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Samstag den 22. December
Mr. 298.
1893
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Vureairr Schulstraße 7.
Preis vierteljährlich 2 Mart 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telrgr. Eorres-on-em-Vurea».
Berlin, 20. D-c-mber- Mach hier vorltegend-u Nachrichten aus Petersburg soll Kaiser Aicrander aestern bei der Jagd aus dem Schlitten gefallen sein. Die Ver- letzukg soll durchaus unb-?Lt-nd ,-i« - Eine offiei-ll- Bestätigung aus Petersburg liegt ^^^°rddeutsche Allgemeine Zeitung- warnt vor der Erfindung und Der- breitung von Sensationsnachrichten, durch welche nur denen geschadet werde, die Mr Vrosverttät ihres Geschäfts der Ruhe im Lande und einer vor kriegerischen Bei- Wickelungen gesicherten Zukunft bedürften und weist dabet auf die erfundene Nachricht eines btefittn Blattes bin, daß bet dem hiesigen Etsenbahnbotaillon Unterricht in der Russischen Sprache ertheUt werde, was in' der Russischen Presse nicht geringe Auf- regnn^e^rg-rufin^hab^ Allgemeine Zeitung" sagt Fürst B.smarck s-i mtt d-m Minister von Putikamer in Betreff der Bekämpfung der geheimen Wahl vollständig ^verstanden und habe sich unter Beibehaltung der öffentlichen Stimmenabgabe sogar iür das allgemeine Stimmrecht auch bet den Landtags- und Gemeindervahlen erklärt. Die Preußische Regierung we de eist erwägen müffen, ob die geheime Aosttmmung bet den Reichstagswahlen für die Retchs'nsttiuttonen nachtheilig sei und eventuell ohne alle Ovvoriunilätslücksichten Aenderungsanträge stellen.
Kölr? 20 Mcmber. Der linksrheinische Zug Nr. 36 vom Kempen kommend, ist heute Mutag bei der Einfahrt hier von einem von anderer Seite kommenden Tender in der blanke erfaßt worden. D-r Maschinist, der Hetzer und Bremser wurden sofort getödtet, mehrere Angestellte oerlcht. Reisende sind angeblich nicht verletzt worden. Der Verkchr^ertM^keme^UnNrbr chung.^^ Anhaltendes R-g-nwett-r herrscht, vom Oberrhetn und Main wird neuerdings wieder Steigen des Wassers gemeldet.
— Nach amtlicher Meldung des EisenbahnbetrtebSamts wurde der Eisenbahn- Unfall durch den Zusammenfiotz der Locomotiven der beiden Züge herbetgesührt. Zwei Beamte wurden getödtet, einer schwer und einer I-tchl v-rl-tzl.
Politische Uebersicht.
Gietzen, 21. December.
Das Weihnachtsfesi niit all' seinem Glanze, seinen großen und kleinen Freuden, steht wieder vor der Thür und allerorts hat man sich gerüstet, dasselbe nach althergebrachter Weise zu begehen. Wenngleich die Weihnacht^ feier ihren Haupteinfluß im häuslichen Kreise ausübt, so kann sich doch auch die Politik für gewöhnlich deren Einwirkungen nicht ganz entziehen, indessen, der Gang her großen Ereignisse ist nicht an die Feste der Völker gebunden und gerade diesmal gehen die politischen Wellen höher als sonst zur Weihnachtszeit. Für uns in Deutschland hat zunächst die spanische Reise des deutschen Kronprinzen einen erhöhten Pulsschlag des politischen Lebens hervorgerufen und mit steigendem Interesse verfolgte inan in der Heimctth den Verlaus dies er Reise und die Auszeichnungen, welche während derselben dem ritterlichen Erben des deutschen Kaiserthrones von Spaniens Herrscher und Volk zu Theil geworden sind. In noch erhöhterem Maße wendet sich aber nun die allgemeine Aus- merksamkeit bem Besuche des deutschen Kronprinzen in der italienischen Hauptstadt zu, namentlich deßhalb, weil dieser Besuch auch dem Papste mitgalt und selbst abgesehen von der kirchenpolitischen Frage, welche in Deutschland noch immer eine Hauptrolle spielt, würde der Besuch des zukünftigen deutschen Kaisers beim Oberhaupte der deutschen Christenheit unter allen Umständen seine Bedeutung behalten. Bezüglich der Wiederabreise verweisen wir aus diese an anderer Stelle unseres Blattes.
