Lokales.
** (Hießen, 22. Januar. sRecitat on deS Herrn Hugo Edwards Ein Buch, eine ßampc und eine Stimme — diese drei Dinge genügen, um unS tn das selige Reich de« Schönen zu erheben. WaS Schiller vom Dichter sagt, daß er da« Herz de« Leser« bald in das Reich der Todten zu senken, bald staunend himmelwärts zu heben vermöge, daß er es zwischen Ernst und Spiel auf schwanker Letter der Gefühle wiege, das gilt tn vollem Maße auch von der gestrigen herrlichen Reproduction einer herrlichen Dichtung.
Hugo Edwards Recttation des „MeisterdiebeS" von Fitger war eine wahrhatt glänzende Leistung, welche d.e andächtigen Zuhörer tief erregte und zu stürmischem Bestall hmriß. Den uncrschöpflicheii Reichthum an den verschiedensten Stimmungen, welche die Dichtung beherrschen, kindliche Hingebung und neidische BoSheit, Innige Befriedigung und Verzweiflung, Liebe und Trotz, alles dies bi achte daS feine Kunstverständniß Edwards und seine wundersam biegsame Stimme zur klarsten Anschauung und ließ Empfindungen tn der Seele des Zuhörers zurück, die noch lange nachklmgen werden.
Gießen, 22. Januar. Angesichts des schweren über die Bewohner der Ufer des Rhein und Main heremgedrochenen Unglücks ist eS gewiß sehr erhebend, zu sehen, wie Private sowohl mit Vereine wetteifern in dem Bestreben, die Noth ihrer Mitmenschen nach Kräften lindern zu helfen. Von diesem Gefühl wurde mancher berührt, der gestern Abend dem zum Besten der Ueberschwemmtcn im Großherzogthum vom Bauer'schen Gesangverein veranstalteten Concert beiwohnte. Der große Saal in Wenzel'S Garten war tn allen seinen Theilen bis auf den letzten Platz gefüllt. Das auS 18 Pidcen bestehende Programm wurde gut durchgcführt, einige Thetle desselben mit stürmischen Beifall ausgenommen. Der Ertrag des EoncertcS, welches dem Bauer'schen Gesangverein sowohl alS auch der Gießener Civtlkapelle, welch' letztere ebenfalls tn uneigennützigster Weise ohne jede Entschädigung zum Gelingen desselben mttwirkte, die Anerkennung und den Dank Aller eintrug, wird gewiß Alle, die sich für die Werke der Wohlthätlgkeit intercssircn, befriedigen.
— An der Marburger Straße in der Nähe der Marienhöhe wurde gestern Vormittag an einem Baume hängend die Leiche eines unbekannten Mannes aufgefunden.
Leden Gekommenen auf 40 belaufen werbe. In den in der Umgegend von Mulden liegenden Stätten und Ortschaften wurden ebenfalls durch die Erschütte- rungen Verheerungen angerichtet. Die Explosionen wurden auch in Amsterdam gehört, wo in der östlichen Vorstadt die Fensterscheiben zersprangen.
_ Bezüglich der bereit« gemeldeten Explosion der Pulverfabrik bei Mui- den wird weiter berichtet, daß zur Zeit der Explosion die Mehrzahl der Arbeiter in der Fabrik nicht anwesend war; e« scheint demnach, daß nur 12 Personen gelobtet und 2 verwundet wurden. Da« Schloß Muiden hat nur wenig gelitten, dagegen sind die Zerstörungen der Stadt Muiden herartig, daß die meisten Ein- roohner ihre Häuser verlassen haben.
Italien.
Rom, 20. Januar. Prinz Thoma«, Herzog von Oicnua, hat seine Abreise nach Berlin behufs Vertretung de« König« bei der Silbernen Hochzeit«, feier Ihrer K. K. Hoheiten de« Kronprinzen und der Frau Kroirprinzessin auf morgen festgesetzt.
Außland.
Petersburg, 20. Januar. Der Kaiser hat für die durch den Circus- brand in Bredüfcheff Geschädigten und die Fainrlien der beim Brande ums Leben Gekommenen 4000 Rubel gespendet.
Aegypten.
Kairo, 20. Januar. Meldung der „Agcnce Havas" : Die Aushebung der Controle ist dem hiesigen diplomatischen Vertreter Frankreichs notificirt worden, der letztere hat bei'der ihni gemachten Mittheilung alsbald seine Vorbehalte geltend gemacht.
Amerika.
New-Aork, 20. Jan. Der gestrige von San Francisco kommende Erpreßzug der Southern-Pacific-Eisenbahn suhr in Folge eines Bruches der Brcmsketten unweit Los Angeles einen steilen Abhang von 4 Meilen nut einer übermäßigen Schnelligkeit herab und stürzte über die Einfriedigung. Die Trümmer des Zuges fingen Feuer. 15 Personen wurden getödtet, mehrere davon waren verbrannt und 14 andere verletzt. 7 Leichname sind aufgesunden, die- selben find aber unkenntlich.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telcgr. Correspondenz-Bureau.
