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§rr. 6®. Freitag den 23. März 1888.
Meßemr Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau: Schulstraße 7.
Erscheint läßlich mit Ausnahme des Morrlags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. tnft Bringcrlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Politische Ueberficht.
Gießen, 22. März.
Die in diesem Jahre vom 22. März auf den 17. März verlegte Feier des Geburtstages unsers allverehrten Kaisers hat in ganz Deutschland eine zahlreiche Betheiligung Seitens der verschiedenen Behörden, von Gesell- : schäften, Vereinen u. s. w. gefunden. In allen Festreden und Trinksprüchen : anläßlich dieses bedeutungsvollen Tages bildete die hingebende Liebe und Berührung des Volkes für den greisen Helden, der trotz seiner 86 Jahre die Zügel । des deutschen Reiches noch fest in Händen hält, mehr oder weniger den Grund- = ton und der Wunsch, daß uns Kaiser Wilhelm noch lange möge erhalten blei- hen, findet in unser Mer Herzen einen freudigen Widerhall. Von einer beson- tz-rn Gratulations-Cour ist diesmal abgesehen worden und nimmt der Kaiser aH Donnerstag nur die Glückwünsche der Mitglieber der königlichen Familie kMegen.
Die Nachrichten über dasZustandekommen eines neuen deutschspanischen Handelsvertrages lauten jetzt wiederum wenig hoffnungerweckend. Die in den letzten Tagen telegraphisch geführten Verhandlungen in dieser Angelegenheit haben kein Resultat gehabt und in Berlin wie in Madrid rüstet man nch nun zu einem fröhlichen Zollkriege. Spanien gedenkt auf den Import einer ganzen Reihe deutscher Artikel einen erhöhten Zoll zu werfen und dem gegenüber erwägt man auch innerhalb der Reichsregierung ernstlich den Gedanken, Spa- ! men mit Kampfzöllen zu begegnen. Für unsere industriellen und coinmerciellen s Beziehungen zu Spanien sind dies keine erfreulichen Aussichten.
Das ungarische Abgeordnetenhaus hat am vergangenen Sonn- ' abenb nach langen Verhandlungen die General-Debatte über das Mittelschulgesetz beendigt und die Ausschuß-Vorlage mit überwiegender Majorität als Basis der Hpecial-Debatte angenommen. Die neue glücklich in den Hafen bugsirte Vorlage befindet sich schon seit 5 Jahren aus der Tagesordnung des ungarischen Parlamentes, wurde bis jetzt aber jedesmal zurückgewiesen. Diesmal ist es endlich der Beredsamkeit des Ministerpräsidenten Tisza gelungen, das Haus den Wün- scheu der Regierung bezüglich des Mittelschulgesetzes gefügig zu machen; wieviel । hierzu die Abneigung des Magyarenthums speciell gegen die sUbenbürgischen Lachsen beigetragen hat, wollen wir unerörtert lassen.
Die große, von den Pariser ultra-radikalen Blättern mit i so viel Aplomb angekündigte anarchistische Manifestation, welche am 18. März I in der französischen Hauptstadt zur Verherrlichung des Jahrestages der Corn- mune vor sich gehen sollte, ist in ein absolutes Nichts zerronnen. Nirgends \ fanden drohende Ansammlungen statt, in den Arbeitervierteln blieb Alles ruhig und nur in einigen öffentlichen Localen versammelten sich Arbeitergruppen, um : die „Festrede" dieses oder jenes „Genossen" anzuhören. Die Regie, ung hatte allerdings umfaffende Vorsichtsmaßregeln getroffen, die Truppen waren in den Kasernen und die Polizei-Brigaden in den inneren Polizeiposten concentrirt, dabei aber war von der Regierung kluger Weise Alles vermieden worden, was den Schein einer Herausforderung erregen konnte. Auch in der Provinz ist der 18.-Mürz, abgesehen von den anarchistischen Bankers, harmlos verlaufen. Freilich ist hiermit noch nicht gesagt, ob sich nicht bei passender Gelegenheit die versuche, socialistisch-revolutionäre Emeuten in Scene zu setzen, wiederholen; die französische Regierung wird daher für nächste Zeit beu Parteigängern der Commune gegenüber auf dem Posten sein muffen. Die französischen Kammern, die in Folge der Ungewißheit, welche über den Ausgang des 18. Mürz herrschte, ihre Osterferien noch nicht angetreten hatten, dürften dies nunmehr Anfangs dieser Woche gethan haben.
