen Aufenthalt in Kopenhagen verlängert hat, verleiht diesen Gerüchten einige Wahrscheinlichkeit; die Zusammenkunft soll in den ersten Octobertagen in Stettin erfolgen. Irgendwelche bestätigende osficiöse Aeußerungen über die Stettiner Kaiser-Begegnung liegen aber l>is jetzt weder aus Berlin noch aus Petersburg vor.
3m Uebrigen ist die Ausbeute an politischen Nachrichten, soweit sie sich auf die deutschen Angelegenheiten beziehen, in der abgelaufenen Woche eine ziemlich dürftige gewesen. Die kirchenpolitische Frage ist durch das pavstliche Zugeständniß in der Dispensfrage wieder einmal aufgetaucht und hat Me Angelegenheit in der Presse eine ziemlich eingehende Discussion hervorge- ™fen, die sich indessen durchaus in maßvoller Weise bewegt, man scheint eben N keiner Seite große Lust zu einer Culturkampf-Campagne zu haben. Was man bis jetzt über die Ergebnisse der Urwahlen zum badischen Landtage hört, ^stätigt den Sieg der nationalliberalen Partei in Baden. Es ist derselben "icht nur gelungen, den Ansturm der Ultramontanen, Conservativen und Demokraten abzuschlagen, sondern auch 4 Sitze zu gewinnen, wodurch den National- liberalen die Majorität im badischen Landtage gesichert ist. Endlich ist noch zu erwähnen, daß der Reichskanzler Fürst Bismarck — wie wenigstens Berliner Blätter zu melden wissen — an diesem Samstag Gastein zu verlassen und vorläufig seinen Aufenthalt wieder in Friedrichsruhe zu nehmen gedenkt.
Der neun Tage währende Besuch des Königs Alfonso von Spanien am Wiener Kaiserhofe hat am vergangenen Mittwoch sein Ende erreicht, mn welchem Tage der spanische Herrscher in Begleitung des Königs von Serbien Pr Theilnahme an den Kaiser-Manövern nach Homburg abgereist ist. Die l°mge Anwesenheit des Königs Alfonso in der österreichischen Hauptstadt ist Menfalls bemerkenswerth; die Wiener Officiösen behaupten jetzt allerdings, daß Mselbe mit der Politik gar nichts zu schaffen habe, doch dürste diese Behaup- l^ng wohl nicht so wörtlich zu nehmen sein. Gerade der Umstand, daß König Mfonso sich von Wien zu den deutschen Manövern begiebt, verleiht seiner Reise 2e politische Bedeutung, welche durch sein Zusammentreffen in Wien mit König Elan sicherlich noch erhöht wird. — Was die Zustände in Kroatien anbe
langt, so ist in diesem Lande eine gewisse Beruhigung eingetreten; immerhin erscheint aber die Besorgniß vor der Wiederholung der Tumulte nicht gänzlich ausgeschlossen.
Ein Tag nach dem andern verstreicht, ohne daß die Verhandlungen zwischen Frankreich und China zu einem Halbwegs positiven Resultate geführt hätten. Mit der seinem Volke eigenthümlichen Zähigkeit vertheidigt der chinesische Unterhändler, Marquis Tseng, die Ansprüche Chinas, während andererseits die französischen Diplomaten bemüht sind, die Stellung Frankreichs in Anam zu wahren. Doch erweckt der Verlauf, den die Verhandlungen in den letzten Tagen genommen haben, die Hoffnung auf eine schließliche Verständigung, wozu namentlich die wiederholten Unterredungen zwischen dem Conseilpräsidenten Ferrp und Marquis Tseng beitragen dürsten; inwieweit hierbei die englische Vermittelung mitwirkt, läßt sich noch nicht genau beurtheilen.
Die plötzliche Enthebung des bisherigen Obercommandirenden der französischer: Truppen in Tongking, Generals Bauet, von seinem Posten und dessen Mission nach Hongkong wird auf Zwistigkeiten zwischen ihm und dem Civilcommissar Harmand zurückgeführt. Officiell soll jetzt Admiral Courbet zürn Obercommandanten aller französischen Streitkräfte zu Wasser und zu Lande in Tongking ernannt werden, unter ihm würde Oberst Bichot com- mandiren.
Englische Blätter wissen von einer Denkschrift zu berichten, mit welcher die französische Negierung die Vorschläge Chinas beantwortet habe. Letztere sollen dahin gehen, daß China geneigt sei, einer französischen Schutzherrlichkeit über Annam und einer Einverleibung des südlichen Theiles dieses Reiches in Frankreich zuzustimmen, vorausgesetzt, daß die französische Republik auf jede Zurückforderung Tongkings verzichte.
Nachdem die Zustände in Irland sich eine Zeit lang scheinbar gebessert hatte, wird jetzt wiederum von einer bedenklichen Zunahme der agrarischen Bewegung auf der „grünen Insel" gemeldet. Am Sonntag hatte die Nationalliga an verschiedenen Orten Irlands Massen-Meetings veranstaltet, in welchen heftig gegen die englischen „Tyrannen" gedonnert und im Gegensatz hierzu der „unsterbliche Parnell" gefeiert wurde. Daneben mehren sich auch wieder die Agrarverbrechen, welche bedauernswerthe Erscheinung man jedenfalls der neu entfachten Agitation zuzuschreiben hat. Derselben wird der Umstand, daß O'Donnel, der Mörder des Kronzeugen Carey, jetzt vor das Polizeigericht in Browstreet gestellt worden ist, nur neue Nahrung verschaffen, denn die unausbleibliche Verurtheilung O'Donnel's ist nur Wasser auf die Mühle der irischen Agitatoren.
Herr Gladstone ist am gestrigen Tage von der Vergnügungsfahrt welche er auf seiner Jacht „Pembroke Castle" durch die Nord- und Ostsee unternommen und wobei er auch der dänischen Hauptstadt einen Besuch abgestattet hat, wieder in England angekommen. Der englische Premier ist in Kopenhagen mit großer Auszeichnung behandelt worden; _ am Montag wurde er zur Königlichen Tafel gezogen und am nächsten Tage speisten das dänische Königspaar und seine fürstlichen Gäste an Bord des „Pembroke Castle"; über die angebliche Unterredung zwischen Kaiser Alexander und Mr. Gladstone fit noch nichts Näheres zu erfahren gewesen.
Der Proceß gegen die Mitglieder des norwegischen Staatsraths wird am 4. October seinen Anfang nehmen und darf man auf den Ausgang des Processes gespannt sein. Im Reichsgerichte zu Christiania scheint gegen die angeklagten Staatsräthe gerade keine günstige Stimmung zu herrschen, denn von demselben ist der Perhorrescenz-Einwand (Zweifel an der Unparteilichkeit der Richter) des Vertheidigers des Staatsministers Selmer gegen 13 Mitglieder des Reichsgerichts abgelehnt worden.
Dre außerordentliche bulgarische Nationalversammlung (Sobranje), welche am Sonntag zu Sofia eröffnet worden ist, hat in ihrer Adresse an den Fürsten Alexander den entschiedenen Wunsch auf baldige Wiederherstellung der Verfassung ausgedrückt. Nur durch die Verfassung werde das Fortschreiten und die Unabhängigkeit des Landes dauernd gesichert. Die Adreffe wurde — mit alleiniger Ausnahme des Deputirten Sobeloff — von


