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ftr. 111» Dienstag den 22 Mai 1888

Weßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Vrrreaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

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Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pf.

Deutschland.

Mainz, 19. Mai. Eine schreckliche Kunde dringt wieder von Rüdes- heim zu uns; heute Mittag um 12 Uhr entstand in einem Hause Feuer, welches sich in Folge des furchtbaren Sturmes so rasch verbreitete, daß es in wenigen Stunden ein ganzes Häuser-Quadrat, circa 30 Häuser, in Asche legte; über 40 Familien sind obdachlos. Heute Mittag wurde das Gouvernement um mili­tärische Hülfe ersucht und sind mittelst Extrazugs von Castel ab sofort eine- Compagnie Pioniere nach dort abgegangen. (Fr. Journ.)

Wiesbaden, 19. Mai. Soeben ist eine Abtheilung der hiesigen Feuer­wehr mit einer Spritze nach Rüdesheim abgegangen, wo seit heute Mittag eine großartige Feuersbrunst ausgebrochen ist. In der Rheinstraße entwickelte sich der Brand, um, unterstützt von einem starken Westwinde bis gegen Abend mehr denn 30 Häuser in ein Flammenmeer zu verwandeln. Der hiesie Brand­director Scheurer zog telegraphische Erkundigungen über die Größe des Unglücks ein und begab sich, als ihm die furchtbaren Nachrichten zugingen, schleunigst nach Nüdesheim, um mit Hülfe der von hier aus abgegangenen Spritze sich an dem Rettungswerk zu betheiligen. (Fr. Journ.)

Rüdesheim, 19. Mai. Durch einen an der Nheinseite der Stadt ausgebrochenen großen Brand. sind bis jetzt 25 Wohnhäuser eingeäschert und dadurch 44 Familien obdachlos geworden. Von Castel sind Pioniere ein­getroffen.

, Rüdesheim, 19. Mai. Im Hotel Ehrhard, Rheinstraße, brach heute Mittag ein großes Feuer aus. Von Bingen sind die Feuerwehren umgehend erschienen. Regierungs-Präsident v. Wurmb und die Pioniere von Castel waren Abends zur Stelle. Die Brandbeschädigten sind meistens versichert. Gegen 7 Uhr Abends war die Gefahr für die benachbarten Gebäude beseitigt. (Fr. Journ.)

Rüdesheim. 20. Mai. Das Feuer legte 76 Gebäude, davon 28 Wohn­häuser, in Asche. 49 Familien sind obdachlos, nur 28 waren versichert. Die niedergebrannten Gebäude sind zu 200,000 jb. bei der Nassauischen Landes­brandkasse versichert. Das Feuer, welches bei dem Fuhrmann Mai ausgebrochen, nahm in der Christophelstraße, der zweiten Parallelstraße der bekannten Drossel­gasse, seinen Anfang, und zog bei heftigem Nordwinde rheinaufwärts bis zum Hotel Rheinstein und landeinwärts bis zum Marktplatz. Das Hotel Rhein stein ist verschont geblieben, lieber die Entstehung des Brandes ist noch nichts ermittelt. Von Versicherungs-Gesellschaften sind die Providentia, die Elberfelder und die Leipziger in Mitleidenschaft gezogen.

Hesterreich.

Wien, 19. Mai. DieWiener Abendpost" bezeichnet die Zeitungs- Nachricht über den angeblichen Rücktritt der Statthalter von Galizien, Böhmen und Mähren als Erfindung.

Pest, 19. Mat. Der der Ermordung des Judex curiae Majlath angeschuldigte Sponga hat gestern dem Untersuchungsrichter Toth in einem längeren Verhöre ein Geständntß abgelegt. Darnach ließ der Letvhusar Berecz den Spanga und den Pitely am Wend durch das Thor ein und verbargen diese sich in dem Zimmer des Berecz. Um ein Uhr Nachts gingen Spanga und Pitely in Majlath's Schlafzimmer. Spanga sagte:Ich bin um Geld gekommen " Majlath rannte auf ihn zu und verwundete sich dabei an dem Messer, das Spanga ihm entgegenhtelt. Pitely warf sodann den Judex curiae zu Boden und band ihm die Füße, während Spanga ibn mit einem Handtuch knebelte. Spanga nahm den Kassenschlüssel, konnte aber die Kasse nicht öffnen und nahm daher den Ring und die Uhr nebst Kette an sich; Pitely nahm Majlath's Brief­tasche. Daraus lsißen sich Beide an dem Seil hinab auf die Straße. In Pest gab Pitely dem Spanga 600 fl.