Jenseits des Kanals scheint jetzt wieder ein förmliches Attentats- I Fieber zu herrschen. Noch sind die Recherchen über die Dynamit-Explosion im ! londoner Local-Governments-Gebäude im vollen Gange und schon wird von i * einer neuen Gewaltthat der irischen Mordverjchwörer berichtet. Der Gegenstand ; derselben ist diesmal eine Frau, Lady Florence Dixie, welche auf einem Spa- ! siergange bei Windsor jüngst von zwei als Frguen verkleideten Männern mit Dolchstößen angegriffen wurde. Glücklicherweise schützten die Kleider der Dame dieselbe vor einer ernstlichen Verletzung; die Angreifer sind leider entkommen. Lady Florence Dlxie ist die Tochter eines der reichsten irischen Grundbesitzer unb hat sich augenscheinlich den Zorn der irischen Vehme dadurch zugezogen, daß sie mehrere scharfe Angriffe in der Presse gegen das Treiben der Landliga gerichtet hat. Angesichts dieses immer verwegeneren Auftretens der irisch- iemschen Mordbanden, die den Terrorismus des Dynamits und des Dolches von der „Grünen Intel" nun schon hinüber auf den Boden Alt-Englands tragen, machen sich durchgreifende Gegenmaßregeln der englischen Regierung erforderlich. Eine der ersten derselben ist die beschlossene Vermehrung der Polizeimannschaft oon London um Tausend Personen, ebenso ist eine Vermehrung der Geheimpolizei in Aussicht genommen. Die Zahl der mit dem Wachtdienst während oer Nacht betrauten Personen soll verdoppelt werden.
Wenn man den Berichten über den Auf st and im Sudan ; trauen darf, so ist der Heldenmuth bei den egyptischen Truppen just derselbe, l| vie auf Seiten der Aufständischen. Vor dem Gefecht bei Getena am Weißen 'M wurden 5 Dfficiere beim Allarmblasen vor Schrecken krank, ein Bataillon m.chte sogar das Weite; doch ergriffen auch die Rebellen, nachdem einige Kugeln zeivechselt worden waren, die Flucht. Nichtsdestoweniger hat Abdel Kader, der •üt Egypter bei Getena cornmandirte, um Decorationen für säimntliche bei dieser Lffaire betheüigt gewesenen Officiere gebeten! Den Charakter eines Glaubens
kriegs soll der Ausstand im Sudan schon längst verloren haben; derselbe hat sich vielmehr in einen völligen Nationalkrieg verwandelt, die den von den Egyptern unterjochten Völkerschaften gegen ihre Unterdrücker führen; doch hat der Kamps noch für keine der Parteien, wie aus dem oben Gesagten fyeroor* geht, besondere Lorbeeren gebracht.
FeuLMand.
Darmstadt, 21. März. Heute Vormittag um 11 Uhr fand in der Schloßkirche die Feur Dci (Konfirmation Ihrer Grotzherzogtlchen Hoheit der Prinzessin Irene statt, in Gegen wart Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs, der gesammten Großherzoglichen Familie, Seiner Königlichen Hoheit des Landgrafen von Hessen und Höchstdessen Tochter, der Prinzessin Elisabeth, sowie Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Fürstin zu Leiningen.
Darmstadt, 22. Marz. Zum 22. März schreibt das „Militär-Wochenblatt" : „Die Gebunstagsfefte unseres Kaiserlichen Kriegsherrn sind Erinnerungstage für Sein Heer: es vergegenwärtigt sich die Empfindungen, mit denen Seine Majestät im Rückblick auf das vergangene Lebensjahr den Tag begeht, und es gedenkt der treuen Obhut, all' der Beweise Allerhöchster Fürsorge und Gnade, mit denen es oon Neuem von Merhöchstihm beglückt worden ist I Leid und Freud haben bas Leben des Monarchen wieder begleitet: das Hinscheidm des geliebten Brudcrs, der im Felde und daheim, in allen stürmischen und sonnigen Tagen, zeitlebens seinem Bruder der treueste unb sorgsamste Begleiter gewesen, hat unseren Kriegsherrn tief gebeugt, und die Silberhochzeit unseres Kronprinzlichen Paa- es, ein Zeichen des Segens, mit welchem dre Vorsehung die Geschicke Seines Hauses leitet, Ihn neu bestärkt. Und wieder dürfen wir uns rühmen, daß die Tage, in denen der Kaiser sein Heer gemustert hat, Tage der Zufiieoenhe-t für Allerhöchstihn gewesen sind und eben diese Tage Ihm von der Treue des Heeres, von der Liebe des ganzen Volkes vollgültige Beweise gegeben Haden. Dem 5. und 6. Armeekorps war >s vergönnt, vor ihrem Kriegsherrn die Probe der Tüchtigkeit abzulegen und die schlesische Provinz begrüßte mit begeistertem Jubel ihren König. Mit ihnen