Ausgabe 
22.7.1883 Zweites Blatt
 
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Nr. 167. Zweites Blatt. Sonntag den 22. Juli

Hieß euer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

ButfaU: Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MO»tag-.

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m Gießen, 21. Juli.

r-4 Rachr 1 chten aus Gastein besagen, daß der Kuraufenthalt des seit dem 17. d. Mts. in Wildbad Gastein anwesenden Kaisers Wilhelm wie gewöhnlich _ und vom besten Erfolge begleitet von Statten geht. Ueber die Zu­sammenkunft, welche der Kaiser Wilhelm mit dem Kaiser Franz Josef in Gastein ^?oen wird, sind authentische Mittheilungen noch nicht bekannt geworden. Wahrscheinlich wird der zur Zeit in Ischl residirende Kaiser Franz Josef kurz vor der für Anfang August projectirten Abreise Kaiser Wilhelms nach Gastein kommen und den kaiserlichen Gast des österreichischen Gebirgsbades besuchen. Es wird dies vorwiegend ein Akt der Freundschaft und Courtoisie sein, denn das auf sicherer Grundlage ruhende politische Einvernehmen Deutschlands und Oesterreichs bedarf einer besonderen Bekräftigung durch eine Begegnung der beiden Herrscher nicht.

Die gegenwärtige Zeit und zumal die verflossene Woche lst recht arm an politischen Begebenheiten auf dem inneren Gebiete und die tobte Saison rückt immer mehr heran. Unsere Staatsmänner und Parlamen­tarier genießen ihre Ferien und da, wo die Minister durch Berufsgeschäfte noch zurückgehalten werden, sind nur laufende Arbeiten zu erledigen. Ende dieses oder Anfang nächsten Monats werden auch die meisten preußischen Minister ihre Ferienreise antreten, nachdem sie am Mittwoch noch eine gemeinsame Berathuna abhielten.

In Sachen des Kirchenkampfeö haben wieder zwei bedeutsame Kundgebungen stattgefunden. Ein Artikel derProv.-Corresp." zu dem neuen kirchenpolitischen Gesetze besagt, daß man dasselbe zwar auf der einen Seite als einen Einbruch in die kirchlichen Rechte, auf der andern als einen Gang nach Canossa bezeichnet habe, daß aber das Gesetz weiter nichts bezwecke, als die Beseitigung der seelsorgerischen Roth der katholischen Gemeinden. Nachdem der Staat dies gethan, könne er mit Ruhe abwarten, bis die päpstliche Kurie die Anzeigepflicht anerkenne. Gleichzeitig bringt derMoniteur de Rome" ernen Artikel, in welchem die an die jüngste. Jakobinische Note angeknüpften Er­örterungen als em Mißverständniß bezeichnet werden. Papst Leo lasse sich nicht durch politische Motive und Rache-Ideen leiten, sondern lehre der Welt, daß die religiösen und socialen Interessen über die politischen zu setzen seien. Wenn die Kirche noch im Widerstande verharre, so geschehe dies nur deshalb, weil die gebotenen Garantien nicht genügend wären. Ein so erhabener Staatsmann wie Fürst Bismarck werde dies einsehen und sich nicht von den kleinlichen Poli­tikern des Culturkampfes beeinflussen lassen. Es könne auch durch ihn ein segensreiches Uebereinkommen abgeschlossen werden, gleichwie das napoleonische Concordat mit dem Papste ein geniales Werk gewesen sei.-

Aus Oesterreich könnte man wieder eine samose Blüthenlese von Deutschenhetzen berichten, wobei dieDeutsch-Oesterreicher" alsFremde" und Feinde" Oesterreichs, resp. seiner slawischen Nationalitäten hingestellt werden. Die Einzelheiten der bereits hundertfach bekannten Deutschenhetzen wollen wir nicht wiederholen, sondern nur bewundern, wie man in Wien ein solches selbst­mörderisches Gebaren Seitens des Czechen und Slowenen gegen die Deutsch- Oesterreicher ohne strenge Ahndung und Betonung der Gleichberechtigung im Staate gewähren lassen kann. Die wegen des Grenz-Conflicts zwischen Oesterreich-Ungarn und Rumänien in Jtzkani zusammengetretene gemischte Com­mission hat am 15. ds. ihre Arbeiten zu beiderseitiger Zufriedenheit beendigt. Es verlautet, daß zur Hintanhaltung ähnlicher Conflicte in Czernowitz ein rumä­nisches Consulat errichtet werden soll.