Berlin, 21. Jan. Prinz Karl ist h e u t e N a ch m i t t a g 1 0 M i n u- ten vor 2 Uhr gestorben. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin hatten sich gegen halb 2 Uhr zum zweiten Male zu dem Prinzen begeben, um mit demselben das heilige Abendmahl zu nehmen. Zn Folge zu großer Schwäche des Prinzen mußte die heilige Handlung unterbleiben. General-Superintendent Dr. Kogel betete mit den Majestäten am Lager des Sterbenden; während des Gebetes verschied der Prinz. (Prinz Karl, am 29. Juni 1801 geboren, war 4 Jahre jünger als sein Bruder, Kaiser Wilhelm; er war vermählt mit der Prinzessin Marie Louise Alexandrine, Tochter des verstorbenen Großherzogs Karl Friedrich von Sachsen, Wittwer seit dem 13. Januar 1877. Er hinterläßt drei Kinder: den Prinzen Friedrich Karl und die Prinzessin Marie Louise, vermählt mit dem Prinzen Alexis, Landgraf von Hessen - Phllippsthal- Barchfeld, geschieben 1861, und Prinzessin Marie Anne, vermählt mit dem Landgrafen Friedrich von Hessen).
Hamburg, 21. Januar. Der Hüller Dampfer „Sultan", welcher am Freitag Morgen mit dem Hamburger Postdampser „Gimbrifl" zusammengcfloßen war, ist stark beschadtgi m btr Elbe eingetroffen. lieber den untergrgangencn Dampfer ,(£'mbria" w'.rd noch bekannt, daß derselbe am Donnerstag von Hamburg abgegangen und in der Elbe auf den Grund gerathen war. M't der Fluth und unter Assistenz des Dampfers Hansa" kam die „Gimbria" unbeschädigt ab und gmg Nachmittags um 2J/i Uhr in See, worauf am Freitag Morgen bei dichtem Nebel der Zusammenstoß erfolgte.
Hamburg, 21 Januar Der Postdampfer „(Simina" wurde, wie weiter gemeldet wird, bei dem Zusammenstoß mit dem Dampfer „Sultan- so schwer beschädigt, daß es sofort klar wuro-, er würde tn kürzester Zeit sinken. Von Seiten der Officierc wurde deßhalb alles gethan, waS geschehen konnte, um die an Bord b. sindltchen Personen zu bergen, was bei dem sich sehr schnell auf d'e Seite legenden Schisse sehr schwierig war, nach kurzer Zeit aber auch sich alS unmöglich berauSstellte. AlS der zweite Officier noch mit dem Loshauen b*r Bänke an D^ck beschäftigt war, um mög- l chst viel treibendes Holz zu schassen, sank daS Schiss unter ihm fort. Er erfaßte eine Spiere, als sich aber viele der im Wasser treibenden Personen daran anklammerten, ließ er los, schwamm dem Boote zu, welches später von dem Dampfer „Theta" auf- g kommen wurde, übernahm dessen Führung und brachte es nach Kuxhafen. Fernere 17 Mann wurden durch das Schiff „Diamant" am Weserleuchtthurm gelandet. Unter den Gereiteten befindet sich, soweit bisher sestgcftellt werden konnte, von der Besatzung: Der zweite Officier Spruth, der dritte Officier Heyden, der vierte Officier Voß, der zweite Ingenieur Kopmann, die Assistenten Sauerbr y und Oberheide, der erste Steward Harder, bte Quarttermesster Klatt, Wuelfken und Lau, die Heizer Blaues, Engel und Franke, die Zwsschendeck-Steward Thurow und Andersen, die Matrosen Vierow, Alexandersen, Johannsen und Meyer, die Leichtmatrosen Menchow und Jentzen; der Schiffsjunge Rehn. Von Passagteren: Alfr. Voigt, W- Tornemann P. Comiolier, B. Lorenz, Geschw. Allendorf, G- Homel, W Dan elwig, R- Hanowitz, Frl. Schmul, R. Pfeifenkopf und Frau, L- Reicher, L- Schuett, Bourgeus, Colin, Cohrts.
