Ito srr. 191. Donnerstag den 23. August 1883
Meßmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Uebersicht.
Gietzen, 22. August.
Der Aufenthalt des Kardinals Howard in Kissingen ist trotz des Dementis der „Norod. Allg. Ztg." bezüglich der angeblichen Audienz des genannten Kirchenfürsten beim Fürsten Bismarck noch immer ein Gegenstand, welchem Seitens der Tagespresse die größte Aufmerksamkeit gewidmet wird. Laß Kardinal Howard nicht nur zur Kur in dem fränkischen Badeorte weilt, tann wohl als sicher gelten; man fühlt in Nom das Bedürfniß, die zerrissenen Jäben mit Berlin wieder anzuknüpfen und es wäre denn doch ein ganz eigentümlicher Zufall, wenn Kardinal Howard mit dem Fürsten Bismarck ein und dasselbe Bad aufsuchte, ohne der Träger einer diplomatischen Mission Seitens dis Vatikans zu sein. Man scheint in Rom über das auffallende Stillschweigen der preußischen Regierung besorgt zu sein und will durch den gewandten Kardinal über die Stimmung in den leitenden Berliner Regierungskreisen gegen den Vatikan wieder anklopfen und. dies läßt sich gerade in einem Badeorte io unbefangen thun. Etwas eigenthümlich nimmt sich unter diesen Verhältnissen die Ernennung des Generalvicars Franz Sniegon zu Teschen zum Hülssbischof des Fürstbischofs Dr. Herzog für den österreichischen Theil der Diöcese Breslau cus. Die Creirung des neuen Weihbischofs ist ohne vorhergegangene Verständig mit der preußischen Regierung erfolgt und muß daher in Berlin tief mletzen; es wird durch diesen Vorgang auch die Stellung des preußischen Gelten beim heiligen Stuhl in recht merkwürdiger Weise illustrirt. Wenn Herrn t Schlözer wirklich keine osstcielle Mittheilung von der Ernennung Sniegon's gegangen war — was nützt dann noch die diplomatische Vertretung Preußens kirn Vatikan?
Die national-polnische Propaganda hat sich der bevorstehenden Whrigen Gedenkfeier der Entsetzung Wiens von der Belagerung durch die Mn als eines sehr willkommenen Stoffes bemächtigt. Bekanntlich hat der ckrliche Polenkönig Johann Sobieski hierbei eine Hauptrolle gespielt, er wurde ton den Zeitgenossen als der eigentliche Netter Wiens gefeiert und dies ist 'Mlich den Polen in Oesterreich wie in Deutschland ein willkommener Anlaß, ■06 Polenthum zu glorificiren. Bezeichnend ist in dieser Beziehung der Beschluß ■>6 Posener Sobieski-Comites, polnische Volksbibliotheken zu gründen, wodurch Alaufig die Provinz Posen mit einem Netze von Bildungsstätten in polnischem bedeckt werden soll. Einer Kräftigung des preußischen Staats- und des Aschen National-Bewußtseins würden derartige Institutionen wohl schwerlich Ärjchub leisten.
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Der Wahlkampf, welcher im 19. hannöverischen Reichstagswahlkreise Arndorf-Neuhaus anläßlich der Ersatzwahl für Herrn v. Bennigsen entbrannt /verspricht recht intereffant zu werden. Dem nationalliberalen Candidaten, joibesitzer Hottendorf, haben diesmal nicht nur die Welfen, sondern auch die Mtschrittspartei und die Socialdemokraten eigene Candidaten gegenübergestellt
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/ lbste Basis für ihre weiteren Operationen in Tongking gewonnen haben, ir oie Hoffnungen auf einen raschen Verlaus des Feldzuges würden hiermit J Denig steigen. Vor Allem soll das Klima von Anam die Reihen der Fran- fleiti decimiren und überdies soll auch die Verpflegung und Ausrüstung der Wpen zu wünschen übrig lassen. Ob sich China einem weiteren Vordringen
Franzosen ernstlich entgegensetzen würde, ist noch immer ungewiß, doch
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eine Stichwahl steht daher in ziemlich sicherer Aussicht. Namentlich macht •i Fortschrittspartei die größten Anstrengungen, um den Wahlkreis für sich zu Zobern und sucht dies hauptsächlich dadurch zu erreichen, daß sie den national» Oralen Candidaten als einen Agrarier vom reinsten Wasser hinstellt. Weder 'u welfische noch der social-demokratische Candidat haben in Otterndorf- Mau§ große Chancen, aber es ist nicht zu bezweifeln, daß die Anhänger Aer Richtungen bei einer eventuell sich zwischen dem nationalliberalen und y fortschrittlichen Candidaten nöthig machenden Stichwahl dem Letzteren sle Stimmen geben würden, so daß ein schließlicher Sieg desselben nicht ^geschlossen erscheint. Ein Uebergang des Wahlkreises Otterndorf- Auhaus, der alten Domäne Herrn v. Bennigsen'S, an die Fortschrittspartei »urde aber dem Ansehen der nationalliberalen Partei von Neuem einen bedenken Stoß versetzen und sie wird und muß daher Alles daransetzen, um sich Men Wahlkreis zu erhalten.