,. Ju Madagaskar fahren die Franzosen fort, es hauptsächlich ore Engländer fühlen zu lassen, daß sie die Herren dort sind. Am 26. Juni langte der englische PostdampferFaymouth Castle" auf der Höhe von Tama- tave an. Ein französischer Officier vom Admiralsschiffe kenterte den Dampfer und benachrichtigte den Kapitän desielben davon, daß die Franzosen von Tama- tave Besitz genommen hätten, daß alle Schiffsgeschäste durch sie verrichtet wer- den müßten, und daß nur der Kapitän landen könne. Die Passagiere dürften ulcht ausgeschifft werden und die Ladung könnte nur gegen Zahlung des Zolles gelöscht werden. Daß man aber in Paris nicht daran denkt, sich mit England erusmch zu Überwerfen, dürste durch die Ernennung Waddington's an Tissot's stelle zum Botschafter der französischen Republik am englischen Hofe hinreichend argethan worden sein. Auch haben die in der französischen Deputirtenkammer -,c,^6evenen Erklärungen des Ministers des Auswärtigen bereits jeden Zweifel

die friedlichen Absichten Frankreichs beseitigt und in England that man kbenn L man weiß in London und Paris nur zu gut, daß kein r°Se7 sei er der schönste, die Verluste eines englisch-französischen rf'f! ^setzen kann. Neueren Nachrichten aus Frohsdorf zufolge hat sich das Befinden des Grafen Chambord wesentlich gebessert.

"00ner Nachrichten stellen die Lage des englischen Cabinets wegen ~ .s.A- oeAlben in der Suezkanal-Affaire als nicht ganz unbedenklich dar.

ofl^ntliche Meinung ist ganz entschieden gegen die Anerkennung des Lesseps- jcyen Monopols, und von den Führern der Opposition dürfte der Versuch gemacht werden, diesen Umstand zu Gunsten ihrer Parteizwecke auszubeuten. Der Londoner Correspondent derNeuen Fr. Presse" hatte dieser Tage eine Unterredung mit einem hervorragenden Conservativen, einem Mitglieds des früheren Cabinets. Derselbe erklärte auf's Bestimmteste, nach genauester Ab­schätzung werde die Regierung bei der Verhandlung über das Abkommen in

Betreff des zweiten Suezkanals in der Minorität bleiben. Die Debatte über das erwähnte Abkommen findet im Lause der nächsten Woche statt; Gladstone beabsichtigt, daffelbe ohne jede Modification dem Unterhause vorzulegen. Die Times tadelt heftig den Lord-Kanzler und die Kronanwälte, weil sie Lesseps Privilegium anerkennen und vollzieht bereits in gewohnter Weise eine Schwenkung zu Gunsten der Conservativen.

Die Wanderung der Cholera von einer egyptischen Stadt zur andern nimmt ihren Fortgang und ist jetzt Kairo am stärksten von der Seuche heimgejucht, mährend die Cholerafälle in den übrigen unteregyptischen Städten sich vermindert haben und Damiette, wo in voriger Woche noch über hundert Personen pro Tag an der Cholera starben, jetzt täglich nur 17 bis 25 Sterbefälle an der Cholera hatte. In Alexandrien werben bis jetzt auch nur einzelne Cholerafälle constatirt. Die englische Regierung hat der egpptifchen zwölf Aerzte zur Hülfe gesandt und darf man von deren Thätigkeit vielleicht eine Localistrung der Seuche erwarten. In Palma, auf den balea- nschen Inseln, soll die Cholera auch ausgebrochen sein, doch fehlt noch die Bestätigung Seitens der spanischen Regierung.___________________

n Berlin, 19. Juli. Von Seiten der Auswanderungsagenten und den an den Bestrebungen dieser Leute interessirten Kreisen werden von Zeit zu Zeit regelmäßig wrederkehrende Klagen über die Abneigung erhoben, welche maßgebenden Ortes gegen die Hinlenkung des deutschen Auswandererstromrs nach Brasilien besteht und auch praktische Betätigung findet. Nach den aus jenen Quellen fließenden tendenziös ge­färbten Darstellungen müßte Brasilien ein wahres Eldorado für deutsche Auswanderer [c.tn* und wäre es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, daß man irgend Jemandem hinderlich ist, dort sein Glück zu machen. Hören wir nun einmal, wie an Ort und Stelle erscheinende deutsche Blätter sich über die Zustände des gepriesenen brasilianischen Eldorados vornehmen lassen. Die in Rio de Janeiro herausgegebeneA D. K " nennt die Lage Brasiliensberuhigend genug":

Eine sich durch jährliche Unterbilanzen unaufhaltsam vermehrende Schuldenlast ein zu Gunsten der längst nicht mehr etnlösbaren Notenemission stabil gewordenes ftnanzielles Provisorium, Entwerthung des allein kursirenden Papiergeldes um circa 28 Procent enorme Zolltarife, mangelhafte Justiz, ungesunde Handelsverhältnisse, Ueberproduktion des einen Exportartikels Kaffee und daraus für den Pflanzer er» wachsende, zum Theil ruinöse Verluste; in den unteren Schichten der Gesellschaft mit seltenen Ausnahmen krasse Ignoranz und Abgestumpftheit, in allen übrigen urthetlsfahigen, von den theatralischen Effekten geblendeten Erschlaffung, Entmutdia- ung und Rathlosigkeit. Solches sind, außerhalb des eingerosteten politischen Mechanis­mus, die hervorragendsten Gebrechen, welche wir für die Gegenwart zu nennen haben und die uns um fo schreckhafter berühren, als für deren Abschaffung oder Linderung noch nichts geschah und auch noch nichts in Aussicht steht. Und was die Zukunft an- betrifft, so wollen wir an dieser Stelle zwei weitere Fragen aufwcrfen, ohne sie näher zu erörtern. Wohin kann die gräuliche Neger- und Mulattenwtrthschaft führen, die sich in Brasilien an allen Ecken etngenistet hat, doppelt gefährlich durch ihre tausend­fältigen Famtlienverzwetgungen und Blutsverwandtschafteu, unausrottbar, oder doch auf Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte hinaus unauslöschbare Spuren zurücklassend? Und die Sklavenemanzipation, immer und immer wieder vertagt, immer und immer wieder als kategorischer Imperativ auftauchend wie und wann wird sie sich ver­wirklichen, ohne den Innersten Lebensnerv einer an Sklavenbrüsteu großgezogenen Nation zu durchschnetden?"

