Ar. 221. Erstes Blatt. Sonntag den 23. September 1883.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vttreau: Schulstraße 7.
Erscheint ILstttch mit Ausnahme des Ms-tla-S.
Amtlicher Hheit.
PreiL» vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlvhn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Gefundene Gegenstände:
1 Taschenmesser, 1 Chirurgenmesser, 1 gold. Medaillon, 1 Brille, 1^ Portemannaie mit Inhalt, 1 Uhrschlüssel, 1 Taschentuch, mehrere Schlüssel und Hundeblechmarken.
Gießen, den 22. September 1883. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Berlin, 20. September. Ein weiterer Reblausherd an der Ahr wurde gesunden und liegt, wie der vorher entdeckte siebente, am sogenannten Ehltnger Berge und In ziemlicher Entfernung von der vorhergehenden Fundstätte. Er tft durch geflügelte Jn- srkten entstanden, welche vermuthltch im letzten oder vorletzten Jahre aus einem der gleichfalls in diesem Jahre aufgefundenen und vernichteten, älteren Herde hervorgingen. $ur Desinfektion werden von den Parcellen zweier Besitzer etwa 180 Quadratmeter Wembergland herangezogen, da bie Jnfection sich nur auf drei beieinanderstehende Burgunderriben erstreckt. Welches reges Interesse der Oberpräsident v. Bardeleben an den Arbeiten zur Bert'lgung der Reblaus im Ahrthale nimmt, bewies derselbe wiederholt, indem er am gleichen Tage trotz seines Alters und der mit der Besichtigung verbundenen Beschwerde, sämmtltche Destnfcctionsstellen einer eingehenden Beaugenscheinigung unterzog. ______________________________________________
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Correspondenz-Bureau,
Homburg, 21. Septbr. Nachmittags sand im Kurhaus ein Paradediner in drei Sälen mit zusammen 360 Couverts statt. Im mittleren Saale war an einer hufeisenförmigen Tafel für den Kaiser, die Kaiserin und die übrigen Fürstlichkeiten servirt. Der Empfangssaal der Majestäten war prachtvoll mit Blumen und Teppichen geschmückt. Der Kaiser und der Kronprinz trugen englische Ordensbänder, die Könige von Spanien und Serbien das Band des schwarzen Adlerordens. Der Prinz von Wales, der Herzog von Edinburgh erschienen in preußischer Generals-Uniform, der Herzog von Connaught in Husaren-Uniform, der Herzog von Cambridge in englischer Generals-Uniform. Aus der Fahrt nach dem Kurhause wurden die Allerhöchsten Herrschaften von der Bevölkerung enthusiastisch begrüßt.
— Bei dem Paradediner saß der König von Spanien zwischen dem Kaiser und der Kaiserin. Rechts von der Kaiserin saßen der König von Sachsen, die Kronprinzessin und der Prinz von Wales; links vom Kaiser saß der König von Serbien, neben der Herzogin von Connaught und zu beiden Seicen schlossen sich die übrigen Fürstlichkeiten an. Der Kaiser toastete auf das Wohl der Könige von Spanien, Sachsen und Serbien. Der König von Spanien gab seiner großen Freude Ausdruck, daß er die deutsche Armee kennen gelernt und trank aus das Wohl des Kaisers und der deutschen Armee. Der Kaiser und der König von Spanien tauschten darauf herzliche Händedrücke aus.
Reval, 21. September. Seit vergangener Nacht herrscht hier ein heftiger Orkan, der in der Stadt und den Vorstädten eine große Anzahl Häuser beschädigte, Hunderte von Bäumen entwurzelte. Die gestern Abend unter Beistand des Bugsirdampfers ausgegangene italienische Brigg „Carolina" wurde aus den Strand geworsen, dem Bugsirdampfer gelang es nur mit Mühe, sich in den Hasen zu retten.
Agram, 21. Septbr. Gestern Mittag rotteten sich in Farkas Evaczt eine Anzahl Bauern aus Gradocz und Belovar zusammen. Der Vicegespan von Kreuz schickte Beamten mit zwei Landwehrleuten nach Farkas Evaczt, dieselben mußten sich aber vor den Bauern zurückziehen. Gegen Mitternacht langte eine Verstärkung von 13 Landwehrleuten an, welche von den Waffen Gebrauch machen mußten. Zehn Bauern wurden getödtet, zwei Landwehrleute stnd schwer verwundet.
— Zwei Compagnien Militär sind nach Turkasevacz abgegangen.