Die Anhänger der „Italia irredenta“ in Triest haben den Wvrtstag des Kaisers Franz Josef benutzt, um wieder einmal ihren Gefühlen ' ihnen eigenen Weise Ausdruck zu verleihen. Während der Vorfeier ‘plobirte auf dem Leipziger Platze eine Pulver-Petarde, was die Volksmenge /energischen Demonstrationen gegen die Irredentisten veranlaßte. Die ttalie- Ar Turnhalle wurde von einer großen Volksmaffe demolirt und einem gleichen -^sal entging das Redactions-Local des irredentistischen „Independente" nur das rechtzeitige Eintreten der Sicherheitswache. Ueberall aber ertönten ^ende Hochs und Evivas auf Kaiser Franz Joses und Oesterreich, während gleich der Rus erklang: Hinaus nut den Italienern aus Triest! Die Herren ^re-dentisten sollten sich doch allmälig davon überzeugen, daß Triest für ihre Momente kein geeigneter Boden ist.
Der Angriff der französischen Truppen auf Hue, die Haupt- M Anams, dürfte in diesen Tagen erfolgt sein, wenn auch noch keine speciellen ! yte Grüber vorliegen. Es heißt nur, daß die Franzosen die zwei Forts, W Hue gegen die Seeseite hin vertheidigen, erstürmt, die Stadt selbst jedoch
scheint neuerdings ein etwas friedlicherer Wind zwischen Peking und Paris zu wehen.
Das englische Unterhaus arbeitet mit Dampf, um den Schluß der Session noch in dieser Woche zu ermöglichen. Am Sonnabend hielt das Haus eine 12stündige Sitzung ab, welche sich bis Sonntag früh halb 3 Uhr erstreckte und in welcher die Einzelberathung des Ausgabebudgets erledigt und die irische Tramwaybill in dritter Lesung angenommen wurde. UeberdieS hat Ende voriger Woche im Mansion-House das übliche ministerielle Fischeffen stattgefunden, welches in England dem Schluß der Session jedesmal voranzugehen pflegt. Das Ende der Session wird von allerdings noch unbestimmten Gerüchten über bevorstehende Veränderungen im Londoner Cabinet begleitet. Es heißt, Gladstone würde zurücktreten und an seiner Stelle der Minister des Auswärtigen, Lord Granville, das Conseil-Präsidium Übernehmen; an Granville's Stelle solle der Kriegsminister, Lord Hartington, treten. Inwieweit sich diese Gerüchte bestätigen, muß abgewartet werden.
Die Beziehungen zwischen Spanien und Frankreich sind unter dem Eindrücke der Pronunciamentos von Badajoz, Seu de Urgel u. s. w. keine freundlicheren geworden. Die Art und Weise, wie die sranzösische Preffe, selbst die Regierungsblätter nicht ausgenommen,, für die spanischen Insurgenten feierlich Partei nahm und die Lässigkeit, welche die französische Regierung bei der Bewachung der Grenze gegen Spanien hin entfaltet, wodurch es den in Paris lebenden Leitern des Aufstandes ein Leichtes war, mit den Aufständischen zu communiciren, mußte in den Madrider Regierungskreisen ein tiefes Mißtrauen gegen Frankreich erregen. Es erscheint unter diesen Umständen begreiflich, wenn in Spanien die Sympathien für Frankreich stark im Schwinden sind und daß man in Madrid allen Ernstes die Frage eines Anschlusses Spaniens an das mitteleuropäische Bündniß erwägt.
Das Reichsgericht in Christiania hat kürzlich seine erste Sitzung in der Minister-Anklagesache abgehalten. Es ist nun das siebente Mal, daß ein norwegisches Ministerium von der Volksvertretung unter der Anklage der Ver- foffungs-Verletzung gerichtlich belangt wird. Bis jetzt ist das Ministerium jedesmal freigesprochen worden und einen gleichen Ausgang dürste auch der neueste Anklageprocetz nehmen. Derselbe wird sich übrigens sehr in die Länge ziehen, da gegen jeden der 11 Staatsräthe und Minister einzeln verhandelt werden soll.
