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Ne. 18. Dienstag den S3. Januar 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- uiib Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Deutschland.
Darmstadt, 19. Januar. Se. König!. Hoheit der Großherzog begaben sich heute früh per Wagen über Gernsheim, Groß-Rohrheini nach Biblis, um das dortige Überschwemmungsgebiet in Augenschein zü nehmen. Der Weg zwischen den beiden letztgenannten Orten, an deffen Herstellung gerade gearbeitet wurde, war auf eine ziemlich große Strecke noch derartig mit Äs bedeckt, daß es nur durch Einschrauben scharfer Stollen in die Eisen der Pferde ermöglicht wurde, denselben zu passiren. "Nachdem Se. König!. Hoheit in Biblis von dem Großh. RegierungS-Accessisten Fey au« Bensheim und dem Großh. Bürger, meister Freihaupt Bericht über die Art und Größe der durch die Fluthen ange> richteten Verwüstungen entgegengenomnten, wurden die ain Meisten geschädigten Theile des Ortes, die Kirche und Häuser besichtigt, worauf sich AUerhöchstdie- selben m das Rathhaus begaben, um sich die daselbst lagernden Liebesgaben an Bekleidung«. Gegenständen und Lebensmitteln anzusehen. Nachdem sich Se. König!. Hoheit noch längere Zeit mit den genannten Herren über die Verhältnisse des Ortes und der Gegend eingehend unterhalten, traten Allerhöchstdie. selben die Rückfahrt an und trafen gegen 2 Uhr Nachmittag« wieder in Darm, stadl ein.
— Von des Reichskanzlers Fürsten Bismarck Durchlaucht ist auf das telegraphische Ersuchen der zweiten Kammer der Stände, Sr. Mas. dem Kaiser den Ehrfurchtsvollen Dank der Kammer für die hochherzige Zuwendung an die Wafferbeschädigten des Großherzogthum« übermitteln zu wollen, folgende Ant- wort an den Präsidenten der Kammer eingelaufen: „Euer Hochwohlgeboren Telegramm vom gestrigen Tage habe ich mich beehrt, Sr. Alas, dem Kaiser vorzulegen, Allerhöchstwelcher von dem Inhalt mit Wohlgcsallen Kenntniß genommen hat."
Darmstadt, 20. Januar. Die Abreise Sr. Königl. Hoheit de« Groß. Herzogs und Ihrer Großh. Hoheiten der Prinzessinnen Victoria und Elisabeth nach Berlin zur Feier der Silbernen Hochzeit der kronprinzlichen Herrschaften findet Sonntag Abend 6 Uhr 45 Min. statt. Im Gefolge' werden sich Hof. dame Freiin v. Grancy, sowie Generalmajor v. Westerwcller, Major Wernher und Oberstallmeister Frhr. v. Rabenau befinden.
— Ihre Maj. die Kaiserin Augusta übersandten Ihrer Königl. Hoheit ver Frau Prinzessin Karl 1000 JL mit der Bestimmung, diese Summe nach ihrem Erineffen für die Wafferbeschädigten zu verwenden.'
Berlin, 19. Januar. Der Reichstag beschloß, die Wahl Levetzow'« entsprechend dem Anträge der WahlprüfungS-Coinmission zu beanstanden. Da« Haus setzte sodann die Berathung des Wedell'schen Antrags fort. Büchtemann spricht sich gegen denselben aus und bemerkt, derselbe habe wenigsten« die Güte gehabt, die große internationale und wirthschastliche Bedeutung der Börse llar> prlegen, Czarlinski ist für den Antrag und plaidirt für Commissions-Beralhung, Somuniann gegen denselben, aber für conuniflarische Prüfung unter Ausdehnung aus die Ergebniffe der bisherigen Stempelgesctzgebung, welche auf den kauf, männischen Betrieb lästig und hemmend einwirke, Kayser wünscht ein energisches Vorgehen gegen das Börsentreiben, hält aber in Anbetracht der Mängel de« vorliegenden Antrages ebenfalls eine commissarische Prüfung für nothwendig -chorlemer.Alst spricht sich in gleicher Weise für CommissionS-Berathung aus' der Antrag selbst sei ihm sympathisch, Meyer (Halle) spricht sich gegen den' Antrag aus, welcher die Bedeutung der Börse ganz verkenne, Perrot ist fiir den Antrag, welchen er durch umfassendes statistisches Material näher zu begrün- den sucht, Löwe (Berlin) bekämpft den Antrag al« Product der agrarisch, lvualfftischen Politik. Nach einer Reihe persönlicher Bemerkungen wird das Schlußwort Wedelns auf morgen vertagt.
— Fürst Bismarck besuchte heute den Staatssecretür Bötticher und empfing seinerseits den Besuch des Prinzen Wilhelni.