— Nach Aussage eines der Geretteten von der „Ctmbista" war das Wetter in der Nacht vor der Collision bis V/< Uhr hell, alSdann trat Nebel ein, welcher immer Achter wurde. Bis V/2 Uhr arbeitete die Maschine der „C'mbria" mit voller Kraft werter, bis 2 Uhr mit halber Kraft, von da an langsamer. Um etwa 2 Uhr 10 Min. wurde die Pfeife eine« andern Dampfers gehört, worauf die Maschine der „Cimbria" sofort gestoppt wurde. Das grüne Licht des „Sultan" wurde in Folge des starken Nebels erst gesehen, als der Dampfer ca. 150 Fuß von der „Cimbria" entfernt war. 7,ie „etmorta" wurde an der Backbordfeite getroffen und sank alsbald nach der Steuerbordseite. Am andern Nachmittag 2 Uhr wurde daS eine Boot von der „Theta" aufgenommcv, welche gegen 6 Uhr in Kuxhafen eintraf. Die Namen her beim Wsser- leuchtthurm Gelandeten sind noch nicht bekannt.
— E'n Reporter, welcher an Bord deS „Sultans" war, berichtet, die gesammtc Mannschaft desselben verweigere jede Aussage über die Collision. Der Capitän hat bei dem englschen Corssul amtliche Aussagen gemacht, doch verlautet über den Inhalt derselben noch nichts. Der Schaden des „Sultan" besteht in einem großen Loch im Bug, 7 Fuß über der Masserhöbe.
Havre, 21. Januar. Der Dampfer „Picardie" von der „Compagnie gerate trtnaatlantique“ ist auf der Fahrt von New-Bork nach Havre gesunken. Die ganze Besatzung wurde gerettet und von dem Dampfer „Labrador" ausgenommen, der heute f üb tn Havre eingetroffen ist.
Hamburg, 22. Januar. (Privat-Depesche). Von dem gestrandeten Dampfer „Cimbria" sind bis jetzt im Ganzen 56 Personen als gerettet bekannt.
ötrmifcbttS»
Kassel, 19 Januar. Einen schrecklichen Fund machte man gestern in einem Haufe in der Mühlengasse tn der Unterneustadt, dort war noch von dem letzten Hochwasser der Keller deS HaufeS zum Theil mit Wasser angefüllt und dasselbe wurde herauSgepumpt Als der Boden bet KellerS trocken gelegt war, fand man daselbst die Leiche einer Frau. Wie es heißt, wäre eS eine Bauersfrau au« Waldau, welche ver- muthlich bei Dunkelheit in daS Hau« gegangen und auf dem zum Theil mit Wasser bedeckten Hausflur in die unter dem Wasser offen stehende Kelle-lucke gefallen ist, fo daß sie in dem mit Wasser bis oben angefüllten Keller ertrunken ist. Der Leichnam wurde nach dem Todteahos geschafft. (T. u. A.)
Aus Eschwege, 16 Januar, schreibt man der „H. M" über den schon gemeldeten Bergrutsch: Schon seit mehreren Wochen wurden unterhalb Albungen, direct Über der Bebra-Fiiedländer Bahn bedenkliche Anzeichen einer bevorstehenden Lerg> rutschung bemerkt und in Folge dessen Vorkehrungen zur Sicherung des Bahnbetriebes getroffen (Heftern Abend gegen 8 Uhr, als eben der Güterzug nach Erchenberg die gefährliche Stelle passirle, ist die Katastrophe erfolgt: an dem steilen Berg haben sich etwa auf 100 Meter Höhe bedeutende Erdmaffen losgelöst und haben die Bahn auf et ra 50 Met.r Länge mehr ober weniger vollstänbig verschüttet unb noch immer drohen in der Höhe deS BergeS weitere Massen nachzurutichkn Kleine Waldflächen mit circa 15—20jähr'gem Buchen- und Elchenbestand, eine stattliche alte Eiche, sind ganze Strecken von ih.er Stelle verrückt unb überall zeigen sich tiefe Risse in ber Erbe. Der Bahnbetrieb hat dadurch natürlich erhebliche Störung erlitten, die Güterzüge find auf andere Routen verlegt, die Personenrüge gehen zwar wie d'Sher, aber die Passagiere müssen aussteigen, einige hundert Schritte gehen und in einen anderen Zug wieder kinsteigen; glücklicherweise geht unmittelbar die Landstraße n ben d r Bahn her, so daß die Strecke gut zu passtren ist: auch sind entsprechende Vorkehrungen getroffen, um bas Umsteigrn zu erleichtern. Heute waren bereits höhere Essenbahnbeamten an Ort unb Stelle und e« ist die Legung eines NothgeleffeS in Angriff genommen, bte Räumung bes Schuttes soll aber wegen ber zweifellosen Nachrutschungen eingestellt fein unb die Verlegung der Bahnlinie auf etwa 1 K'lom. Länge ist bereits in Aussicht genommen.
