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Öffnung der Sonntag;
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1888
Samstag den 21. Juli
Nr. 166
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
PreiS vierteljährlich 2 Mark 2V Pf. mit Bringerlsh«.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Marl 50 Pf.
Erscheint tLgttch mit Ausnahme des MSAta-S.
Vttreaur Schulstraße 7.
Politische Ueberstcht. '
Gießen, 20. Juli. .
In welch' lebhafter Weise sich der Kronprinz des deutschen , Reiches und von Preußen sür sociale Probleme interessirt, hat der erlauchte Lerr auf's Neue durch den Besuch bewiesen, den er am Montag und Dienstag der Kolonie Wilhelmsdorf bei Bielefeld abgestattet hat. In dieser Kolonie unternimmt bekanntlich der Pastor v. Bodelschwingh im Vereine mit hochherzigen Freunden die Ausnahme und Besserung arbeitsscheuer Vagabunden mit großem Erfolge und geht nach Einblick in diese durch Privatmildthätigkeit entstandene und auf Landwirthschaft und Gartenbau basirende Kolonie das Bestreben des Kronprinzen dahin, die Errichtung derartiger Kolonien in allen übrigen Theilen Preußens und Deutschlands zu fordern und so aus eine praktische Art die Vagabundenfrage zu lösen. o .
Das öffentliche Interesse in Deutschland wendet sich zur Zett mehr dem verheerenden Unwetter zu, welches zumal letzten Freitag wieder verschiedene Districte, namentlich die Umgebung von Glogau, Sprottau und Over- niak in Preußen und Zittau in Sachsen heimgesucht hat, als den politischen, jetzt ruhenden Fragen. Dabei wird es allgemein als ern schwerer Mangel empfunden, daß die Wetterkunde noch nicht im Stande ist, bedrohte Ortschaften rechtzeitig auf die Unwetter aufmerksam zu machen. Nach dem Gutachten der Hamburger Seewarte läge dies an dem Mangel genügender meteorologischer Stationen in Deutschland, zumal in Preußen und ist bei dem ungeheueren Interesse, welches zumal die Landwirthschaft an einer ausgebildeten Wettertunde hat, deren baldige vollständige und genügende Organisation im ganzen deutschen
Die De^itschenhetze in Oesterreich führt zu tolleren und unverschämteren Demonstrationen denn je und ruht nicht einmal aus Respect vor der Person des österreichischen Monarchen. Als der Kaiser Franz ^osef jungst seine Reise in Kram unternahm, passirte in Laibach Folgendes: In. der sog. Champagnerhütte brachten deutsche Turner und Schützen ein „Hoch Oesterreich: aus, was den anwesenden slavischen Verein „Sokol" zu Gelachter und Pfeifen veranlaßte. Den Deutschen, die dagegen Einsprache erheben wollten, wurde, bedeutet, sie befänden sich hier auf „slavischem Boden" und hätten deshalb „das | Maul zu halten"! — Es entstand ein heftiger Wortwechsel, wahrend dessen ein slavischer Turner auf einen Tisch sprang und mtt Stentorstimme schne: „Hinaus mit den Fremden!" Nun entspann sich eine regelrechte Prügelei, ja, die vor dem Local angefammelte slavische Volksmenge machte Miene, dasselbe zu stürmen und wurde davon nur durch die gütlichen Vorstellungen der Polizei und die vernünftige Ansprache eines slovenischen Veteranen abgehalten. — Das m Oesterreich neugeschaffene Eisenbahn- und Telegraphen-Regiment wird ähnlich wie die Pioniertruppe bewaffnet sein, und auch die Uniformirung wird mit wenigen Abänderungen der des Pionier-Regiments gleichen.
In der französischen Deputirtenkammer hat der Minister des Auswärtigen, Challemel-Lacour, Mittheilungen über den Stand der Dinge auf Madagaskar ertheilt, welche zwar keinerlei neues Licht auf bie anb
angeklaqten Vorgänge in Tamatave werfen, aber erkennen lassen, daß die leitenden Persönlichkeiten der französischen Republik weit davon entfernt suw, eine den berechtigten Empfindlichkeiten Englands zuwiderlausende Politik zu dulden. Challemel-Lacour memte, Thatsachen, die theils nicht hinlänglich bekannt, theils falsch ausgelegt seien, könnten die Beziehungen Frankreichs zu England m keiner Weise stören. — Vom französischen Nationalfeste sind noch die beglückwünschenden Schreiben des Präsidenten Grävy und des Kriegsministers Thibaudm an den Gouverneur über das vorzügliche Gelingen der Truppenparade hervorzuheben, worin den französischen Truppen die schmeichelhafteste Anerkennung über ihre Ausbildung und Disciplin zu Theil wird. Gleichzeitig erinnert das Fach- blatt „Armee franyaise" daran, daß der Tag des Nationalfestes im Jahre 1870 auch der Tag war, wo der Kaiser die Mobilisirung des Heeres anoro- nete, welches im Kriege gegen Deutschland zerschmettert wurde und daß heute das Pflichtgefühl und die Fortschritte der französischen Armee eine solche Dernu- thigung unmöglich machten.