England.

London, 19. Mai. Während die englischen Polizeibehörden ein neues Verschwörernest in Irland ausgenommen haben, gewinnt ein der Regierung vor­liegendes Project, welches dem irischen Problem auf andere Weise beizukommen bestimmt ist, allmälig schärfere Umrisse. Es ist dies ein im großartigsten Style entworfener Colonisationsplan, ausgehend von dem Directorium der Canadian Pacific Railway, dessen Grundzüge etwa folgende sind: Für die Summe von einer Million Pfund Sterling sollen 10,000 kleine Farmer sammt ihren Fami­lien, also etwa 50,000 Personen, wenn man die Familie zu 5 Köpfen rechnet, aus ihrer irischen Heimath nach dem kanadischen Nordwesten befördert werden. Dort erhält jede Familie 160 Acres besten Weizenbodens, ein hölzernes Wohnhaus, eine Kuh, die zum Landbau nöthigen Werkzeuge und das für den Anfang nöthige Brot- und Saatkorn. Das Kapital von einer Million Pfund soll von der Re­gierung an die Canadian Pacific Railway und andere Gesellschaften, welche an der landwirthschaftlichen Erschließung des kanadischen Nordwestens interessirt sind, vorgestreckt worden. Der Vorschlag hört sich nicht so übel an, und aller­dings verlangt die Bekämpfung des in Irland grassirenden Massen-Elendes ein­schneidendere Reformen, als sie dem Jdeenkreise des Durchschnitts-Philisters zu­gänglich sind. Dazu rechnen wir auch eine Erleichterung des Abflusses jener Proletariats-Schichten, aus denen sich das Heer der Agrarverbrecher seit Jahr­zehnten und Jahrhunderten immer wieder zu recrutiren pflegte.

Atalien.

Rom, 19. Mai. DerAllg. Arbeiterverein" zu Nom veranstaltete gestern eine Gedächtnißseier zu Ehren Schulze-Delitzsch's, welcher Ehrenmitglied des Vereins war. Die Betheiligung an der Feier mar eine sehr zahlreiche, Genala, Luzatti und Andere feierten den Verstorbenen als Freund Italiens und

als Apostel des Genossenschaftswesens. DieNuova Antologia" veröffent­licht einen von Luzatti verfaßten warmen Nachruf auf Schulze-Delitzsch.

Au Mud.

Reval, 18. Mai. Die Meldung von 18 Sterbefällen, die auf dem hier eingetroffenen SchiffeArabia" in Folge der Pockenkrankheit eingetreten seien, erweist sich nach dem Ergebnisse der eingeleiteten Untersuchung als un­richtig. Thatsächlich sind blos drei solcher Sterbefälle vorgekommen, und zwar bevor das gedachte Schiff auf der hiesigen Rhede ankam. Das Schiff ist gleich­wohl unter Quarantäne gestellt morden, weitere Erkrankungen an den Pocken sind aber bis jetzt noch nicht vorgekommen.

WrKei.

Konstantinopel, 19. Mai. Die Pforte notificirte den Botschaftern Den Beschluß, bei den fremden Postämtern Zollbeamte zu bestellen, damit die Absendung oder Annahme von Werthgegenständen, welche dem Zoll unterliegen, verhindert werde. Weiter hat die Pforte den Mächten, deren Zolltarif-Verträge erloschen- sind, mitgetheilt, daß nunmehr die Zölle mit 8 pCt. ad valorem ein­gehoben werden.

Amerika.

Rew-Uvrk, 19. Mai. In Racine (Wisconsin) wurden durch einen heftigen Orkan an 150 Häuser zerstört, 20 Personen büßten dabei das Leben ein, gegen 100 andere wurden mehr oder weniger schwer verletzt.

St. Louis, 19. Mai. Der Präsident und das Executiv-Comitö der irischen Landliga haben den Katholiken in Dublin telegraphisch gemeldet, daß sie gegen das Rundschreiben des Papstes protestiren.

Telegraphische Depeschen.

Wolffs telegr. Corresporrdem-Burearr.

Sprottan, 20. Mai. Der Director des hiesigen Real-Gymnasiums, Dr. Rößler, Verfasser zahlreicher Gedichte in schlesischer Mundart, ist heute am Schlagfluß gestorben.