— Bezüglich des Tarifconflicls zwischen den preußischen Staatsbahnen und den österreichischen Bahnen hebt die „Nordd. Allg. Zlg." den Angriffen deutscher Blätter gegenüber hervor, die preußischen Bahnen erstrebten nichts werter, als eine gleichmäßige Behandlung der deutschen und der fremden Erzeugnisse auf den diesseitigen Bahnen. Im Streite mit der Rordwestbahn handle etz sich um unbedingte Publicität der Tarife im Interesse des allgemeinen Ber- ehrs, mit dem Streit über oie Couponü-Einlösung der österreichischen Bahnen habe die Angelegenheit durchaus nichts zu thlin.
d^rlin, 20 Januar. Reichstag. Die Interpellation des Aba. o. Schalscha betreffs der Seelsorge für die katholischen Soldaten in Kose! wurde iiach der Erklärung des Uriegsministers, dieselben nach Einziehung der erfor» verliehen Informationen in etwa 8 Togen zu beantworten, wieder uoii der bcu* tigen Tagesordnung abgesetzt. Das Hans verwies fobaun den Wedell'schen 'lntrag wegen Einführung einer höheren Börsensteuer nach dein Schlußworte Herrn v. Wedell an eine Commission von 21 Mitgliedern. Gelegentlich her |id) daran anschließenden Etatsberathung erklärte sodaiin der Bundes- ommiffar auf eine Anfrage wegen des deutschen Mädchenhandels, Holland habe mr Abstellung deffelben eine internationale Vereinbarung angeregt lind Deutschland werde sich an dieser Vereinbarung betheiligen. Der Entwurf eines Ans- stihrungsgesetzes zur Reblaus-Convention werbe dem Reichstag noch in dieser Session zugehen. Das Hans erledigte den Etat bis zur Position Reichsgesund- Ileüsamt und vertagte sich sodann bis Montag. Der Präsident theilt mit, es
seien ihm abermals namhafte Spenden aus Amerika zugegangen, deren Ueber- weisung er bereits angeordnet habe.
Berlin, 20. Januar. Es ist schon anderweitig auf die erfreuliche Thatsache hmgewresen worden daß sich in den letzten Jahren der deutsche Export nach d7n Staaten Nordamerikas sehr bedeutend gehoben hat. Insbesondere sind es Gegenstände der Kunstinduftrie, welche in Amerika trotz der dortlgcn außerordentlich hohen Kölle und der Abneigung der Amerikaner gegen solche deutsche Fabrikate einen steigenden flc^ben ^ben. Der letztere würde gewiß noch beträchtlicher sein, wenn die deutschen Maaren in richtiger Meise etngeführt würden; wir meinen, wenn das gerade auch für Amerika passende Wort: .Klappern gehört zum Handwerk", von den Deutschen bester wahrgenommen werden würde. Noch immer ist der deutsche Fabrikant vielfach genothigt, seine Waarrn unter fremder Etikette einzuführen, weil das Reu- leaux sche Wort »billig und schlecht" — noch immer im Schwünge sich erhalten hat und weil die Mode die englischen und französischen Maaren begünstigt. Es wäre ein nationaler S'eg, wenn es gelänge, auch in Bezug auf die Mode uns von Frankreich zu befreien und auf eigene Füße zu stellen.
Fehlt es doch nicht an ei munternden Beispielen in dieser Richtung! Wir wollen nur darauf Hinweisen, daß vor kaum einem Jahrzehnt ein jeder Deutscher glaubte, seinen Hut nach französischer Mode tragen zu müssen und doch ist es dem Verein deutscher Mode, der unter den Hutfabrikanten gegründet wurde, jetzt gelungen, die französische Maare zu verdrängen und die deutsche an deren Stelle zu setzen. Man sollte meinen daß auch das deutsche Kunstgcwerbe industrielles Geschick, künstlerischen Geschmack genug besitzt, um allen Ansprüchen zu genügen: freilich müßten unsere vornehmen Damen voran sich von den französischen Vorschriften, die schließlich doch Nur von der Pariser Halbwelt gegeben werden, frei machen. Haben wir eS erst bei uns in Deutschland oahm gebracht, daß die deutsche Mode in Allem die vorherrschende ist, so wird auch der deutsche Fabrikant nicht m hr nöthig haben, sein Fabrikat durch fremdländische Etiketten weltmarktfäh g zu machen.
„ Die Reichsregterung läßt es an Ermunterung und Unterstützung des deutschen Exports nicht fehlen. Die allgemeinen Derhältniste sind augenblicklich günstig ger-ua, um nach der hier anged.uteten Richtung energische Versuche erfolgreich erscheinen zn lasten.