— In nächster Zeit werden neue Re-chskassenscheine zu 20 Mark unb bald darauf auch solche zu 5 Mark auSg?geben werden. Dieselben sind in gleicher Weise wie d'e neuen Rcichskaffcnsch..ne iu 50 Mark in Kupferstichbruck auf Hanfpapier hergestellt , welches mit senkrechten Rippen versehen ist unb an bem einen Ranbe einen mit dunkelblauen Pflanzenfasern durchsetzten. besonders auf der Rückseite deutlich erkennbaren, bläulichen Streifen enthalt Die Schaufeite zeigt das deutsche RelchS- wappen und an drei Stellen eine Inschrift.
Literarisches.
Die »Neuen fliegenden Blätter^ für Lcher- und Ernst, Humor und Latyre (Commrssions-Verlag Ph. Höpfner in München) sind frei von jeder politischen Tendenz unb reich an gutem Witz, gut gehaltenen Humoresken unb schönen Gedichten. Um den billigen Preis von 1,50 Mark bteht dieses Journal nicht nur jeder Familie ein schönes Unterbaltungsblatt, sondern sollten auch insbesondere alle Restaurants, Cafö- unb Gastlokalitäten diese kleine Ausgabe nicht scheuen, um ihren Gästen jede Woche b'esrs bumoristssche Blatt vorlegen zu können. Die reichen Illustrationen sind sehr schön und das Papier üoitrefflid), so baß die Ausstattung nichts zu wünschen übrig läßt. Probe-Nummern liegen in den meisten Buchhandlungen auf
töanbcl und Verkehr.
Grün berg, 20. Januar. (Fruchtpresse.) Weizen 3L 19.00, Korn JL 15.06, Gerste JC 14.00, Hafer .*L 12.00, Erbsen JL 00.00, Lern JL 00.00, Samen JL 00.00, Kartoffeln^ .00 ganuar Auf dem heutigen Markt kostete der Gentner Heu X 3 25—4, ©trob .*L2.00-2.25, Eier das Hundert «^6.50—7.70, Stück 8—10^, Butter 1 Qualität JL 1.30, 2. Qualität X 120, Kartoffeln per Centner X 3.50—8.00, Blaukraut per Stnck 3-5 Wirsing 6-8 H Nothkraut 12—18 H das Stück, Gans per Md. 50—80 X, Huhn X 1.50—2.70,1 Ente^ 1.80—2.00,1 Taube 70 H, Hahn X 1.20—2.00. ___________
Frankfurt a. M., 22. Januar, Nachmittags 2 Uhr—Min. (Telegrcwhtscher Courtzbericht. Mitgetheilt durch das Bankgeschäft Albert Kaufmann in Gießen.) Creditaetien 244‘A, Staatsbahnactien 274Va, Galizier 248s/e, Lombarden 113</4, Nord- westbahnactien 166‘/4, Darmstädter-Bankactien 147, Oberschlesische E.-B.-Act. —, Oesterr. Silberrente 65“/i«, 4% Ungar. Goldrente 72%, 4% 1880er Russen 68%, 5% 1877r Russen 8703, 2. Orient-Anleihe 55%, Spanier 593/4, 5% Rumänische Rente 907/a, 4«/0 Uni sic. Egypter 71'/s, Disconto Comm. 1843/*, Gotthardbahnactien 1098/16. Tendenz: schwach. _____________i_u_—
Für die Wasselbefchädigten im Großherzogthum gingen weiter bei unS ein: Prof. Dr. Kreisch mar 20 X, M- Heichelheim 20 X, Clara Bier, Lollar 3 X, Bautz, Lollar 5 X. von einer Gießenerin in New-Aork 5 Dollar = 20,80 X, Solosviel im kühlen Grund 1,60 X, gesammelt vom Sängerkranz bei heiterer Stimmung 8,55 X. Gesangverein „Harmonie" in Groß-Linden beim Stiftungsfest gesammelt 12,30 X. israel. Nrllgionsgemeinde zu Rodheim unb Vetzberg 15,41 X, Prof. Marchand 20 X. vom Kriegerverein zu Watzenborn unb Steinberg 10 X, „Concordia" in s2Biefect20 X. vom Solotisch in der Restauration Schnell 0,76 X Jnsgesammt 157,42 X, mit den in Nr. 17 quittirten Beträgen nunmehr 6770,92 X
Allen freundlichen Gebern herzlichen Dank sagend, bittet um weitere Gaben Die Expedition des „Gießener Anzeiger".
Briefkasten.
Herrn R-, Fauerbach. Ihre freundliche Mittheilung von dem Jrrthum des waidgerechten (?) JägerS, welcher eine Reh-Gais für einen Bock schoß, mag wohl für Jagdfreunde von Interesse fein, für em größere« Publikum aber doch wohl nicht Der Schütze wird wohl ein sogen. Sonntagsjäger gewesen sein. Im Uebrigen besten Dank und Gruß.
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