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srr. 68. Donnerstag den SS. März
1883.
iehener Anzeiger
Amts- und Anzcigeblaü für den Kreis Gießen.
ßiircau: Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 M«rk 20 Pf. trift Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark oO Pf.
Amtlicher tzvei L Bekanntmachung.
Auf dem gestern dahier abgehaltenen Viehmarkt ist ein Kalb zurückgeblieben, dessen Eigenthümer sich bis jetzt nicht gemeldet hat. Derjenige, der Ansprüche an dieses Kalb zu machen können glaubt, wird aufgefordert, seine Ansprüche binnen 4 Wochen bei der unterzeichneten Behörde vorzubringen, widrigenfalls das Kalb als gefundener Gegenstand behandelt werden wird.
Gießen, den 21. März 1883. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius. 1957
Politische Ueberstcht.
Gießen, 21. März.
Die Demission des Chefs unsererKriegsmarine, v. Stosch, ist nunmehr zur Thatsache geworden und nur die Motive, welche ihn zu diesem bedauerlichen Schritte veranlaßt haben, sind noch nicht völlig aufgeklärt. So viel scheint aber sicher zu sein, daß die schon seit längerer Zeit zwischen Fürst Bismarck und Herrn v. Stosch bestehende Spannung Letzterem den Gedanken an seine Demission nahe gelegt hatte und daß es zur Ausführung desselben nur eines äußerlichen Anlasses bedurfte. Nach einer nicht unwahrscheinlich klingenden Version ist dieser Anlaß in der Swatan-Angelegenheit zu suchen. Wie erinnerlich, hatten vor einiger Zeit deutsche Marine-Soldaten ein in der Nähe der chinesischen Hafenstadt Swatan gelegenes Territorium besetzt und der Reichskanzler, welcher mit diesem Schritt nicht einverstanden war, soll Herrn v. Stosch ziemlich deutlich sein Mißfallen hierüber ausgesprochen haben, was Herrn v. Stosch bewog, sein Entlassungsgesuch einzureichen. Die Besetzung des fraglichen Territoriums soll allerdings nicht auf Befehl des Marineministers, sondern auf Ansuchen eines höheren Beamten des Auswärtigen Amtes erfolgt sein, doch hat es trotzdem Herr v. Stosch bei seinem Gesuche bewenden lassen. Als jein Nachfolger ist General v. Caprivier ernannt.
Die Postkartenfrage dürfte demnächst ihre Erledigung finden. Es sollen in Zukunft bayerische unb württembergische Postkarten im deutschen Aeichspostgebiet und ebenso Postkarten der Reichspostverwaltung in Bayern und Württemberg zur Absendung gelangen, doch sollen dieselben wie die mit freinden Postwerthzeichen frankirten Briese mit einem Zuschlagporto belegt und dem Adressaten nur gegen Bezahlung des Portos ausgehändigt werden. Die hierüber schwebenden Verhandlungen werden, nachdem das Berliner Generalpostamt sich mit den gemachten Vorschlägen einverstanden erklärt hat, im Verwaltungswege geordnet werden; eine abermalige persönliche Theilnahme der bayerischen und württembergischen Bevollmächtigten an den einschlägigen Verhandlungen in Berlin wird wohl kaum mehr erforderlich sein, da wettere Schwierigkeiten in der Regelung dieser Angelegenheit nicht zu befürchten find.
Im ungarischen Abgeordneten Hause hat die zwölftägige Generaldebatte über das Mittelschulgesetz, wie vorauszusehen war, am Sonnabend mit der Annahme des betr. Entwurfes geendet; gegen denselben stimmten nur die sächsischen Abgeordneten und die äußerste Linke. Neues bot die Schlußverhandlung nicht dar. Von Seiten der Negierung sprach nochmals der Unterrichtsminister Trefort für die Vorlage und empfahl er dieselbe mit der Bemerkung, daß die Entscheidung darüber, wo in Siebenbürgen Staats-Mittelschulen errichtet, in welchem Maße confejfionelle Schulen subvenlionirt oder wo Bürgerschulen errichtet werden sollen, späteren Entschließungen Vorbehalten sei. Die Detailberathung des Mittelschulgesetzes wird nach den Osterferien, die am 2. April zu Ende gehen, beginnen.
