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Donnerstag den SS Februar 188$
ießener Anzeiger
Wirts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Amtlicher Hyeil.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlvhn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Gießen, am 20. Februar 1883.
Betreffend: Die Bildung der für das Jahr 1883/84 nöthigen Wemsteuer-Einfchätzungs-Comrnissionen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglicben Bürgermeistereien des Kreises (mit Ausnahme von Gießen)
Unter Bezugnahme auf die Art. 4, 6 und 7 des Gesetzes und § 4 der Verordnung vom 9. December 1876 (Reg.-Bl. Nr. 53) über die Besteuerung des Weins beauftragen wir Sie, alsbald durch den Gemeinderath drei Mitglieder und zwei Stellvertreter derselben für die nach Art. 4 des bemerkten Gesetzes zu bildende örtliche Commifsion wählen zu lasten und das Ergebniß der Wahl uns binnen 14 Tagen mitzutheilen.
Dr. Boekmann.
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Politische Uebersieht.
Gießen, 21. Februar.
Die verschiedenen Nachrichten, welche über das Entlassungsgesuch des Kriegsministers v. Kameke verbreitet worden sind, haben unter den Berliner Ganz- und Halb-Officiösen eine lebhafte Polemik hervorgerufen. Man wirst f.ch gegenseitig Verstöße gegen die Wahrheit vor und der Ton, welchen die k,Nordd. Allg. Ztg.", die „Kreuz-Ztg." unv die „Neue Preuß. Ztg." einander gegenüber anschlagen, ist ein ungewöhnlich scharfer. Jedenfalls bedarf diese ganze Angelegenheit noch der näheren Aufklärung und es ist allerdings sehr wunderlich, daß die der Regierung nahestehenden Blätter über die Demission des Herrn v. Kameke so widersprechende Mitthellungen verbreitet haben.
Der Landtag von Weimar ist am Sonntag durch dm Staats- miuister Stichling eröffnet worden. Die „Propositionsschrift" gedenkt rühmend des verstorbenen Ministers Thon und bezeichnet als Hauptaufgabe der Session die Reform des Einkommensteuer-Gesetzes. Außerdem werden Vorlagen, belr. die Zusammenlegung von Grundstücken und die Ablösung, angekündigt. Die Berathung des Etats wird für den Herbst vorbehalten. Minister Stichling erklärte schließlich, daß das neue Ministerium im Geiste der früheren Regierung die Geschäfte des Landes führen werde.
Im ungarischen Abgeordnete «Hause ist eine Interpellation eingebracht worden, welche das Gebiet der höheren Politik berührt. Von Seiten der Linken wird der Ministerpräsident, Herr Tisza, darüber interpellirt, weshalb die Donau-Festungen Widdin, Rustschuk, Schunila mid Silistrra noch nlht geschleift worden sind, wie solches der Art. 52 des Berliner Vertrages bestimmt. Zn der Begründung der Interpellation wird daraus hingewiesen, daß der unga- nfche Handel und die freie Schifffahrt auf der untern Donau beeinträchtigt vürden; auch könnten letztere als Operationsbasen und als VerpflegungüdepotS dienen. Die genannten Waffenplätze sollen sich aber bereits in einem derartigen ; Zustande des Verfalls befinden, daß deren Schleifung kaum noch uöthig Meint.
Die jüngste Abstimmung im französischen Senate hat die zwischen den beiden Häusern des französischen Parlaments in der Thron-Prätendenten- ; Zrage herrschenden Meinungsverschiedenheiten in Hellem Lichte gezeigt. Rät 142 gegen 137 Stimmen wurden vom Senate Art. 1 und 2 des modificirten Ent- mrses Barbey abgelehnt, welcher bekanntlich von der Deputirtenkammer angenommen worden war. Nach Ablehnung der beiden Artikel wollte der Präsident die Abstimmung über den ganzen Entwurf herbeiführen, dock unterblieb dieselbe, nachdem sich eine kurze Debatte hierüber erhoben hatte. — Präsident Grövy hat Ferry mit der Bildung des neuen CabinetS beauftragt. — Die Gruppe der republikanischen Union (die Gambettisten) hat eine Resolution des Inhalts angenommen, daß sie einem Cabinet, welches entschlossen sei, die Waffen energisch zu gebrauchen, welche die bestehende Gesetzgebung gegen die Prätendenten diete, ihr Vertrauen schenken werde. Die Gruppe der demokratischen Union tejchloß, vor der erfolgten Bildung des neuen Cabinets keinerlei bindende Erkürungen abzugeben.
Der große Complott-Proceß in Dublin fördert sehr überlaschende Dinge zu Tage. Die Kronzeugen machen ihre Aussagen mit einer gewißen Herzhaftigkeit, was Angesichts des Umstandes, daß die irische Landliga jedem „Verräther" an ihrer Sache mit Dolch und Pistole lohnt, sehr anerken- mswerth erscheint.
In den Beziehungen zwischen der Türkei und Italien haben die verschiedenen „Zwischenfälle" mit den italienischen Consulaten eine bemer- imswerthe Trübung hervorgerufen. Wie erinnerlich, hatten sowohl der italienische Consul in Tripolis, als auch derjenige in Salonichi ein Rencontre mit Akischen Schildwachen. Aus Tripolis wird nun gemeldet, daß von de:« dorren Confulate Italiens das Wappen heruntergeriffen und befchiinpst worden iti, auch seien die Kawassen des Consulats hierbei verwundet worden. Da jetzt fcr italienische Botschafter in Konstantinopel, Graf Corti, auf Urlaub gegangen i|i, so liegt es sehr nahe, diesen Urlaub mit den erwähnten Vorfällen in Zu- 'Mmenhang zu bringen, zumal aus der türkischen Hauptstadt genicldet wird, doß Gras Corti erst nach Beilegung des zweiten, den italienischen Consul in Tripolis betr. Zwischenfalles nach Konstantinopel zurückkehren werde.