Die englische Regierung ist durch das Suezkanal-Arrangement, welches sie wegen Zollerleichterungen mit dem Director Lesseps der Suezkanal- Gesellschaft abschloß, in eine Menge Verlegenheiten gerathen, denn abgesehen von der Unzufriedenheit, welche die englischen Kreise noch immer über dieses Arrangement zeigen, protestirt auch die Türkei aus Grund ihrer Oberherrlichkeit über Egypten gegen jede Aenderung in den Suezkanal-Angelegenheiten. Trotzdem glaubt man, daß das Ministerium Gladstone den Engländern begreiflich machen werde, daß das Arrangement das Beste wäre, was England hinsichtlich eines erleichterten Verkehrs erreichen könne, und aus papiernen Protesten der Türkei macht sich bekanntlich England nicht viel. — Hinsichtlich der Choleragefahr hat zwar England die Durchsuchung choleraverdächtiger Schiffe in seinen Häsen an- aeordnet, aber sich noch immer zu keinen Quarantäne-Maßregeln entschließen können, denn der Handelsprosit geht in England über Alles. Erst wenn das Gutachten des nach Alexandrien entsandten Generalarztes Hunter eine von der Cholera drohende europäische Gefahr constatirt, will England zu den strengsten MaßregelntgreiseNtwo^ der preußische Gesandte beim päpstlichen Stuhle Herr v. Schlözer, Rom verlassen, nachdem er vorher noch eine Audienz beim Papste gehabt hatte. Es heißt, daß Herr v. Schlözer seinen gewöhnlichen Sommerurlaub angetreten habe, manche Stimmen wollen aber auch wissen, daß
er Rom auf unbestimmte Zeit verlassen habe und seine Rückkunft von dem weiteren Verlause der Kirchenfrage abhänge.
Die russische Regierung hält es für dringend notwendig, daß in dem Besteuerungswesen, in welchem in den letzten 20 Jahren sich uianche große Ungerechtigkeiten ausgebildet hätten, schon vor Beginn einer allgemeinen Reform einige Aenderungen vorgenommen würden. Es fei dies ein Gebot der Gerechtigkeit. Besitzer von Industrie- und Handels-Etablissements sollten einer etwas höheren Steuer unterworfen und dadurch der Ausfall an der theilweise ausgehobenen Kopfsteuer gedeckt werden. Bezeichnender Weise würde die betreffende Reform aber nicht ohne Weiteres durch einen kaiserlichen Ukas bewirkt, sondern der Entwurf soll erst im Herbste dem Reichsrathe vorgelegt werden.
In dem spanischen Cortes haben die Republikaner und Demokraten unter der Führung Castelar's und Marto's einen stürmischen Anlauf gegen das Ministerium Sagasta unternommen, jeden Regierungsakt desselben getadelt und Reformen sür Einführung größerer politischer Freiheiten verlang. Es ist in- dessen dem Minister-Präsidenten in einer ruhigen und treffenden Rede gelungen, die Anklagen der demokratischen Opposition zu entkräften, zumal, was den Begriff, „politische Freiheit" anbetrifft, indem Sagasta ausfuhrte, daß erschon deshalb nicht der schmachvolle Reactionär fern könne, weil die Oppositionspartei mehrmals geneigt gewesen sei, mit ihm gemeinsame Sache zu machen, woraus alle Anträge der Opposition abgewiesen wurden. .
Die Thatsache, daß die Chole.ra sich immer mehr in Unter- Eqypten ausbreitet und auch in Kairo und Alexandrien viele Fälle vorgekommen sind, kann nicht mehr geläugnet werden. Es muß aber auch hervorgehoben werden, daß diese Epidemie trotz der schlechten gesundheitlichen Zustande m Eaypttn bisher verhältnißmäßig wenig Opfer gefordert hat und daß in Damiette und Mansurah die Todesfälle an der Cholera sich bereits bedeutend vernundert haben. Die internationale Sanitäts-Commission hat noch 7 Aerzte nach den Cholera-Herden gesandt, um Hülfe zu bringen und die Epidemie zu localisiren.