— In parlamentarischen Kreisen wurde heute die Lage der von der Ueber- schwemmung heimgesuchten Distrikte der Pfalz sehr lebhaft besprochen. Die Grundlage dieser Besprechungen bildeten die Mittbeilungen eines eben von dort zurückgekehrten Parlamentariers, denen wrr Folgendes entnehmen:
Das mehrere hundert,Quadratkilometer überschwemmte Terrain steht IV» biS 2 Meier unter Master. Der aus dem Jahre 1827 stammende, jetzt durchbrochene Damm bet Oppau ist in seinem oberen Theile tadellos, dagegen in seinem unteren Theile vom Wasser unterspült. Er ist im Altthein auf Sandunterlage gebaut, welche weggespült wurde, wobei der vor der Ueberschwemmung außerordentlich häufig wechselnde Wasserstand eine starke Strömung deS Grundwassers erzeugte, da dirseS sich nach dem jeweiligen Stande deS Rheins richtet. Die Unterwaschuna des Dammes hatte somit schon vor der eigentlichen Ueberschwemmung begonnen und jener konnte dann dem An- pralle der mächtigen Wasserfluthen des Rheins nicht mehr Stand halten.
Aus den überschwemmten Aeckern, welche nicht im alten Strombette gelegen, sind die Wintersaaten vollends zerstört. Der Boden ist nicht mit fruchtbarem Schlamm bedeckt, sondern leicht versandet, so daß schwere dauernde Schäden nicht zu befürchten sein dürften. Bet den Aeckern, welche am Hauptftrom liegen, sind dagegen tue Beschädigungen sehr schwere, da zahllose Löcher geristen und die Ackerkrumen weg- gescbwemml sind. Für die Betrostenen werden größere Unterstützungen nothwendig weiden.
Hauptaufgabe ist jetzt, durch Ziehung von Gräben und weiteren Durchfticy von Straßen die Aecker baldmöglichst trocken zu legen, damit die Frühjahrsbestellur.g ermöglicht wird. Gelänge dies nicht, so wäre die Lage der Bauern eine trostlose.
D e von dcr bayerischen Regierung bewilligten 200,000 JL sollen für samtäts- polizeiliche Zwecke verwendet werden und eventuelle weitere Unterstützungen ohne Zustimmung der Kammern nicht gemacht weiden. Augenblicklich werden die Schäden durch die kombinirten HülfScomite'S festgestellt, von deren Ergedniß weitere Sammlungen und weitere Maßregeln abhängen.
Graf Geza Zichy ist heute Vormittag hier eingetroffen und wird am 24. auf Einladung Ihrer Majestäten des Kaiser« und der Kaiserin bei Hofe spielen. Vorher, am 21., spielt Graf Zichy in der Singakademie, zum Besten der Rhein-Ueberschwemmten abermals in Gemeinschaft mit Prof. Joachim, wobei eine reizende ungarische Fantasie von Zichy zur Aufführung gelungt, in welcher Joachim mitwirkt. Graf Zichy hat zuletzt in Karlsruhe auf specielle Einladung deS GroßherzogS am dortigen Hofe gespielt und wurde mit dem Eommandeurkreuz des OrdenS vom gähringer Löwen ausgezeichnet.
Braunschweig, 20. Januar. Der Bildhauer und Erzgießer, Professor Georg Howaldt ist gestern Abend gestorben.
Hamburg, 21. Januar. Eine unheilvolle Kunde trat gestern Abend hier ein, eine Kunde, ganz geeignet, die Gemütber mit Entsetzen zu erfüllen Gestern Morgen traf das Hüller Dampsboot „Sultan" schwer beschädigt hier ein
Dasselbe war in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag bei Borkum in Nebel auf circa 15 Faden Wasser mit einem größeren Dampfer, anscheinend mit Passagieren an Bord, in Kollision gerathen. Dieser Dampfer ist gesunken; es war die ,Eim- bria", der Hamburg Amerikanischen Packet - Schifffahrt - Aetten » G« sellfchaft gebärend. (Siehe Depeschen)
England.
Dublin, 20. Januar. Die Anklage in beni Processe wegen des Com- plottes zur Ermordung mehrerer Polizeiofficianten und Beamten richtet sich gegen 22 Personen. Der Hauptzeuge ist ein gewisser Farrell, welcher zu der Mörderverbindung gehörte und seine Kameraden verriet!). Ans seinen Deposi- tionen ergab sich, daß die Mehrzahl der Angeklagten bei den jüngst vorgekom- menen Atorden und bei dem mißglückten Versuche, den früheren Vicekönig Forster zu ermorden, betheiligt sein soll. Der Proceß macht großes Aufsehen. Die Verhandlung ist aus weitere 8 Tage verschoben worden.
Kossand.
Amsterdam, 19. Januar. Heute früh fanden in einer Pulverfabrik bei Mniden (3 Stunden von Amsterdam entfernt) drei furchtbare Explosionen statt, dnrch welche von vielen Häusern in Muiden die Dächer fortgerissen wurden. Die Zahl der bei den entsetzlichen Explosionen verwundeten oder getödteten Personen ist noch nicht sestgestellt, doch fürchtet man, daß sich die Zahl der ums