Kopenhagen, 21. September. lieber NordenskjöldS Grönland- Expedition berichtet ein Telegramm aus Thurso: Die Fahrt auf dem Eise begann am 4. Juli von Autleitswik an. Die Schlitten gelangten bis 130 Kilometer von der Küste bei 5000 Fuß Höhe. Von hier aus gingen die der Expedition angehörigen Lappen weitere 230 Kilometer auf Schneeschuhen bis zu 7000 Fuß Höhe vor. Alles war eine Eiswüste, es wurde kein eisfreies Land im Innern Grönlands angetroffen. Die Expedition ist so tief in das Innere von Grönland eingedrungen, wie bisher noch keine andere. Die gleichzeitige Expedition nach der Nordwestküste ergab ein gutes wissenschaftliches Resultat. Die Untersuchungen Nordenskjöld's ergaben, daß der kalte Strom an der Ostküste unbedeutend ist; diese Küste dürfte daher in den meisten Jahren im Herbst für Dampfschiffe zugänglich sein. Die Expedition ist nach Reykjavik zurückgekehrt.
Die große Parade des 11. Armeekorps.
Homburg, 21. September.
Bereits zur Zeit des ersten Hohnenrufs begann eine Völkerwanderung nach dem Paradeplatz zwischen den Dörfern Ober- und Nieder-Erlenbach und Nieder-Eschbach. Eine endlose, fröhliche Menge, begierig, den Kaiser Deutschlands, den Senior aller Fürsten, zu sehen und ihm die tiefste, aus dem Grunde des Herzens kommende Verehrung zu bezeugen, hatte sich zusammengefunden. Per Bahn, zu Wagen, zu Fuß strömte die Menge von allen Seiten von den umliegenbin Siädten unb Dörfern nach dem Paradefelb zusammen. Es mag wohl die Zahl ber Zuschauer derjenigen der Truppen gleichgekommen sein. Die letzteren hatten sich aus ihren verschiedenen Car- tounements zum Theil schon sehr früh in Bewegung gesetzt unb waren auf bin im Voraus vom Generalstab aufs Genaueste vorgeschriebenen Wegen herangerückt. Auf bin gegebenes Commando rückten sie in wunderbarer Präcision und Schnelligkeit in die
im Voraus bestimmten Alignements ein. In äußerst kurzer Zeit und in einer für den Laien fast unbegreiflichen Schnell gkett war die Paradeausstellung beendet. Leichter Regen hatte des Nachts über bas Paradefelb und die Chausseen staubfrei gemacht, hatte jedoch glücklicherweise heute früh nicht angehalten und freundliche Sonnenblicke ließen den Glanz des militärischen Schauspiels um so mehr hervortreten.
Die Front der Aufstellung zeigte nach Süd - Westen unter Rücksichtnahme auf Sonne und Wind. Bereits an den Tagen vorher war das Paradefelb unter specieller Leitung von Generalstabsosficieren geebnet, gesprengt unb bie Frontlinie ber Aufstellung durch Signale in ganz bestimmt abgegrenzten Entfernungen markirt worden, so baß die einzelnen Bataillone ihr mit einer Tafel bezeichnetes Signal rasch zu ftRben vermochten. In langen dunklen Linien, über denen dieHelme und Gewehre emporblitzten, zeigten sich die Massen der Infanterie, während bmter ihnen im zweiten Treffen die bunten Uniformen der Kavallerie, namentlich die hier ungewohnten Ulanen mit ihren im Winde flatternden Fähnchen an den Lanzen, dem Auge ein farbenprächtiges Bild entrollten, welches die Masse der fremdherrlichen Officiere mit ihren zum Theil reichen und bunten Uniformen, die Vertreter fast sämmtlicher Truppentheile der deutschen Armee, die Reserve-Osficiere fast aller Waffen vervollständigten.
Der Kaiser begab sich zu Wagen nach dem Paradefeld und stieg bei Gonzenheim aus, wo er als der Erste seine königlichen Gäste erwartete; wenige Minuten später erschienen die Kaiserin, die Kronprinzessin, die Prinzessin Victoria und die Herzogin von Connaught in offenen sechsspännigen Hofequipagen mit Spitzreitern. Mit dem Kaiser zugleich langten der Kronprinz unb bie anbern Prinzen des königlichen Hauses, sowie ber Großherzog von Hessen, ber Großherzog von Sachsen ein. Von ben königlichen Gästen traf König Milan von Serbien in rother serbischer Uniform ein, bann tarn König Alfons von Spanien in ber dunklen spanischen Marschalls-Uniform mit dem Bande des Schwarzen Adlerordens und endlich ber König Albert von Sachsen in ber Uniform seines preußischen Dragoner-Regiments. Der Prinz von Walcs in ber Uniform seines Blücher'schen Husaren-Regirnents. Der Kaiser, sowie ber Kronprinz trugen große Generalsuniform, der Kaiser bas breite blau-weiße Ordensbanb des goldenen Vließes. Nachdem der Monarch seine königlichen Gäste herzlich begrüßt hatte, begaben sich alle Fürstlichkeiten, sowie das große, aus so vielen iUufiren Personen bestehende Gefolge auf das Paradefelb. Die Kaiserin wohnte der Parade in ihrem Wagen bei; bie Kronprinzessin, welche die Uniform ihres Husarenregimenis trug, stieg zu Pferde, ebenso die Prinzessin Victoria unb bie Herzogin von Connaught.