" -London, 20. Mai. Der Erbprinz und die Erbprinzessin von Sachsen- Meiningen sind zum Besuche des Prinzen und der Prinzessin von Wales gestern hier eingetroffen und vom Prinzen von Wales und dessen Söhnen am Charing- kroß-Bahnhofe empfangen worden.

Petersburg, 20. Mai. Gestern sind die Vertreter Deutschlands, Frankreichs und Englands, sowie die der anderen Staaten nach Moskau abge- reist. Der Minister des Auswärtigen, v. Giers, wird heute abreifen. Gestern fand am Fontanka-Kanal, gegenüber dem Anitschkoff-Palais, eine Gasexplosion statt. Der dadurch angerichtete Schaden ist unbedeutend. Menschenleben sind nicht zu beklagen.

Alle Behauptungen, die bei dem Selbstmorde Makow's über Verschul- ! düng seinerseits bei vorgekommenen Unregelmäßigkeiten aufgestellt wurden, erschei­nen als völlig hinfällig gewordene. Als Beweis hierfür kann dienen, daß feiner Famile eine beträchtliche Pension Allerhöchst bewilligt worden ist.

Moskau, 20. Mai. Gestern sinv der Prinz Albert von Sachsen-Altenburg, heute früh der Fürst von Bulgarien, Prmz Heinrich von Hessen und Prinz Wilhelm von Baden hier eingetroffen Der Großfürst und die Großfürstin Wladimir besichtigten gestern Nachmittag 6 Uhr das Lager am Chodinkaseld und die daselbst zusammen­gezogenen Truppen. An der Spitze des Grenadierregiments befand sich der Großfürst Nicolai. Der Großfürst Wladimir, als Hauptchef der in Moskau concentrirten Truppen, ritt bit Front der in langer Linie ausgestellten Truppen ab, während seine Gemahlin im offenen Wagen folgte und sprach den commandirenden Chefs seine Anerkennung über die musterhafte Haltung der Mannschaften aus. Bei seiner Rückkehr in die Stadt wurde der Großfürst Wladimir mit seiner Gemahlin seitens .der Bevölkerung mit un- unterbrochemn Hurrahrufen begrüßt. Die L>tadt Moskau hat in Erwartung des Eintreffens des Kaisers und der Kaiserin schon heute festlichen Schmuck angelegt. Das Wetter ist prachtvoll, in den Straßen und Boulevards bewegen stch dichtgedrängte M-nschrnnwsstn^ unb bic Äatferln rinb m|t ihren Kindern und den Großfürsten Al>xS und Paul heute Nachmittag 6 Uhr unter dem Jubel der Beoölk^ung hier ein­getroffen und tm Palais Petrowski abgestiegen, wo dieselben bis zum^Tage dc. f er­lichen Einzugs in dm Kreml Aufenthalt nehmen werden. DieStadt bat Flaggen- schmuck angelegt, die Bevölkerung wogt in festlicher Stimmung durch। bfe Fremdenverkehr ist außerordentlich stark und wird mit ledrm neu ankommenden Zug 6eftel9MOmUe2Ömaftrf®lebibur46®edtorU®®ätter verbreitete Nachricht, daß Herrn von Ä e°n-DUw°tt'au""L1e^m7uß.sch-Nottan den Cardinal W übergeben worden sei, ist unrichtig. Bis heute, den 20. Mat, ist eine solche Antwort auf der hiesigen p'eußischen Gesandtschaft nicht eingegangen. . , . n #

Kew-York 20. Mai. Aus Illinois werden weitere durch den Orkan verursachte Verheerungen gemeldet; 63 Personen sollen gÄM unb gegen 200 verletzt sein. Die in Wisconsin durch den Orkan stattgehabten Verluste an Menschenleben lassen sich in Folge der

noch nicht definitiv feststellen; in Racine scheint durch den Orkan meift das Eigenthrun von Arbeitern betroffen worden zu sein.

Lokales.

«LfeoM 21 Mai. Mit Eintritt des Sommerfahrplans am 1. Juni wird, wie wi^tören -in- größere Anzahl Zugsb-amt-r, ca. 45, weich- seither ihren Wohnsitz in Gieße» ^ehabs. nachjU bcf(6luinbelH ist, beweist wiederum der Saö daß wahrend weniger Tag- von einer schon mehrfach wegen Betrugs bcstrasten FrauenSp-rson nicht weniger als 5 Betrügereien verübt wurden und zwar immer aus