Der Kaiser erfreut sich andauernd des besten Wohlbefindens und nimmt täglich die gewohnten Vorträge entgegen, wie er auch fast jeden Tag Audienzen ertheilt. Am Dienstag empfing er auch den Kardinal Fürsten Hohenlohe und kann man diese Audienz wohl in Anbetracht des Besuches, den Kronprinz Friedrich Wilhelm dem Papste abgestattet, eine besondere Bedeutung beimessen. .
Das preußische Herrenhaus ist bereits am. Dienstag in bw Weihnachtsferien gegangen, während das Abgeordnetenhaus ihm am Mittwoch folgte. Vor seiner Vertagung hat das Herrenhaus nach zweitägigen Verhand- Ittnaen in zweiter Berathung noch die Vorlage über die neue Jagdordnung angenommen. Dieselbe weicht nach den Beschlüssen des Herrenhnusss von der bisher in Preußen bestehenden Jagdordnung in verschiedenen wichtigen Punkten ab' vor Allem ist die Jagd mit Schußwaffen und Hunden Sonntags nicht mehr gestattet, weiter ist die Schonzeit für Rehböcke vom 1. gebruar bis zum 15 Mai festgesetzt und ebenso hat die Schonzeit für das weibliche Rehwild, für Hasen und Elchwild eine weitere Ausdehnung erfahren. Ob das Abgeordnetenhaus diesen Aenderungen in der Jagdordnung beistimmen wird, ffr indessen noch fraglich. Was die Tätigkeit des Abgeordnetenhauses m den letzten Schungs- ragen vor Weihnachten anbelangt, so beschäftigte sich dasselbe am Montag und Dienstag lediglich mit dem Etat des Ministeriums des Innern, dessen einzelne Positionen fast durchgängig im Sinne der Regierung angenommen wurden. Außerdem brachte Finanzminister v. Scholz am Dienstag auch die Gesetzentwürfe über die Einkommensteuer, durch welches Gesetz bekanntlich dw Aufhebung der dritten und vierten Einkommensteuerstufe m Preußen vorgeschlagen Wird 9unb über die Einführung der Capitalrentensteuer ein. Am Mittwoch erledigte das Haus noch verschiedene Theile des Etats des Handelsministeriums, des Staatsanzeigers, des Auswärtigen Amtes u. s. w. und vertagte sich sodann bis zum 8. Januar 1884, an welchem Tage die Sitzungen wieder
Legmuen. . ^ichische Hauptstadt steht noch immer unter dem Ein-
Drucke der Erregung, welche die Nachricht von der Ermordung des Polizei-
Lonc visten Hlubek in vielen Schichten der Wiener Bevölkerung hervorgerufen
bat Man Lmt an, daß Hlubek, welcher am 16. December dem Tage semer c Nt>nit>runas-Vertreter einer in dem Vororte Floridsdorf statt-
nthmbS beigewohnt hatte, den socialistischen Fanatikern
ÄS ° all n st W der That dringend verdächtig erscheint der ver- 'ä* "L ä? ffiSrhSf Unaarns hat in dieser Woche den Tisza - Eszkarer Procetz m zwettkr Instanz wieder ausgenommen, die Verhandlungen dürsten ,ed°ch diesmal 11UC ?e^Gr°ß'k°Raih von Bern hat den Antrag auf Aufhebung der 22T" ^Meldung'derff ÄÄÄS «vgelehnt. L)le uw. b aufgeqeben, zur Wiederherstellung
b "8 ranzos « r, r Tongkinq-Expedition. Das Cabinet ist Gabe eine Vermehrung der Kosten der Dong ing xp ber Deputirten-
bereits zu der Einsicht 9 Frcs. bei Weitem nicht ausreichen
kammer für Tongkmg bewilligen » .u ... Durchführung der
-»w hat °°n er Kammer noch 2- behufs^nergssq^ diener-