Die Dörfer prangten tm herrlichsten Schmuck unb sinnreiche Inschriften bewiesen die Liebe unb innige Verehrung für ben Kriegsherrn brs brutschen Volkes, der sich anschickte, Revue über die Söhne des Hessen- und Nassauerlandes abzuhalten. Bei Nieder- Erlenbach bestieg Se. Majestät den Fuchs „Alexander" und setzte sich gegen den rechten Flügel des ersten Treffens hin in Galopp, von einer Suite begleitet, wie solche kaum prächtiger, großartig-imponirender gedacht werden kann. Beide Treffen der Parabe- aufstellung nahmen, als Se. Majestät zu Pferde gestiegen war und anritt, „Gewehr auf" und prafenttTten sodann auf das Commando ber Herren Treffencommanbeure; sämmtliche Musikcorps unb die Spielleute begannen den Präsentirmarsch „Heil Dir im Stegeskranz" unb bonnernbes, weit Über das Blachfelb hinhallendes Hurrah begrüßte den in langem Galopp sich nähernden Kriegsherrn.
Das erste Treffen stand mit „Augen rechts", die einzelnen Bataillone in Com- pagniefront-Colonne. Die Uhren ber Dörfer kündeten gerade die 10. Stunde an, als Se. Maj. am rechten Flügel des ersten Treffens anlangte unb nunmehr im kurzen Galopp, stets vor ben Fahnen salutirend, das Treffen entlang ritt, hie und da das Tempo verkürzend und genauer musternd. Die Truppen hatten inzwischen, das rechte Flügel-Regiment ausgenommen, geschultert unb präfentirten erst dann wieder, wenn Se. Majestät am überstehenden Batmllon angelangt war.
Das zweite Treffen ritt der Kaiser vom linken Flügel ans ab. Hier waren die Truppen in Escadrons Colonne, resp. in Batterien hintereinander aufgestellt. Wahrend ber Besichtigung bes zweiten Treffens rückte das erste Treffen mit „Rechts um in die Ausstellung rum Parademarsch und sormirte sich regimenterweise hintereinander in Com- pagnfpfront. DaS zweite Treffen setzte sich rechts neben das erste und zwar die Cavallerie in halber Escadronsfront, die Artillerie in Batteriefront unb der Train in Bugfront e Parabe - Aufstellung commanbhte der General der Cavallerie Frhr. v. Schlotheim. Die Treffen waren geordnet:
Erstes Treffen.
21. Division.
Commandeur: General-Lieuteant v. Böhn.
SOm3nSe^Ür$be:äÄt-l^uior ->. Rauch. 1. Nassau-,ch-s Infante-.-, Regiment Nr. 87: Oberst v Sothen. 2. Nassauisches Infanterie-Regiment Nr. 88: Od-ist öornhardt. General-Major D. Amelungen. Hess. Füstlier-R-alm-nt
Nr.80: iDberfi W H-Mch-s Infanterie-Regiment Nr 81: Oberst
D. Slurensee. Infanterie-Regiment Nr 97: Oberst am Ende.
22. Division.
General-Lieutenant v. Unger. . . m .
43. Infanterie-Brigade- Generalmajor Fischer. 3. H- s. Jnfant-rie-R-g-ment Nr. 83: Oberst Sucre. 6. Thüringisches Infanterie - Regiment Nr. 95. Oberst ^E-rnsant-rte-Brlaade: Generalmajor v. Carnap-Quernheimb. 2. Thüringisches Infanterie-Regiment Nr.3°: Oberst °. Wulfsen. 5. Thüringisches Jnfanterte-Regi- ment Nr. 94; Oberst Frhr. v. Wangenheim.
25. Division.
Generallieutenant Prinz Heinrich von Hessen, Großherzogliche Hoheit.
49 ^fanterie-Brigade: Generalmajor Graf Herzberg. 1-_ Aroßh. Hess. Inf.- (Leibgarde-) Regiment Nr. 115: Oberst von Seebeck. 2. Großh. Hess. Inf--(Großherzog) Regiment Nr. 116: Oberst Baron von Collas.
50. Infanterie-Brigade: Generalmajor o. Wussow. 3. Großh. Hess. Inf.. (Lech- regiment) Regiment Nr. 117: Oberst von Westernhagen. 4. Großh. Hess. Ins.- (Prinz Carl) Regiment Nr. 118: Oberst Frhr. r>. Rosen.