König Milan von Serbien ist am Sonntag nach Wien abgereift, und wird während seiner Abwesenheit die Regierung vom Ministerrath geführt. Von Wien aus begiebt sich König Milan nach Berlin und wird später auch den großen Manövern bei Homburg beiwohnen, zu denen man u. A. auch den König von Spanien erwartet.
Darmstadt, 21. August. Sicherem Vernehmen nach bereitet eben der Geheime Staatsrath o. Knorr eine Vorlage an die Stände vor, durch welche über die fernere Verwendung des Mainzer Universitätsfonds eine endgültige Entscheidung getroffen werden soll. Das punctum saliens der Vorlage, der eine ausführliche Denkschrift über das Eigenthumsverhältnitz des Universilätsfonos beigegeben werden soll, entspricht, nach unserem Gewährsmann, der den Abgeordneten v. Jungenfeld und Betz auf eine Interpellation hm gegebenen Zusage, die Einkünfte aus dem genannten Fonds nicht mehr mit Darmstadt und Gießen zu theilen, sondern einzig und allein für Mainzer Schulzwecke zu verwenden. (Fr. Ztg.)
Berlin. Die Nutzbarmachung der Fischreichthümer des Meeres gewinnt erfreulicher Weise einen jährlich sich steigernden Umfang, was sowohl im Interesse einer gesunderen und kräftigeren Volksernährung, als auch in dem der Hebung des National- reichthums gar nicht hoch genug angeschlagen werden kann.r' Leider stellen sich der Ausbreitung des Consums von Seefts^en in frischem Zustande, soweit die binnen- ländische Bevölkerung, die nicht unmittelbar an den Haupt - Eisenbahnoerkehrslinten wohnt, m Betracht kommt, immer noch mancherlei, nicht ganz leicht zu überwindende Schwierigkeiten in den Weg; desto wichtiger ist es, daß bie Fischräucherungs- und sonstigen Fisch - Conservirungsmethoden sich angemessen entwickeln und den Consum durch das Angebot massenhafter, guter und pretswerther Waare animtren. Dem Fischerei'Betrieb an der Ostsee hat der Mangel dieser Erkenntniß lange als ein Pros- peritätshtnderniß tm Wege gestanden. Doch werden neuerdings planmäßige Versuche gemacht, hierin Wandel zu schaffen. Es ist bereits in diesem Jahre ein geborener Helenser zur Erlernung der feinen Räucherei in Ellerbeck gewesen und liefert vor- tr.ffliche Räucherwaare, namentlich von Sprotten; es müssen aber, um z. B. die bet H?la und un Wieck zeitweise in außerordentlicher Menge gefangenen Fische, wie Häringe u. a. zu verarbeiten, zahlreiche Räucher- und Marintranstalten eingerichtet werden und es bedarf bei der eigentümlichen Natur unserer Ostsee-Flscherbevölkerung immer noch fortwährender Anregung, um die Sache in Gang zu bringen. In erfreulicher Weise hat stch in Dt. Eylau die Uckleischupperei und die Verwerthung der geschuppten Fische zu billigen Conserven eingeführt und zahlreichen armen Leuten Verdienst gegeben. Namentlich wird aber noch auf die Benutzung der Abfälle von Fischen zu Thran und Guano zu geringer Werth gelegt. Bei Ptllau sind im vorigen Herbst an 70,000 JL für Etichlingsthran gewonnen worden. Hoffentlich werden die so erzielten Resultate em Sporn, auf dem betretenen Wege fortzuschreiten.
Berlin, 21. August. Selten ist ein politisches Ereigniß so überraschend gekommen, rote die beiden Kaiserlichen Erlasse, die heute der „Reichsanzekger" an seiner Sp tze bringt und durch die der Bundesratb zum 27. August, dec Reichstag zum 29 August berufen wird, in Berlin zusammmzutreten. Die Erlasse haben die übliche Form, sind aber nicht vom Reichskanzler contvaftgnirt, sondern von v. Bötticher, der, was vielleicht auffallen könnte, auch nicht in Vertretung des Reichskanzlers, sondern nur mit seinem Namen ohne jeden Zusatz gezeichnet hat. Natürlich nimmt man allgemein an, daß der Zweck dieser unerwarteten Berufung des Reichstags die Genehmigung des spanischen Handelsvertrags sein wird.
Berlin, 21. August. Die „Breslauer Zeitung" erfährt als angeblich zuverlässig, die Landtagssession werde erst am 15. Januar beginnen.
— Auf Grund eingezogener Informationen hält das „Berliner Tageblatt" die Nachricht aufrecht, daß Howard wiederholt mit dem Reichskanzler zusammengekommen und daß letzterer nicht krank sei, sondern täglich mehrere Stunden arbeite.