In Paris ist der gefürchtete 18. März, der Jahrestag der Commune, im Allgemeinen ruhig vorübergegangen. Das prächtige Wetter, das an diesem Tage herrschte, schien zwar den geplanten anarchistischen Krawaller Vorschub zu leisten, aber die Pariser fanden es viel vernünftiger, vor den Thoren der Hauptstadt spazieren zu gehen, als sich, wenn auch nur passiv, an den geplanten anarchistischen Krawallen zu betheiligen. Die Vorkommnisse in den Straßen beschränkten sich denn auch — soviel bis jetzt bekannt — auf ein paar Hochrufe auf die Anarchie und den 18. März, die einzelne, meist betrunkene Personen, an zwei oder drei Orten ausbrachten. Allerdings fanden im Laufe des Sonntag Nachmittag in verschiedenen öffentlichen Localen Arbeiter-Versammlungen statt, doch verliefen dieselben ziemlich harmlos. In einer in La Chapelle abgehaltenen Versammlung hielt der Municipalrctth Joffrin eine Lobrede auf die Commune, gleichzeitig ermahnte er aber die Arbeiter, sich aller Demonstra- lionen zu enthalten und nur die Propaganda für den SocialiSmus sortzusetzen. Auch aus den Provinzen lauten die Nachrichten beruhigend.
Die jüngste Unthat der Fenier, das Dynamit-Attentat im Local Governments-Gebäude zu London, erfährt in der Londoner Presse die schärfste Äerurtheilung. Die „Times" erklärt, daß die Zeit der Concessionen an Irland vorüber sei, den Attentaten der Fenier müsse man mit unversöhnlichem Widerstande begegnen und die Urheber wie die Vertheidiger dieser Schandthaten rücksichtslos niederschmettern. Die englische Regierung wird nun wohl Alles aufbieten müssen, um der irisch-fenischen VerschwörungS-Hydra den Kopf zu zertreten, namentlich, da es den Anschein hat, als ob die Explosion im Local Government | nur der Vorläufer von größeren Dynamit - Actionen ist. Namentlich hat 0'Donovan Rossa, der Führer der extremsten Richtung der Fenier, schon vor längerer Zeit Aehnliches angekündigt und der in New-Pock lebende, in letzter
Zeit mehrfach genannte Fenier Sheridan, hat geradezu erklärt, daß die jüngste Explosion nur der Vorläufer zu gröberen Attentaten sei. Wenn man sich des von irischer Seite vor einiger Zeit veröffentlichten Planes erinnert, wonach alle englischen Regierungsgebäude, Kriegsschiffe, Docks, Arsenale u. s. w. dem Untergänge geweiht sind, und die von den Feniern nach dieser Richtung bereits gemachten Anstrengungen in Betracht zieht, so kann man sich allerdings nicht verhehlen, daß die englische Regierung sich einer großen Gefahr gegenüber befindet , die um so ernster erscheint, als die fanatischen Dynamit-Helden im Verborgenen ihre teustischen Pläne vorbereiten. Wie es heißt, beabsichtigt Gladstone, alle Regierungen einzuladen, sich über gemeinsame Schutzmittel gegen die Fenier, Nihilisten, Anarchisten und sonstigen socialistischen Revolutionäre aller Länder zu verständigen.
Von den bemerkenswerthen Anstrengungen, welche Italien zur Verstärkung seiner Wehrkraft zur See macht, zeugt hier wiederum der Bau der coloflalen Panzersregatte „Lepanto", die am vergangenen Sonnabend zu Livorno vom Stapel lief. Dem feierlichen Acte wohnten der König, die Königin und der königliche Prinz, sowie eine ungeheure Volksmenge bei, welche die königliche Famttie mit enthusiastischen Kundgebungen begrüßte.