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Deutschland.
Darmstadt, 20. Februar. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben Elergnädigst geruht:
Am 17. Februar den Oberrechnungs-Revisor bei der zweiten Abtheilung der Justificatur Großh. Oberrechnungs-Kammer Franz Paul in den Ruhestand zu versetzen.
Ernannt wurde: Am 17. Februar der Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze zu Gießen August Bauer zum Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze zu Alsfeld.
Darmstadt, 19. Februar. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Beilage Nr. 2) enthält:
1. Bekanntmachung Großh. Ministeriums der Finanzen, die Organisation der Oberförstereien Heppenheim und Hirschhorn betreffend.
2. Bekanntmachung Großh. Ober-Rechnungskammer, die Vergütung für die im Etatsjahr 1883/84 in Geld zu berichtigenden Pensions-Nattiratten betr.
3. Verzeichniß der Vorlesungen, welche aus der Großherzoglich Hessischen Ludewigs-Univerjität zn Gießen im Sommer-Halbjahre <883 gehalten werden und am 23. April ihren Anfang nehmen. (Die Jmmatriculation beginnt am 16. 2lpril).
4. Concurrenzeröffnungen:
Erledigt sind: Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Geineindeichule zn Hergershausen mit einem Gehalt von 900 Die mit einem"evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Bindsachsen mit einem Gehalt von 900 ; mit der Stelle ist Organistendienst ver
bunden ; dem Herrn Fürsten zu Isenburg und Büdingen in Birstein steht das Präsentationsrecht zu derselben zu. Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule yu Wieseck mit einem nach dem Dienstalter des betr. Lehrers sich bemessenden Gehalt von 1000—1400 JL. Die evang. Psarrstelle zu Lehrbuch, im Dekanat Alsfeld; dotationsmäßiger Gehalt 1036 \
das Präsentationsrecht zu dieser Stelle steht dem Frhrn. v. Günderrode zu Frankfurt zu. Eine (die erste) Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Falken- Gesäß mit einem Gehalt von 900 JL; dem Herrn Grafen zu Erbach-Fürstenau steht das PräfentationSrecht zu dieser Stelle zu.
Berlin, 19. Februar. Die Bestrebungen des Vereins der deutschen Papierfabrikanten, auch im Papierhandel das Decirnalsystern einzuführen, sind endlich von Erfolg gekrönt worden. Auf eine, an den Herrn Reichskanzler gerichte Petition ist von demselben folgender Bescheid ergangen:
„Der Reichskanzler.
(Reichsamt des Innern). 31. Januar 1883.
Die von dem Vorstand des Vereiüü deutscher Papierfabrikanten an den Vundesrath gerichteten Eingaben vom 30. Noveinber 1880 und 3. und 5. October v. Js., betr. die Einführung einer dem Decimalspstem entsprechenden Einheit bei dem Papierhandel sind dem Bundesrath vorgelegt worden. Derselbe hat darauf in seiner Sitzung vom 17. ds. beschlossen:
die gedachten Eingaben nebst dem Protokolle der Generalversammlung des Vereins vom 10. Juni 1882 dem Reichskanzler mit dem Ersuchen zu überweisen, zu erwägen, ob nicht die Reichsbehörden mit Anweisung dahin zu versehen seien, daß in Zukunft bei Bestellung von Papier für ihren Bedarf das Ries zu 1000 Bogen als Einheit zu Grunde zu legen sei und für den Fall des Erlasses einer solchen Anweisung den Bundesregierungen eine gleiche Anweisung an die Landesbehörden an- heinizugeben.
Ich habe in Folge dessen die Reichsbehörden veranlaßt, bei Bestellungen von Papier für ihren Bedarf künftig das Ries zu 1000 Bogen als Einheit zu Grunde zu legen und habe ferner den hohen Bundesregierungen den Eilatz einer gleichartigen Anweisung an die Landesbehörden anheimgegeben/
Italien.
Rom, 19. Februar. Der „Moniteur de Rome" veröffentlicht in seiner Abend- Ausgabe die beiden Briese, welche der Papst im December und Januar an den Kaiser Wilhelm gerichtO hat In dem ersten Brief, welcher vom 3. December v- I. datirt ist, spricht der Papst seine Freude über die Veisicherungen aus welche der Kaiser bei Eröffnung des preußischen Landtags in Betreff der Erhaltung des europäischeu Friedens gemacht hatte. Der Papst erinnert daran, daß er schon von Begrün se.netz Pontisikates an, Dank den edlen Gesinnungen des Kaisers, sich der Hoffnung hingegeben habe, auch den reliawsen Frieden wieder hergestellt zu sehen- Diese Hoffnung sei durch die Wiederherstellung der preußischen Gesandtschast bestätigt worden. Wie für die Kirche, so sei auch für den Staat der religiöse Friede nur omthetlbast, denn b e Kirche schärfe den Geist deö Gehorsams für die Anordnungen der Obrigkeit den Menschen ein- Die Pflichten seine« apostolllchen Amtes nöthigten den Papst jedoch, zu verlangen, daß die neue Gesetzgebung in Preußen in definit'ver Weise gemildert und v.rlnssert werde, mindesien« in denjcrrigcrr Punkten die für da« Leben der katholischen Kirche wesentlich erschienen. Es werde dies das einzige Mittel sein, zu einem wahren und dauerhaften


