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Freitag den 23. Februar

1883,

Mr. IS

Bureaur Schulstraße 7.

ießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

.A or 3 - v a * -> PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlshn.

Erscheint täglich mit Ausnahme des M-uragS. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Ueberstcht.

(Sieben, 22. Februar.

In der kirchenpolitischen Frage in Preußen bildet die Ver­öffentlichung der beiden Briese, welche der Papst im December und Januar an Kaiser Wilhelm gerichtet hat, intMoniteur de Rome", dem ofiicieüen Organe des Vatikans, einen bemerkenswerthen Zwischenfall. Wie versichert wird, hat der preußische Gesandte beim Vatikan, Herr v. Schlößer, den Auftrag gehabt, der Kurie die Bitte um diese Veröffentlichung auszusprechen, welcher Bitte die Kurie detunach nachgekommen ist.

Das österreichische Herrenhaus beschäftigte sich am Montag und Dienstag mit der Berathung der Novelle zum Volksschulgesetz. Die Schulfrage hat bekanntlich in Oesterreich eine politische und staatsrechtliche Bedeutung erlangt, welche sich namentlich in den Debatten des Reichsrathes im vorigen Jahre über den Antrag Lienbacher zum Schttlgesetz widerspiegelte.

In Frankreich hat das Rumpf-Cabiuet Falliöres nunmehr definitiv das Zeitliche gesegnet und ^ernj die Bildung des neuen Ministeriums übernommen.

In England fesselt der in Dublin spielende Mord-Cornplott-Proceß die öffentliche Aufmerksamkeit fast mehr, als es die Verhandlungen des Parla­ments zu thun vermögen. Die Aussagen der Kronzeugen gestalten sich für die Angeklagten immer gravirender und besonders sind die Aussagen, welche der Zeuge Carey über die Ermordung von Lord Cavendish und Sir Thomas Bourke machte, höchst belastend für mehrere der Angeklagten. Die der Theilnahme au der Ermordung der beiden Staatsmänner angeklagten Gefangenen sollen zur Aburtheilung formell vor das Tribunal gestellt werden. Auch sollen in Eng­land ntehrere Verhaftungen wegen Theilnahme an den in Irland begangenen Mordthaten bevorstehen.

Die Vorbereitungen zur Krönungsfeier in Moskau nehmen ihren ungestörten Fortgang und nach den Summen, welche hierzu ausgeworfen sind, zu "urtheilen, wird die Feier mit ungewöhnlichem Glanze begangen werden. Richt weniger als 17 Mill. Rubel sind dazu bestimmt, dem Krönungsfest jenen glänzenden Schimmer zu verleihen, durch welchen daffelbe in den Augen der Menge erst seinen wahren Werth erhält; freilicv wird von dieser Riefensnm'ne wohl mancher Rubel m fremde Taschen wandern, lieber den Krönungstag selbst verlautet noch immer nichts Bestimmtes und scheint es fast, als ob nmn m den maßgebenden Petersburger Kreisen der Ansicht ist, daß den Nihilisten doch nicht recht zu trauen ist.

Während die Reorganisation der innern Verwaltung Egyptens unter der Leitung Englands entschieden Fortschritte macht, scheint sich der Auf­stand im Sudan immer bedenklicher für die egyptische Negierung zu gestalten. Die Anhänger desfalschen Propheten" gewinnen immer mehr an Terrain und sie sollen sich bereits mit mehreren arabischen Stämmen in Verbindung gesetzt haben. Außerdem haben die Aufständischen die Brunnen, welche an den Straßen liegen, und die wenigen Garnisonen des aufständischen Gebietes mit einander verbinden, verschüttet, so daß es fast unmöglich ist, Truppen aus diesen Straßen vordringen zu lassen. Das Kriegsgericht zu Kairo hat von den der Ermordung des Professors Palmer angeklagten 13 Beduinen 5 zum Tode und die übrigen zu langen Freiheitsstrafen verurtheilt. Der Mitangeklagte Gouver­neur des Gebietes, auf welchem die Ermordung geschah, wurde zur Amtsent- entsetzung und zu einjähriger Gefüngnißstrafe verurtheilt. Gegen 4 andere an- geklagte Beduinen wurde die Verfolgung eingeleitet.