wetteiferten in Beweisen vollkommener Kriegsausbildung das Königlich sächsische Armeekorps und in Beweisen der Verehrung und Treue die Bewohner der sächsischen Hauptstadt Möge dieser Besitz, die Liebe des Volkes und die Treue des Heeres, den Festtag unseres Allerhöchsten Herrn verschönern und Ihm einen frohen Ausblick in die Zukunft bieten! Die Worte, iwt denen der Schwiegersohn unseres Kriegsherrn, Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Baden, Ihn am Kaisertage von Versailles zuerst begrüßte, sie ruft das treue und dankbare Heer auch heute, um Seines Tbrones Stufen geschaart, ihm zu: ^Lange lebe und Hoch Kaiser
'»Wilhelm der siegreiches - *■
Berlin, 20. März. General v. Stosch hat an die OWiere unb Beamten der kaiserlichen Marine nachstehende Abschiedsworte gerichtet:
Se. Dtaj. der Kaiser haben die Gnade gehabt, durch die Allerhöchste Ordre meinen Wunsch auf Entlassung aus meiner bisherigen Stellung zu erfüllen. Mehr als 11 Jahre habe ich die Ehre gehabt, an der Spitze der Marine zu stehen, unb zwar gerade in einer Zeit, wo die Verhältniffe ihr die Aiittel zuführten, sich zu entwickeln und in ihrer Größe die Bedeutung einer militärischen SRacht zu gewinnen. Eine Entwickelung in so kurzer Zeit, wie sie stattgehabt, war nur möglich durch Daransetzung aller Kräfte derjenigen, welche zu dieser Arbeit berufen waren. Nichts aber bindet die Menschen so fest aneinander, wie langjährige, gemeinsame, feste Arbeit, die von Erfolg begleitet ist, und daß die unserige erfolgreich war, haben Se. Majestät, unser gnädigster Kaiser, wiederholt ausgesprochen. Die Trennung von der Marine ist also für mich nicht nur ein Scheiden aus einem mit meinem ganzen Sein verwachsenen Beruf, sondern auch das Zerreißen eines Bandes mit mir lieb und werth gewordenen Männern, mit denen ich gestrebt habe und erreicht habe. In beii stillen Zeiten, welche nun für mich folgen, werde ich darum keine größere Freude haben, wie die Nachrichten von den Thaten und von dem Streben der deutschen ^Marine, sowie von den Beweisen der Anerkennung, welche dem Einzelnen, wie dem Ganzen von unferm gnädigsten allerhöchsten Kriegsherrn zu Theil werden. Ich wünsche und hoffe, daß die Nrarine meiner in solchen Fällen sich auch noch erinnern wird.
Berlin, 20. März. Der soeben zum Chef der Admiralität ernannte General- Lieutenant v. Eaprivi-Eaysara de Montecuculi ist zu Anfang der dreißiger Jahre in Berlm geboren Sem Later war ein hoher Juftizbeamter, seine Mutter die Tochter beö ht.sigm Gymnasialdirectors Professor Köpke Herr v. Caprivi verließ das hiesige Werder'sche Gymnasium nut dem Zeugniß der Reife und trat, wie sein jetziger College, der Kriegsminifter v. Bronsart, in das Kaiser Franz-Regiment. Er gehörte später dem Großen Generaiftabe und dem Generalstabe des Gardecorps an und machte sich nach dem Feldzuge zuerst als Abtheilungschef im Kriegsministerium bemerklich, besonders durch dm «hm zugeschrrebenen Entwurf des Casernirungsgesetzes und seine Thatigkeit für Em- sührung des Mausergewehrs Er erhielt sodann ein Brigude-Commando in ötetttn, das Commando der 2. Garde-Jnfanterie^Brigade und im December v. I. unter Er- Nennung zum (SencraLßkutenant das Lommado der 30. Division in Mch. Or gut für einen der fähigsten Officiere in der Landarmee; auf dem Gebiete der Markne ift er vollkommen Neuling. __________
"Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telear. Correspondenz-Bureau.
Berlt», 21. 3)iärj. Der Bundesrath genehmigte heute die Verordnung, betr. bie Zuschlagszölle für Artikel aus Spanien unb besten Besitzungen, sowie bie Ausführungs-Bestimmungen hierzu. , ;
— lieber bie Person deö Mörbers beö Briefträgers Costath erfahrt bas ,Taaebl", baß in Folge beö in bem Besitz beö Thäters befinblichen, auf den Namen Sobbe lautenbeu Rtilitärpasseö bezügliche Recherchen bei allen Kürassier- Regimentern angestellt würben, worauf von bem Magbeburgtschen Kürassier- Regiment bie Melbung einging, baß ein Unterosficier Namenö Sobbe dort gebient habe. Die beigcfügte Photographie würbe von einigen Restaurateuren unb Wirthsleuten mit Wahrscheinlichkeit als bie des angeblichen Sander erkannt. Weitere Details sehlen.