Ueberall Unbehagen, Unsicherheit und starre Gleichgültigkeit. Nur den Tages­fragen. und seien sie der frivolsten Natur, wird Aufmerksamkeit gezollt. Die mangelnden Arbeitskräfte so glaubt man werden sich ergänzen, ohne daß man sich darum zu bekümmern brauchte. .... Die Losung heißt: Deutsche Hülfsarbeiter, Bauern, Vasallen, Taglöhner, Knechte. Das ist nicht etwa hartgesottener Egoismus, nein, es ist der naive und sogar gutmÜthige Glaube, daß man dem armen, ausgehungerten Deutschen schon mit der Aetzung, die seines Leibes knurrendste Noihdurft befriedigt, eine immense Wohlthat erweise und ihn zu perpetuirlicher Anhänglichkeit verpflichte.' Die Theilung der nationalen und socialen Rechte mit Neubürgern wird nicht ernst­haft gemeint, an die faktische Gleichstellung der Eingewanderten mit den Eingeborenen denkt Niemand."

Auf Grund obiger Darstellung wird man derAllg. Dtsch. ^tg." gewiß rück­haltlos betpflichten, wenn sie meint, wer die wunderbaren Naturschönheiten und d-n Bodenreichthum dieses Landes zwar nach Verdienst würdigt und preist, dabei aber den Nattonal-Charakter nicht allein durchschaut, sondern begreift und entschuldigt, der müsse zur Zeit von massenhafter deutscher Auswanderung nach Brasilien entschieden abrathen.

Rom. sObeltsk.j Dieser Tage ist hier ein steinernes Denkmal ans Licht befördert worden, das einem der ältesten Antisemiten geweiht ist, ein Obelisk, 3300 Jahre alt, dem egyptischen Könige Ramses gewidmet, den die Griechen Sesostris nennen, dem Unterdrücker und Vertreiber der Juden. Dieses gewaltige Stück Granit ist voll­kommen unversehrt, so daß seine Aufstellung vor dem Collegto Romano ohne Weiteres erfolgen kann. Von den hieroglyphffchen Inschriften, die seine^ vier Setten bedecken, lautet nach der Erklärung von O. Maruecht die erste:Gold, mächtiger Stier, Liebling der Wahrheit, König des oberen und unteren Egyptens,, Sohn der Sonne: Ramses, von Ammon geliebt, unterwarf jegliches Land mit seiner Macht, mächtige Sonne der Gerechtigkeit, von der Sonne erwählt, geliebt von Harmachts der beiden Horizonte." Die zweite:Gold, mächtiger Stier, Sohn des Gottes Alum, König des obern und untern Egyptens, mächtige Sonne der Gerechtigkeit, von der Sonne erwählt, Sohn der Sonne: Ramses, von Ammon geliebt, König des obern Egyptens, dessen Gedanke gleich ist dem des Osiris, des Herrschers der Kronen, Ramses, von Ammon geliebt, geliebt von Harmachts der beiden Horizonte." Die dritte:Gold, mächtiger Stier, von der Gerechtigkeit geliebt, mächtige Sonne der Gerechtigkeit, Sohn der Sonne: Ramses, ge­liebt von Ammon (machte) diese Zeiten. Herr der Welt, mächtige Sonne der Gerechtig­keit, erwählt von der Sonne, geliebt von Harmachis der beiden Horizonte." Die vierte .Sette, auf der der Koloß liegt, ist noch nicht entziffert. Der Anlaß zu dieser Aus­grabung an der Kirche Minerva, die u. A. auch eine schöne Sphinx ergeben hat, ist von Professor Lanciant gekommen-

- Ein Berliner Raritätensammler befindet sich im Besitz eines Zeitungsblattes vom 25. October 1764, das eine Concertanzetge enthält, welche der speculative Vater Mozarts veröffentlichte, als sein Sohn, als Wunderkind beiühmt, und dessen Schwester in dem genannten Jahre in Frankfurt a. M- auftraten. Die interessante Reclame lautet wie folgt:Meine Tochter, zwölf Jahre alt, und mein Sohn, der sieben zählt, werden