Berlin. Das neueste „Militär-Wochenblatt" enthält in seinem nichtamtlichen
Theile folgende Berichtigung:
In dem neuerdings durch den Marschall Bazaine veröffentlichten Buche: „Episodes de la guerre de 1870 et le blocus de Metz. Madrid. Gaspar findet sich eine^von^der Unter'suchungscommission nach dem Kriege abgegebene Erklärung des Marschalls Mac Mahon in Bttreff der Ereignisse vor L-edan. In d.m Bestreben, seme Maßnahmen zu rechtfertigen hat, wie jetzt «st bekannt geworden, Marschall Mac Mabon ausgesagt (pag. 148 des genannten Buches). . ,
Je le rSpMe, 8i ä six heures du matin en avait attaqud dans la direction de Carignan il y avait des chances pour culbuter 1’ennemi. Jo vous dirai que des offiXt ’saxons ont pridentu , qu’ils avaient pendant long emps dan^e tri» vives inquiitudes. Le prince de Saxe, qur est venu me voir le lendemam k Sedan m’a dit qu'il avait donnS Vordre de battre en retraite et que o 6tait un de ses gdndraux qui lui avait dit: Tenons encor un moment. )
Die Dorfiebenb angeführte Stelle enthält mehrere Jrrthümer und entspricht so nickt aam dem Thalsächlichen. Im 8. Heft der Geschichte des deutsch-franzostichen @rieae5 1870,71 iS 11kl bis 1143) Ist es betaiairt dargkstellt, wodurch di- Maas- Armee o-r«nl°U wurde, in der Nacht vom 31. August zum 1. September, früh l-/7ubr h°- drei Armeekorps zu ollarrniren und deren VorwSrtsbeweeung gegen das Thal der ©Wonne spätestens früh S Uhr zu besehden. (V-rgb D sP°s i°n sar n 1 ^entember 1870 Morgens l3/4 Uhr. Anlage Nr. 46 des bez. HetteS v.) Hane diel- Allarmiruna und frühe Vorwärtsbewegung nicht stattgesunden, wäre vt.lmehr der vorn Marschall "Mac Mahon galante Vorstoh in dir Richtung «“t 8«
raschend auf das kantonntrende Garde, und 12. Corps gestoßen,« soware A»nchm, So wie^dfe^VerhältMsse^ aber^thwsächl!ch^lag"n,°"st ^^bauf7?es ganpm L September vorgegangene 24 Division gegen 8 Uhr einen harten G > dem Kampf- wetl die linke Flügelkolonne des Gardecorps erst ^^ A^rmee dock kein Grund zur platz erschien, so lag für das Ober-Commando der ftr ten Gardecorps
B-sorgniß vor, w-ll man sich sagen “""'e'2“l,nit^X n^n ^n b^m oXeWit^ vor Daigny sich die Sache anders geüa"cn mußt. "nn (n. Sachsen, Höchstunter „Le prince de Saxe“ Seme Königliche t p »emerfen ba§ Höchft-
kommandirender der Maas-Armee, gemeint sem so , f erst am 5- September derselbe Nicht „le lendemain“ - besucht hat.
in Sedan gewesen ist und erst an diesem Tage den lQber ermächtigt, auf das
Bei dieser Unterredung bin ich nicht zugegen gerves.ch Kronprinz von Sachsen Bestimmteste zu erklären, daß Se.ne Königliche Hoheit der f^nprinz^o^^^u-, niemals die ihm vom Marschall Mac Mahon tm gallte des 1. September in
züglich eines Brfehls zum Rückzüge S^han h , zu denken. Marschall
keinem Augenblick Veranlassung vorgelegen, " z^g ber durch d;e
Mac Mahon hat zweifellos nicht abfichtlich in f l ck | & Mißverständniß aber
schwere Verwundung hervorgerufene >zustano o
wohl erklärlich erscheinen.
Kassel, den 30. Juni 1883. ö£)1t Schloth eim
General der Kavallerie
und kommandirender General des 11. Armee-Corps, im Feldzug 1870/71 Chef des Stabs der Maas-Armee.
■ ÄT . Hpherfcbuna: Ich wiederhole, wenn man um 6 Uhr Morgens
), In deutscher Ueverfetzung ^ Möglichkeit gewesen wäre, den
in der Richtung von Carignan angegr ff n Y ne. m ö » bQ§ sächsische
i länger."