Kesterrcich.

Pefth, 19. Februar. Bekanntlich wurde in den letzten Tagen in dem Unterrichts- Ausschuß des ungarischen Abgeordnetenhauses mit Zustimmung des UnterrlchtsministerS der Mtttelschulgesetzentwurf den Wünschen der Vertreter der Confessionen und der Nationalitäten entsprechend umgestaltet. In Bezug auf jene Punkte des gedachten Entwurfs, die von Seiten der siebenbürgtschen Sachsen am meisten beanstandet wurden, ist zwischen den sächssichen Abgeordneten und den andern Auöschußmitgltedern ein Ausgleich" zu Stande gekommen. Die Sachsen haben den Ungarn begreiflich ge­macht, daß es nicht billig fei, von den sächsischen LehrLMtscandtdaten zu fordern, daß sie die Befähtgungsprüfung in ungartfcher Sprache ablegen. Die sächsischen Candtdaten der Theologie vollenden ihre Studien meistens auf deutschen Universitäten; wenn sie hetmkehren, werden sie als Professoren in den Gymnasien angestellt, bis sie zu einer Pfarre kommen können. Während ihres Aufenthalts in Deutschland haben sie die Uebung der ungarischen Sprache verloren, wodurch ihnen die Ablegung der Prüfung in ungarischer Sprache beinahe unmöglich wird. Bekanntlich hat der Unterrichtsmtntsier diese Forderung der Sachsen erfüllt, indem er die bekämpfte Bestimmung des Entwurfs fallen ließ. Ferner hat der Minister auch dem Wunsche der Sachsen zugestimmt, daß die Reifezeugnisse auch inlateinischer" Sprache ausgestellt werden sollen. Dagegen erklärten die sächsischen Abgeordneten, daß sie gegen die Einführung des Unterrichts der ungarischen Sprache in den Mittelschulen als unerläßlichen Lehrgegenstand nichts einzuwenden haben. Die in Angriff genommene Verwaltungsresorm wurde durch die Annahme der Vorlage über den Haushalt der Eomttate in die Richtung der Ent­wicklung derSelbstverwaltung" geleitet. Das neue Gesetz sitzt eine Pauschalsumme fest, mit welcher der Staat das Comitat entlohnt für jene Verrichtungen, welche dasselbe in staatlichen Diensten zu versehen hat. Außerdem erhält das Comitat das Recht der Selbstbesteuerung", indem es für Cultur- und Wohlthätigkeitszwccke einen drei- procentigen Steuerzuschlag einhebcn kann, und einen weiteren zweiprocentigen Zuschlag, diesen aber nur mit Zustimmung der Regierung Für die Verwendung der staatlichen Untelstützung ist dem Comitate ein großer Spielraum zugestanden. Letztere in Ver­bindung mit dem Recht der Selbstbesteuerung soll dem Comitate die Mittel zur Ver­besserung derSelbstverwaltung" bieten.

England.

London, 19. Februar. Das große Ereigniß im Proteste der Meuchelbande

Teicgraphischt Dtpkschen.

Wolff'» telcgr. Sorresponden,.Bureau.