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diese Opserwilligkeit der Kammermehrheit sieht sich Die französische Negierung in den Stand gesetzt, kräftiger als bisher in Ostasien vorzugehen und wird noch vor Neujahr ein weiteres Corps von 8 bis 9000 Mann unter dem General Millot als Obercommandirender, dem die Brigade-Generäle Negrier und Briöre de I'Jsle untergeordnet sind, nach dem ostasiatischen Kriegsschauplätze abgehen. Aus diesem selbst bereiten sich ernste Dinge vor; Admiral Courbet ist nach längerem Zögern mit 6000 Mann gegen Sontay aufgebrochen und lagert 7 Meilen von dieser Stadt entfernt, welche von 20,000 Chinesen und „Schwarz- Flaggen" besetzt sein soll. Neuere Depeschen melden indessen, daß die feindlichen Haufen sich vor den Franzosen in die Gebirgswaldungen zurückziehen und daß Sontay wahrscheinlich ohne Gefecht besetzt werden würde. — 8000 Ofsiciere sollen sich beim französischen Kriegsminister zur Theilnahme an bet neuen Expe- dition nach Tongking gemeldet haben. — Am 22. November ging die Deputir- tenkammer zum Budget des Cultusministeriums über und nahm mit 360 gegen 146 Stimmen das erste Kapitel, betr. das Personal der Bureaux, an. Gegenüber der von der äußersten Linken verlangten Trennung der Kirche vom Staate bezeichnete der Justiz- und Cultusminister die. Trennung der Kirche vom Staat, welche die Geistlichkeit von jeder Ueberwachung befreie, als keine gute Maßregel für die Republik. Im gegenwärtigen Augenblick wolle die Mehrheit des Landes diese Trennung nicht, und sie werde sie noch weniger wünschen, wenn sie die entgegenstehenden Schwierigkeiten wahrnehme. Bei der Fortsetzung der Verhandlungen am 23. November wurden zwei vom Justiz- und Cultusminister bekämpfte Anträge auf Herabsetzung des Gehaltes des Erzbischofs von Paris von 45,000 auf 15,000 Frcs. und auf Streichung der staatlichen Stipendien in den Seminarien angenommen. ■ ,r . ,r m
Die englischen Staatsmänner und namentlich der greise Premier Gladstone sind von neuen Anschlägen der fenisch-irischen Verschwörer bedroht. Mehrere Mitglieder der sog. „Unüberwindlichen", eines Geheimbundes der amerikanischen Fenier, sind von New-York nach London unterwegs und da man von ihnen wohl nicht mit Unrecht ein Attentat gegen Gladstone befurchtet, so sind zu deffen Sicherheit umfassende Maßregeln getroffen worden. Ferner haben die Londoner Stadtbehörden anonyme Briefe erhalten, in denen die Sprengung der Londonbrücke und des Newgate-Gefängniffes angedroh: wUd. Die Brücke und das Gesängniß werden streng bewacht. — Ein englisches Geschwader in der Stärke von 9 Schiffen ist unter Admiral Dowell nach den chinesischen Gewässern abgegangen. ,
Der Ansturm der vereinigten italienischen Oppositons- Fraktionen gegen das Cabinet de Pretis hat mit einem kläglichen Fiasko für jene geendet. In der Deputirtenkammer war bei Berathung des Cultus- Budaets vom Ministerpräsidenten de Pretis die Cabinetssrage gestellt worden und am Dienstag erfolgte die entscheidende Abstimmung. 150 Deputirte stimmten für die Regierung, 82 Deputirte enthielten sich der Abstimmung und nur 6 Abgeordnete erklärten sich offen gegen die Negierung. Herr de Pretis und feine Ntinifter-Collegen haben demnach einen glänzenden und nacyhaltigen Sieg über die parlamentarische Opposition zu verzeichnen.
Wie man den polnisch-galizischen Blättern ai^ Warschau tcle- araphirt hat General-Gouverneur Gurko dem römischen Bischof von Lublm, Pater Wronowski, und dem Bischof von Wilna, Pater Hryniewiecki, Passe mit dem Auftrag, Rußland unverzüglich zu verlassen, zustellen lassen. Auch die Stellung des Warschauer Erzbischofs Popiel soll erschüttert sein._______________
Darmstadt, 20. Decbr. In dem Befinden Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs und Ihrer Großh. Hoheiten der Prinzessinnen Victoria unl> Elisabeth ist eine erfreuliche Besserung eingetreten.