Deutschland.
Derlin, 19. März. Wie verlautet, ist das Ausscheiden des Chefs der Admiralität, v. Stosch, mit dem heutigen Tage perfekt geworden, nachdem die Entlaffungsurkunde die Unterschrift Sr. Maj. des Kaisers erhalten hat.
— Londoner Privatnachrichten schildern die durch das jüngste Dynamit- Attentat erzeugte Panik doch wesentlich intensiver, als .man, nach den Meldungen des Telegraphen zu urtheilen, vermuthen konnte. Es giebt kaum einen Frevel, den die Furcht überreizte Phantasie den unheimlichen, überall gegenwärtigen und doch nirgends faßbaren Agenten des Fenierthums nicht zutraute. Dem Cabinet könnte die unbehagliche Stimmung des Landes unter Umständen verhängnißvoll werden, denn die Zahl derer, welche mit Sehnsucht an die relativ ruhigen Zeiten des Tory-Regiments zurückdenken, mehrt sich von Tag zu Tage, und beim englischen Parlamentswähler ist vom Denken bis zum ^entsprechenden Abstimmen kein weiter Weg. Das neueste Attentat auf Lady Florence Dixin dürste schwerlich zur Verbesserung der Stimmung beitragen, sollte aber eine um so ernstere Mahnung für die Regierung sein, ihre Action mit den Instinkten des britischen Volks-Charakters in bessere Uebereinstimmung zu bringen.
Arankreich.
St. Etienne, l9. März. In Folge der Verhaftung eines Kohlen- gruben-ArbeiterS, welcher in einem Caf6 Scandal anfing, griffen etwa 60 Grubenarbeiter die Gensd'armen an und mißhandelten dieselben, so daß letztere von den Waffen Gebrauch machen mußten. Ein Arbeiter wurde tödtlich verwundet, mehrere Personen wurden verhaftet. Unter der Bevölkerung von la Ricamarie herrscht große Aufregung. ____
Telegraphische Depeschen.
Wolff'ö telegr. Corresporrdenr-Bureau.
Berlin, 20. März. Das AvschudSge,uch d<s Chefs der Admiralität v- Stosch ist von Sr. Maj. dem Kaiser genehmigt und Generallteutenant v- Caprivi zum Chef der Admiralität ernannt worden. fftr
- Die dem Bundesrathe vorgelegte Verordnung über den Zollzuschlag für spanische Produkte schlägt unter Hinweis auf die hohen Krätze des spanisch t-irifs einen 5Oprocenttgen Zuschlag vor auf Weintrauben, Korbwaaren, Wein und Most in Fässern und Flaschen, frische Südfrüchte, Chocolade Tabak und
- In dem Erlasse des Kaisers an den bisherigender Adtmralttat v. Stosch heißt es: Der Kaiser habe sich, nachdem er au« betn tbe” vom 7 ds. mit lebhaftestem Bedauern ersehen welche, große Sch Wien gkelte^ fetn
Gesundheitszustand für die Fortsetzung des D^nstesmachemit
?,<, Emwlckrluug btt 1*$6. nebracbt babe. ES fei des Kaisers tief empfundenes artürfn ft i ofd)nblermr im ^Augenblick des Scheidens nochmals feinen wärmsten Dank äus'»ckore»en - Als äußeren Ausdruck dieser Empfindungen bat der Kaiser Stoicb eine bauetnbe EbrensteUe in der Marine durch die Bestimmung angewiesen, b«Mbe bniirh ferner in den Marinelisten k la suite de« See-OssieiercoroS mit Admirösranamd “ la -öitodes Seedataillon« geführt werden soll. Der Kaiser wünscht hierdurch auch die Marine fortgesetzt an die Pflichten dankbarer Erinnerung an Stosch ru mahnen. Seine Majestät wünscht, daß Stosch sich die Erinnerung an da« Wohlwollen und an die gnädigen Gesinnungen seines Kaiser« und Koni«« und dessen Dank und Anerkennung steiS vergegenwärtigen miige.