Berlin 21. Februar. Der vorgelegte Entwurf einer Verordnung, betr tui» Verbot der Einfuhr von Schweinen, Schweinefleisch und Würsten amerikanischen Ursprungs hat in der heutigen Sitzung die einstimunge Zustu >- ,uuug des Viludesraths elhalten.

zu SDubl'ii ist derVcrrach" des Stadtraths James Carey. Er ist zum Angeber ge- worden oder vielmehr die Regierung hat sein Anerbieten, Angeber zu werden, ange­nommen. Denn es ist kein Geheimniß mehr, daß saft jeder der Bande sich dazu gemeldet hat; daß aber die Regierung, vorsichtig in ihrer Wahl, nur solche genehmigt, von deren Zeugniß sie die wcttg-hendste Aufklärung erwartet. Mit dem Stadtrath Carey ist sie besonders glücklich gewesen Nicht nur, daß er die Einzelheiten des Mordes im Phöaixpark therls aus eigener Anschauung, theils aus dem Munde der Thäter selbst vervollständigt; er hat aueu über das Wesen, den Rückhalt und die Hülfs- g.nllkn des geheimen Mordbundes ein neues Licht verbreitet- Gemäß seiner Aussage Heeßen die Mitglieder desselben dieUnbesieglichen" (Invincibles). Sie zählten anfangs deren nur vier und wurde 1881 durch einen gewissen Walsh gegründet, welcher im Auftrage eines englischen Centralbundes in London nach Dublin kam, um dort einen Hweigverein einzurichten. Diesrr Walsh, der seitdem spurlos verschwunden ist, trug sich mit großen Plänen. Sein Bund sollte Aufsehen in der Weltgeschichte macken da­durch, daß er Tyrannen aus dem Wege schaffte. Er vereidigte zunächst McCaffrey und dann unfern Carey. Die Eidesformel lautete ungefähr:Ich will aus freiem Millen und ohne jedweden geistigen Vorbehalt allen mir von den irischen Unbesieglichen gegebenen Befehlen gehorchen und keine wetteren Fragen stellen, als die zur Ausführung dieser Befehle nothwendig sind." Jede Verletzung dieses Schwurs ziehe den Tod nack fick. Während dieses Schwures halten Vereidiger und Schwörer beide em Feder­messer in der Hand- Letzteres erscheint etwas lackerlich, wird aber von Carey durch­aus bekräftigt. Bald gesellte sich ihnen James Mullott und Daniel Curley zu, und von diesen vieren wurden dann weitere Rekruten geworben, bis daß Irland sein Con- lingcnt zu den 250, welches die Gesammtzahl aller m England, Schottland und Irland bcfindl'chenInvincibles" sein solle, gestellt haben würde. Carey wiederholte eine An­gabe des erstrn Angebers Farrell, nämlich, daß der Meuchelbund mit dem Femerthum nickts zu thun habe, daß aber keines seiner Mitglieder nicht vorher ein hervorragender Fenier gewesen. Nach Walsh's Verschwinden hielt McCaffrey die Verbindung mit London aufrecht, woher auch die Gelder kamen. Er zahlte einmal an die Kosse der Unbesieglichen 40 L- aus, um sie zu der Ermordung englischer Regierungsbeamten za begeistern. Carey persönlick erhielt seine Geldmittel von einem geheimnißvollen bekannten, welcher in dem Bunde als Nr. 1 bezeichnet ward, niemals seinen Nam'N angab und anscheinend zwischen England, Irland und Frankreich hin und her suh-. Er soll sehr anständig ausgesehen haben, von hohem Wüchse und militärischem Au-- treten gewesen sein und leickt gehinkt haben. Er gab Carey einmal eine Vierzigpsund- note und zweimal eine Zwanzigpfundnote, stieg gewöhnlich in einem außerhalb Dub­lins gelegenen Gastbofe ab und wurde dann auf längere Zeit unsichtbar. Anderen Nachrichten zufolge wäre Nr. 1, auchGeneral" genannt, 50 Jahre alt, l,/8 Meter hoch, nahm am amerikanischen Bürgerkriege und als Franktireur am deutsch-franzost- scken Theil Nock vor zwei Monaten ward er in Dublin gesehen, soll sick jetzt IN 9 nbon befinden, so daß bte Polizei jeden Augenblick ihre Hand auf ihn legen kann. C eregentliche Anfragen bet seinem Bankier lautete n stets günstig, eine Antwort lautete:

Der He-r bat anscheinend unbegrenzte Mittel durch seinen Credit in Amerika". Wir stehen also am Vorabende neuer Enthüllungen. Was eigentlich die Dubliner am meisten bei diesen Enthüllungen erschreckt hat, waren die Beziehungen, welche Partiell mit der Mordbande mittelbar wenigstens unterhalbn haben soll wenn wir Carey unbedingten Glauben schenken können. Carey erwähnte einen gewissen Sberidan als Ihätiges Mitglied der Mordbandc. Nun ist dies aber jener A I. Sberidan, besten Name beim Kilmainhamer Vertrag so häufig genannt ward. Partiell ließ Forster zur Leit durch O'Shea versprechen, er werde unter gewissen Bedingungen fick dieses Sheridan bedienen um die geheimen Verbindungen zn unterdrücken. Jetzt erinnert man sich auch, daß Patrick Egon, der in Paris wohnende Schatzmeister der Landl ga wohl mit der Mordbandr Fühlung haben mußte, denn als nach dem Morde Cavendisds und BurkeS in Freeman's Journal der Vorschlag gemacht wurde die Landliga solle tausend Pfund Sterling auf die Entdeckung der Mörder sehen, drohte Egon ofort mn seiner Abdankung. Daraus wird geschlossen, daß Egon vielleicht die Unbesieglichen xn t Geld unterstützte, was ihm um so leichter geworden, als er kaum Rechenschaft abzulegen brauchte. In Dublin kennt die Wuth gegen Carey keine Grenzen, denn wenn man sick auch über die Enthüllungen freut, so weiß man doch andererseits, daß er der Haupt­anstifter der Morde war, andere zum Verbrechen anreizte und jetzt alle preisgibt, um seinen Kopf zu retten. Vor drei Jahren war er noch ein armer Maurergeselle, letzt bat er ein hübsches Vermögen, wahrscheinlich vom Blutsolde zusammengesammelt, und als er vor Kurzem zum Stadiratb gewählt worden, ließ er sich eine große Kupfer- platte: J. Carey, T. C. (Town Counciller), auf seiner Thür anbringen. Seine M t- verschworenen nannten ihn nur den Gentlemen Carey; der mit der ewigen Zigarre wr Munde einberschlenderte, während die übrigen die Blutarbeit verrichteten. Es fchemi, daß feine Frau die Behörden der Burg bewog, ihn als Angeber zu genebmifltn, ve- mutblick, weil sie ihnen Nachrichten über höher stehende Persönlichkeiten gab, welche in die Verschwörung verwickelt seien. Carcy würde jetzt in Dublin unzweifelhaft gelyncht werden, wenn er sich auf der Straße zeigte.

Dublin, 20. Februar. Der Kronzeuge Carey hat die Ehefrau des Sekretär- der Land: und Arbeitsltga-Association. Byrne, als die Ueberbringerin der beim gebrauchten Messer nicht zu tdentisictren vermocht und ist letztere in Folge dessen Wiede, auf freien Fuß gesetzt worden.

Amerika.

Die deutsche Einwanderung war im letzten Jahre eine bedeutende und hat so das Deutsch,hum's-störkt. Deutscher G-.st griff >mach, kI UM st», « ^d,-Mhlr-,ch neuen Turn- und Gesangvereine zeigen Mehr Amertkaneroenn t r

deutsch. Deutsche Sitte findet 9cachabmung in amerikan sch ^,.se zwei Mäßigkeit--- tcreffe der Amerikaner für deutsche Feste 2Beini wn SchnapS. Dre

getränke, verdrängen immer mehr und mehr den nmerikan W-iri wen ^wnap lichte und heitere germanische Weltanschauung gre ft m ck 6 $ Deutsck-

Mehr Amerikaner und Demsch-Amer rraner denn sonst b^en ihre Kindes nach^ land geschickt, damit diese dort ihre ^uLb ldung v U d . . ^sehen und Einfluß

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